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Das
Fauré-Quartett gastiert mit Klavierquartetten von Kirchner,
Saint-Saëns und Brahms in Darmstadt |
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Kammermusik, wenn nicht gerade
vorgetragen von Solistenstars, trägt selbst beim Publikum
sogenannter "ernster" Musik oft das Stigma des Eklektischen, ja sogar
ein wenig Langweiligen. Das trifft besonders auf Streichquartette mit
oder ohne Klavier zu, die oft introvertiert und mit hohem
musikalischem Anspruch daherkommen. Selten, dass diese Musik eine
Lebensfreude wie bei Mozart verströmen, und oft wandeln sie - wie
bei Beethovens geradezu sprichwörtlich gewordenen "späten
Streichquartetten - in fernen Gefilden der Entrückung. Dass man
diese Musik auch zupackend und voller Leben präsentieren kann,
zeigte das Fauré-Klavierquintett
mit Erika Geldsetzer (Violine), Sascha Frömbling (Viola),
Konstantin Heidrich (Violoncello) und Dirk Mommertz (Klavier) am 30.
Oktober im Kleinen Haus des Staatstheaters Darmstadt.
Um ehrlich zu sein, muss man
natürlich zugeben, dass für eine temperamentvolle
Interpretation auch die enstprechenden Stücke nötig sind.
Schließlich kann man nicht den gesamten "Quartett-Kanon"
über den selben frischen und temporeichen Leisten schlagen. Das
Fauré-Quartett hatte mit "Echo und Narziss" des
zeitgenössischen Komponisten Volker David Kirchner, dem
B-Dur-Quartett von Camille Saint-Saëns und dem c-moll-Quartett von
Johannes Brahms ein Programm zusammengestellt, das nicht nur eine
deutliche Steigerung des Ausdrucks versprach, sondern sich auch durch
die musikalische Vielfalt der einzelnen Stücke auszeichnete. Wie üblich stand das
moderne Stück am Beginn, wenn die der Moderne nicht geneigten
Zuhörer den Raum nicht verlassen können, ohne auf weitere
Stücke zu verzichten. Das klingt zwar etwas abschätzig, hat
sich aber als durchaus praktikable Möglichkeit erwiesen, auch
einem breiten, oftmals eher konservativen Publikum die moderne Musik
nahezubringen. Kirchners Quartett setzt den alten Mythos von Echo und
Narziss in ein musikalisch-psychologisches Porträt um. Echo darf
wegen eines alten Vergehens nicht selbst reden, sondern nur
Gehörtes wiederholen. Sie liebt den schönen Narziss,
stößt jedoch nicht auf Gegenliebe, da sie sich ihm nicht
erklären kann. Diesen wiederum bestrafen die Götter für
seine Arroganz damit, sich in sein Spiegelbild zu verlieben, dass er
nie wird gewinnen können. Beider Schicksal ist also von
unerfüllter Sehnsucht und andauernder Enttäuschung
geprägt, was Kirchner durch fein ziselierte Klänge der
Streicher und Klangtupfern des Klaviers wiedergibt. Das nur acht
Minuten währende "Poème" zeichnet die seelischen Qualen der
beiden mythischen Figuren eher verhalten nach und verzichtet auf
jeglichen vordergründigen Effekt. Auch wenn der Komponist diesem
musikalischen Gedicht ein Thema unterlegt hat, wird es nie zur
Programmmusik, sondern stellt die musikalische Eigengesetzlichkeit
jederzeit über das thematische Material. Die Musiker arbeiteten
bei ihrer Inpretation mit leisesten Tönen, ja Anklängen, die
man zeitweise nur ahnte, und ließen die Töne langsam im Raum
verklingen. Dennoch war dieses Stück von einer subtilen Spannung,
die bis zum Schluss nicht nachließ. Camille
Saint-Saëns galt schon in jungen Jahren als Wunderkind und
betätigte sich auf verschiedenen künstlerischen Gebieten mit
großem Erfolg. Sein Streichquartett in B-Dur op. 41 glänzt
vor allem durch die Vielfalt des Ausdrucks und die
Originalität rhythmischer und melodischer Figuren. Immer wieder
überrascht er mit neuen Einfällen, und man merkt der Musik
den Spaß des Komponisten bei der Arbeit an.
Merkwürdigerweise kommt das einleitende Allegretto wesentlich
leichter und lieblicher daher als das "Andante maestoso" des zweiten
Satzes, das die üblichen Grenzen eines Andante sowohl hinsichtlich
Tempo als auch Ausdruck sprengt. Bisweilen zeigt es die Wucht eines
Marsches - ohne einer zu sein - oder eines strengen Chorals.
Überhaupt "erschlägt" dieser zweite Satz den ersten bei der
Rezeption durch den Zuhörer buchstäblich. War man im ersten
Satz noch geneigt, hinter dieser Musik den gefälligen Franzosen zu
sehen, zeigt der zweite Satz beethovensche Ausmaße. Leicht und
geradezu impressionistisch zeigt sich der dritte Satz, "Poco allegro
...", und der letzte schließlich fasst noch einmal alle Motive in
einer temperamentvollen Synthese zusammen. Auch in diesem Satz erweist
sich Saint-Saëns als Meister der harmonischen und orchestralen
Variation, wenn er die vier Instrumente in in einem dichten Gefüge
von Motiven miteinander und gegeneinander laufen lässt und
zwischenzeitlich zu einem beeindruckenden Klangkörper
zusammenfasst. Das Fauré-Quartett arbeitete die komplexe und
musikalisch außerordentlich reiche Struktur dieses Werkes mit
hoher Transparenz heraus und machte das Zuhören zur reinen Freude.
