| |
Der
Untergang des Hauses B. |
![]() Andere Stücke dieses Ensembles: Ihre Meinung über E-Mail hier |
Thomas
Manns Roman "Die Buddenbrooks" als Theaterstück im Staatstheater
Darmstadt |
|
Die Versuche, berühmte
Romane der Weltliteratur auf die Bühne zu bringen, sind ebenso zahlreich wie problematisch. Sei
es Cervantes' "Don Quichotte", Bulgakovs "Der Meister und Margarita",
Musils "Mann ohne Eigenschaften" oder eben Thomas Manns "Buddenbrooks".
Von allen diesen Werken hat man bereits Bühnenfassungen erstellt oder zumindest geplant. Der unerreichte
Höhepunkt dieser "Bühnenrally" wäre natürlich eine
dramatische Fassung - natürlich ein Einakter! - von Prousts
"à la recherche du temps perdu".....
Problematisch sind solche Bearbeitungen deshalb, weil ein Roman grundsätzlich anderen Wirkungsgesetzen als ein Theaterstück folgt. Breitet man im Roman die Charaktere bis ins Detail aus und lässt die Entwicklung der Handlung und der Protagonisten sich langsam entfalten, so benötigt das Theater eine knappe, man möchte sagen "geballte" Handlung, die auf den Dialog setzt und Konflikte auf den Punkt bringt statt psychologische Feinheiten zu erarbeiten. So kann denn eine solche Theaterfassung leicht in Langeweile erstarren oder aber das Wesentlliche eines Romans durch das Sieb eines stark reduzierten Handlungsrahmens rinnen lassen. Auf die Suche nach der
verlorenen Zeit wollte sich der Autor John van
Düffel zwar nicht begeben, aber doch auf die Suche nach der
verlorenen "Fortune" einer Lübecker Kaufmannsfamilie, wie sie
Thomas Mann in den "Buddenbrooks" mit ironisch-epischer Fülle
dargestellt hat. Für van Düffel stellt dieser wohl
bekannteste und eingängigste Mannsche Roman ein ideales Analogon
zur heutigen Zeit dar, in der ebenfalls die wirtschaftlichen und damit
gesellschaftlichen Randbedingungen - Stichwort
"Globalisierung" - sich rasant ändern, Gewinner zu
Verlierern und Verlierer zu Gewinnern werden. Gerade die
überzeitliche Gültigkeit von Thomas Manns Roman, dessen
Konflikte sich eher in den Menschen als aus bestimmten zeitgebundenen
Umständen entwickeln, lässt ihn als prädestiniert
erscheinen für eine neue Rezeption, die sowohl den Kern des Werks
erhält als auch ihn mit neuen Bedeutungen auflädt. Das
Staatstheater Darmstadt hat sich mutig dem Wagnis dieser "Umdeutung"
gestellt und mit Peter Hailer einen Regisseur gefunden, der für
John van Düffels Text die entsprechenden Regiemittel entwickelt
hat. Die aristotelische Forderung
"Einheit der Zeit" ist hier zwar nicht mehr einzuhalten -
schließlich erstreckt sich der Roman über vierzig Jahre -,
doch "Einheit des Ortes" und "Einheit der Handlung" sind durchaus
gegeben, und so standen die Chancen auf eine erfolgreiche Verlagerung
des Romans auf die Bühne recht gut. Um es gleich vorab zu sagen:
Peter Haile hat alle eventuellen Skeptiker Lügen gestraft und dem
Darmstädter Publikum über zwei Stunden das sehr aktuelle und
fast beklemmende Abbild einer Gesellschaft im Umbruch geboten. So
mancher der Zuschauer dürfte während der Aufführung an
die eigene Firma oder die seines Arbeitgebers gedacht haben.....
