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Die
Kunst der Langsamkeit |
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Beim
Rheingau Musik Festival spielt der Brendel-Schüler Paul Lewis
Mozart, Ligety und Schubert |
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Im Rahmen des Rheingau Musik Festivals
kommen alljährlich neben den Großen des Musikmarktes auch
Nachwuchskünstler "zu Wort", die noch keinen großen Namen
haben, aber dennoch bereits auf hohem Niveau musizieren. Dabei ist der
Fürst-von-Metternich-Saal im Schloss Johannisberg sozusagen
für Pianisten reserviert. Am 9.8. spielte hier der junge
Engländer Paul Lewis Werke von Wolfgang Amadeus Mozart,
György Ligeti und Franz Schubert. Paul Lewis hat bereits eine
Reihe internationaler Preise errungen und ist in diesem Jahr zum ersten
Mal auch beim Rheingau Musik Festival zu hören. Er war unter
anderem Schüler von Alfred Brendel, der während seiner
diesjährigen Abschiedstournee auch noch beim Rheingau Musik
Festival spielen wird. Lewis hatte für diesen
Abend ein durchaus ausgefallenes Programm zusammengestellt, weniger
hinsichtlich der Komponisten als der Kombination der Werke. Im ersten
Teil des Konzertes rahmten zwei Mozart-Stücke - die Fantasie
c-moll KV 475 und das Rondo a-moll KV 511 - elf Stücke für
Klavier "Musica Ricercata" des Ungarn György Ligeti ein, und den
zweiten Teil bestritt ganz alleine Franz Schuberts Klaviersonate G-Dur
D 894.
Schon der erste Ton der
Mozart-Fantasie - ein weiter C-Oktavgriff - zeigte, wo die Reise
hinging: schwer - ja, fast schwermütig - hingen dieses dreifach
gegriffene C in der Luft, und Paul Lewis ließ den Ton lange
ausklingen, ehe er das einstimmige Thema anfügte. Auch dann
versagte er sich die vermeintliche mozartsche Leichtigkeit und blieb
dem sinnenden, etwas schwermütigen Charakter des c-moll treu. Die
Motive entwickelten sich langsam wie Gedanken, die sich nur schwer aus
tieferen Schichten des Bewusstseins lösen und langsam an die
Oberfläche steigen. Das Tempo nahm er bewusst zurück, um von
vornherein keinen falschen Eindruck von dieser Komposition aufkommen zu
lassen. Man kann nämlich die Fantasie leicht und perlend oder
lyrisch spielen und bleibt damit vielleicht dem allgemein verbreiteten
Mozartbild treu, doch Lewis rückte die Fantasie von den ersten
Tönen an in die Nähe Schuberts, und von daher versteht sich
auch die Zusammenstellung dieses Programms. Lewis bevorzugt durchweg
die dunkleren Tonfarben, gestaltet und modelliert die einzelnen Noten
in einer Weise, wie man es selten hört. Seine Ritardandi und vor
allem die fast überdehnten Pausen verleihen Mozarts Stück
einen suchenden, geradezu verzweifelten Charakter. Immer wieder
fällt er in den Eröffnungston wie in ein seelisches Tief, um
sich dann langsam und zögernd wieder mit den anschließenden
Figuren daraus zu lösen, ohne sich je wirklich befreien zuz
können. Die Fantasie strahlt bei Lewis eine schwermütige
Atmosphäre aus, fast könnte man es eine Todessehnsucht
nennen, wie wir sie auch bei Franz Schubert kennen. Mit nur kurzer Pause - gerade
ausreichend für einen Applaus - fügte Lewis die elf
Klavierstücke von György Ligety an, die dieser Anfang
der 50er Jahre komponierte. Für eine Komposition aus der Mitte des
20. Jahrhunderts zeigt dieses Werk erstaunlich tonale Züge. Allen
Stücken gemein ist ein in sich geschlossener Aufbau, eine Art
Motivtechnik und eine wenn auch stark ausgeweitete herkömmliche
Harmonik. Um es kurz zu sagen: man kann sich die Stücke ohne
Schwierigkeiten im unmittelbaren Nachgang zu Mozarts Fantasie
anhören, ohne einen musikalischen Kulturschock zu erleiden. Ligety
hat die elf Stücke nach einem festen Schema aufgebaut, in dem er
nacheinander in jeder der Miniaturen in Halbtonschritten einen neuen
Ton hinzufügt. Durch diese Einschränkung des Tonmaterials
vermittelt die Komposition zumindest in den ersten fünf bis sechs
Teilstücken den Charakter von "minimal music" à la Phillip
Glass. Das erste Stück besteht nur aus dem Ton a, mit einer
ostinaten Begleitung in der linken und rhythmischen Figuren in der
rechten Hand. Von Stück zu Stück nimmt die Komplexität
zu, behält jedoch lange diesen "minimalen" Charakterzug. Mit der
tonalen Komplexität nimmt auch das Tempo zu, so dass sich in den
letzten Stücken hämmernde Akkorde und expressive Motive
gegenseitig jagen. Hier fordert Ligety vom Interpreten höchste
Virtuosität, über die Paul Lewis fraglos verfügt. Dabei
lebte er die expressiven Passagen von Ligetys Komposition auch mimisch
und gestisch - soweit dies während des Spiels möglich ist -
aus. Zum Schluss folgt dann noch ein fugenartiges Stück, das
streckenweise ein wenig an Barockmusik erinnert, jedoch gleich wieder
in die Harmonik des 20. Jahrhunderts zurückkehrt. Doch die
Fugenstruktur bringt eine gewisse Ruhe und Gebundenheit in die Musik,
die den Übergang zur nächsten Komposition möglich macht.
