| |
Die
Macht der Sparsamkeit |
![]() Andere Stücke dieses Ensembles: Ihre Meinung über E-Mail hier |
Alfred
Brendel auf Abschiedstournee beim
Rheingau Musik Festival |
|
Im jährlichen Zyklus der
Festivals und des Konzertbetriebes kommt es immer wieder zu
musikalischen Sternstunden. Oftmals überraschen sie den
Zuhörer, bisweilen kündigen sie sich jedoch bereits
längerfristig an. Letzteres ist der Fall bei Alfred Brendels
Auftritt beim diesjährigen Rheingau Musik Festival
im Kurhaus Wiesbaden. Der mittlerweile 77jährige Brendel hat
für dieses Jahr seinen Abschied von der Konzertbühne
verkündet und besucht in einer Abschiedstournee die Stätten
großer musikalischer Traditionen und eigener Erfolge. Dass sein
letztes Konzert im Dezember in Wien statfinden wird, überrascht
angesichts der bedeutendsten Musiker dieser Stadt - Haydn, Mozart,
Beethoven, Schubert (wenn auch nicht unbedingt dort gebürtig)
- nicht besonders. Wenn ein so bedeutender Künstler auf
seiner letzten Konzertreise auch das Rheingau Musik Festival besucht,
so dürfen sich die Veranstalter das als großes Kompliment
anrechnen. Festival-Leiter Michael Herrmann
würdigte diese Geste denn auch in seinen
Begrüßungsworten mit einer in anderem Umfeld eher heiklen
Bemerkung: er zitierte ein Interview mit Alfred Brendel, in dem dieser
drei Fragen beantwortete, die wir aus gegebenem Anlass hier
vollständig wiedergeben wollen. Auf die Frage nach dem
größten "GAU" für einen Pianisten antwortete er lapidar
"ein hustendes Publikum"; der beliebteste Spielort sei für ihn
London, da dort das Publikum grundsätzlich nie huste, und er
selbst huste nie, auch wenn ihm dabei das Herz bräche. Mit dieser
liebenswürdig verpackten Ermahnung eröffnete Herrmann einen
denkwürdigen musikalischen Abend, der dann bis auf wenige
ärgerliche Ausnahmen tatsächlich weit gehend hustenfrei
verlief. Es geht also doch!
Welches Programm stellt ein
gefeierter Pianist reiferen Alters für sein Abschiedskonzert
zusammen? Ein spannungsvolles, vielleicht sogar ein wenig provokantes?
Vielleicht eine Sammlung von selten gespielten oder zu Unrecht
vergessenen Komponisten? Sozusagen als letzte erzieherische
Maßnahme für das Publikum? Brendel tat nichts von alledem.
Er blieb ganz schlicht bei den Großen der Klassik, die das
Klavier eigentlich als bedeutendes Soloinstrument erst hoffähig
gemacht und eine bisher nicht übertroffene Literatur für
dieses Instrument geschaffen haben: Haydn, Mozart, Beethoven und
Schubert. Manch einer würde wohl auch Bach nennen, doch dieser
zählt als barocker Vorläufer nicht zu den Wegbereitern der
Individualmusik. Die genannten vier jedoch haben die Klaviermusik unter
der Flagge der Klassik zu ungeahnten Höhen des individuellen
Ausdrucks geführt, den auch spätere Komponisten nicht mehr
übertreffen konnten. Und Brendel tat noch ein Zweites, indem er
keine subtile Reihenfolge nach schwer zu durchschauenden Kriterien
wählte, sondern die Chronologie - zumindest der
Geburtsjahrgänge - walten ließ. Wenn auch Joseph Haydns
Variationen erst nach Mozarts Sonate entstand, so gilt doch Haydn zu
Recht als Vorläufer Mozarts. Das Konzert begann mit Joseph
Haydns Variationen f-Moll Hob. XVII:6, in denen der Komponist nicht
ein, sondern zwei alternierende Themen variiert. In diesem Stück
spiegelt sich Haydns Klaviermusik unverfälscht: der
gemäßigte musikalische Duktus der Frühklassik, noch
nicht so ausschweifend wie Mozart und nicht so expressiv wie Beethoven;
die eingängigen Themen, die Anmut der Verzierungen; auf der
anderen Seite die Befreiung vom engen Korsett der barocken
