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Wagner mit Witz und Wonne |
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John
Dew inszeniert Richard Wagners "Meistersinger" in Darmstadt |
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Richard Wagners Opern sind nicht
gerade für Kürze und Kompaktheit bekannt. Und so wunderten
sich die Premierengäste in Darmstadt auch nicht, als ihnen das
Programmheft zu den "Meistersingern" über fünf Stunden Musik
vorhersagte. Zwei Pausen sollten diesen ausufernden Musikgenuss zwar
auflockern, doch selbst Wagnerkenner und -liebhaber sahen diesem
langen Sonntagnachmittag und -abend mit gemischten Gefühlen
entgegen. Bereits um 16 Uhr lockte das Große Haus die
Premierengäste aus einem sonnig-warmen Herbsttag in den dunklen
Saal, und so mancher mag den Freiluft-Alternativen an diesem
schönen Tag nachgetrauert haben. Dass es sich dann am Ende doch in
jeder Hinsicht gelohnt haben würde, die Kunst dem Kaffeeklatsch
vorzuziehen,
konnte man um diese Zeit nicht unbedingt ahnen. Denn zum Ausklang eines
Wochenendes einer sechsstündigen Wagner-Oper zu lauschen ist mehr
als reine Unterhaltung und Zerstreuung. Auf der anderen Seite werfen
solche seltenen Großpremieren auch ihre Schatten in Form einer
gewissen gespannten Erwartung, ja Aufgeregtheit des Publikums voraus,
das gespannt der Dinge harrt, die da kommen sollen. So zeigten sich die
Premierengäste betont aufgekratzt wie vor einem wichtigen
Sportereignis.
Dew hat sich mit seiner
Inszenierung konsequent in Wagners Epoche und Zeitgeist
zurückversetzt. Obwohl Wagner selbst seine Oper wohl eher in dem
mittelalterlichen Nürnberg angesiedelt hat, sieht Dew die Oper zu
Recht als Bestandsaufnahme der künstlerischen Situation zu Wagners
Zeit und vor allem als Abrechnung mit dem - zumindest aus Wagners Sicht
- erstarrten Kulturkonservatismus seiner Zeit. Und das lässt sich
nicht nur an der Figur des Beckmesser erkennen, die sogar der -
natürlich gemeinte - gefürchtete Musikkritiker Eduard
Hanslick sofort auf sich bezogen hat, sondern an der das gesamte
Libretto durchziehenden Auseinandersetzung zwischen alten und neuen
Musik- und Kunstströmungen. Wagner bindet dieses Thema zwar an
einen Sängerwettbewerb in einem zeitlich wie auch immer
angesiedelten Nürnberg, doch meint er in Wirklichkeit seine Zeit,
seinen Kulturbetrieb und - vor allem - sich selbst. Die
Handwerksmeister, die den an sich schönen Brauch des Wettsingens
um den Titel eines "Meistersingers" erfunden und gepflegt haben, sind
mittlerweile zu einer in Vorurteilen und unumstößlichen
künstlerischen Regeln erstarrten Standesgesellschaft geronnen. Die
selbst erstellten Regeln stellen das Gerüst dar, um das sie ihr
Leben und ihre Identität aufgebaut haben und an dem deshalb auf
keinen Fall gerüttelt werden darf. All ihre
Rückständigkeit und Verbohrtheit lagern sie jedoch in einer
Art unterschwelliger Entsühnung an ihren Stadtschreiber aus, der
bei demnSängerwettbewerben als unnachgiebiger Kritiker amtiert. Es
spricht für die langfristige Wirkung dieser Oper, dass sich dessen
Name - Beckmesser - als Selbstläufer zu einem selbständigen
Synonym für verknöchertes Pedantentum entwickelt hat. Die
Meister selbst gerieren sich gern als liberal, brauchen jedoch im
Stillen den festen Halt unverbrüchlicher, nie hinterfragter
Regeln. Nur einer fällt aus diesem Rahmen biederer Bürger:
Hans Sachs. Der historische Hans Sachs aus dem 16. Jahrhundert war
tatsächlich Schuster und Verfasser zahlreicher Lieder und
Schauspiele. In seiner Wiedergeburt auf der Opernbühne sah Wagner
offensichtlich sein eigenes "alter ego", da er als Einziger dem Neuen
gegenüber aufgeschlossen ist und mutig für künstlerische
Außenseiter eintritt. "Honi soit, qui hierin Eitelkeit erkennt!"
