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Bruckner
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Das 2.
Sinfoniekonzert des Staatstheaters Darmstadt besteht
ausschließlich aus Bruckners 9. Sinfonie |
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Anfang der neunziger Jahre des
19. Jahrhundert erfuhr Anton Bruckner,
dass er an der damals unheilbaren Diabetes litt. Nur wenige Jahre
blieben ihm, um seine musikalische Botschaft zu formulieren und
weiterzureichen. Seine tiefe Gläubigkeit zeigte sich jedoch nicht
in einer klaglosen Hinnahme des nahenden Todes, sondern
äußerte sich in seinem Kampf um jeden Tag seines zu Ende
gehenden Lebens, den er für die Vollendung seines musikalischen
Werkes benötigte. Seine 9. Sinfonie war 1896 nahezu vollendet. Die
ersten drei Sätze waren durchkomponiert und fertig
instrumentalisiert, vom vierten, dem Finale, existierten umfangreiche
Skizzen und - soweit man heute weiß oder vermutet -
weitreichende Überlegungen zur Instrumentierung. Leider
führte die zu diesem Zeitpunkt bereits ausgeprägte Verehrung
des Komponisten dazu, dass eben diese Entwürfe nach seinem
Tod von Sammlern entwendet wurden und verschwanden. Erst im Laufe
des 20. Jahrhunderts tauchten einzelne Fragmente auf, die eine
Rekonstruktion des Finalsatzes ermöglichten. Bis vor kurzem war es
wegen der wenigen authentischen Unterlagen zu diesem Satz üblich,
die 9. Sinfonie nur dreisätzig zu spielen. Seit einiger Zeit kümmert
sich jedoch eine Gruppe von vier Bruckner-Experten - Nicola Samale,
Giuseppe Mazzuca, John Phillips und Benjamin-Gunnar Cohrs - um eine
möglichst authentische Rekonstruktion
des Finalsatzes. In Darmstadt nahm jetzt GMD Stefan Blunier die 9.
Sinfonie in seine "Abschiedstrilogie" auf, die er dem
Darmstädter Publikum zum Ende seiner Dienstzeit als GMD
präsentiert. Dabei verzichtete er in diesem Konzert auf jedes
weitere "Rahmenwerk" und fügte stattdessen den Finalsatz der oben
genannten Expertengruppe an. Für so manchen Puristen mag dies
einen musikalischen Faux-pas darstellen, Stefan Blunier jedoch ist
immer für eine Überraschung gut und kam letztlich mit diesem
Überraschungscoup beim Darmstädter Publikum gut an. Als
zusätzlichen "Bonbon" hatte er Benjamin-Gunnar Cohrs
persönlich zu diesem Konzert eingeladen, der anschließend in
einer improvisierten Gesprächsrunde zusammen mit dem Dirigenten
für eine Diskussion zur Verfügung stand. Doch zurück zum Werk:
Bruckner hat in dieses letzte Werk nicht nur all seine verbleibende
Kraft der letzten Jahre gesteckt, er hat hier auch in reinster Form ein
Glaubensbekenntnis abgegeben, das jedoch keineswegs von Altersmilde und
Abgeklärtheit geprägt ist. Vielmehr kämpft er in dieser
Sinfonie noch einmal alle Kämpfe der christlichen
Glaubensgemeinschaft um Sünde und Sühne, Versuchung und
Vergebung, Gut und Böse, Leben und Tod und lässt diesen Kampf
in der Musik lebendig werden. Schon die ersten Takte des
Kopfsatzes verbreiten eine fast sakrale, entrückte
Atmosphäre. Hier werden keine menschlichen Alltagsemotionen
verhandelt, sondern letzte Dinge. Die Musik ist vom ersten bis zum
letzten Ton von tiefem Ernst durchdrungen, Mozartsche Heiterkeit ist
ihr fremd. Doch die Musik baut Stück für Stück eine
hermetische Welt der Jenseitsorientierung auf, die zwar mit der
Endlichkeit des irdischen Lebens hadert, sich aber gleichzeitig an dem
ewig wiederkehrenden Charakter des Vergänglichen abarbeitet.
Bruckners Musik ist nicht von dieser Welt, sondern sucht nach einer
Wahrheit hinter dem Konkreten des täglichen Lebens und Sterbens,
ohne es natürlich zu finden. Die Sinfonie ist von Anfang bis zum
Ende eine endlose, fast verzweifelte Suche. Das beginnt im ersten Satz mit
den verschiedenen Motiven und abrupten Brüchen, die oft in
Generalpausen enden, bevor die Musik, fast ängstlich leise, mit
einem anderen Motiv wieder anhebt. Man kann diesen Satz als
verzweifelte Suche nach dem archimedischen Punkt des Lebens sehen, die
sich stetig wiederholt, aber zu keinem erlösenden Ende führt.
Der zweite Satz, das Scherzo, ist der reine Protest gegen die
Vergänglichkeit. Harte 6/8-Akkorde in absteigender Folge bilden
das Gerüst dieses Satzes und lösen immer wieder andere Motive
ab, die dem düster drohenden Unheilsmotiv entfliehen wollen. Fast
möchte man Beethovens Satz von dem "Schicksal, das an die Pforte
pocht", zitieren. Der dritte Satz wartet dann mit vordergründiger
Lyrik und Abgeklärtheit auf, die sich jedoch bald als
trügerisch erweist. Auch hier zerreißt die Musik bald den
Schleier des Lieblichen und endet in höchster Spannung und
Verzweiflung. Obwohl im Adagio notiert, schreit die Musik in
höchster Verdichtung die Not des endenden Lebens aus sich heraus.
Der vierte Satz treibt diese Entwicklung auf die Spitze, nun jedoch
wieder mit bewegteren Tempi, gewagten Harmonien und zerrissenen
Motivketten. Hier nähert sich Bruckner sowohl bei Harmonik als
auch Tonalität dem 20. Jahrhundert an, greift um Jahrzehnte
voraus, ohne es selbst zu ahnen. zwar bleibt eine gewisse
Wahrscheinlichkeit, dass dies auf der Interpretation des
schließlich im 20. Jahrhundert beheimateten Expertenquartettes
basiert, doch dieser Satz passt sich seinen Vorgängern so nahtlos
an, dass man ihn weitgehend als von Bruckner geprägt auffassen
muss. Die Bearbeiter sind derart tief in Bruckners Ausarbeitungen
zum Finalsatz und vor allem seine Musikauffassung eingetaucht, dass die
daraus resultierende Fassung des letzten Satzes durchweg authentisch
erscheint, soweit man das aus der Retrospektive beurteilen kann. Die Bearbeitung eines
unvollständigen Werks - das Wort "unvollendet" wollen wir hier
wegen seiner Abnutzung nicht verwenden - ist jedoch nur eine Seite der
Medaille, die Interpretation durch die Musiker eine andere. Und hier
kommt das Orchester des Staatstheaters unter seinem "Noch-GMD" Stefan
Blunier ins Spiel. Was die Musiker an diesem Abend leisteten,
übersteigt das übliche Abonnementsprogramm bei weitem. Nicht
die Länge des Abends - es waren "nur" neunzig Minuten - ist
entscheidend, sondern die Intensität. Bruckners Aussage in dieser
Sinfonie verlangt von allen Musikern letzten Einsatz und
vollständige Präsenz über eineinhalb Stunden, von den
rein physischen Anforderungen vor allem an die Bläser ganz zu
schweigen. Besonders die Hörner, Trompeten und Posaunen hatten an
diesem Abend Schwerstarbeit zu leisten, doch auch die Schlagzeugpartie
verlangte Präzision und hohen physischen Einsatz. Die Bläser
seien an dieser Stelle nur deshalb herausgehoben, weil sie im
Gegensatz zu den Streichern an physische Grenzen hinsichtlich
Lippen und Lungen stoßen. Doch auch die Streicher - von den
Violinen bis zu den Kontrabässen, waren an diesem Abend besonders
gefordert, denn Bruckners Musik - vor allem in der 9. - reizt das
orchestrale Material bis an seine Grenzen aus. Das
Orchester wurde diesen Anforderungen in vollem Umfang gerecht und zog
das Publikum von Beginn an in seinen Bann, so dass vor und noch zu
Beginn des ersten Satzes kein einziger Huster aus dem Publikum zu
hören war. Erst nach und nach stellten sich im Zuschauerraum die
von Musikern und Zuhöreren gefürchteten Geräusche ein.
Doch immer wieder schlug das Orchester die Zuhörer in seinen
Bann und sorgte in Momenten des Pianissimos oder einer Generalpause
für atemlose Stille im Saal. Am Ende benötigte das Publikum
dann einige Sekunden, um sich dem Bann der langsam in den Köpfen
verklingenden Musik zu entziehen und zu applaudieren. Der Beifall fiel
dann mehr als kräftig aus und galt allen Mitgliedern des Ensembles
gleichermaßen. Stefan Blunier präsentierte nahezu alle
Bläser einzeln und umarmte mehr als einmal einzelne Musiker als
Dank für eine großartige Leistung. Dass mit dieser
Aufführung auch noch ein Orchestermitglied mit einem großen
Blumenstraiß in den Ruhestand verabschiedet wurde, passte wie ein
"Sahnehäubchen" auf diesen musikalischen Leckerbissen.
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