Wagner mit Witz und Wonne























































































































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John Dew inszeniert  Richard Wagners "Meistersinger" in Darmstadt

 

Richard Wagners Opern sind nicht gerade für Kürze und Kompaktheit bekannt. Und so wunderten sich die Premierengäste in Darmstadt auch nicht, als ihnen das Programmheft zu den "Meistersingern" über fünf Stunden Musik vorhersagte. Zwei Pausen sollten diesen ausufernden Musikgenuss zwar auflockern, doch selbst Wagnerkenner und -liebhaber sahen diesem langen Sonntagnachmittag und -abend mit gemischten Gefühlen entgegen. Bereits um 16 Uhr lockte das Große Haus die Premierengäste aus einem sonnig-warmen Herbsttag in den dunklen Saal, und so mancher mag den Freiluft-Alternativen an diesem schönen Tag nachgetrauert haben. Dass es sich dann am Ende doch in jeder Hinsicht gelohnt haben würde, die Kunst dem Kaffeeklatsch vorzuziehen, konnte man um diese Zeit nicht unbedingt ahnen. Denn zum Ausklang eines Wochenendes einer sechsstündigen Wagner-Oper zu lauschen ist mehr als reine Unterhaltung und Zerstreuung. Auf der anderen Seite werfen solche seltenen Großpremieren auch ihre Schatten in Form einer gewissen gespannten Erwartung, ja Aufgeregtheit des Publikums voraus, das gespannt der Dinge harrt, die da kommen sollen. So zeigten sich die Premierengäste betont aufgekratzt wie vor einem wichtigen Sportereignis.

Randal Turner ( Konrad Nachtigall), Thomas Mehnert (Fritz Korthner), Gerd Vogel (Sixtus Beckmesser), Ralf Lukas (Hans Sachs), Andreas Wagner (Ulrich Eisslinger), Hans Griepentrog (Hans Foltz)Randal Turner ( Konrad Nachtigall), Thomas Mehnert (Fritz Korthner), Gerd Vogel (Sixtus Beckmesser), Ralf Lukas (Hans Sachs), Andreas Wagner (Ulrich Eisslinger), Hans Griepentrog (Hans Foltz)

Dew hat sich mit seiner Inszenierung konsequent in Wagners Epoche und Zeitgeist zurückversetzt. Obwohl Wagner selbst seine Oper wohl eher in dem mittelalterlichen Nürnberg angesiedelt hat, sieht Dew die Oper zu Recht als Bestandsaufnahme der künstlerischen Situation zu Wagners Zeit und vor allem als Abrechnung mit dem - zumindest aus Wagners Sicht - erstarrten Kulturkonservatismus seiner Zeit. Und das lässt sich nicht nur an der Figur des Beckmesser erkennen, die sogar der - natürlich gemeinte - gefürchtete Musikkritiker Eduard Hanslick sofort auf sich bezogen hat, sondern an der das gesamte Libretto durchziehenden Auseinandersetzung zwischen alten und neuen Musik- und Kunstströmungen. Wagner bindet dieses Thema zwar an einen Sängerwettbewerb in einem zeitlich wie auch immer angesiedelten Nürnberg, doch meint er in Wirklichkeit seine Zeit, seinen Kulturbetrieb und - vor allem - sich selbst. Die Handwerksmeister, die den an sich schönen Brauch des Wettsingens um den Titel eines "Meistersingers" erfunden und gepflegt haben, sind mittlerweile zu einer in Vorurteilen und unumstößlichen künstlerischen Regeln erstarrten Standesgesellschaft geronnen. Die selbst erstellten Regeln stellen das Gerüst dar, um das sie ihr Leben und ihre Identität aufgebaut haben und an dem deshalb auf keinen Fall gerüttelt werden darf. All ihre Rückständigkeit und Verbohrtheit lagern sie jedoch in einer Art unterschwelliger Entsühnung an ihren Stadtschreiber aus, der bei demnSängerwettbewerben als unnachgiebiger Kritiker amtiert. Es spricht für die langfristige Wirkung dieser Oper, dass sich dessen Name - Beckmesser - als Selbstläufer zu einem selbständigen Synonym für verknöchertes Pedantentum entwickelt hat. Die Meister selbst gerieren sich gern als liberal, brauchen jedoch im Stillen den festen Halt unverbrüchlicher, nie hinterfragter Regeln. Nur einer fällt aus diesem Rahmen biederer Bürger: Hans Sachs. Der historische Hans Sachs aus dem 16. Jahrhundert war tatsächlich Schuster und Verfasser zahlreicher Lieder und Schauspiele. In seiner Wiedergeburt auf der Opernbühne sah Wagner offensichtlich sein eigenes "alter ego", da er als Einziger dem Neuen gegenüber aufgeschlossen ist und mutig für künstlerische Außenseiter eintritt. "Honi soit, qui hierin Eitelkeit erkennt!" Das zweite "alter ego" Wagners steckt natürlich in Walther von Stolzing, dem jungen Adligen, der sich gegen alle künstlerischen Konventionen mit einem eigenen, lebensfrischen, innovativen und authentischen Stil Feinde macht - sich aber letztlich durchsetzt. Es liegt auf der Hand, dass ein Egozentriker wie Wagner sich natürlich in dieser durch und durch positiven Figur selbst erkennt und dass sein Held sich schließlich gegen alle Widerstände durchsetzt. Dass die Entwicklung des internationalen Musikbetriebs Wagner in dieser Sicht Recht gibt, mindert zwar den Anteil der Eitelkeit nicht, bestätigt aber das alte Gesetz: "Der Sieger hat Recht".