Das zweite "alter ego" Wagners steckt natürlich in Walther von
Stolzing, dem jungen Adligen, der sich gegen alle künstlerischen
Konventionen mit einem eigenen, lebensfrischen, innovativen und
authentischen Stil Feinde macht - sich aber letztlich durchsetzt. Es
liegt auf der Hand, dass ein Egozentriker wie Wagner sich
natürlich in dieser durch und durch positiven Figur selbst erkennt
und dass sein Held sich schließlich gegen alle Widerstände
durchsetzt. Dass die Entwicklung des internationalen Musikbetriebs
Wagner in dieser Sicht Recht gibt, mindert zwar den Anteil der
Eitelkeit nicht, bestätigt aber das alte Gesetz: "Der Sieger hat
Recht".
In diesem Zusammenhang ist
übrigens auch die Rolle der weiblichen Person - Eva - und damit
die Bedeutung der Liebeshandlung aufschlussreich. Diesen
Handlungsstrang kann man guten Gewissens als Zugeständnis an den
Publikumsgeschmack werten, der stets einen Beitrag aus dem Ressort
"Herz und Schmerz" erwartet und bei Bedarf einfordert. Für die
eigentliche Handlung, die Auseinandersetzung des Künstlers mit
seinem Material, seiner Umwelt und seinen Kritikern, hat die
Liebesgeschichte mit Eva keine Bedeutung. Wagner hätte dem Sieger
des Sängerwettbewerbs durchaus einen Sack Gold zukommen lassen
können, hätte dann aber auf eindrucksvolle weibliche
Gesangspartien verzichten müssen. Auf diese Weise sorgt der
erotische Teil des Librettos nicht nur für den richtigen
"Handlungsmix" sondern auch für eine gesunde Mischung der Stimmen.
Ähnliches gilt für die zweite Liebesgeschichte zwischen dem
Lehrjungen David und Magdalene, die ein gesellschaftliches Pendant aus
einfachen Kreisen zu Walters und Evas Liaison aus Adel und
Bürgertum bildet, wie wir es aus Mozarts Opern kennen. Die adlige
Herkunft Walters lässt außerdem auf Wagners politische
Einstellung schließen. Zwar verstand er sich als Rebell gegen die
herrschenden bürgerlich-restaurativen Verhältnisse, doch im
Gegensatz zu dem fast gleichaltrigen Karl Marx setzte er nicht auf die
breiten Volksmassen sondern auf eine aufgeklärte, "geniale"
Oberschicht, zu der er sich fraglos selbst zählte. Die Bürger
stellen bei ihm eher eine Barriere zwischen einer klugen Elite und dem
einfachen Volk dar und unterdrücken letzteres. Ein idealer
Fürst dagegen erkennt und bedient die - natürlich von ihm
definierten - Bedürfnisse des Volkes. Mit der Sehnsucht nach dem
"guten Diktator" steht Wagner jedoch beileibe nicht allein in der Welt
da. Dew wird dieser
künstlerischen "Nabelschau" Wagners gerecht, indem er vom
Bühnenbild über die Kostüme bis zum Bühnengeschehen
das 19. Jahrhundert wiederauferstehen lässt, jedoch ohne die
Illusion eines naturalistischen Bühnenbildes. Die Wände hat
Bühnenbildner Heinz Balthes flächendeckend mit Noten aus der
"Meistersinger"-Partitur tapeziert. Indem
er die Requisiten des 19. Jahrhunderts
offen in den Rahmen der modernen Bühne stellt, ironisiert er die
Darstellung und distanziert sich damit von dieser Epoche. Selbst wenn
er den Nachtwächter im Hintergrund mit langem Mantel und Laterne
über die Bühne laufen lässt, wirkt dies nicht als
nostalgischer Blick in die "gute alte Zeit" sondern eher als
humoristisches Aperçu, und die Schusterwerkstatt von Hans Sachs
ist durch eine Wand aus Schuhkartons von seinem Wohnzimmer getrennt,
die ein völlig desorientierter Beckmesser tolpatschig wie das
Kartenhaus seines eigenen Lebens einreißt. Die Kostüme
strahlen die gleiche Behäbigkeit und Biederkeit des 19.
Jahrhunderts aus - außer bei Beckmesser und Stolzing.