Im Zentrum der
Bühnenfassung stehen die drei Geschwister Thomas - der
Älteste -, Christian und Antonia, genannt Toni. Zu Beginn geht es
um die von Konsul Jean Buddenbrook und seiner Frau geförderte -
fast geforderte - Verheiratung Tonis mit dem vermeintlich glänzend
eingeführten Geschäftsmann Bendix Grünlich. Toni
erahnt im sommerlichen Zusammensein mit dem Studenten Morten zwar kurz
die Möglichkeiten einer echten Beziehung, doch die Familienraison
siegt über das Gefühl
-
schließlich mussten damals für die unselbständigen
Töchter standesgemäße und lukrative Partien gefunden
werden. Sie heiratet Grünlich
trotz ihres Widerwillens und findet sich prompt nach vier Jahren als
geschiedene Frau
eines betrügerischen Bankrotteurs wieder im elterlichen Haus ein.
Thomas übernimmt nach dem Tod des gebrochenen Vaters -
schließlich hat er die Ehe forciert und viel Geld dabei verloren
- die Firma und damit die Rolle des Familienoberhaupts und muss dabei
feststellen, dass die Firma in den letzten Jahren viel Geld verloren
hat. Sein jüngerer Bruder Christian ist ihm auch keine
Stütze, da er schon seit Jugendtagen eher die Künste und
flüchtige Vergnügungen vorgezogen hat und sich der
Verantwortung durch zunehmende Hypochondrie entzieht. Gerade die
Erkenntnis seiner eigenen Schwäche und der - vermeintlichen -
Stärke des Bruders treibt ihn immer weiter in innere Fluchtwelten,
bis diese sich zu veritabler Lebensuntüchtigkeit und echter
seelischer Erkrankung verdichten. Thomas hat seit Kindertagen die Rolle
des zukünftigen Firmenchefs verinnerlicht und alle eventuellen
anderen Sehnsüchte und Wünsche diesem Ziel untergeordnet.
Seine Welt besteht aus Pflichterfüllung und dem Wohl der Firma,
die Familie hat für ihn eine schwere aber ehrenvolle Rolle in der
Gesellschaft zu spielen. Als einziger - außer dem Vater - erkennt
er auch nüchtern die wahre Lage der Firma und flüchtet sich
nicht in großbürgerlichen Dünkel wie seine Mutter und
Schwester. Zu seiner eigenen Frau Gerda entwickelt er nur ein
distanziertes Verhältnis, so dass die beiden schon bald nach der
Geburt des Sohnes Hanno ein Leben nebeneinander führen. Toni
bleibt trotz ihrer Erfahrungen mit Grünlich und später
Permaneder Zeit ihres Lebens ein zwar gutmütiges und
fröhliches, aber auch naives und verwöhntes Geschöpf.
Sie ist in eine großbürgerliche, einst reiche Familie
hineingeboren worden, und ihre Mutter bestärkt sie in ihrem festen
Glauben an ein Leben mit Personal und mehr als großzügiger
Haushaltung. Als die Realität um sie herum ihr nicht mehr den
standesgemäßen Partner zur Verfügung stellen kann oder
will, bleibt sie resigniert im Schoße der Familie. Van Düffels durchläuft
die oben skizzierten Stadien der Familie Buddenbrook im Zeitraffer,
indem er wichtige Ereignisse schlaglichtartig in den Vordergrund
rückt. Die zum Teil Jahre überspannende Zeitsprünge
deutet er mit knappen Hinweisen an, so, wenn unmittelbar nach der
Verlobung mit Grünlich Toni schon am ehelichen Tisch sitzt,
grünlich desinteressiert Zeitung liest und im Hintergrund ein Kind
schreit. Oder wenn unmittelbar nach der Besiegelung von Grünlichs
beruflichem Ende durch den alten Konsul Buddenbrook dessen Familie
seinen Nachlass regelt. Zwar kann ein des Romans nicht kundiger
Zuschauer durchaus der Handlung folgen, aber angesichts der Dichte der
Handlung ist eine Kenntnis des Buches schon hilfreich.
Erstaunlicherweise hat van Düffel es mit seiner Theaterversion
geschafft, aus der wahrlich nicht knappen und eher episch orientierten
Romanvorlage ein spannungsgeladenes Bühnenstück zu formen.
Vor allem im zweiten Teil, wenn sich der Niedergang des Hauses
beschleunigt und Thomas verzweifelt versucht, die Entwicklung
gegen gesellschaftliche Gegner und die Unvernunft oder das
Unvermögen der Familienmitglieder aufzuhalten, entwickelt sich
eine geradezu dramatische Situation auf der Bühne.
