| |
Eine traurige Groteske |
![]() Weitere Stücke dieses Autors: Ihre Meinung über E-Mail hier |
"La
Compagnie de Théatre Tour de Force" mit "Au Revoir Les Enfants"
im Staatstheater Darmstadt |
|
Soviele junge Leute hatte das
Kleine Haus des Staatstheaters Darmstadt lange nicht gesehen. Das Haus
war nahezu vollständig von Schülern und Schülerinnen der
umliegenden Gymnasien gefüllt, die mit ihren
Französischlehrern gekommen waren, um die Theaterversion von Louis
Malles Film "Au Revoir Les Enfants" in französischer Sprache zu
sehen. Das Stück spielt in einem
südfranzösischen Jungen-Internat während des Zweiten
Weltkrieges. Der 12jährige Julien ist von seinen Eltern in das
streng katholische Internet geschickt worden, um den Wirren und
Gefahren des Krieges zu entgehen. Als ein neuer, etwas
verschüchterter Junge namens Jean Bonnet eintrifft, wird er wegen
seiner offensichtlichen Andersartigkeit bald zum Ziel von Spott und
Drangsalierungen durch die Kameraden. Seine ungewöhnliche Begabung
für Musik und Mathematik machen ihm die Eingewöhnung nicht
gerade leichter. Als er bei zufälligen Razzien französischer
Milizen und deutscher Soldaten versteckt wird, weckt er Juliens
Interesse noch mehr, und bald bekommt Julien heraus, dass Jean
eigentlich Kippelstein heißt und Jude ist. Die beiden freunden
sich schließlich an, doch am Ende verrät der Hausknecht
Joseph Jean und den ihn versteckenden Direktor des Internats,
Père Jean. Die Gestapo führt beide ab und sendet sie in den
Tod nach Deutschland. Die letzten Worte des abreisenden Père
Jean lauten "Au revoir les enfants, À bientôt". Es wird
jedoch kein Wiedersehen geben.
Die französische
Schauspieltruppe "Tour de Force" hat sich auf herausragende
Theaterstücke in Englisch und Französisch spezialisiert und
befindet sich zur Zeit mit "Au Revoir Les Enfants" auf einer
Deutschland-Tournee. Die drei Frauen und zwei Männer auf der
Bühne interpretieren Louis Malles stark autobiographisch
geprägtes Stück mit einem Minimum an Requisiten und
Kostümen. Beliebig kombinierbare Metallgitter dienen - ganz im
Sinne eines heute üblichen minimalistischen Bühnenbildes -
als Eisenbahnwaggon, Internatsbetten oder Kücheneinrichtungen. Die
Schauspieler tragen entweder die einfachen Schuluniformen der
Kinder - graue kurze Hosen, graue Jacken -, die einfachen
Trachten des Hauspersonals - ebenfalls in Grau - oder die graue
Mönchskutte des katholischen Paters. Das durchgängige Grau
symbolisiert den tristen Kriegsalltag in dem abgelegenen Internat und
die schlechten Zeiten. Obwohl die Handlung alles andere
als komödiantisch ist, präsentiert Regisseur Peter Joucla es
doch als wenn auch traurige Groteske. Vor allem anfangs, wenn zumindest
die Schüler nichts von dem Geheimnis des neuen Kameraden ahnen,
geht es recht lebhaft und deftig zu, wenn sich die Schüler
gegenseitig necken, ärgern und einem Neuen auch schon einmal ein
Bein stellen. Ungeachtet der späteren tragischen Entwicklung zeigt
Joucla hier ein zwar karges aber dennoch lebenslustiges Kinderdasein,
in das die grausame Realität erst nach und nach einsickert. Selbst
der später durch seine Denunziation als Auslöser der
Katastrophe auftretende Joseph ist kein feiges Monster sondern
nur ein armer Kerl, der sich seinen kargen Lebensunterhalt durch
Schwarzhandel aufgebessert hat und nach seiner Entlarvung und
Entlassung aus momentaner Wut plaudert..... Wer nicht gerade fließend
Französisch spricht und versteht, wird bei dieser Aufführung
seine Schwierigkeiten (gehabt) haben. Zu schnell gehen die Dialoge
über die Bühne, die Schauspieler sprechen - aus guten
Gründen - selten zum Publikum, und ihre Artikulation nimmt auch
nicht gerade betont Rücksicht auf die begrenzten Sprachkenntnisse
des deutschen Publikums. Wer allerdings mit genauer Kenntnis des
Handlungsablaufs in das Stück ging - und das taten zumindest die
Schulklassen - konnte aus der Handlung auf den Text schließen und
sich langsam in das Stück hineinhören. Darüber hinaus
enthielt das Programmheft den gesamten Text, was jedoch wenig half, da
man nicht gleichzeitig - im abgedunkelten Zuschauerraum! - den Text
lesen und gleichzeitig dem Bühnengeschehen folgen kann. Abgesehen von diesen
Einschränkungen spricht die Aufführung durch die
temperamentvolle und engagierte Spielweise der Darsteller für sich
und vermittelt den Inhalt auch den weniger Sprachkundigen recht gut.
Das weitgehend gut vorbereitete Publikum leistete seinen eigenen
Beitrag und zeigte durch spontane Reaktionen gutes Verständnis
sowohl der Handlung als auch der dahinter stehenden Aussage.
|
|