Während der fast aktuelle
lockere Einreiher des Walther von
Stolzing als Markenzeichen eines unkonventionellen Vertreters einer
neuen Zeit für sich spricht, erfordert der enge, ebenfalls
zeitlose Zweireiher Beckmessers eine erweiterte Interpretation. Fast
möchte man meinen, in ihm den "ewigen Kritiker" zu sehen, der als
Archetypus alle Zeiten, auch das spießige 19. Jahrhundert,
unbeschadet überstanden hat. Ein besonderer Gag ist
José-Manuel Vásquez mit den Lederhosen der Lehrbuben
gelungen, die so etwas wie Oktoberfest-Stimmung auf die Bühne
bringen. Auch sie durchbrechen mit ihrer Jugendbewegtheit die biedere
Strenge der Meisterzunft mit ihren Gehröcken und Zylindern. Als
wohl unbestrittenen Höhepunkt enthüllt Vasquez zur
abschließenden Fotoaufstellung der gesamten Meisterzunft ein
überdimensionales Gemälde an der Bühnenrückwand,
auf dem Richard Wagner als Felsenkopf à la "Mount Rushmore" im
Kreise der ihm (einzig) ebenbürtigen Giganten Beethoven, Goethe
und Schiller erscheint. Damit spielen Dew und Vasquez ironisch an die
Selbsteinschätzung Wagners als Meister der Dichtung an.
Die Inszenierung sorgt
überdies für viel Bewegung und Humor auf der Bühne.
Nicht nur die Chorszenen mit den lederbehosten Lehrbuben oder den
Bürgern im nächtlichen Nachthemd sorgen für Leben,
sondern vor allem die Prügelei auf der Bühne Ende des zweiten
Aktes, die Dew genüsslich als Teil einer "komischen Oper"
interpretiert. Hier gibt es viel zu lachen, und Dew gibt dem Affen
Publikum reichlich Zucker. So lässt er David den verschreckten
Beckmesser samt Gitarre durch die Zuschauerreihen des Parketts
verfolgen, und bei anderen Gelegenheiten verteilen Mädchen des
Chors Brezeln ans Publikum - werfen sie gar hoch in die Reihen! - oder
verteilen würdig gekleidete Sänger signierte Fotos an die
Zuschauer der hinteren Reihen. Auch die Szene des Ständchens
Beckmessers an die vermeintliche Eva - die sich Wagner wohl ein wenig
aus dem "Don Giovanni" abgeschaut hat - und dem ewig störenden und
quer dazu singenden Hans Sachs erntet wegen ihrer satirischen
Zuspitzung viel Heiterkeit, von der abschließenden Blamage
Beckmessers mit dem verunstalteten Lied Walther von Stolzings ganz zu
schweigen. So gibt es bei dieser Wagner-Oper viel zu schmunzeln und
bisweilen auch Grund zum befreiten Lachen, was mancher angesichts der
anderen Wagner-Opern kaum für möglich halten würde.
Bissig könnte man sagen, dass Wagner immer dann witzig werden
kann, wenn er seinen Widersachern auf den Kopf schlägt. Die Besetzung einer solchen
anspruchsvollen, personalintensiven und kraftraubenden Oper stellt
immer eine besondere Herausforderung dar. Allein siebzehn hauptamtliche
Sängerpositionen waren zu besetzten, vom Chor ganz zu schweigen.
Wenn dann nach der Generalprobe zwei Hauptdarsteller ausfallen, gleicht
das eigentlich einer Katastrophe. Genau das ist in Darmstadt geschehen:
der für die Rolle des Walther von Stolzing vorgesehene Norbert
Schmittberg und Nina Keitel (Magdalene) fielen krankheitsbedingt
kurzfristig aus und mussten sozusagen in letzter Minute ersetzt werden.
Doch Wagner-Sänger, deren Stimme der Dauerbelastung von
fünfeinhalb Stunden durchgestalteten Gesangs gewachsen ist, sind
dünn gesät. So war es ein Glücksfall, dass John Dew mit
Herbert Lippert und Carola Gruber zwei Kräfte verpflichten konnte,
die den jeweiligen Part "aus dem Stand" singen und spielen konnten.
Unter den gegebenen Umständen fehlender gemeinsamer Proben haben
sich beide achtbar aus der Affäre gezogen, wenn auch Herbert
Lippert sowohl in den hohen wie tiefen Lagen seiner Tenorpartie einige
Probleme hatte, während Carola Gruber teilweise eine Spur zu
forciert wirkte. Beide füllten jedoch darstellerisch ihre Rollen
glaubwürdig aus, wobei man sich von Herbert Lippert bisweilen
einen etwas emotionaleren und leidenschaftlicheren Stolzing
gewünscht hätte.