Denn Lewis beendete den Vortrag von Ligetys Stück nicht mit einem
deutlichen Zeichen ans Publikum, sondern ging direkt - was im ersten
Moment etwas seltsam anmutete - zu Mozarts Rondo in a-Moll über,
das sich wie selbstverständlich aus den letzten Klängen von
Ligetys "Andante misurato e tranquillo" entwickelte. Und hier
verspürte man auch, wie dicht doch die moderne und die klassische
Musik oft nebeneinander liegen. Denn auch dieser Übergang wirkte
keineswegs abrupt oder aufgesetzt. Mozarts Rondo kommt wesentlich
leichter und tänzerischer daher als seine Fantasie. Die
Ländler des 18. Jahrhunderts dürften bei der Entstehung
dieser Komposition eine wichtige Rolle gespielt haben. Lewis leitete
damit nach den teilweise exzessiven Passagen des Ligety-Werkes wieder
zu einem ausgewogen Klangbild über. Man könnte fast sagen, er
fügte den Ligety als mittleren Satz eines virtuellen
Mozart-Komposition ein, die im letzten Satz liedhaft-eingängig
endet. Paul Lewis brachte diese so unterschiedlichen Kompositionen in
seinem fast ununterbrochenen Vortrag zu einem geschlossenen
musikalischen Bild zusammen, das dem Publikum eine neue
Rezeptionserfahrung vermittelte. Nach der Pause beschloss Lewis
das Programm mit Schuberts G-Dur-Sonate, die sich durch ihre organische
Struktur und eingängige Themen auszeichnet. Dabei bedeutet
eingängig keineswegs beiläufig oder gar nichtssagend, sondern
Schubert verzichtet bei dieser Sonate auf dynamische Ausbrüche
oder komplizierte, nur noch schwer nachzuvollziehende Modulationen.
Die Themen der einzelnen Sätze sind von suggestiver Wirkung,
dabei jedoch in sich ausgewogen und streckenweise sogar lyrisch. Und in
der Wiederholung eines einmal definierten Materials ist Schubert
Meister, sowohl die Wiederholung einer kleinen Figur zu einer
"himmlischen Länge" (Zitat) als auch die unterschiedliche
Verarbeitung eines längeren Themas. Diese Sonate zeichnet sich vor
allem durch die Vielfalt ihrer musikalischen Motive und die
Subtilität des Klangbildes aus. Wie schon bei Mozarts Fantasie
überwiegt auch hier die melancholische Färbung, eine
unbenennbare Sehnsucht, die ihr Ziel nie findet und sich in der Suche
genügt. Wie später Wagner kann auch Schubert zur Sucht
werden. Seine Musik brennt sich in die Psyche ein, entführt den
Zuhörer in andere Gefühlswelten, und nach dem Schlussakkord
kehrt man unwillig in die Realität zurück. Schuberts
Klaviersonaten sind immer ein wenig auch Lieder, die von Trauer und
enttäuschten Hoffnungen singen, und Paul Lewis brachte diese
Lieder in seinem Vortrag überzeugend zum Klingen. Der Beifall des Publikums
für den jungen Künstlers war derartig nachhaltig, dass er
noch das Allegretto c-moll von Franz Schubert als Zugabe spielte. Frank Raudszus |
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