Ein musikalischer Dauerbrenner



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Das über 50 Jahre alte Beaux Arts Trio spielt beim Rheingau Musik Festival Mendelssohn und Beethoven

 

Das Rheingau Musik Festival hält für das Ende des Festival-Programms noch ein paar Leckerbessen für Kenner bereit, um der unausweichlichen kulturellen Ermüdung besonders der "Intensivbesucher" zu begegnen. Nachdem bereits am 14. August Alfred Brendel sein Abschiedskonzert gegeben hatte, trat am 26. August, nur wenige Tage vor dem Festivalende, das weltberühmte "Beaux Arts Trio" im Fürst-von-Metternich-Saal im Schloss Johannisberg auf. Dieses Trio zeichnet sich durch die Besonderheit aus, dass Gründer und Pianist Menahem Pressler noch heute das Trio vom Flügel aus leitet. Zwar stehen ihm als Violonist und Cellist mit  Daniel Hope und Antonio Meneses bereits Musiker der übernächsten Generation zur Seite, er selbst jedoch strahlt noch soviel Wachheit und Dynamik aus, dass man ihm sein für einen aktiven Musiker doch schon hohes Alter kaum glaubt. Dabei belässt er es nicht beim Klavierspiel selbst, sondern gibt über entsprechende Mimik auch noch interpretatorische Hinweise oder Koordinationszeichen, die stets mit einer gehörigen Portion Humor daherkommen. Man sieht Menahem Pressler an, dass ihm die Musik geradezu körperlich Freude bereitet, und diese heitere Seite des Abends war sicherlich ebenso beeindruckend wie das Spiel selbst.

Das Beaux Arts Trio mit (v.l.n.r.) Antonio Meneses, Menahem Pressler und Daniel HopeDas Beaux Arts Trio mit (v.l.n.r.) Antonio Meneses, Menahem Pressler und Daniel Hope

Auf dem Programm standen zwei Trios von Mendlessohn-Bartholdy - op. 49 in d-moll - und Beethoven - op. 97 in B-Dur, das "Erzherzog-Trio". Das Mendelssohn-Trio kaum leicht und mit gesanglichem Charakter daher; nicht umsonst ist Mendelssohn der Komponist der "Lieder ohne Worte". Vor allem das Klavier, oftmals mehr ein Begleitinstrument, findet hier reichlich Gelegenheit für eine liedhafte Interpretation, und Menahem Pressler spielt diese "Lieder ohne Worte" am Flügel geradezu mit Genuss aus. Seine beiden Mitmusiker zeichneten sich beim Mendelssohn-Trio durch besondere Zartheit, fast Flüchtigkeit der Intonation aus, wenn sie den Liedvortrag des Pianisten kommentierten. Doch wenn dann die führende Rolle ihnen zukommt, können sie ebenso dynamisch und expressiv intonieren wie der Flügel, der dann eine eher melancholisch kommentierende Rolle übernimmt. Nur der erste Eindruck lässt Mendelssohns Trio als "leichte Kost" erscheinen, der zweite zeigt dann die Raffinesse und Vielfalt der Themen und ihrer Ausarbeitung. Dabei weist jeder Satz sein ureigenstes Leitmotiv auf, das sich immer wieder, nach thematischen und harmonischen Abschweifungen, in den Vordergrund spielt. Dabei entwickelt sich ein hohes musikalisches Tempo, das jedoch mehr in der Abfolge der Motive als nur im reinen Taktmaß liegt. Je mehr man in diese Partitur hineinlauscht, desto mehr erstaunt das Gleichmaß und die Ausdrucksbreite dieses Werks, das der Komponist im Alter von dreißig Jahren schuf. Obwohl temperamentvoll und voller Lebensfreude, vermittelt das Werk doch gleichzeitig einen ausgeprochen reifen Eindruck. Die drei Musiker verstanden sich sozusagen "im Schlaf" und zeigten ein Höchstmaß an Feinabstimmung der Intonation und der Dynamik. Die untergründige Spannung dieses Trios ließ keinen Moment nach und hielt die Aufmerksamkeit des Publikums auf hohem Niveau, was an den seltenen - aber leider doch vorhandenen - Hustern deutlich zu erkennen war.