Ralf Lukas (Hans Sachs)Ralf Lukas (Hans Sachs)

In diesem Zusammenhang ist übrigens auch die Rolle der weiblichen Person - Eva - und damit die Bedeutung der Liebeshandlung aufschlussreich. Diesen Handlungsstrang kann man guten Gewissens als Zugeständnis an den Publikumsgeschmack werten, der stets einen Beitrag aus dem Ressort "Herz und Schmerz" erwartet und bei Bedarf einfordert. Für die eigentliche Handlung, die Auseinandersetzung des Künstlers mit seinem Material, seiner Umwelt und seinen Kritikern, hat die Liebesgeschichte mit Eva keine Bedeutung. Wagner hätte dem Sieger des Sängerwettbewerbs durchaus einen Sack Gold zukommen lassen können, hätte dann aber auf eindrucksvolle weibliche Gesangspartien verzichten müssen. Auf diese Weise sorgt der erotische Teil des Librettos nicht nur für den richtigen "Handlungsmix" sondern auch für eine gesunde Mischung der Stimmen. Ähnliches gilt für die zweite Liebesgeschichte zwischen dem Lehrjungen David und Magdalene, die ein gesellschaftliches Pendant aus einfachen Kreisen zu Walters und Evas Liaison aus Adel und  Bürgertum bildet, wie wir es aus Mozarts Opern kennen. Die adlige Herkunft Walters lässt außerdem auf Wagners politische Einstellung schließen. Zwar verstand er sich als Rebell gegen die herrschenden bürgerlich-restaurativen Verhältnisse, doch im Gegensatz zu dem fast gleichaltrigen Karl Marx setzte er nicht auf die breiten Volksmassen sondern auf eine  aufgeklärte, "geniale" Oberschicht, zu der er sich fraglos selbst zählte. Die Bürger stellen bei ihm eher eine Barriere zwischen einer klugen Elite und dem einfachen Volk dar und unterdrücken letzteres. Ein idealer Fürst dagegen erkennt und bedient die - natürlich von ihm definierten - Bedürfnisse des Volkes. Mit der Sehnsucht nach dem "guten Diktator" steht Wagner jedoch beileibe nicht allein in der Welt da.

Dew wird dieser künstlerischen "Nabelschau" Wagners gerecht, indem er vom Bühnenbild über die Kostüme bis zum Bühnengeschehen das 19. Jahrhundert wiederauferstehen lässt, jedoch ohne die Illusion eines naturalistischen Bühnenbildes. Die Wände hat Bühnenbildner Heinz Balthes flächendeckend mit Noten aus der "Meistersinger"-Partitur tapeziert. Indem er die Requisiten des 19. Jahrhunderts offen in den Rahmen der modernen Bühne stellt, ironisiert er die Darstellung und distanziert sich damit von dieser Epoche. Selbst wenn er den Nachtwächter im Hintergrund mit langem Mantel und Laterne über die Bühne laufen lässt, wirkt dies nicht als nostalgischer Blick in die "gute alte Zeit" sondern eher als humoristisches Aperçu, und die Schusterwerkstatt von Hans Sachs ist durch eine Wand aus Schuhkartons von seinem Wohnzimmer getrennt, die ein völlig desorientierter Beckmesser tolpatschig wie das Kartenhaus seines eigenen Lebens einreißt.  Die Kostüme strahlen die gleiche Behäbigkeit und Biederkeit des 19. Jahrhunderts aus - außer bei Beckmesser und Stolzing. Während der fast aktuelle lockere Einreiher des Walther von Stolzing als Markenzeichen eines unkonventionellen Vertreters einer neuen Zeit für sich spricht, erfordert der enge, ebenfalls zeitlose Zweireiher Beckmessers eine erweiterte Interpretation. Fast möchte man meinen, in ihm den "ewigen Kritiker" zu sehen, der als Archetypus alle Zeiten, auch das spießige 19. Jahrhundert, unbeschadet überstanden hat. Ein besonderer Gag ist José-Manuel Vásquez mit den Lederhosen der Lehrbuben gelungen, die so etwas wie Oktoberfest-Stimmung auf die Bühne bringen. Auch sie durchbrechen mit ihrer Jugendbewegtheit die biedere Strenge der Meisterzunft mit ihren Gehröcken und Zylindern. Als wohl unbestrittenen Höhepunkt enthüllt Vasquez zur abschließenden Fotoaufstellung der gesamten Meisterzunft ein überdimensionales Gemälde an der Bühnenrückwand, auf dem Richard Wagner als Felsenkopf à la "Mount Rushmore" im Kreise der ihm (einzig) ebenbürtigen Giganten Beethoven, Goethe und Schiller erscheint. Damit spielen Dew und Vasquez ironisch an die Selbsteinschätzung Wagners als Meister der Dichtung an.

