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Das
ungeschminkte Gesicht der Hölle |
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Jochen
Ulrich inszeniert mit dem Darmstädter TanzTheater Alfred de
Mussets
"Lorenzaccio" |
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Ausgerechnt der Romantiker de
Musset, der gerne Novellen über einen Mann zwischen zwei Frauen
und ähnliche Sujets schrieb, hat sich in den 30er Jahren des 19.
Jahrhunderts einen Renaissance-Stoff um die berüchtigte
Medici-Familie zueigen gemacht, um an diesem Beispiel den desolaten
Zustand der französischen Gesellschaft zu brandmarken.
Um die
Mitte des 16. Jahrhunderts, in der Blüte der Renaissance,
herrschte - oder besser wütete - Herzog Allessandro di Medici in
Florenz. In einer libidinösen und lasziven Gesellschaft spielte
er die herausragende Rolle und scheute auch vor Vergewaltigung und Mord
nicht zurück. Kaiser Karl V. half ihm, Florenz
zurückzuerobern, und legte dabei die Stadt in Schutt und Asche. In
dieser Situation verlieben sich Allessandro und Lorenzo di Medici, ein
junger Verwandter des Herzogs, ineinander. Während Lorenzo
für Alessandro nur eine - wenn auch bevorzugte - von vielen
Liebschaften beiderlei Geschlechts ist, kann sich Lorenzo der
erotischen Ausstrahlung der Macht und der Grenzenlosigkeit Alessandros
nicht entziehen. Zwar fasst er den Plan, die Stadt vom Tyrannen zu
befreien, kann die für einen Königsmord nötige
Nähe jedoch nur über die Erotik und die Mittäterschaft
erreichen. So wird Lorenzo "nolens - volens" zum Mittäter in
Alessandros blutrünstigen Privattheater, so dass er in der
Öffentlichkeit, die seine wahren Motive nicht kennt, bald den
abwertenden Beinamen "Lorenzaccio" erhält. Je tiefer er sich in
Alessandros Machenschaften verwickelt, desto größer wird
sein Anteil an der Schuld und desto mehr gerät er unter Druck und
Handlungszwang. Als er schließlich Alessandro tötet, bringt
ihm diese befreiende Tat umgehend den eigenen Tod von der Hand der
nachdrängenden Diadochen. Jochen Ulrich rückt in
seiner Choreografie das Innenleben der beiden Protagonisten und der
ihnen am nächsten stehenden Personen in den Mittelpunkt. Dabei
geht es ihm vor allem um die ambivalente Beziehung zwischen Lorenzo und
Allessandro, die von Hass, Machtkalkül und erotischer
Abhängigkeit geprägt ist. Mehr als einmal demütigt
Alessandro seinen Geliebten durch Gesten oder demonstrative
Nichtachtung, nur um sich kurz danach wieder mit ihm einzulassen. Auch
den gewaltsamen Tod droht er ihm - scheinbar spielerisch mit dem Degen
- an und demonstriert damit seine grenzenlose Macht sogar seinem
eigenen Geliebten gegenüber. In Lorenzo weckt diese Behandlung
einen steigenden Hass aber auch eine Unterwerfungslust. Bis zum
tödlichen Schluss sind diese beiden in ihrer Hassliebe aneinander
gekettet. Alessandro benötigt den Rausch der unmittelbaren
Machtausübung wie eine Droge und leidet gleichzeitig daran. Die
Überschreitung aller Grenzen und der Bruch aller Tabus führen
eben nicht zu der angestrebten Befriedigung sondern zu einer von Schuld
getriebenen Gier nach weiterer Steigerung.
Ein Höhepunkt der
Choreografie ist der Liebesakt zwischen Alessandro und der Marchesa
Cibo, Schwester des intriganten Kardinals Cibo, und Objekt von
Alessandros Begierde. Die Cibo geht auf Alessandros erotische Avancen
aus Berechnung ein, um an der Macht teilzuhaben. Alessandro jedoch geht
es ausschließlich um Unterwerfung bis hin zur Vergewaltigung.
Nach einem erotischen Zweikampf auf dem Bett, der die
unauflösliche Verschränkung von Sexualität, Herrschaft
und Unterwerfung widerspiegelt und in dem Alessandro die Cibo
schließlich durch seine konsequente Grausamkeit besiegt,
verlässt diese gebrochen die Kampfstätte, auf der sich
umgehend Lorenzo wieder einfindet. Eine ebenso beeindruckende Szene
besteht in dem langen und einsamen Kampf der Cibo um die Entscheidung
für oder gegen die Beziehung zu Alessandro, bei der sich alle
widerstrebenden Gefühle in der Körpersprache ausdrücken. Das Ambiente des zivilisatorisch
sterbenden Florenz stellt Bühnenbildnerin Bjanka Ursulov durch
eine vollkommen schwarze Bühne dar, sodass man spontan an eine
Pestepedemie denkt. Und nichts anderes als eine politische Pest ist
Alessandros Regime. Dazu lässt sie eine Reihe von Statisten als
florentinische Figuren in teilweise abenteuerlichen, dekadenten bis
perversen Kostümen paradieren, von denen der Mann im Damenkorsett
nur eine Variante darstellt. Es ist halt nicht so, dass ganz Florenz
unter Alessandros Terrorregime leidet: es gibt genügend
Höflinge und Mitläufer, die sich an dem infernalischen
Treiben am Hofe ergötzen, die eigenen geheimen Wünsche
ausleben und sich bei jeder beliebigen Gelegenheit das eigene Recht mit
dem Degen verschaffen. Ein Hauch von Sodom und Gomorrha durchweht diese
Choreografie, die zielsicher auf ein tödliches Finale
hinausläuft.