Das ist natürlich zum
großen Teil auf die Regie und die Darsteller
zurückzuführen. Peter Hailer lässt die Szenen bewusst
ineinander übergehen, auch wenn er dabei locker
größere Zeitsprünge riskiert. Das
Ineinanderfließen der Szenen erzeugt Dynamik und Dichte, die dem
Stück außerordentlich gut bekommen. Man ahnt dadurch den
Druck, unter dem die Familie steht, wenn auch nur Thomas das begreift.
Größere Zeitsprünge - Zäsuren - markiert Hailer
mit subtilen Beleuchtungsänderungen, die eine Szene langsam
verlöschen und die nächste heraufdämmern lassen. Ein
Symbol für die verstreichende Zeit und die verrinnenden
Hoffnungen. Etienne Pluss hat dazu ein Bühnenbild geschaffen,
das an ein biedermeierliches "Interieur" erinnert. Vorne umrahmt
ein (Bilder-)Rahmen die Bühne, der sich an der Rückwand
wiederholt. Die agierenden Personen betreten die Bühne der
Gesellschaft wie zu einem Generatiionenbild, verweilen dort eine
Zeitlang und treten dann wieder von diesem Bild ab. Vorder- und
Hinterausgang symbolisieren den unaufhaltsamen Fluss des Lebens, der
keine Beständigkeit erlaubt, obwohl die Protagonisten, vor allem
Toni und ihre Mutter, nichts mehr ersehnen und erwarten als die ewige
Kontinuität. Das Problem der wechselnden Kostüme -
schließlich vergehen vierzig(!) Jahre - löst Heiler, indem
er es erst gar nicht angeht. Kostümwechsel, die der jeweiligen
Mode und dem aktuellen Alter der Protagonisten folgen wollten, sind in
den kaum vorhandenen Pausen nicht möglich und würden
überdies eine unerwünschte zeitliche Fixierung bewirken. So
lässt Hailer seine Schauspieler in heutiger Kleidung spielen, die
jedoch - soweit möglich - den jeweiligen Charakter widerspiegelt:
Matthias Kleinert trägt als Thomas Buddenbrook vom Beginn bis zum
Ende den selben grauen Anzug mit Weste, Andreas Manz stattet Christian
mit wechselnder und stets etwas derangierter Freizeitkleidung aus,
Christina Kühnreichs Toni zeigt luftige, weibliche Kleider und
Hosenanzüge, Gustl Meyer-Fürst und Margit Schulte-Tigges
bewegen sich als Konsul und Konsulin Buddenbrook in der auch heute noch
standesgemäßen Kleidung der älteren Generation. Warum
Etienne PLuss jedoch den jungen Morten Schwarzkopf als
lächerliches Landei mit blonder Pagenkopffrisur und eher
kindlichem Aufzug - es fehlt nur der Matrosenanzug! - darstellt, bleibt
unklar. Gerade diese Figur hätte man sehr gut als Gegenentwurf zu
Grünlich positionieren können. Im Rahmen der gegebenen
Kostümierung werden Alterungsprozesse - soweit nötig - durch
Gestik und Mimik markiert. So kraucht die Konsulin als alte Frau
verbittert und mit Untertützung ihrer mittlerweile resignierten
Tochter Toni gebeugt von der Bühne, wenn ihr Thomas die
eigenmächtige Schenkung eines Großteils des restlichen
Familienvermögens an die Kirche vorhält. Christian mutiert im
vorgerückten Alter - auch er ist am Ende des Stückes um die
sechzig - zum verwirrten Hypochonder, der laut greinend seine Qual
über ein vertanes Leben hinausschreit.