Ralf Lukas (Hans Sachs), Gerd Vogel (Sixtus Beckmesser)Ralf Lukas (Hans Sachs), Gerd Vogel (Sixtus Beckmesser)

Die Inszenierung sorgt überdies für viel Bewegung und Humor auf der Bühne. Nicht nur die Chorszenen mit den lederbehosten Lehrbuben oder den Bürgern im nächtlichen Nachthemd sorgen für Leben, sondern vor allem die Prügelei auf der Bühne Ende des zweiten Aktes, die Dew genüsslich als Teil einer "komischen Oper" interpretiert. Hier gibt es viel zu lachen, und Dew gibt dem Affen Publikum reichlich Zucker. So lässt er David den verschreckten Beckmesser samt Gitarre durch die Zuschauerreihen des Parketts verfolgen, und bei anderen Gelegenheiten verteilen Mädchen des Chors Brezeln ans Publikum - werfen sie gar hoch in die Reihen! - oder verteilen würdig gekleidete Sänger signierte Fotos an die Zuschauer der hinteren Reihen. Auch die Szene des Ständchens Beckmessers an die vermeintliche Eva - die sich Wagner wohl ein wenig aus dem "Don Giovanni" abgeschaut hat - und dem ewig störenden und quer dazu singenden Hans Sachs erntet wegen ihrer satirischen Zuspitzung viel Heiterkeit, von der abschließenden Blamage Beckmessers mit dem verunstalteten Lied Walther von Stolzings ganz zu schweigen. So gibt es bei dieser Wagner-Oper viel zu schmunzeln und bisweilen auch Grund zum befreiten Lachen, was mancher angesichts der anderen Wagner-Opern kaum für möglich halten würde. Bissig könnte man sagen, dass Wagner immer dann witzig werden kann, wenn er seinen Widersachern auf den Kopf schlägt.

Die Besetzung einer solchen anspruchsvollen, personalintensiven und kraftraubenden Oper stellt immer eine besondere Herausforderung dar. Allein siebzehn hauptamtliche Sängerpositionen waren zu besetzten, vom Chor ganz zu schweigen. Wenn dann nach der Generalprobe zwei Hauptdarsteller ausfallen, gleicht das eigentlich einer Katastrophe. Genau das ist in Darmstadt geschehen: der für die Rolle des Walther von Stolzing vorgesehene Norbert Schmittberg und Nina Keitel (Magdalene) fielen krankheitsbedingt kurzfristig aus und mussten sozusagen in letzter Minute ersetzt werden. Doch Wagner-Sänger, deren Stimme der Dauerbelastung von fünfeinhalb Stunden durchgestalteten Gesangs gewachsen ist, sind dünn gesät. So war es ein Glücksfall, dass John Dew mit Herbert Lippert und Carola Gruber zwei Kräfte verpflichten konnte, die den jeweiligen Part "aus dem Stand" singen und spielen konnten. Unter den gegebenen Umständen fehlender gemeinsamer Proben haben sich beide achtbar aus der Affäre gezogen, wenn auch Herbert Lippert sowohl in den hohen wie tiefen Lagen seiner Tenorpartie einige Probleme hatte, während Carola Gruber teilweise eine Spur zu forciert wirkte. Beide füllten jedoch darstellerisch ihre Rollen glaubwürdig aus, wobei man sich von Herbert Lippert bisweilen einen etwas emotionaleren und leidenschaftlicheren Stolzing gewünscht hätte.

