Der Triumph der Vergeltung über die Vergebung



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Fromental Halévys Oper „La Juive“ im Staatstheater Darmstadt

 

Der internationale Kunstbetrieb kennt in allen Gattungen das Phänomen des unterbewerteten oder sogar vergessenen Künstlers. So wie Schubert im 19. Jahrhundert lange Zeit als Salonmusiker belächelt wurde, fristete auch so mancher Schriftsteller oder Maler völlig zu Unrecht ein weitgehend von der Öffentlichkeit unbeachtetes – posthumes – Dasein. Im Bereich der Opernmusik trifft dies – mit Einschränkungen – auf den französischen Komponisten Fromental Halévy zu, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Paris eine herausragende Rolle spielte, nach dem 2. Weltkrieg gegenüber seinen „Mitbewerbern“ Mozart, Verdi, Wagner und den anderen wohlbekannten Protagonisten des Opernbetriebs jedoch deutlich an Bekanntheitsgrad einbüßte. Fragte man einen durchschnittlichen Opernabonnenten nach diesem Namen, würde man höchstwahrscheinlich nur ein Achselzucken ernten. Das Erstaunliche daran ist, dass dieser Verlust an „Marktpräsenz“ nicht auf ein ephemeres, nur den Zeitgeschmack bedienendes Werk zurückzuführen ist. Im Gegenteil, seine Oper „La Juive“, die jetzt in Darmstadt zum ersten Mal nach dem Jahr 1918 wieder auf dem Spielplan stand, zeichnet sich durch emotionale Wucht, hohe Dichte und ein zeitloses Thema aus. Intendant John Dew, der dieses Werk bereits 1989 aus der Versenkung geholt hatte, präsentierte es jetzt dem Darmstädter Publikum.


Susanne Serfling (Rachel), Zurab Zurabishvili (Eléazar)Susanne Serfling (Rachel), Zurab Zurabishvili (Eléazar) 

Die Oper spielt im Jahr 1410 zur Zeit des Konstanzer Konzils und handelt im Kern von dem jüdischen Goldschmied Eléazar, der mit seiner Tochter Rachel in Konstanz lebt. Rachel liebt den jungen Künstler Samuel, der jedoch in Wirklichkeit der Reichsfürst Leopold ist und sich wegen der die religiösen Grenzen überschreitenden Liebschaft als Jude tarnt. Zum Konzil ist auch der Kardinal Brogny erschienen, der einst als - noch weltlicher - Magistrat von Rom durch plündernde Soldaten Frau und kleine Tochter verlor und sich seitdem Gott gewidmet hat. Noch als römischer Beamter hat er Eléazars beide Söhne auf den Scheiterhaufen gebracht und sich dadurch dessen unversöhnlichen Hass zugezogen. Als Eléazar und seine Tochter wegen ihrer Arbeit an einem hohen kirchlichen Feiertag vor den Statthalter Ruggiero gezerrt und von diesem unverzüglich zum Tode(!) verurteilt werden, schreitet der mild gestimmte Brogny ein und rettet die beiden, ohne seinen Feind zu erkennen. Eléazar jedoch erkennt den verhassten Widersacher sofort. Als die unter ständigen Anfeindungen leidende jüdische Familie ein zweites Mal in die Fänge des lynchsüchtigen Volkes gerät, rettet der vermeintlich bedeutungslose Künstler Samuel die beiden mit ungeahnter Autorität, was Rachel stutzig macht. Als er auch noch bei der Feier des Passah-Festes heimlich die Riten verweigert, stellt Rachel ihn zur Rede, woraufhin er seine Identität als Christ offenbart. Diese für einen gläubigen Juden schreckliche und in der christlichen Gesellschaft tödliche Tatsache schockt Rachel zutiefst, doch kann sie von ihrem ebenso erschütterten und erzürnten Vater die Zustimmung zur Heirat erwirken. Als Samuel alias Leopold die Heirat verweigert, bricht für Vater und Tochter eine Welt zusammen. Der Zuschauer kennt zu diesem Zeitpunkt bereits den Grund der Weigerung: Leopold ist bereits verheiratet. Als seine Frau ihm öffentlich einen ausgerechnet bei Eléazar gekauften Schmuck als Lohn für seinen Sieg über die hussitischen Feinde überreicht, geht Rachel dazwischen und gesteht öffentlich die „Blutschande“, woraufhin sie, ihr Vater und Leopold umgehend eingekerkert werden. Leopolds Frau fleht die sowieso dem Tode geweihte Rachel an, durch die Übernahme aller Schuld ihrem Mann das Leben zu retten, und Rachel, von der Enttäuschung geläutert und dem Tode nahe, stimmt zu. Währenddessen schlägt Brogny Eléazar vor, durch einen Übertritt zum Katholizismus wenigstens seine Tochter zu retten, doch dieser lehnt ab und konfrontiert im Gegenzug Brogny mit der Eröffnung, dass seine Tochter bei dem Brand seines Hauses von einem Juden gerettet worden sei, verrät dem verzweifelten Brogny jedoch nicht dessen Namen. Brogny versucht Rachel, die er unbedingt retten will, ebenfalls zur Konversion zu überreden, aber auch diese lehnt ab. Eléazar ebnet in einer letzten Aufwallung von Mitleid seiner – angeblichen – Tochter den Weg zum Leben durch die Möglichkeit der Aufgabe ihrer Religion, doch diese will lieber sterben als ihren Gott zu verraten und geht in den Tod. Als Brogny in einem letzten Versuch von dem an der Schwelle des Todes stehenden Eléazar die Identität seiner Tochter erfahren will, zeigt dieser auf die soeben hingerichtete Rachel. Der Rache ist Genüge getan, der Glaube bleibt unbeschädigt.

