Parade der Evergreens



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"Golden Swing Time" mit der Original Swingtime Big Band im Kurpark Wiesbaden

 

Das Wiesbadener Kurhaus verfügt über einen ausgedehnten Kurpark mit einer eigenen überdachten Konzertbühne. Hier sollte am 3. August ein morgendliches Swing-Konzert stattfinden, doch die Regenfälle der Tage davor ließen die Sorgenfalten auf den Stirnen der Verantwortlichen des Rheingau Musik Festivals  tiefer werden. Am Sonntagmorgen sah es anfangs nicht besonders gut aus, aber bereits um 10 Uhr hatte der Himmel soweit aufgeklart, dass sich die Entscheidung für das Freiluftkonzert als richtig erwies. Von da an wurde es immer besser, und zum Konzertbeginn um 11 Uhr herrschte dann "Kaiserwetter". Der Vibraphonist Martin Breinschmid vereinnahmte diese  positive Entwicklung flugs auf das eigene Konto mit der Bemerkung, man habe das Wetter extra aus Wien bestellt....

Manfred Stoppacher und die Original Swingtime Big BandManfred Stoppacher und die Original Swingtime Big Band

Bei so einem Sommerwetter macht natürlich Swing-Muisk "aus allen Rohren" doppelt Spaß, und nicht nur den Zuhörern des - wie üblich - ausverkauften Konzerts, sondern vor allem den Musikern der "Original Swingtime Big Band" aus Wien unter der Leitung von Manfred Stoppacher. Und so stieg man gleich mit bekannten Nummern ein und ließ von da an die Evergreens der Swing-Musik vorbeidefilieren. Es war alles dabei, was man so kennt: "String of Pearls", "Opus One", "Take the A Train", "I found a new Baby", natürlich "In the Mood" und andere Ohrwürmer. Die 17köpfige Band spielte mit außerordentlicher Präzision und einem ausgeprägten Gespür für Rhythmus. Das Repertoire setzt sich aus Stücken der Großen des Swings zusammen: Glenn Miller, Benny Goodmann, Tommy Dorsey, Count Basie und Artie Shaw. Und jedes Stück bringt eine andere Spezialität, ein besonderes Solo oder eine kleine Showeinlage, die zeigen soll, dass man nichtmal nur eben die Noten spielt sondern gern auch darüber hinaus ein wenig Show macht.

Vibraphonist Martin BreinschmidVibraphonist Martin Breinschmid

Nachdem der erste Teil mit "In the Mood" standesgemäß und zur besonderen Freude der Zuschauer geendet hatte, betrat nach der Pause der Vibraphonist Martin Breinschmid die Bühne und gab gleich eine Kostprobe seiner stupenden Technik auf diesem Instrument. Sein großes Vorbild ist natürlich Lionel Hampton, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, und aus dessen Leben erzählte Breinschmid zwischen den einzelnen Nummern verschiedene Anekdoten oder erklärte die musikalisch-historischen Hintergründe. Auf diese Weise entwickelte sich das Konzert zu einer doppelt unterhaltsamen Veranstaltung, weil neben der reinen Musik auch die Menschen hinter der Entwicklung des Swings lebendig wurden. Martin Breinschmid wirbelte mit einer derartigen Perfektion am Vibraphon, dass man sich fragte, wie denn das fehlerfrei überhaupt noch zu bewältigen ist. Stücke wie"Stardust", "Avalon" oder "Moonglow" gewinnen bei Breinschmid dank seiner Improvisierlust und seines technisches Können völlig neue Eigenschaften. Und mittendrin kann sich Breinschmid dann auch mal zum Pianisten an den Flügel setzen und zusammen mit ihm vierhändig zehn Minuten lang auf den obersten Tasten improvisieren; oder er beginnt mit dem Schlagzeuger ein Trommelsolo, das sich zu einem wahren Perkussions-Feuerwerk an allen möglichen Gegenständen - Paukenkörper, Bühnenboden, Stühle - entwickelt und das Publikumm fast zum Toben bringt. Breinschmid ist nicht nur Vollblut-Musiker sondern auch begnadeter Entertainer und kann ein ganzes Konzert allein gestalten.

Doch auch die Musiker der Big Band kamen an diesem Morgen zu ihrem Recht und bildeten nicht nur den Klangkörper. Immer wieder präsentierten Saxophonisten, Trompeter, Posaunisten, Schlagzeuiger und Pianist ausgefeilte, temperamentvolle Soli zum swingenden Hintergrund der Band, und allen sah man die Spielfreude an. Unter den Trompetern ist hier besonders Bandleader Manfred Stoppacher zu nennen, der bei verschiedenen bekannten Stücken die Solotrompete spielte.

Hier die einzelnen Nummern aufzulisten ist wenig sinnvoll, wenn man nicht gleich den Ton mitliefern kann; diese Musik muss man einfach hören und braucht sich nicht zu genieren, mit den Fußspitzen mitzuwippen. Und als dann Breinschmid und die Band zum Abschluss passenderweise "Flying Home" spielten, war noch lange nicht Schluss, da das Publikum durch heftigen Beifall Zugaben einforderte, die dann auch noch gewährt wurden.

Für Freunde der klassischen Jazz- und Swingmusik war dies ein belebender und beschwingender Morgen, der auch noch vom Himmel gnädig beleuchtet wurde.

Frank Raudszus