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Eine
Russin in Bayern |
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Vladimir
Sorokins Groteske "Hochzeitsreise" in den Kammerspielen des
Staatstheaters Darmstadt |
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In einem kurzen Text des
Programmheftes stellt der Autor fest, "dass
ein ethisches
Verhältnis des Künstlers zu dem einen oder anderen Gegenstand
der Kultur den Künstler nur behindert", will sagen, er
nimmt sich
das Recht zur distanzierten, von ideologischen Vorurteilen freien
Betrachtung seiner Umwelt. Erst der nüchterne Blick schärft
demnach das Urteilsvermögen, das anschließend durchaus zu
dem selben - nun reflektierten - Ergebnis wie ein vorab eingenommener
Standpunkt kommen mag. Diesem Muster folgt sein Stück
"Hochzeitsreise", das mit politischen und ideologischen Tabus der
letzten Jahrzehnte nur scheinbar provokant bricht, ähnelt doch die
Realität oftmals der scheinbar irrealen Groteske viel mehr als so
mancher glauben möchte, siehe die Beziehung zwischen
Ingeborg Bachmann und Paul Celan alias Pavel Ancel.
Masa hat sich irgendwann aus
Russland davon gemacht. Die kurze Tauwetterperiode nach dem
Zusammenbruch des Sozialismus ist in die "lupenreine Demokratie"
à la Putin übergegangen, und eine alte Freundin ist dabei
im
Arbeitslager gelandet. Dieser schreibt Mascha jetzt über ihre
Erlebnisse im Westen - oder findet dieser Bericht nur in ihrem Kopf
statt? Doch in der Brust der vom rauhen Wind des westlichen
Kapitalismus abgehärteten Masa wohnen - "ach" - zwei
Seelen. Während die lebenstüchtige Masa direkte,
ungeschminkte Worte darüber findet, wie sich eine attraktive junge
Frau auch in schwierigen Verhältnissen erfolgreich durchs Leben
schlagen kann, und an deftigen Ratschlägen für den Einsatz
des
eigenen Körpers nicht spart, schlägt ihr "alter ego" weichere
Töne an. Dort sind die Träume und Sehnsüchte der
Jungmädchenzeit vergraben, die sich in diesen Verhältnissen -
die leider nicht "so" sind - nicht verwirklichen lassen. Regisseur
Martin Ratzinger lässt diese zwei Seelen durch zwei
Schauspielerinnen lebendig
werden: vorne findet Karin Klein in einem lila Kleid und modischer,
gleichfarbenen Schirmmütze desillusionierte, zynisch-heitere Worte
über ihr Leben im schönen Westen, hinter hier flüstert
Anne Hoffmann als Masa II weichere, fast verträumte Worte
über ihre Befindlichkeit. Masa hat es nach einer
längeren Durststrecke durch die Metropolen Europas - Paris
erschien ihr klein, schmutzig, voller Staus und
arrogant-kleinbürgerlicher Franzosen - nach Deutschland geschafft
und dort einen Millionär kennengelernt, in dessen Herz oder das,
was sich bei Männern normalerweise über dem Herzen befindet,
sie sich verliebt hat. Doch Günther von Nebeldorf reagiert nicht
so, wie normalerweise die Männer auf eine attraktive, nach allen
Seiten offene russische Emigrantin reagieren. Dass er ein Albino mit
seltsam starren und irisierenden Augen ist, lässt sich noch unter
der Rubrik "Extravaganz" einordnen, sein schweres Stottern erfordert
jedoch eine Sonderposten auf dem Bankkonto, um darüber
hinwegzusehen. Masa erfährt von ihm nach langen sprachlichen
Anlaufverlusten, dass er Teile seines Vermögens für den
Ankauf jüdischer Kunst verwendet. Als Masa ihren Goldfasan nach
Genuss einiger Wodkas und erotischem Tanz endlich ins Bett gezerrt hat,
muss sie feststellen, dass er sein einziges Glück
darin sieht, von ihr ausgepeitscht zu werden. Nachdem sie sich auf
diese Weise die Nacht buchstäblich um die Ohren geschlagen hat,
erfährt sie den Grund: Günthers Vater war als
berüchtigter und überzeugter SS-Offizier für
unzählige Morde und Grausamkeiten an Juden verantwortlich,
und der Sohn leidet unter der Last dieses familiären Fluches bis
hin zu schwerer sprachlichen und erektilen Dysfunktion. Als einzigen
Trost für dieses Trauma hat Masa eine ähnliche Geschichte
parat, nämlich die ihrer Mutter, die es als überzeugte
Kommunistin unter Stalin und seinen Nachfolgern zur Politkommissarin,
Geheimdienstleiterin und staatlich lizenzierten Massenmörderin
gebracht hat, bevor sie sich nach dem Ende des real existierenden
Sozialismus irgendwann das Leben nahm.