Chor, Zurab Zurabishvili (Eléazar), Susanne Serfling (Rachel)Chor, Zurab Zurabishvili (Eléazar), Susanne Serfling (Rachel)

Dieses menschliche Drama unterlegt Halévy mit einer emotional hoch aufgeladenen Musik, die den Verlauf der Handlung und die Gefühle der Protagonisten fast programmatisch widerspiegelt. Den dramatischen Höhepunkten entspricht eine wild sich aufbäumende oder in drohenden Moll-Akkorden sich auslebende Orchestrierung; die Liebes- oder Glaubensarien sind, ganz dem romantischen Credo der Zeit folgend, besonders lyrisch-einfühlsam gehalten. Subtilität des Ausdruck oder gar ironische Distanz zum Geschehen gehören nicht zu Halévys musikalischem Repertoire; die „Grand Opéra“ verlangt auch die große, unverfälschte Geste, die man damals – mit einem gewissen Recht - auch noch für authentisch hielt.

John Dew konterkariert diese emotionale Aufladung durch verschiedene bühnenbildnerische und inszenatorische Maßnahmen. Bühnenbildner Heinz Balthes lässt über einer leeren, schwarzen Bühne einen überdimensionalen dreieckigen Glasrahmen schweben, den man aufgrund seiner Sprossen als Fenster interpretieren kann. Auf diesen Rahmen projiziert er anfangs ein typisch gotisches Kirchenfenster, später bildet er mit einem zweiten, mit der Spitze nach oben weisenden Glasrahmen einen Judenstern im Bühnenraum. Mit dieser relativ simplen, aber wirkungsvollen Anordnung veranschaulicht er den Grundkonflikt der Handlung. Den von André Weiß geleiteten Chor lässt Dew wider die übliche Gewohnheit relativ statisch agieren. Das führt zwar vor allem im ersten Teil vor der Pause zu einigen Längen, verhindert jedoch ein Entgleiten in das unkontrollierte Sentiment. Außerdem entspricht diese anfangs fast statuarische Inszenierung dem Weltbild der großen monotheistischen Religionen und gibt dieses authentisch wieder. Im zweiten Teil, wenn der Konflikt auf den Höhepunkt zutreibt, gewinnt die Inszenierung dann auch ohne irgendwelche Regiekniffe außerordentlich an Dynamik und Dichte. Die dramatische Konstellation selbst und die inneren Konflikte der Protagonisten treiben die Handlung voran und ihrem tragischen Ende entgegen. Im Grunde geht es dabei um zwei parallele Handlungsstränge: einmal die von Rache und Vergebung geprägte Auseinandersetzung zwischen Eléazar und Brogny, die auch eine starke religionskritische und gesellschaftspolitische Komponente enthält. Die Szenen mit dem nicht zuletzt vom Statthalter aufgewiegelten Mob, der die Juden am liebsten selbst lynchen würde, sind als deutliche Kritik an den über Jahrhunderte anhaltenden Pogromen zu deuten. In Eléazars unbeugsamem Racheverlangen kann man andererseits einen latenten Antisemitismus verorten, der den Juden eben dieses Stereotyp zuordnet. Der zweite Handlungsstrang besteht in der Beziehung zwischen Rachel und Leopold und thematisiert einerseits das Verbot der interreligiösen „Mischehe“, andererseits den Ehebruch.

Thomas Mehnert (Kardinal), Zurab Zurabishvili (Eléazar), Oleksandr Prytolyuk (Ruggiero)Thomas Mehnert (Kardinal), Zurab Zurabishvili (Eléazar), Oleksandr Prytolyuk (Ruggiero)  

Bisweilen kommentiert eine Inszenierung auch ungewollt auf fast makabre Weise die aktuelle Politik. Wenn der – aus der Ukraine stammende – Oleksandr Prytolyuk, dessen Physiognomie gewisse Ähnlichkeiten mit der Wladimir Putins aufweist (Entschuldigung Oleksandr!), in der Rolle des Statthalters den vom georgischen Tenor Zurab Zurabishvili gespielten Eléazar zum Tode verurteilt, gewinnt diese Szene plötzlich eine ungeahnte Brisanz. Da ist dann die seltsame Analogie des Drei-Männer-Kampfes – Brogny, Eléazar und Leopold - um Macht und Rache zu den Vorgängen in der Bundes-SPD am Tage der Premiere das assoziative „Sahnehäubchen“. Zumal auch in der Tagespolitik eine Frau mit einer „unstandesgemäßen Liaison“ eine Rolle spielt.

Doch zurück zur Inszenierung: auch ohne tagespolitische Assoziationen entwickelt sie mehr als ausreichende überzeitliche Bedeutung. Dabei kommt ihr der Verzicht auf jegliche plakative Modernisierung zugute. Selbst die Soldaten des Systems sind trotz ihrer schwarzen Uniformen keine sofort identifizierbaren SS-Schergen sondern nur die notorischen militärischen Erfüllungsgehilfen der Herrschenden. Eléazar ist bei Dew kein hämischer Shylock, der sich an seiner Rache weidet, sondern er leidet unter ihr. Einerseits verlangen die ewige Verfolgung und Unterdrückung seiner Glaubensbrüder sowie die Ermordung seiner Söhne nach Sühne, andererseits zeigt er durch die Errettung des Christenkindes aus dem Feuer Mitleid und kann sich auch dem inneren Leid seines Feindes nicht entziehen. Seine Vergeltung ist mehr Befolgung einer religiösen Pflicht als die Befriedigung eines persönlichen Hasses und zeigt damit die totalitäre Seite aller - hier religiösen – Ideologien.

Brogny ist bei Halévy – und bei Dew – ein geläuterter Christ, der für Vergebung plädiert. Das mag bei Halévy eine innere Selbstzensur widerspiegeln, die den gesellschaftlichen Druck in eine politisch korrekte Figur umformte, Dew jedoch hat sich für diese Figur offensichtlich nicht sonderlich interessiert, und so darf Brogny bei ihm weiterhin Liebe predigen und sich für die zum Tode Verurteilten einsetzen. Ohne verfälschende Textauslassungen hätte man dieser Rolle jedoch auch nur mit Schwierigkeiten eine andere Kontur verleihen können.

