Der Rheingau und seine Dichter































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Literarische Wanderung im Rahmen des "Rheingau Literatur Festival"

 

Zum Abschluss des Rheingau Literatur Festivals sah das Programm eine Wanderung durch die Weinberge des Rheinguts mit  Besuchen ausgewählter Schlösser vor. Nun beinhaltet solch ein Programmpunkt natürlich ein gewisses Risiko - das Wetter. Schon seit Wochenbeginn verfolgten die Organisatoren - Dr. Heiner Boehncke als literarischer und Kaspas Herke als önologischer Führer - mit skeptischer Miene den Wetterbericht, um dann am Samstag Morgen erleichtert aufzuatmen. Ein wolkenloser Himmer und spätsommerliche Wärme empfingen die Teilnehmer an diesem Morgen vor dem "Kronenschlösschen" in Hattenheim. Wie üblich bei solchen literaturlastigen Veranstaltungen, war das weibliche Geschlecht wieder besodners stark vertreten.

Nach einem prüfenden Blick auf das Schuhwerk und einer freundlichen Ermahnung, die Gruppe nicht durch zu unterschiedliches Wandertempo zu weit auseinanderzuziehen, ging es am rechten, dem "Schee" Rheinufer, entlang Richtung Geisenheim. Heiner Boehnke informierte die Gruppe unter beifälligem Kopfnicken des - rechtsrheinischen - Winzers Herke, dass die andere Rheinseite spätestens seit der feindlichen Übernahme durch Rheinland-Pfalz als "ebsche" - sprich: hässliche - Seite gelte, was unverständlicherweise "vice versa" gelte, und ließ dann die Landschaft mit dem Fluss in der Mitte und den grünen Weinbergen  auf beiden Seiten für sich sprechen. Unter munteren Reden schlenderte die Gruppe gemächlich bis zum Oestricher Kran, wo Heiner Boehncke zur Rast einlud und die Geschichte dieses über 250 Jahre alten Ladekrans zum Besten gab. Hier betrieben früher kräftige Männer den Kran wie Hamster in einem Laufrad, und so manches Mal ließ ein entgleitendes Weinfass das Rad durchdrehen und die Männer in arge Gefahr geraten.

Anschließend führte Kaspar Herke die Gruppe in den lauschigen Innenhof seines Weigutes in Oestrich-Winkel und ließ einen  leichten Winzersekt ausschenken. Dazu gab er eigenhändig und - mündig zum Akkordeon und zur Gitarre zwei Volksmund-Lieder zum Besten, die dieser Pause bereits einen kulturellen Anstrich verliehen, der über die Önologie hinausging. Anschließend folgte ein längerer Marsch aufwärts durch die Weinberge zum Schloss Vollrads. Unterwegs ließ Heiner Boehncke die Gruppe zweimal halten und gab literarische Texte zum Besten. Thomas Manns "Felix Krull" als Sohn eines Rheingauer Weinguts kam dabei ebenso zu Wort wie Heinrich Heine und - natürlich, natürlich - ein gewisser JWG aus dem fernen thüringischen Städtchen Weimar, der wohl früher einmal Frankfurter gewesen sein soll und von daher den Rheingau, seinen Wein und seine Mädchen - Wein, Weib und Gesang (das ist aber nicht von ihm) - gut gekannt und durchaus geschätzt haben soll. Eben dieser Johann W. hat dann auch unterhalb von Schloss Vollrads eine von Weiden umstandene Wiese entdeckt und mit blumigen Worten beschrieben. Wer weiß, was der gute Mann auf dieser Weise erlebt hat......

Natürlich musste auch die dunkle Seite des Lebens auf dieser Rheingau-Wanderung zur Sprache kommen. Iwan Turgenjew und Fjodor I. Dostojewski, der eine Exilant, der andere Spieler, schildern in bewegten Liebesgeschichten und Bettelbriefe das Leben in dieser Gegend. Mal schmerzt die unglückliche Liebe, mal drücken die schweren Spielschulden. Doch zurück vom Abglanz ins wahre Leben: im malerischen Innenhof des Schlosses Vollrads genoss die Gruppe frisch zubereiteten Flammkuchen "bis zum Abwinken" und dazu einen würzigen Weißen, bevor es nach einer längeren Plauder- und Sonnenpause auf die letzte Etappe zum Schloss Johannisberg ging, das hoch auf einer Anhöhe mit einem herrlichen Blick auf den Rhein sowie Geisenheim und Rüdesheim liegt. Hier schenkte der Hauswinzer des Schlosses noch eine göttliche Spätlese des Jahrgangs 2006 aus, angeblich der beste Wein des Rheingaus, bevor Heiner Boehncke in Ermangelung eines von manchem im geheimen erhofften Nachschanks die Gruppe mit den besten Wünschen für das restliche Wochenende verabschiedete.

Die während der Wanderung kreuz und quer geführten Gespräche wirkten nicht nur anregend sondern brachten auch so manche Information zum Rheingau, seinen Weinen und seiner Geschichte zutage und führten bei allen Teilnehmern zu einem gesteigerten Gefühl des Wohlseins. Der während der Pausen kredenzte Wein und Sekt dürfte dabei eine nicht geringe Rolle gespielt haben. Auf jeden Fall verabschiedeten sich alle Teilnehmer in aufgekratzter Stimmung voneinander und sprachen ihre Hoffnung aus, sich im nächsten Jahr bei der gleichen Veranstaltung wieder zu treffen.

Frank Raudszus