Nach der Pause folgte dann das im gleichen Zeitraum entstandene "Erzherzog"-Trio von Ludwig van Beethoven. Der Vergleich  der beiden Werke ist vor allem wegen der Zeitgleichheit höchst interessant und lässt deutlich die Unterschiede der Komponisten in Erscheinung treten. Beethovens Trio zeichnet sich von Anfang an durch die dominanteren Themen und die größeren Kontraste sowohl hinsichtlich der Dynamik als auch der Motive aus. Die Leichtigkeit von Mendelssohn findet man hier nicht, aber deshalb ist Beethovens Trio durchaus nicht schwer oder gar düster. Wie alle Beethovensche Musik wirkt auch dieses Trio introvertierter und kompromissloser, dem Leben nicht so zugewandt wie das Mendelssohnsche Pendant. Und dennoch findet man auch in diesem Werk Themen von schlichter Schönheit, die gerade durch ihre Schnörkellosigkeit überzeugen. Während das Scherzo eine gewisse  Unbeschwertheit an den Tag legt, kehrt sich das Andante ganz nach innen, dabei voller unaufgelöster Spannungen, die sich erst im durch eine Verzögerung angekündigten und dann plötzlich einsetzenden Übergang ins Finale entladen. Dies schwingt sich noch einmal zu voller Ausdruckskraft empor, wobei ein vorgegebenes Thema auf verschiedene Weise variiert wird, fast in Schubertscher Länge. Überhaupt erinnert dieses Trio in vielem an dessen Klavier-Trios. Die drei Musiker präsentierten auch diese Komposition mit einem Höchstmaß an Gestaltungskraft. Kein Thema lief nur durch, jedes Motiv wurde sorgfältig vorgestellt, durch die Instrumente gereicht und variiert, wobei die drei Instrumentalisten hervorragend aufeinander hörten und reagierten. Obwohl auch hier das Klavier einen Schwerpunkt bildete, nahm es deshalb den anderen Instrumenten nicht den Raum zur Entfaltung. In einem Klaviertrio besteht halt stets das Problem der größeren akustischen Durchsetzungskraft des Flügels gegenüber der feintönigen Violine und dem eher sonoren Cello. Auch ein zurückhaltender Pianist kann diese Eigenart nicht hinwegspielen, und ein so temperamentvoller Spieler wie Menahem Pressler, der eine Einheit mit seinem Instrument bildet, kann und will dies schon gar nicht. Auch hier, wie schon bei Mendelssohn, hielten die drei Musiker während der gesamten Spieldauer das Publikum durch ihre hoch konzentrierte, spannungsreiche Interpretation in Atem. Diese Spannung des Publikums löste sich erst nach dem fulminanten Schlussakkord, den alle drei Musiker gestisch sichtbar unterstützten.

Menahem Pressler hatte sich für den nicht enden wollenden Applaus mit drei (!) Zugaben gewappnet. Nach nur kurzer Anstandsfrist reichte er den dritten Satz von Beethovens erstem Klaviertrio - Opus 1! - nach, das vor allem durch die frische Rhythmik und Motive beeindruckte. Nach einer weiteren Applausrunde stellte er in fließendem, akzentfreien Deutsch einen Triosatz von Schostakowitsch vor, bei dem er vor allem auf den Schrecken der Entstehungszeit in den 30er Jahren hinwies. Den Zugabenschluss machte dann ein Satz aus einem Klaviertrio Antonin Dvoraks, das schon seit Gründung des Beaux Arts Trios zum Repertoire gehört. Zusammen mit dem Hauptprogramm gaben die - wohl durchdachten - Zugaben einen hervorragenden Überblick über die Entwicklung dieser Musikgattung im Laufe der letzten zweihundert Jahre.

Frank Raudszus