Susanne Serfling (Rachel), Thomas Mehnert (Kardinal), Mark Adler (Léopold), ChorSusanne Serfling (Rachel), Thomas Mehnert (Kardinal), Mark Adler (Léopold), Chor

Auch Leopold bleibt in John Dews Inszenierung etwas blass. Abgesehen von der Tatsache, dass er nicht zum Zentrum des Geschehens gehört, hätte man aus seinem erotischen Grenzgang zwischen den Religionen und vor allem aus seinem Ehebruch etwas mehr machen können, aber das hätte vielleicht sogar zu einer Verzettelung der Aussage geführt, denn in dieser Oper geht es in erster Linie um Religion, Rache und Repression und weniger um die Aufrichtigkeit in erotischen Beziehungen. Der Aspekt des Ehebruchs dient wohl nur als Katalysator, um die öffentliche Bloßstellung von Leopolds Doppelleben durch die enttäuschte Geliebte herbeizuführen.

Das Auge dieses Gefühlssturmes liegt eindeutig in dem Dreieck Brogny – Eléazar – Rachel; hier spielen sich die dramatischen Konflikte und letztlich tödlichen Kämpfe ab. Am Ende sind alle drei tot, auch wenn Brogny rein physisch überlebt. Leopold dagegen darf als „unwichtige“ Person weiterleben. Und in diesem Dreieck ergeben sich dann auch die eindrucksvollsten darstellerischen Leistungen. Zurab Zurabishvili und Susanne Serfling als Eléazar und Rachel bilden dabei ein ideales Paar, das sich aneinander steigert. Stimmlich decken beide einen weiten Bereich mühelos ab und zeigen eine hohe Präsenz, die das Publikum in jedem Moment gefangen nimmt. Susanne Serfling begeistert mit scheinbar mühelos gesungenen Koloraturen und einer außerordentlichen Ausdrucksvielfalt von der verliebten Lyrik über den blanken Hass der betrogenen Geliebten bis zur Entsagung der geläuterten, immer noch liebenden Frau. Zurab Zurabishvili steht ihr mit einem durchsetzungsstarken und dennoch geschmeidigen Tenor zu Seite und bringt das Schwanken Eléazars zwischen abgrundtiefem Racheverlangen und mitfühlendem Herzen überzeugend zum Ausdruck. Thomas Mehnert brilliert als Brogny mit einem in allen Lagen machtvollen Bass und lässt die Verunsicherung und das Aufbrechen alten Leids aufgrund der Aussage Eléazars auf geradezu beklemmende Weise sichtbar werden. Mark Adler zeigte bei der Premiere im ersten Teil eine ungewohnte Nervosität, die sich in deutlichen Problemen bei hohen Tönen äußerte. Später schien er dadurch ein wenig verunsichert und hielt sich darstellerisch und gesanglich etwas zurück. Margaret Rose Koenn verlieh der Prinzessin Euxodie, Gattin Leopolds, eine für die Bedeutung dieser Rolle sowohl stimmlich wie darstellerisch erstaunlich scharfe Kontur und bereicherte dadurch die Inszenierung nicht unwesentlich, Oleksandr Prytolyuk sang und spielte den Statthalter Ruggiero mit genau der ihm zukommenden Bedeutung, souverän und glaubwürdig, ohne sich dabei zu sehr in den Vordergrund zu spielen. Dasselbe gilt für Werner Volker Meyer in der Rolle des Offiziers Albert, die er souverän ausfüllte und den wir gerne wieder öfter in wichtigen Rollen sehen würden.

Das Orchester unter Kapellmeister Martin Lukas Meister bemühte sich erfolgreich um Prägnanz und Transparenz, um der Gefahr des falschen romantischen Gestus zu entgehen. Zwar darf und soll man diese Musik nicht intellektuell-distanziert spielen, aber das naiv-impulsive Ausbreiten dieser teilweise doch programmatischen Gefühlsmusik wäre fatal. Dirigent Meister musste sich also auf eine Gratwanderung zwischen Gefühlswallungen und kühler Sachlichkeit begeben, die er und sein Orchester jedoch souverän meisterten. Zu keinem Zeitpunkt hatte man das Gefühl, einer „Herz-Schmerz“-Oper beizuwohnen, sondern stets bildeten Bühnenhandlung und die Musik eine in sich glaubwürdige und geschlossene Einheit.

Das Premierenpublikum würdigte die Leistung des gesamten Ensembles einschließlich Regie durch lang anhaltenden, begeisterten Beifall und „Bravo“-Rufe vor allem für Zurab Zurabishvili und Susanne Serfling.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller