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Martin
Walser liest beim "Rheingau Literatur Festival" aus seinem Roman "Ein
liebender Mann" |
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Im Anschluss an das
jährliche Rheingau
Musik Festival hat sich seit 1993 zur Zeit der Weinlese "passend zu
diesem Begriff" das Rheingau
Literatur Festival etabliert, das - frei nach dem Motto "in vino
veritas" - aktuelle literarische Themen oder Autoren präsentiert.
Nach einer Bibel-Lesung, jüngeren deutschen Autoren und einem -
laut Augen- und Ohrenzeugen fulminanten - Auftritt von Raoul Schrott
präsentierte sich am 26. September Martin Walser in der
Sektkellerei Bardong in Geisenheim mit einer Lesung aus seinem neuen,
kontrovers diskutierten Roman "Ein liebender Mann". Bereits die Anfahrt durch die
engen Straßen des direkt am Rhein gelegenen Weinortes zeigte das
Interesse an dieser Veranstaltung, waren doch die umliegenden Gassen
bereits lange vor Beginn vollgeparkt, ebenso wie auch die vorderen
Plätze im Vortragssaal bereits belegt waren. Der Begriff "Saal"
für den Veranstaltungsort ist dabei eher im übertragenen
Sinne aufzufassen, fand die Lesung doch im Gewölbekeller des
Sektgutes statt, den man "artgerecht" über eine recht enge
Wendeltreppe erreichte. Unten erwartete die Gäste eine kleine aber
feine Gastronomie - ja, wir mischen das Kulinarische ungeniert mit dem
Literarischen! - mit leichten Speisen der Rheingauer Küche
und einem ausgezeichneten Riesling-Sekt, von dem allerdings für
eine optimale Stabilität zwei Gläser erforderlich waren.
Pünktlich um 20 Uhr
erschien der großgewachsene, grauhaarige Autor in Begleitung von
Dr. Heiner Boehncke, Moderator und Leiter des Festivals. Der Keller war
mittlerweile bis auf den letzten Platz besetzt. Nach kurzer
Begrüßung las Walser mit seiner vollen, wohllautenden Stimme
verschiedene Episoden aus dem Roman. Ein Treffen zwischen dem alten
Goethe - 74 Jahre - und der jungen Ulrike von Levetzow - 19! - in einem
Marienbader Café machte den Anfang. Goethe genießt die
ungeschminkte und unbefangene Bewunderung der jungen Frau
für ihn und malt sich im Stillen weiterführende
Möglichkeiten aus, ohne diese verbal anzudeuten. Die zweite Szene
beschreibt eine abendliche Tanzveranstaltung, bei der ein
jüngerer, reicher Ausländer dem greisen Dichterfürsten
die junge Frau beim Tanz abklatscht und sie nicht wieder hergibt, sowie
Goethes hilflose Gedanken und vergeblichen Gegenmaßnahmen.
Schließlich grämt sich ein eifersüchtiger Goethe in
seiner Wohnung und betrachtet seinen nackten Körper mit der
wohlwollenden Blindheit eines alternden Möchtegern-Liebhabers.
Diese Selbstbespiegelung verdrängt - wo eben möglich - den
Verfall des Fleisches, beschönigt das Unübersehbare und
protestiert mit einem gewissen Altersstarrsinn gegen die
Vergänglichkeit. Nach der kräftig
beklatschten Lesung stieg Heiner Boehncke, seines Zeichens
außerplanmäßiger Professor an der Universität
Frankfurt und langjähriger Literaturleiter beim HR2, in das
Interview mit dem Autor ein. Dieses gestaltete sich jedoch nicht so
einfach wie vermutet. Nachdem Michael Herrmann bei der
Begrüßung den wunden Punkt der Paulskirchen-Rede
angesprochen und damit keine Regung in Walsers Gesicht hatte erzeugen
können, verzichtete Boehncke klugerweise auf diesen Punkt, um eine
unerwünschte ENtwicklung dieses Abends zu vermeiden. Bald jedoch
drehte sich das Gespräch darum, ob Goethe und die junge Ulrike
oder ob nicht......Zwar wollte sich Walser nicht zu einer positiven
Stellungnahme in dieser Sache versteigen, doch seinen Aussagen war zu
entnehmen, dass er eine erotische Zuneigung seitens des Mädchens
durchaus für möglich und wahrscheinllich hielt. Dabei verwies
er auf die Aussage einer Kammerzofe der übrigens nach insgesamt 14
abgelehnten Heiratsanträgen im hohen Alter als "Jungfer"
gestorbenen Ulrike von Levetzow, der zufolge die Levetzow kurz vor
ihrem Tode die Verbrennung eines Packens Goethescher Briefe angeordnet
habe. Für Walser ist das ein deutlicher Beweis für eine mehr
als platonische Verehrung des Dichterfürsten. Wie dem auch sei,
eine Identifikation des mittlerweile über achtzigjährigen
Walser mit den erotischen Problemen des alternden Goethes drängt
sich auf oder ist zumindest nicht auszuschließen. Wenn sich
Walser auch heftig gegen den in der Presse geäußerten
Vorwurf des "Altmännersexes" verwahrte, so ist doch eine gewisse
Ähnlichkiet zu den literarischen Ergüssen eines Roth, Updike
oder Begley nicht von der Hand zu weisen.
Für Boehncke stellte dieses
Interview noch eine weitere Herausforderung dar, die in der
inkohärenten Ausdrucksweise Walsers bestand. Jede Antwort begann
er mit der zögerlichen Entwicklung eines Gedankens, um diesen auf
halber Strecke abzubrechen und zu einer neuen Assoziation
überzugehen und auch diese zugunsten einer dritten im Raume stehen
zu lassen. Zwar ahnte man als Zuhörer, was er sagen wollte, doch
zu einer klar formulierten Antwort auf Boehnckes Fragen konnte er sich
nicht durchringen. Alles blieb im Nebel einer rundum schauenden
Alterssicht, die sich vor lauter Nebenaspekten und der aus der Frage
sich ergebenden Erweiterung der Komplexität zu keiner
eindeutigen Antwort mehr in der Lage sieht. Man kann diese Reaktion
für die Zerstreutheit eines äußerst komplex denkenden
und hochgradig vernetzten Intellektuellen oder für die
nachlassende Fähigkeit zur Konzentration halten. Die Entscheidung
in dieser Frage muss jeder Betrachter der abendlichen Szene für
sich selbst treffen. Während der Autor im
Anschluss noch für Interessenten sein Buch signierte, bot das
Sektgut zum Ausklang noch einen kleinen Imbiss und die Getränke
des Hauses an. Doch die niedrigen Promillegrenzen im
Straßenverkehr ließen das Publikum bald die Heimreise
antreten. Als Fazit nach diesem Abend ließ sich mitnehmen, dass
Autoren im Gespräch nicht immer unbedingt das halten, was sie in
ihren Büchern versprechen. Doch das nimmt nicht Wunder, haben sie
doch für das Verfassen ihrer Bücher und die Formulierung der
dort entwickelten Gedanken alle Zeit der Welt, während sie im
Interview schnell und auf den Punkt genau reagieren müssen. Und
das fällt wohl jedem von uns wesentlich schwerer.
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