Gerd Vogel (Sixtus Beckmesser) mit LehrbubenGerd Vogel (Sixtus Beckmesser) mit Lehrbuben

Absolut überzeugend agiert Anja Vincken als Eva, sowohl stimmlich als auch darstellerisch. Ihre glasklare und dennoch nie dünne Stimme überzeugt auch noch in höchsten Lagen, als seien diese Koloraturen eine wahre Kleinigkeit. Daneben kann sie noch mit Leichtigkeit ihre Rolle als verliebte Braut und brave aber unglückliche Tochter spielen. Ralf Lukas gibt einen überzeugenden Hans Sachs und bleibt von Beginn bis zum Schluss stimmlich und darstellerisch präsent. Er ist einer der Dreh- und Angelpunkte der Inszenierung; zwar ist ihm diese zentrale Rolle vom Libretto vorgegeben, aber so eine Rolle muss man auch erst einmal ausfüllen können. Besonders eindrucksvoll ist Lukas in den humoristichen Szenen, so, wenn er Beckmesser bis aufs Blut reizt. Dann merkt man, wie ihm das Komödiantische liegt. Ganz besonders überzeugt in dieser Inszenierung jedoch Gerd Vogel als Beckmesser. Könnte man die gute darstellerische Leistung noch auf die Tatsache zurückführen, dass schräge und unsympathische Figuren immer leichter zu spielen sind als die "langweiligen Guten", so gilt das für die gesangliche Leistung nicht. Hier zählt nur die Stimme, und die erwies sich in allen Lagen als gleichermaßen durchsetzungsstark und niemals bemüht. Auch hohe oder tiefere Partien kamen ihm fast mühelos von den Lippen, und immer sang der Körper mit. Seine unüberhörbare Wirkung auf das Publikum kam eindeutig aus der Stimme, denn üblicherweise übertragen Zuschauer negative Gefühle gegenüber einer Rolle unterschwellig gerne auf den Darsteller. Das war bei Gerd Vogels Beckmesser eindeutig nicht der Fall. Andreas Daum verlieh dem Veit Pogner seinen eindrucksvollen und stets bühnenbeherrschenden Bass, und Jeffrey Treganza hatte als Lehrbub David nicht nur die Last mit seinem Bubenanzug, sondern vor allem im ersten Aufzug auch einen ewig langen Auftritt, den er bravourös meisterte. Auch ihm machte die burleske Rolle des David - fast im Stil einer opera buffa - offensichtlich viel Spaß, und stimmlich überzeugte er über lange Strecken seiner durchaus nicht anspruchsarmen Rolle. Die Rollen der anderen Zunftmeister füllten die bewährten Sänger des Opernensembles professionell und im Rahmen der Möglichkeiten der jeweiligen Rolle überzeugend aus. Der Chor war für diese Inszenierung um einen Extrachor erweitert worden und überzeugte durch seine Beweglichkeit und Variabilität, die viel zu Lebhaftigkeit und Tempo der Aufführung beitrugen.

Das Orchester stand zum ersten Mal bei einer Oper unter der Leitung des neuen GMD Constantin Trinks, der hiermit - wie Stolzing auf der Bühne - ein Meisterstück ablieferte. Die Ouvertüre nahm er über lange Strecken fast im Kammermusikstil und verzichtete weitgehend auf wagnerianischen Donner. Auch in den einzelnen Aufzügen beachtete er durchgehend den Primat der Stimmen und übertönte diese so gut wie nicht. Das bedeutet jedoch nicht, dass Wagners Orchestermusik bei ihm zur bloßen Begleitung der Sänger verfiel. In den entscheidenden Momenten, in denen die Musik das dramatische Geschehen nicht nur kommentieren sondern auch ausgestalten soll, zeigte sich das Orchester in höchstem Maße präsent und überzeugend, sowohl was die Intonation - eigentlich in Darmstadt eine Selbstverständlichkeit  - als auch die Klangfarben und Ausgewogenheit der Instrumentengruppen betrifft. Wenn auch die Bläser bei Wagner naturgemäß stark vertreten sind, bestand nie die Gefahr eines "Wagner-Blasorchesters",  die sich doch bei dieser tendenziell auftrumpfenden Musik nie ausschließen lässt.

Das Premierenpublikum zeigte sich ausgesprochen begeistert und war auch noch nach sechs Stunden in hohem Maße präsent, was sich in stürmischem Beifall und vielen "Bravo"-Rufen zeigte. Dass sich auch hier wieder eine prinzipentreue "Buh"-Gemeinde einfand, muss man wohl auf das Konto eines "Wagner-Wahns" buchen, der stets auf den alten Regeln einer Wagner-Inszenierung beharrt. So gesehen hätte man diese Garde in die Meisterzunft auf der Bühne integrieren oder ihnen gar einen "Beckmesser-Preis" verleihen können

Weitere Aufführungen am 18. Oktober, 9. November sowie am 7. und 27. Dezember.


Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller