Das Glück ist eine leichte Dirne



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Beim Rheingau Musik Festival präsentieren Friedrich-Wilhelm Junge und das Michael-Fuchs-Trio Texte von Heinrich Heine

 

Die Weingüter des Rheingaus eignen sich vorzüglich für Freiluftveranstaltungen aller Art außer vielleicht anspruchsvollen Konzerten. Die geräumigen Innenhöfe bieten vielen Besuchern Platz, und allein der Blick in die Umgebung ist schon eine Reise Wert. Das gilt besonders für die Staatsdomäne Rauenthal, die oberhalb von Eltville inmitten weitläufiger Weinberge hoch am Hang liegt und den Blick über die ganze Tiefebene bis zum Rhein freigibt. Aufgrund ihrer Vorzugslage und der besonders geeigneten Infrastruktur mit einem überdachten Innenhof haben die Veranstalter des Rheingau Musik Festivals das Weingut als Veranstaltungsort ausgewählt. Hier präsentiert sich unter anderem der Dresdner Schauspieler und Kabarettist Friedrich-Wilhelm Junge mit seinem Programm über Heinrich  Heine mit dem Titel "Das Glück ist eine leichte Dirne", der aus einem Gedicht des Autors stammt.

Friedrich-Wilhelm JungeFriedrich-Wilhelm Junge

Junge beschränkt sein Programm nicht auf eine Lesung ausgewählter Heine-Texte, sondern inszeniert die Person Heinrich Heine, schlüpft in dessen Haut, ja - er IST Heinrich Heine. Dass sich Heines Texte geradezu für die Vertonung anbieten, weiß jeder, der das Lied von der Loreley kennt ("Ich weiß nicht, was soll es bedeuten...") . Folgerichtig hat Junge sich ein musikalisches Trio als Partner gesucht, das aus den Musikern Michael Fuchs (Piano und Namensgeber), Roger Goldberg (Bass) und Volkmar Hoff (Schlagzeug) besteht. Diese haben verschiedene Heine-Texte vertont und präsentieren sie in einer modernen, zwischen Weill und Jazz angesiedelten Form, die den Heine-Texten durch ihre distanzierten, fast ironischen Klangfarben in hohem Maße gerecht wird.

Friedrich-Wilhelm Junge lässt dazu den Menschen Heinrich Heine aus dessen eigenen Texten wieder lebendig werden. Er rezitiert  die Heine-Texte nicht als Schauspieler sondern gibt die darstellerische Distanz bewusst auf, um dadurch der Person des rebellischen Dichters des frühen 19. Jahrhunderts nahe zu kommen. Ganz bewusst verhindert er den Applaus nach einem Gedicht oder einem kurzen Prosastück, indem er die Texte nahtlos ineinander übergehen lässt. Auf diese Weise erreicht er den Eindruck eines Schauspiels, in dem eine Person charakterisiert oder eine Geschichte entwickelt wird. Geschickt hat er auch die Reihenfolge  der einzelnen "Nummern" gewählt, so dass eine auch logisch aus der anderen hervorgeht. Auf diese Weise kann Junge die Bühne zu einer wirklichen Geschichte oder sogar zu einem kleinen musikalischen Drama nutzen. Er schreitet auf und ab, klagt mal - in den Worten Heinrich Heines - über die Flatterhaftigkeit der Frauenherzen, dann wieder über die Widrigkeiten des Lebens - "Das Glück ist eine leichte Dirne...." -, über die Abwesenheit von der Heimat, die er trotz allem liebt, und vor allem packt ihn immer wieder die kalte Wut über die bornierte Gesellschaft mit ihrem Antisemitismus, unter dem der Jude Heine besonders litt, über die Bigotterie, die Verlogenheit und Gängelei der Kirche, über politische Unterdrückung und Bevormundung. Und dennoch lässt Junge immer wieder die unmittelbare Lebensfreude Heinrich Heines durchscheinen, seinen Hunger nach Leben und Liebe, die er bei den Frauen erst spät fand.   

Das Fuchs-Trio mit Friedrich-Wilhelm JungeDas Fuchs-Trio mit Friedrich-Wilhelm Junge

Als ironisches I-Tüpfelchen ganz im Sinne Heines schmückt ein Podes mit Heines Portrait darauf die Bühne, an das sich Junge gern lehnt, um wieder ein Spottlied des frühen Intellektuellen zum zum Besten zu geben. Von dessen Rückseite klaubt Junge später einen Lorbeerkranz mit schwarz-rot-goldener Borte, den er sich für ein Spottlied auf die Eigenarten der Nationen - Deutshce und Franzosen - auf den Kopf setzt.

Das Trio untermalt Junges Vortrag nicht nur musikalisch, sonden mischt sich auch aktiv in dessen szenischen Vortrag ein, gibt Stichworte oder variiert ironisch besonders treffende Aussagen. Oder die Musiker verlassen ihre Instrumente, um mit Junge zusammen "a capella" einen Kanon zu singen oder kleine szenische Einlagen zu präsentieren. Durch dieses geschickte Zusammenspiel zwischen Rezitator und Musikensemble gewinnt das Programm entscheidend an Farbe und Lebendigkeit, und man hat in keinem Moment den Eindruck, "nur" dem Vortrag von Dichtertexten zu folgen. Nach zwei Stunden scheint die Zeit wie im Fluge vergangen zu sein, und bei aller bissigen Schärfe, aller Ironie und - ja auch das! - zeitweilige Resignation der Texte hat man das Gefühl, gut unterhalten worden zu sein. Junge hat die hohe Schule des Kabaretts nicht umsonst gelernt, sondern zeigt in diesem Programm anschaulich, wie man auch kritische Themen mit Herz und Humor servieren kann, ohne dass die Zuschauer auch nur einen Moment das Gefühl haben müssen, belehrt zu werden. Den moralischen Zeigefinger haben weder Heine noch Junge nötig, ihnen reicht die Macht des geschlilffenen Wortes und des zugespitzten Vortrags.


Das Publikum in dem ausverkauften Innenhof der Staatsdomäne dankte dem Ensemble für dieses herzhafte Programm mit mehr als freundlichem Beifall.

Frank Raudszus