Musik aus vorrevolutionären Zeiten




















































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Die Virtuosi Saxoniae unter Ludwig Güttler präsentieren Barockwerke im Kloster Eberbach

 

Die Orchestermusik entwickelte sich in Jahrhunderten im kirchlichen Bereich und - vor allem - an Fürstenhöfen. Während in den Kirchen natürlich das sakrale, weihevolle Element überwog, galt an den Höfen das Primat der Unterhaltung. Man muss sich im Zeitalter der medialen Dauerberieselung - oder besser des Dauerbeschusses - klarmachen, dass es damals außer Theater und "live" gespielter Musik kein kulturelles Unterhaltungsprogramm gab, sieht man einmal von Gelagen ab. Und so, wie man heute zum gepflegten Diner leise Hintergrundmusik - was auch immer - aus den Lautsprechern genießt, untermalten damals mehr oder minder kopfstarke Orchester die fürstlichen Festlichkeiten.

Ludwig GüttlerLudwig Güttler

Der Dresdner Solo-Trompeter Ludwig Güttler hat es sich bereits in den achtziger Jahren zum Ziel gesetzt, die Musik des Barocks wiederzubeleben und dabei neben den berühmten Werken eines J. S. Bach auch weniger bekannte Werke vom Staub der Geschichte zu befreien. Zu diesem Zweck hat er die Virtuosi Saxoniae gegründet, eine Gruppe von Musikern großer Orchester, die sich zu dieser Traditionspflege zusammengefunden haben. Im Kloster Eberbach präsentierten Güttler und die Virtuosi Saxoniae am 1. Juli barocke Werke des 18. Jahrhunderts, als die Französiche Revolution noch nicht die Verhältnisse auf den Kopf (oder auf die Füße?) gestellt hatte und die Komponisten noch Auftragswerke für ihre jeweiligen fürstlichen Herren verfassten. Güttler geht es jedoch bei dieser musikalischen Auswahl sicher nicht darum, vorrevolutionären Zeiten nachzutrauern, sondern ihm liegt daran, die Musik dieser Zeit historisch authentisch - soweit das überhaupt geht - wiederzugeben.

Am Anfang des Programms stand Johann David Heinichens (1683-1729) Sinfonia "di Moritzburg" in F-Dur. Zwei Hörner, zwei Querflöten, drei Oboen, Streicher und Basso continuo bilden das Ensemble und zeigen damit bereits die Bedeutung der Bläser  in höfischen Orchestern dieser Zeit. Schließlich standen die Bläser - vornehmlich die Trompeten und Posaunen - schon immer für Festlichkeit und Macht. Die Sinfonia besteht aus acht kurzen Stücken - darunter Sarabande, Réjouissance und La Chasse -, die mehr oder minder das Leben bei Hofe illustrieren. Tanz, Unterhaltung, die Jagd und verschiedenste Arten der Liebenswürdigkeiten - Aimable! - stehen dabei im Mittelpunkt der musikalischen Betrachtungen. Das Ensemble um Ludwig Güttler, der vom Horn dirigierte, präsentierte dieses Stück mit viel Frische und Temperament. Anschließend erklang Antonio Vivaldis (1678-1741) Concerto für zwei Oboen, zwei Violinen, Violoncello, Fagott, Streciher und Basso continuo inD-Dur, RV 564a. Das dreisätzige Werk zeichnet sich vor allem durch seine geschlossene Struktur und die schwungvollen Themen aus. Die Oboen spielen eine zentrale Rolle und verleihen dem Stück eine warme Klangfärbung. Auch hier achtete Güttler auf die Ausarbeitung der Details und entzog das Werk durch die konzentrierte Interpretation der Beliebigkeit, die so oft die Unterhaltungsmusik ausmacht.

Die Virtuosi SaxoniaeDie Virtuosi Saxoniae

Noch vor der Pause folgte Johann Sebastian Bachs (1685-1750) Concerto für zwei Trompeten, Pauken, zwei Oboen, zwei Fagotte, zwei Soloviolinen und Basso continuo, das er dem BWV 249a entnahm, einem Werk, das man auch als Osteroratorium kennt. Bach und seine Zeitgenossen hatten ja bekanntlich grundsätzlich keine Skrupel - oder sagen wir besser "Bedenken" - eigene Stücke für spätere Zwecke in verschiedensten Varianten wiederzuverwerten. Dank der Trompeten und Pauken schlägt hier das festliche Moment besonders zu Buche, und die typisch Bachschen 6/8 verleihen dem Ganzen einen majestätisch schreitenden Charakter. Mit dem strahlenden Presto des letzten Satzes entließ Ludwig Güttler das Publikum in die Pause, nachdem dieses bereits zur Hälfte des Programms kräftigen Beifall gespendet hatte.

Nach der Pause wechselte das Programm vom Barock zur Frühklassik. Zuerst erklang das bekannte Divertimento Nr. 3 für Streicher F-Dur, KV 138, von Wolfgang Amadeus Mozart. gerade an diesem Stück erkennt man gut den enormen Fortschritt, den die Musik damals in nur wenigen Jahrzehnten machte. Statt gleichmäig schreitender 6/8 oder 3/4 herrscht hier eine wesentlich freiere Metrik. das Thema und seine musikalische, sprich emotionelle Verarbeitung steht über der Einhaltung einer starren metrischen Struktur, die sich im Barock noch oft bis in das einzelne Thema erstreckte. Auch die Tempi wechselt der junge Mozart - er war damals gerade sechzehn Jahre alt - viel unbeschwerter als jeder barocke Auftragskomponist es getan hätte. Gerade am Beispiel dieses mozartschen Jugendwerkes veranschaulichten die Virtuosi Saxoniae den Aufbruch der Musik aus den engen Grenzen des fürstlichen Barocks in die Zeit der Aufklärung und des nur sich selbst gegenüber verantwortlichen Künstlers. Güttler verzichtete bei dieser Interpretation auch auf jeden übertriebene Deutungsimpuls und nahm es als das was es ist: ein frisches, schwungvolles Jugendwerk.

Den Schluss bildete dann Joseph Haydns Sinfonie Nr. 31 "mit dem Hornsignal", was sich schon aus der instrumentalen Vorliebe des Orchesterleiters fast zwangsläufig ergab. Die etwa 1765 entstandene Sinfonie ist dabei sogar noch älter als Mozarts Divertimento und gehört noch eindeutig in den Rahmen der Auftragsmusik am Hofe von Fürst Esterhâzy. Obwohl mit dem Gattungsbegriff "Sinfonie" versehen, ist dieses Werk fast schon ein Solistenkonzert für Horn, zumindest aber eine "sinfonie mit Solo-Horn", so stark tritt dieses Instrument in den Vordergrund, vor allem in den ersten Sätzen. Im Finalsatz, der aus sieben Variationen eines eingängigen Themas besteht, kommen dann nacheinander alle Instrumente zu ihrem Recht: nach dem obligaten Horn die Solo-Violinen, die Flöte, die Oboen, das Cello und sogar der Kontrabass. Alle Instrumentalisten können dabei ihr ganzes Können ausspielen, was sie an diesem Abend auch taten. Zum Schluss fanden dann alle noch zu einem abschließenden"Presto" zusammen.

Das Publikum war von dieser detailgenauen und liebevollen "Restaurierung" der vorklassischen Musik derart begeistert, dass es mit seinem Beifall noch zwei Zugaben des Orchesters "erzwang". Doch die Musiker folgten diesem Zwang gerne, zumal an diesem Abend kein Endspiel mehr anstand....

Frank Raudszus