Beschwingte Geisterstunde im Gewächshaus



Andere Stücke dieses Ensembles:

Der Hauptmann von Köpenick

Arsen und Spitzenhäubchen





















































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Die "Neue Bühne Darmstadt" spielt Shakespeares "Sturm"

 

Die "Neue Bühne Darmstadt", eine private Alternative zum staatlich subventionierten Theater, hat zwar ihr eigenes Domizil, doch manche Inszenierungen lassen sich einfach in einer anderen Umgebung effektvoller inszenieren. Im Wissen um diese Tatsache hat sich das Ensemble schon rechtzeitig das Gewächshaus der Orangerie in Darmstadt für solche Zwecke reserviert. Das Gebäude liegt in einem verwunschenen Seitengarten der Orangerie, die gesamte Südseite besteht aus einer Glasfront, die sich über zwei Stockwerke erstreckt, und der Boden ist wie in einer Reithalle mit lockerem Sand bedeckt. Hier also spielt sich die Handlung von William Shakespeares Komödie "Der Sturm" ab. Der Sand eignet sich ideal für die Imagination des Strandes, an den sich die  Schiffbrüchigen retten, und der Blick durch die großen Fenster auf die Bäume der Orangerie fügt ein kostenloses Naturbühnenbild hinzu.

Axel Raether (Trinculo) und Ulrich Sommer (Stephano)Axel Raether (Trinculo) und Ulrich Sommer (Stephano)

Wie üblich betätigt sich das Ensemble vor der Aufführung - bereits im Kostüm und Habitus ihrer jeweiligen Rollen - gastronomisch, indem sie den Gästen Speisen servierten, die durchweg Namen mit Bezug auf das kommende Theaterstück tragen. Das sorgt für die richtige Einstimmung des Publikums. Das Stück beginnt jetzt im Sommer erst um 21 Uhr, da die Natur erst dann die passende Abendstimmung liefert.

Zur Handlung: An einer einsamen Insel strandet ein Schiff, und die Besatzung kann sich mühsam an den Strand retten. Es sind Antonio, Herzog von Mailand, und Alonso, König von Neapel mit seinem Sohn Ferdinand sowie einige Bedienstete. Schon in der zweiten Szene erfährt der Zuschauer, dass der Herr der Insel, Prospero, mit Hilfe seines Inselgeistes Ariel sowohl den Sturm angezettelt als auch dafür gesorgt hat, dass alle überlebt haben. Seiner Tochter Miranda erzählt er, wie sein eigener Bruder und der König von Neapel ihn einst als Herzog von Mailand vertrieben und mit ihr auf dem offenen Meer ausgesetzt haben. Glücklicherweise landete er auf dieser Insel, vertrieb die dort herrschende Hexe und befreite ihren gefangenen Geist Ariel, der ihm nun zu Diensten ist. Prospero hat den Schiffbruch organisiert, um Rache zu üben. Wie bei Shakespeare-Komödien üblich, kommt es bald zu Verwirrungen und Verwechslungen, Miranda und Ferdinand verlieben sich - wie von Prospero geplant - ineinander und die Bediensteten Trinculo und Stephano müssen sich mit Caliban, dem nun zu Frondiensten verurteilten Sohn der ehemaligen Inselhexe, zusammenraufen. Gerade die letztere Szene gibt natürlich reichlich Anlass für Slapstick und Wortwitz.

Als Antonio und Alonsos Bruder Sebastian den schlafenden König umbringen wollen, um sich dessen Krone zu bemächtigen, schreitet Prospero ein und lässt die Übeltäter in der Luft erstarren. Auch Calibans Plan, mit der Hilfe von Stephano und Trinculo seinen verhassten Brotherrn umzubringen, scheitert an deren Tolpatschigkeit und der Umsicht Ariels. Als Prospero noch über die rechte, möglichst genussvolle Rache an seinen Feinden nachdenkt, zeigt ausgerechnet der Luftgeist Ariel Mitleid mit den geschundenen Schiffbrüchigen. Prospero überwindet sich selbst, umarmt Antonio und Alonso und vergibt allen großmütig.