Um Günthers Trauma und die damit zusammenhängenden "lapsi linguae" zu heilen, beschließt Masa, die Hochzeitsreise mit Günther zum Obersalzberg zu verbringen. Stilecht fahren sie mit einem schweren Mercedes dorthin, sie in der Uniform ihrer Mutter, er in der seines Vaters. Nachdem Günther durch die Katharsis auf dem Berg sowohl sprachlich als auch viril geheilt ist, feiern sie die Genesung mit einer typisch bayerischen Bier- und Weißwurscht-Orgie. Anschließend verlassen sie des Führers Sommersitz in heiterer Stimmung, um auf den engen Bergstraßen einem LKW mit bedeutungsschwangerer Aufschrift in die Quere zu kommen. Die assoziationsreichen Schriftzüge auf dem verunglückten Laster werfen Günther zurück in seine alten Traumata, und er sitzt wieder verstört und zitternd am Straßenrand. Die Vergangenheit lässt ihn nicht los, sie verfolgt ihn wie ein Fluch, dessen er sich nicht wird entledigen können. Nun könnte man diese
Handlung als tief pessimistische Abrechnung mit den gesellschaftlichen,
ja allgemein menschlichen Strukturen auffassen. Der Mensch wäre
langfristig nicht lernfähig und müsste ewig unter dem Fluch
der Sünden seiner Väter leiden. Doch nicht so Sorokin. Ihm
geht es nicht um die x-te Aufarbeitung faschistischer und
kommunistischer Untaten und Verbrecherregimes. Die sind für
ihn in erster Linie Geschichte, weil vergangen. Von daher haben sie
für seine ästhetische Arbeit lediglich die Aufgabe einer
Schablone oder eines Hintergrundbildes. Ihn interessieren vielmehr
die Nachkömmlinge, die sich auf ihre Weise mit den Untaten der
Vätergeneration auseinandersetzen. Günther von Nebeldorf (Uwe
Zerwer) -
der Name ist übrigens ein Konstrukt aus den Namen der
Nazi-Verbrecher Arthur von Nebe und Otto Ohlendorf - kokettiert als
Intellektueller mit seinem eigenen pathetischen Schuldgefühl und
genießt in gewisser Weise seinen Masochismus. In seiner eigenen
Nabelschau bezieht er die Welt auf sich, anstatt sich auf die Welt
einzulassen. Auch das Mäzenatentum für jüdische Kunst
hat mehr symbolischen, egozentrischen Charakter, als dass es sich aus
einer ehrlichen Verarbeitung der Vergangenheit entwickelt hätte.
Günthers Stottern ist eine Metapher seiner Lebensunfähigkeit,
seine Albino-Gene ein weiterer Verweis auf eine gewisse Degeneration
bzw. Dekadenz. Sorokin nimmt treffsicher und mit einem hohen
Satirepotential die Selbstbespiegelung der deutschen Intelligenz aufs
Korn, die vor nichts mehr Angst hat als im Unrecht zu sein, die sich
eher im Sumpf der eigenen - vorgespiegelten - Minderwertigkeit suhlt,
um endlich von dem "Über-Ich" der Außenwelt freigesprochen
zu werden. Bis zu diesem jüngsten Tag erteilt sie sich durch
eloquent formulierten Masochismus selber vorläufigen Dispens. Die andere Seite - die russische
- kommt bei Sorokin nicht viel besser weg. Seine Emigranten - besonders
die jungen Frauen - sind eiskalte, abgehärtete Raffzähne, die
überall nach lohnender Beute Ausschau halten und sie auch erlegen.
Dabei können sie ein hohes Maß an Lebenskraft und - freude
entwickeln, die jedoch meist aus dem Wodka entspringt und - nach dem
Rausch - auch dorthin zurückkehrt. So führt Masa ihren
deutschen Freunden erst einmal in das richtige Wodka-Trinken ein und
erklärt ein ums andere Mal, wie sehr eine vorurteilslose
Sexualität das eigene Fortkommen fördert. Gesellschaftliche
Konventionen oder gar ethisch-moralische Grundsätze sind dieser
Spezies fremd; für sie gilt nur, was ihnen materiell nützt.
Doch Sorokin wäre nicht Sorokin, würde er diese Tatsache
lautstark bejammern. Er konstatiert auch diese Seite mit bissiger
Ironie als einen Teil des menschlichen Wesens, das keine Ideologie -
sei es Kommunismus, Faschismus oder Kapitalismus - bisher habe
ändern können. Ecce homo!