Die Musik zu dieser Choreografie
kommt nicht vom Band sondern aus dem Orchestergraben, wo GMD Stefan
Blunier ein kammermusikalisches Ensemble leitet. Die Musik stammt von
dem Rumänen Alexander Balanescu, der verschiedene Musikstile des
20. Jahrhunderts geschickt mieinander verbindet. Von Phillip Glass hat
er die "minimal music" übernommen, die mit ostinaten, pulsierenden
Motivwiederholungen eine drohende, endzeitliche Atmosphäre
herstellt. Dann wieder klingt es aus dem Graben wie Filmmusik, mit
weiten, satten Streicherbögen, um bei anderer Gelegenheit in das
Schluchzen von Zigeunergeigen überzugehen. All diese
Stilrichtungen weiß Balanescu jedoch dosiert einzusetzen und in
einen strengen Rahmen einzupassen, so dass die Musik nie zum Klischee
gerinnt sondern stets authentisch und situationsgerecht klingt. Blunier
arbeitet die Schärfen dieser Musik, aber auch die ironischen bis
satirischen Zitate kompromisslos heraus und stellt damit eine gewisse
Distanz zum Bühnengeschehen her, als beschreibe die Musik das
Geschehen ohne sich mit ihm zu identifizieren.
Nachdem Jochen Ulrich diese
Choreografie bereits erfolgreich in Linz präsentiert hatte, bot
sich die Übernahme einzelner Tänzer dieser Inszenierung
für die Darmstädter Version an. So tanzt Martin Dvořak seine
"Paraderolle" des Alessandro aus der Linzer Aufführung auch hier
und überzeugte das Darmstädter Publikum auf Anhieb durch
seine Präsenz, seine Körperlichkeit und seine
darstellerischen Fähigkeiten. Der Italiener Simone Deriu ist nicht
nur vom Äußeren ein glaubwürdiger Lorenzaccio - jung,
gut aussehend und mit erotischer Strahlkraft -, sondern zeigt sich auch
als ebenbürtiger Partner in diesem Dauerzweikampf zweier in
Hassliebe miteinander verbundenen Figuren. Die Umarmungen dieser beiden
wirken immer wieder wie der Kampf zweier Schlangen, die sich einerseits
aneinanderschmiegen und andererseits auf den schwachen Augenblick des
anderen lauern. Das erfordert ein Höchstmaß nicht nur an
Körperkontrolle sondern auch an psychologischem Verständnis
für die Situation der Protagonisten sowie an an das "Timing" bei
allen Bewegungen. Als weitere Einzeldarstellerin ist vor allem Andressa
Miyazata als Marchesa Cibo hervorzuheben, die ihre Auftritte mit einer
außergewöhnlichen Intensität geradezu zelebriert, vor
allem in dem erotischen Duett mit Alessandro. Eine weitere zentrale
Rolle spielt Pao-Su Chiang, der als dubioser Verbrecher Scoronconcolo
Lorenzo nicht nur in die Kunst des Tötens einweiht sondern ihn als
sein Schatten immer wieder an die noch zu vollbringende Tat erinnert. Das Zusammenspiel von
Tanzensemble, Musik und Bühnenbild schafft eine geradezu
traumatische Atmosphäre von grenzenloser Grausamkeit und
Hoffnungslosigkeit und setzt damit Alfred de Mussets Motive auf
hervorragende Weise in Bühnenleben um. Wenn am Ende Alessandro und
Lorenzo tot sind, letzterer von einem niederprasselnden Regen
reingewaschen, stellt sich so etwas wie eine Befreiung von einem
Albtraum ein. Zwei Stunden des moralisch-ethischen Niedergangs enden
dann in der einzig möglichen Lösung, dem Tod. Dabei
verzichtet Ulrich auf jegliche symbolische Überhöhung und
lässt nur das Geschehen für sich sprechen. Keine aufgesetzte
Aktualität stört das geschlossene Bild, und gerade dadurch
gewinnt die Choreografie an zeitloser Bedeutung. Das Premierenpublikum zeigte
sich tief beeindruckt und geizte nicht mit "Bravo"-Rufen, lang
anhaltendem Beifall und sogar einzelnen "standing ovations". Man kann
nur hoffen, dass diese Choreografie auch über die Premiere hinaus
ein begeistertes Publikum findet. Frank Raudszus Alle Fotos © Barbara Aumüller |
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