Eine traurige Groteske



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"La Compagnie de Théatre Tour de Force" mit "Au Revoir Les Enfants" im Staatstheater Darmstadt

 

Soviele junge Leute hatte das Kleine Haus des Staatstheaters Darmstadt lange nicht gesehen. Das Haus war nahezu vollständig von Schülern und Schülerinnen der umliegenden Gymnasien gefüllt, die mit ihren Französischlehrern gekommen waren, um die Theaterversion von Louis Malles Film "Au Revoir Les Enfants" in französischer Sprache zu sehen.

Das Stück spielt in einem südfranzösischen Jungen-Internat während des Zweiten Weltkrieges. Der 12jährige Julien ist von seinen Eltern in das streng katholische Internet geschickt worden, um den Wirren und Gefahren des Krieges zu entgehen. Als ein neuer, etwas verschüchterter Junge namens Jean Bonnet eintrifft, wird er wegen seiner offensichtlichen Andersartigkeit bald zum Ziel von Spott und Drangsalierungen durch die Kameraden. Seine ungewöhnliche Begabung für Musik und Mathematik machen ihm die Eingewöhnung nicht gerade leichter. Als er bei zufälligen Razzien französischer Milizen und deutscher Soldaten versteckt wird, weckt er Juliens Interesse noch mehr, und bald bekommt Julien heraus, dass Jean eigentlich Kippelstein heißt und Jude ist. Die beiden freunden sich schließlich an, doch am Ende verrät der Hausknecht Joseph Jean und den ihn versteckenden Direktor des Internats, Père Jean. Die Gestapo führt beide ab und sendet sie in den Tod nach Deutschland. Die letzten Worte des abreisenden Père Jean lauten "Au revoir les enfants, À bientôt". Es wird jedoch kein Wiedersehen geben.

v.l.n.r.: Stephanie Brittain (Jean Bonnet), Délia Rémy (Babinot), Michel Manget (Sagard) und Mariam Haque (Julien)v.l.n.r.: Stephanie Brittain (Jean Bonnet), Délia Rémy (Babinot), Michel Manget (Sagard) und Mariam Haque (Julien)

Die französische Schauspieltruppe  "Tour de Force" hat sich auf herausragende Theaterstücke in Englisch und Französisch spezialisiert und befindet sich zur Zeit mit "Au Revoir Les Enfants" auf einer Deutschland-Tournee. Die drei Frauen und zwei Männer auf der Bühne interpretieren Louis Malles stark autobiographisch geprägtes Stück mit einem Minimum an Requisiten und Kostümen. Beliebig kombinierbare Metallgitter dienen - ganz im Sinne eines heute üblichen minimalistischen Bühnenbildes - als Eisenbahnwaggon, Internatsbetten oder Kücheneinrichtungen. Die Schauspieler tragen entweder die einfachen Schuluniformen der Kinder  - graue kurze Hosen, graue Jacken -, die einfachen Trachten des Hauspersonals - ebenfalls in Grau - oder die graue Mönchskutte des katholischen Paters. Das durchgängige Grau symbolisiert den tristen Kriegsalltag in dem abgelegenen Internat und die schlechten Zeiten.

Obwohl die Handlung alles andere als komödiantisch ist, präsentiert Regisseur Peter Joucla es doch als wenn auch traurige Groteske. Vor allem anfangs, wenn zumindest die Schüler nichts von dem Geheimnis des neuen Kameraden ahnen, geht es recht lebhaft und deftig zu, wenn sich die Schüler gegenseitig necken, ärgern und einem Neuen auch schon einmal ein Bein stellen. Ungeachtet der späteren tragischen Entwicklung zeigt Joucla hier ein zwar karges aber dennoch lebenslustiges Kinderdasein, in das die grausame Realität erst nach und nach einsickert. Selbst der später durch seine Denunziation als Auslöser der Katastrophe  auftretende Joseph ist kein feiges Monster sondern nur ein armer Kerl, der sich seinen kargen Lebensunterhalt durch Schwarzhandel aufgebessert hat und nach seiner Entlarvung und Entlassung aus momentaner Wut plaudert.....

Wer nicht gerade fließend Französisch spricht und versteht, wird bei dieser Aufführung seine Schwierigkeiten (gehabt) haben. Zu schnell gehen die Dialoge über die Bühne, die Schauspieler sprechen - aus guten Gründen - selten zum Publikum, und ihre Artikulation nimmt auch nicht gerade betont Rücksicht auf die begrenzten Sprachkenntnisse des deutschen Publikums. Wer allerdings mit genauer Kenntnis des Handlungsablaufs in das Stück ging - und das taten zumindest die Schulklassen - konnte aus der Handlung auf den Text schließen und sich langsam in das Stück hineinhören. Darüber hinaus enthielt das Programmheft den gesamten Text, was jedoch wenig half, da man nicht gleichzeitig - im abgedunkelten Zuschauerraum! - den Text lesen und gleichzeitig dem Bühnengeschehen folgen kann.

Abgesehen von diesen Einschränkungen spricht die Aufführung durch die temperamentvolle und engagierte Spielweise der Darsteller für sich und vermittelt den Inhalt auch den weniger Sprachkundigen recht gut. Das weitgehend gut vorbereitete Publikum leistete seinen eigenen Beitrag und zeigte durch spontane Reaktionen gutes Verständnis sowohl der Handlung als auch der dahinter stehenden Aussage.


Frank Raudszus