Martin Ratzinger hat die
satirisch-groteske Seite dieses Stück in den Mittelpunkt
gerückt. Anna-Sophie Blersch hat dazu auf der Bühne eine
Reihe politischer und lokalsatirischer Versatzstücke angeordnet.
An der Rückwand prangt ein naturalistisches
Berggemälde, das - vermutlich - den Obersalzberg wiedergibt.
Mitten auf dieses Bild hat sie ein grobes Pappmodell von
Neuschwanstein geklebt. Vor dem Bild, das sich bei einer
Horizontaldrehung um 180 Grad in einen Spiegel verwandelt, stehen
Stühle mit weiß-blauem Rhombenmuster sowie
überdimensionierte Pappmodelle von Biergläsern, Brezeln und
Weißwurst-Töpfen - o'gzapft is. Dieses Oktoberfest-Ambiente
konterkariert Blersch mit einem Stehtisch, dessen Füße
SS-Runen darstellen, und einer Sammlung von farbigen
(Wodka?)Flaschenverschlüssen in der Form von "Hammer und Sichel".
Rechts hängen bedrohliche Fleischerhaken, wie sie die Nazis
vorzugsweise für Hinrichtungen verwendeten, und seltsam verpackte
Utensilien verweisen auf das enge Korsett der "political
correctness" der deutschen Vergangenheitsbetrachtung, das sich nur
schwer aufschnüren lässt. Auch die Vertreter des
"Bösen", Günthers Vater (Aart Veder) und Masas Mutter (Sonja
Mustoff), kommen seltsam verpackt daher. Unter ihren martialischen und
furchteinflößenden Uniformen tragen sie wie Verpackungen
anmutende weiße Kleidung, eine Mischung aus Leichentuch und
Mumientüchern. Ihre eigenen Biografien schreien sie aus einem wie
von Christo verpackten Pavillon in dem ihren Figuren eigenen
Kommandoton hinaus, um dann wieder im Nebel der Geschichte zu
verschwinden. Uwe Zerwer kommt als Günther im schneeweißen
Dandyanzug, gelbem Schal und geschniegeltem weißgrauen Haar
daher, das er - symbolisch, symbolisch - erst nach seiner zeitweiligen
Gesundung wegwirft. Die Handlung lässt
Ratzinger in einem ansatzweise realistischen Rahmen ablaufen, auch wenn
diese teilweise surrealistisch anmutet. Doch sadomasochistische Exzesse
sind wahrscheinlich - unabhängig vom politisch-historischen
Hintergrund - weiter verbreitet als man denkt, und auch die
Trinkgewohnheiten mancher Kreise dürften den ihn diesem Stück
gezeigten durchaus entsprechen. Karin Kleins Masa bedient sich einer
ungeschminkten, von Tabus weitgehend gereinigten Sprache, die sich des
üblichen Schüler- und Männervokabulars für
bestimmte Beschäftigungen und körperliche Regionen
kräftig bedient, und erntet damit so manchen Lacher. Sex sells - doch: "honi soit qui mal y pense".
Das Ganze passt durchaus zu
dem bissigen
Grundtenor dieses Stückes, das weder die ach so traurigen
Zustände
beklagt, noch mit Tremolo moralische Standards einklagt oder gar den
Zeigefinger hebt - höchstens den Mittelfinger! In der Rolle der Masa kann Karin
Klein ihr gesamtes komödiantisches Können zeigen, und es
macht ihr sichtlich Spaß, aus sich herauszugehen. Uwe Zerwer - im
richtigen Leben ihr Mann - ist zu Beginn ein herrlich verklemmter und
verquerer Intelligenzler mit dem sichtbar vor sich hergetragenen
Schuldanspruch, und wandelt sich dann unter Masas heilenden Händen
unversehens zum redseligen Biertrinker mit Proll-Sprüchen. Anne
Hoffmann spielt neben der Masa II noch den Koch des Hauses von
Nebeldorf und den Psychater Mark, der Masa erst einmal sachkundig und
rhetorisch vernebelnd über Günthers Trauma aufklärt. Das Premierenpublikum goutierte
diese derbe Groteske uneingeschränkt und dankte allen Beteiligten
einschließlich Regie mit kräftigem Beifall für einen
temporeichen und erfrischend respektlosen Theaterabend. Die
nächsten Vorstellungen finden am 25. und 27.9. sowie am 4. und
25.10. statt
Alle Fotos © Barbara Aumüller |
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