Verehrungsmusik. Dieses bewusst auf den großen Gestus
verzichtende Stück eigenet sich hervorragend als Einstieg in ein
Konzertprogramm wie dieses, das noch bedeutende Steigerungen erwarten
lässt und bei dem nicht schon die Einleitung zu starke Effekte
setzen sollte. Brendel trug diese Variationen mit leichter Hand vor,
vermied jegliche Über-Akzentuierung und verlieh diesen Variationen
genau den ihnen zukommenden Charakter und Stellenwert: ein
pianistisches Kleinod im Kontext eines weitgespannten musikalischen
Werkes. Mozarts Sonate in F-Dur, KV 533/494, stellt demgegenüber einen großen Schritt vorwärts dar. Schon die Verzeichniszahl positioniert die Sonate als Spätwerk, und auch der Entstehungszeitraum (1786-88) zeigt, das sie in den letzten Lebensjahren entstanden ist. Mozarts Klaviersonaten hat man oft eine gewisse Schlichtheit nachgesagt, vor allem im Vergleich zu Beethoven und Schubert. Das mag daran gelegen haben, dass Mozart viele dieser Werke für seine Schüler(innen) schrieb, mit deren Unterrichtung er sich seinen Lebensunterhalt verdienen musstem, während sich Beethoven bereits auf ein finanziell eigenständiges Künstlerdasein verlassen konnte. Doch diese Sonate unterscheidet sich von den anderen durch ihre ausgesprochene Komplexität. Die durchgängige Mehrstimmigkeit des ersten Satzes, der streckenweise Fugencharakter annimmt, führt zu einer hohen musikalischen Dichte, wie man sie von früheren Klaviersonaten Mozarts nicht gewohnt ist. Auch bewegt sich das Tempo dieses Satzes eher in einem gemäßigten, fast kontemplativen Bereich. Statt ausbrechender Läufe und spritziger Themen herrscht hier eher eine strenge Disziplin der Stimmführung, die einem Ziel statt der spontanen Eingebung der Phantasie folgt. Die innere Struktur dieses Satzes verweist fast auf außermusikalische Bereiche, wie wir es von Bachs Fugen oder von Beethovens späten Klaviersonaten kennen. Sobald die Phantasie gezügelt ist und die Eigengesetzlichkeit der Musik in den Vordergrund rückt, entwickelt sich die so oft beschworene "absolute Musik", die weder ein vorgegebenes Programm in Töne umsetzen noch eine bestimmte Gefühlslage ausdrücken will. Diese Musik erschafft einen eigenen geistig-emotionalen Raum, den sich Interpret wie Zuhörer erst erschließen müssen. Diese Tendenz verstärkt sich im zweiten Satz, einem "Andante", dessen verhaltene, fast düster wirkende Akkorde immer wieder in Moll-Tonarten fallen. Wer will, kann in diesen beiden ersten Sätzen der Sonate eine Art Todesahnung sehen, die erst im dritten Satz, einem nur scheinbar leichten Rondo, aufgehoben wird. Brendel interpretierte die Sonate an diesem Abend allein aus der Musik heraus, trat nicht als Interpret in den Vordergrund, sondern ließ das Notenmaterial sich ganz allein aus sich selbst entwickeln. Gerade seine perfekte Technik erlaubte ihm ein vollständig unspektakuläres Spiel, als wolle er sagen: "ich habe es nicht nötig, zu brillieren". Und gerade durch diese Sparsamkeit des Ausdrucks brachte er die Sonate zum Klingen, holte den eigentlichen musikalischen Gehalt und die dahinter schlummernde Aussage heraus. Die Sonate entwickelte sich aus seinen Händen zu einem vollkommen eigenständigen Gebilde, das scheinbar keinen Interpreten benötigte. Den Abschluss des ersten Teils
bildete Beethovens Sonate Nr. 13 ES-Dur op. 27, Nr. 1, ein Stück,
das fast wie eine Fortsetzung von Mozarts Sonate wirkte. Es ist noch
nicht so expressiv, zerrissen oder jenseitig wie spätere Sonaten,
sondern zeichnet sich durch eingängige Themen und Harmonik aus.