Absolut überzeugend agiert
Anja Vincken als Eva, sowohl stimmlich als auch darstellerisch. Ihre
glasklare und dennoch nie dünne Stimme überzeugt auch noch in
höchsten Lagen, als seien diese Koloraturen eine wahre
Kleinigkeit. Daneben kann sie noch mit Leichtigkeit ihre Rolle als
verliebte Braut und brave aber unglückliche Tochter spielen. Ralf
Lukas gibt einen überzeugenden Hans Sachs und bleibt von Beginn
bis zum Schluss stimmlich und darstellerisch präsent. Er ist einer
der Dreh- und Angelpunkte der Inszenierung; zwar ist ihm diese zentrale
Rolle vom Libretto vorgegeben, aber so eine Rolle muss man auch erst
einmal ausfüllen können. Besonders eindrucksvoll ist Lukas in
den humoristichen Szenen, so, wenn er Beckmesser bis aufs Blut reizt.
Dann merkt man, wie ihm das Komödiantische liegt. Ganz besonders
überzeugt in dieser Inszenierung jedoch Gerd Vogel als Beckmesser.
Könnte man die gute darstellerische Leistung noch auf die Tatsache
zurückführen, dass schräge und unsympathische Figuren
immer leichter zu spielen sind als die "langweiligen Guten", so gilt
das für die gesangliche Leistung nicht. Hier zählt nur die
Stimme, und die erwies sich in allen Lagen als gleichermaßen
durchsetzungsstark und niemals bemüht. Auch hohe oder tiefere
Partien kamen ihm fast mühelos von den Lippen, und immer sang der
Körper mit. Seine unüberhörbare Wirkung auf das Publikum
kam eindeutig aus der Stimme, denn üblicherweise übertragen
Zuschauer negative Gefühle gegenüber einer Rolle
unterschwellig gerne auf den Darsteller. Das war bei Gerd Vogels
Beckmesser eindeutig nicht der Fall. Andreas Daum verlieh dem Veit
Pogner seinen eindrucksvollen und stets bühnenbeherrschenden Bass,
und Jeffrey Treganza hatte als Lehrbub David nicht nur die Last mit
seinem Bubenanzug, sondern vor allem im ersten Aufzug auch einen ewig
langen Auftritt, den er bravourös meisterte. Auch ihm machte die
burleske Rolle des David - fast im Stil einer opera buffa - offensichtlich viel
Spaß, und stimmlich überzeugte er über lange Strecken
seiner durchaus nicht anspruchsarmen Rolle. Die Rollen der anderen
Zunftmeister füllten die bewährten Sänger des
Opernensembles professionell und im Rahmen der Möglichkeiten der
jeweiligen Rolle überzeugend aus. Der Chor war für diese
Inszenierung um einen Extrachor erweitert worden und überzeugte
durch seine Beweglichkeit und Variabilität, die viel zu
Lebhaftigkeit und Tempo der Aufführung beitrugen. Das Orchester stand zum ersten
Mal bei einer Oper unter der Leitung des neuen GMD Constantin Trinks,
der hiermit - wie Stolzing auf der Bühne - ein Meisterstück
ablieferte. Die Ouvertüre nahm er über lange Strecken fast im
Kammermusikstil und verzichtete weitgehend auf wagnerianischen Donner.
Auch in den einzelnen Aufzügen beachtete er durchgehend den Primat
der Stimmen und übertönte diese so gut wie nicht. Das
bedeutet jedoch nicht, dass Wagners Orchestermusik bei ihm zur
bloßen Begleitung der Sänger verfiel. In den entscheidenden
Momenten, in denen die Musik das dramatische Geschehen nicht nur
kommentieren sondern auch ausgestalten soll, zeigte sich das Orchester
in höchstem Maße präsent und überzeugend, sowohl
was die Intonation - eigentlich in Darmstadt eine
Selbstverständlichkeit - als auch die Klangfarben und
Ausgewogenheit der Instrumentengruppen betrifft. Wenn auch die
Bläser bei Wagner naturgemäß stark vertreten sind,
bestand nie die Gefahr eines "Wagner-Blasorchesters", die sich
doch bei dieser tendenziell auftrumpfenden Musik nie ausschließen
lässt. Das Premierenpublikum zeigte
sich ausgesprochen begeistert und war auch noch nach sechs Stunden in
hohem Maße präsent, was sich in stürmischem Beifall und
vielen "Bravo"-Rufen zeigte. Dass sich auch hier wieder eine
prinzipentreue "Buh"-Gemeinde einfand, muss man wohl auf das Konto
eines "Wagner-Wahns" buchen, der stets auf den alten Regeln einer
Wagner-Inszenierung beharrt. So gesehen hätte man diese Garde in
die Meisterzunft auf der Bühne integrieren oder ihnen gar einen
"Beckmesser-Preis" verleihen können Weitere
Aufführungen am 18. Oktober, 9. November sowie am 7. und 27.
Dezember.
Alle
Fotos © Barbara Aumüller |
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