Heike Berg (Caliban)Heike Berg (Caliban)

Die "Neue Bühne" hat Shakespeares Stück auf die wesentliche Handlung verkürzt. So verlieren Antonio und Sebastian ein wenig an Kontur und müssen sich nicht den Vorwürfen von Prospero stellen. Die plötzliche Amnestie durch Prospero nehmen sie überrascht und gleichmütig als Geschenk der Stunde hin. Während Alonsos reumütiges Angebot, Prospero wieder in den alten Herzogstand einzusetzen, glaubwürdig klingt, kann man sich vorstellen, dass sich zumindest Antonio nach Verlassen der Insel überlegen werden, wie er die Wiedereinsetzung seines Bruders verhindern kann.

Doch in der Inszenierung der Neuen Bühne geht es weniger um die großen politischen Themen und menschlichen Intrigen, sondern vielmehr um das Komödiantische und den Geisterspuk. Zentrale Figuren sind Ariel, von Ralph Dillmann im gelben Umhang luftig, leicht und lebendig gespielt, sowie Caliban, den Heike Berg im Flickenkostüm mit viel Temperament, verschlagenem Witz und funkelnden Augen ausstattet. Diese beiden allein sorgen schon für viel Tempo und Spielwitz in der "Manege". Ulrich Sommer als stets betrunkener Stephano und Axel Raether als schwuler Trinculo im kurzen Kleidchen und mit Handtäschchen sorgen mit deftigem Wortwitz und der üblichen Situationskomik für sichere Lacher. Rainer Poser, der im "Hauptmann von Köpenick" eine hervorragende Charakterstudie hinlegte, hat dieses Mal in der Rolle des Prospero keine großen Gelegenheiten, sein schauspielerisches Können auszuspielen, frei nach dem Motto: die "guten" Rollen sind ein wenig fad, die "bösen" viel interessanter, füllt seine Rolle jedoch souverän aus. Ähnliches gilt für Bianca Weidenbusch, deren Miranda vom Text vorwiegend mit naiver Verliebtheit bedacht wird. Ralph Dillmann gibt neben seiner Luftgeist-Rolle noch einen glaubwürdig gebrochenen König Alonso, während sich Ulrich Sommer und Axel Raether in ihren Zweitrollen Antonio und Sebastian nicht so recht entfalten können. Das liegt aber auch an der etwas stiefmütterlichen Behandlung dieser beiden Figuren. Die Rolle des weisen Rates Gonzalo wurde hier in die weibliche Gonzalia umgedeutet, die Gabriele Reinitzer mit viel Sinn für die geschäftige Beredsamkeit dieser Figur spielt.

Insgesamt ist der "Neuen Bühne Darmstadt" mit dieser Inszenierung rundherum unterhaltsames "Sommertheater" gelungen, das  auf jegliche Überinterpretation verzichtet, die Betonung auf die romantische Wirkung der Geisterwelt legt und auch die burleske Seite des Stücks genussvoll ausspielt. Die Spielstätte - und entsprechendes Wetter - tragen nicht unwesentlich zu diesem Erfolg bei.

Das Publikum bedankte sich für diese gelungene Inszenierung mit kräftigem Beifall.

Weitere Vorstellungen im Gewächshaus der Orangerie in Darmstadt-Bessungen im August 2008:

Fr. 01. / Sa. 02. / Fr. 08. / Sa. 09. / Fr. 15. / Sa. 16. / Fr. 22. / Sa. 23. / Do. 28. / Fr. 29. / Sa. 30.

Einlass 20 Uhr Beginn 21 Uhr

Karten über das Kartentelefon (Montag bis Samstag 10 - 12.30 Uhr) unter 06151 / 422205,
Im Theater Arheilgen (Montag bis Freitag 17 - 18 Uhr)  oder im Ticketshop im Luisencenter, Darmstadt.

Frank Raudszus