Auf der anderen Seite ist es reich an musikalischen Einfällen
aller Art, die das Zuhören zu einem Abenteuer werden lassen. Eine
Eigenart der Sonate ist, dass alle drei Sätze ohne Pause wie ein
einziges Stück gespielt werden. Nur der Kenner des Stücks
weiß, wann ein Satz endet und der nächste beginnt, vor
allem, weil die Sätze nicht mit dem spektakulären
Schlussakkord enden sondern entweder leise verklingen oder - je nach
Interpret - in den nächsten übergehen. Brendel zeigte in
seinem Spiel die Entwicklung der Klaviermusik in den etwa fünzehn
Jahren, die zwischen diesen beiden Kompositionen liegen. Beethoven
verlässt das Bett der gewohnten Harmonik und Sonatenstruktur
deutlich öfter als Mozart, wagt Ausfälle und Einsprengsel,
löst die Form langsam je nach musikalischem Kontext und eigenem
Gutdünken auf. Der unmittelbare Eindruck wird wichtiger als der
formale Charakter der Gattung. Auch hier verzichtete Brendel wieder auf
den großen Gestus und ließ vielmehr das Tonmaterial
wirken. Bestechend sein in jedem Moment leichter, fast spielerischer
Anschlag, der dennoch nie ins Beiläufige, Beliebige angleitet.
Brendel spricht förmlich mit dem Instrument und der Partitur und
lässt diese selbst reden. Der zweite Teil des Abends
gehörte dem vierten großen Vertreter der
klassischen Klaviermusik, Franz Schubert, den manche bereits der
beginnenden Romantik zurechnen. Seine posthume Sonate B-Dur D 960
trägt deutliche Züge des Spätwerks eines früh
Gereiften. Schon der erste Satz beginnt ungewöhnlich verhalten,
fast abgründig, und schwingt sich erst langsam zu mehr emotionalem
Ausdruck auf. Wenn jemand wissen möchte, was es mit Schuberts
berühmten "himmlischen Längen" auf sich hat, dann kann er es
anhand dieses Satzes erfahren. Ob Schubert bei der Komposition dieser
Sonate seinen nahenden Tod geahnt hat, weiß man nicht mit
Sicherheit, doch die ersten beiden Sätze dieses Werks lassen
darauf schließen. Denn auch der zweite Satz mit seinen
eindringlichen, geradezu ostinat aufsteigenden Figuren zu Beginn und am
Ende verbreitet eine fast schon jenseitige Stimmung, in der die sonst
eher latente Sehnsucht in Todessehnsucht umschlägt. Erst im
Scherzo und im lang gezogenen Finale zieht wieder eine mehr dem Leben
zugewandte Stimmung ein, obwohl auch hier der melancholische Tenor nie
ganz verloren geht. Diese Sonate ist wohl eines der bewegendsten und
bedeutendsten Stücke der klassischen Klavierliteratur,
vergleichbar nur mit den letzten Beethoven-Sonaten. Brendel beendete mit diesem Werk
den Zyklus durch die Klassik auf überzeugende Weise, zeigte er
doch, dass er den ganzen Bogen von Haydn bis Schubert mit seiner ganzen
Ausdrucksvielfalt beherrscht. Diese Beherrschung bezieht sich weniger
auf das technische Können, das bei einem Künstler wie Brendel
sowieso nicht zur Debatte steht, sondern vor allem auf die Modellierung
der unterschiedlichen musikalischen Profile, vom beherrschten
Gleichmaß eines Joseph Haydn über die Ideenfülle eines
Mozarts, die strenge Abstraktion eines Beethoven bis zur
sehnsüchtigen Melancholie eines Franz Schubert. Das alles an einem
einzigen Abend wiederzugeben und dabei den Charakter des einzelnen
Komponisten punktgenau herauszuarbeiten, ist wohl die
größte Leistung. Und bei Brendel wirkte die Musik nie, als
sei sie hart erarbeitet worden - weder vom Komponisten noch vom
Interpreten - sondern wie eine Gottesgabe, die den Musikern in den
Schoß fällt und sich frei entfalten kann. Das Publikum zeigte sich
entsprechend begeistert, spendete stehende Ovationen und erklatschte
sich noch mehrere Zugaben. Frank Raudszus |
|