Damit sind wir schon bei den darstellerischen Leistungen, die durchweg zum Gelingen der Inszenierung beitragen. Allen voran ist Andreas Manz zu nennen, der mit Christian Buddenbrook geradezu eine Paraderolle gefunden hat. Er schafft es, diesem verlorenen Genie von eigenen Gnaden so etwas wie tragische Tiefe einzuhauchen. Sein Christian möchte gerne überall mitspielen, dabeisein und etwas bedeuten, doch er verfügt nicht über die entsprechenden Fähigkeiten. Durch permanentes und lautes Schönreden der Situation kann er die Realität nur kurzfristig verdrängen und landet stets wieder in der Verzweiflung, die er durch Hypochondrie kompensiert. Die Labilität und die dadurch bedingte, stetig zunehmende Zerrissenheit bringt Manz sowohl gestisch als auch mimisch derart überzeugend zum Ausdruck, das man beginnt, mit diesem Menschen mitzuleiden. Die Momente des Auflebens - fernab im sündigen London - wirken geradezu erfrischend, rufen aber wegen ihres unverkennbaren Fluchtcharakters Beklemmung hervor. Christian Buddenbrook ist in seiner inneren Unstimmigkeit wohl die komplexeste Figur des Romans und bei Andreas Manz in den besten Händen. Ihm zur Seite steht - wie eine Doublette des "zerbrochen Kruges" - Matthias Kleinert, der hier wie dort die Rolle des stets Kontrollierten, der Rationalität und der praktischen Vernunft Verpflichteten spielt. Während sich bei Christian eine stete Verschlechterung seines Zustandes abzeichnet, bleibt Thomas bis zum Schluss der selbe: in sich verschlossen und sich keine Gefühlsregung außer der des gerechten Zorns erlaubend. Selbst seinen kleinen Sohn nimmt er nicht in den Arm, sondern fordert von ihm frühe Einsicht in die spätere Pflicht als Firmeninhaber. Matthias Kleinert verleiht diesem Thomas die fast tragischen Züge eines Selbstverstümmelten, der sich jegliche irrationale Anwandlung verbietet und ein Leben der asketischen Pflichterfüllung buchstäblich "verlebt". Der plötzliche Ausbruch gegen seine präsenile Mutter angesichts der Verschleuderung des Familienvermögens wirkt wie der Ausbruch eines lange unter hohem Druck vor sich hinköchelnden Vulkans. Christina Kühnreich
überzieht anfangs die Lebendigkeit der Toni ein wenig, gerät
aber mit zunehmender Spieldauer in etwas ruhigeres Fahrwasser und
verleiht der zunehmend zaghaften und später resignierenden Toni
ein facettenreiches Profil. Tom Wild ist als Bendix Grünlich eine
Spur zu sympathisch, mehr Luftikus als schmieriger Betrüger; er
könnte dieser Figur noch mehr widerwärtige Züge
verleihen, um Tonis mehrfache Beteuerungen ihres Widerwillens glaubhaft
erscheinen zu lassen. Gustl Mayer-Fürst spielt den zunehmend
verunsicherten und schuldgeplagten Konsul Buddenbrook mit der richtigen
Mischung aus Grandseigneurtum und Desorientierung, und Margit
Schulte-Tigges lässt ihre Konsulin fest und unbelehrbar in der
großen Tradition des Hauses Buddenbrook verweilen und dabei alle
Änderungen in vermeintlicher Souveränität verleugnen.
Hubert Schlemmer spielt einen aalglatten Bankier Kesselmeyer, der sich
für Grünlichs Schulden am Konsul schadlos halten will, Iris
Melamed hat nach längerer Pause mit der Gerda nur eine Nebenrolle,
die sie aber mit der von ihr gewohnten Selbstsicherheit gestaltet, Gerd
K. Wölfle gibt einen herrlich bauernschlauen und
bodenständig-direkten Permaneder - ein Bayer in Lübeck! - und
Stefan Schuster schließlich in der Rolle des Morten Schwarzkopf
darf aus dieser Rolle leider nicht mehr als die eines jugendllichen
Verehres machen. Das Premierenpublikum zeigte sich von diesem bürgerlichen Untergangstableau fasziniert und folgte vor allem dem zweiten Teil geradezu gebannt. Der anschließende Beifall kam spontan, von Herzen und mit vielen "Bravos" vor allem für das Geschwister-Trio durchsetzt. Diese Inszenierung hat das Zeug zum "Saisonrenner". Frank Raudszus Alle Fotos © Barbara Aumüller |
|