Hier kam keinen Moment das typische Kammermusikgefühl stillen
Ernstes auf, hier feierte eine glut- und blutvolle Musik ein wahres
Fest. Das Publikum schickte denn auch das Ensemble mit mehr als
reichlichem Beifall in die verdiente Pause.
Der zweite Teil bestand
ausschließlich aus Johannes
Brahms' Streichqaurtett c-moll op. 60. Dies nun bildet einen mehr
als deutlichen Kontrast zu dem Quartett von Saint-Saëns.
Während jener die Freude über Ehe und Nachwuchs auch
musikalisch ausdrückte, lässt dieser seiner unglückliche
Liebe zu Clara Schumann freien Lauf, obwohl diese Liebe bei der
Entstehung des Klavierquartetts bereits gut zwanzig Jahre alt war.
Schon der erste Satz beginnt mit zwei C-Oktaven des Klaviers,
ähnlich dem Schubert-Impromptu op. 90 in c-moll (!). Der gesamte
erste und zweite Satz verbreiten eine düstere,
schicksalumwölkte Stimmung, wie sie dieser Tonart eigen ist.
Brahms macht keine Zugeständnisse an ein der Unterhaltung
geneigtes Publikum. Konsequent geht er seinen Weg durch die strengen
harmonischen und motivischen Strukturen, die absteigende Sekunde als
Seufzermotiv wird geradezu zu einem Markenzeichen des ersten Satzes.
Das Scherzo des zweiten dreht die Sekunde nur um nach oben, ansonsten
hat es so gar nichts von der Unbekümmertheit und der Quirligkeit,
die man dieser Satzart sonst gern unterstellt. Erst das Andante des
dritten Satzes führt in etwas entspanntere und optimistischere
Gefilde, ohne deswegen gleich Heiterkeit zu verströmen. Den
Höhepunkt in jeder Hinsicht stellt dann das Finale dar. Hier geht
Brahms sogar das Risiko ein, das wohl berühmteste musikalische
Motiv zu zitieren. Der erste Takt aus Beethovens 5. Sinfonie taucht
hier so unvermittelt und deutlich auf, dass der Zuhörer
verblüfft meint, sich verhört zu haben. Doch Brahms treibt
ihm dieses Missverständnis schnell aus, indem er das
"Schicksalsmotiv" nicht nur im Klavier, sondern auch in den anderen
Instrumenten immer wieder auftauchen lässt. Am Ende glaubt man
dann, dies sei eigentlich ein Brahms-Motiv. Das Zitat ist sicherlich
kein Zufall, sondern einerseits Reverenz an Brahms' großes
Vorbild, andererseits ein Verweis auf seine, Brahms', eigene
Resignation gegenüber einem ihm vermeintlich nicht günstig
gesinnten Schicksal. Angesichts seiner zunehmenden Reputation als
Komponist und Interpret mutet diese Resignation eigentlich
widersprüchlich an, zeigt jedoch unter Berücksichtigung
seines lebenslangen Junggesellentums deutlich, wie stark die
emotionelle Bindung an Schumanns Witwe gewesen sein muss. Das Fauré-Quartett
brachte die düstere Wucht und Kompromisslosigkeit dieses Werks mit
geradezu magischer Kraft zum Ausdruck. Waren die Zuhörer bei
Saint-Saëns noch begeistert von der Frische und dem musikalischen
Witz, so erlebten sie hier eine andere Dimension der Interpretation.
Nicht mehr die Vielfalt und die musikalische Freude spielten hier eine
Rolle sondern die Konsequenz und Wucht, mit der die vier Musiker die
tragische Grundstimmung dieses Werks und seines Verfassers wiedergaben.
In diesen vier Sätzen ließ das Ensemble einen Menschen sein
ganzes persönliches Leid, und sei es noch so subjektiv,
ausdrücken und ausleben. Mit höchster technischer
Perfektion und einer kaum zu überbietenden Dichte des
musikalischen Ausdrucks schuf das Ensemble eine Stimmung, die selbst
die hartnäckigsten Huster im Saal zumindest für eine Weile
verstummen ließ. Umso ärgerlicher, dass nach fast jedem
dieser Sätze eine einsame Husterin ihren gellenden Kommentar
abgab, sodass selbst Sascha Frömbling an der Viola indigniert
dorthin schaute. Die Unsitte, das Konzerthaus mit einem
Lungensanatorium zu verwechseln, scheint unausrottbar. Das Publikum zeigte sich von der
Interpretation des Fauré-Quartetts derart angetan, dass es mit
anhaltendem Beifall noch den langsamen Satz eines Schumann-Quartetts
als Zugabe erhielt. Auch dieses "Einzelstück" entwickelte sich
musikalisch derart dicht und geschlossen, dass es eher als
vollständiger Programmpunkt denn als bloße "Zugabe" zu
werten war.
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