Entschlackungskur für ein Kultsymbol




















































































































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Shakespeares "Romeo und Julia" im Schauspiel des Staatstheaters Darmstadt

 

Man kann sich dieser Inszenierung des jungen Regisseurs Jens Poth am ehesten nähern, wenn man die Geschichte speziell des Shakespeareschen Theaters Revue passieren lässt. Zu Shakespeares Zeiten zählten Schauspieler nicht zu den besseren Kreisen sondern eher zur Unterschicht - politisch korrekt: Prekariat - und wurden an den Höfen höchstens als temporäre Unterhalter ohne weiteren gesellschaftlichen Wert betrachtet. So verlagerten sie ihre Tätigkeit auf die Straße und unterhielten das einfache Volk mit ihren deftigen Volksstücken. Shakespeare selbst trug damals gewiss nicht die Fahne der Hochkultur vor sich her, vor der das Großbürgertum die Knie beugte, sondern bevorzugte einfache Handlungsstrukturen und eine deftige Sprache, die an der Gürtellinie nicht Halt machte und sich auch in den niederen Gegenden des menschlichen Körpers und Geistes gut auskannte. Ob machtgierige Lord und Lady, die ihren eigenen König umbringen, ob alter König mit drei teils unwürdigen Töchtern, ob ein Prinz, der den Mord an seinem Vater rächen will und nicht kann: alles Themen, die aus den Legenden und Mythen des Volkes geschöpft sind und die mit viel Blut und deutlichen Worten gewürzt sind.

Tino Lindenberg (Romeo), Diana Wolf (Julia)Tino Lindenberg (Romeo), Diana Wolf (Julia)

Das Liebesdrama "Romeo und Julia" folgt in ähnlicher Weise einem uralten Mythos: die Liebe zwischen den Kindern zweier verfeindeter Familien, die nur den Tod als  Verwirklichung kennt. Schlägt man heute die Zeitung auf und liest von den tödlichen Auseinandersetzungen zwischen Reihenhaus- oder Schrebergarten-Nachbarn, so muss man nicht den Mythos bemühen, um den Realgehalt solcher Themen zu beurteilen. Purer Alltag, möchte man sagen. Der 2001 früh verstorbene Schriftsteller Thomas Brasch hat mit seiner Übersetzung von Shakespeares Liebestragödie den englischen Theaterdichter vom Kopf auf die Füße gestellt und sich der ursprünglichen, volksnahen Sprache wieder angenähert, indem er die bekannten, idealistisch überhöhenden Übersetzungen der Romantiker konsequent mit Elementen unserer heutigen Alltags- und Jugendsprache durchsetzte. Da hört man dann - vor allem von den jugendlichen Protagonisten - typische Redewendungen wie "hallo?" oder "Nee, nich?" und "Das ist doch jetzt nicht dein Ernst?".

Von vornherein war damit schon klar, dass ein konservativ gesinntes Publikum, das seinen Shakespeare mit Hochachtung aus dem Regal der Hochkultur nimmt, voller Ehrfurcht die Seiten umblättert und die Verse von Schlegel oder Voss zitiert, einige Probleme mit dieser Version haben würde, um es vorsichtig auszudrücken. Denn bei Brasch geht es eben nicht klassisch und keusch zu, sondern deftig und deutlich. Wenn Romeo mit seinen Freunden Mercutio und Benvolio um die Häuser zieht, reißen die Zoten und eindeutigen Gesten nicht ab, wie eben junge Männer in diesem Alter sind, wenn sie unter sich sind. Und Brasch/Poth lassen diese drei jungen Männer auch nur auszugsweise die gereinigten Schlegel-Texte deklamieren und zeigen sie ansonsten als normale Halbwüchsige, die ihren Trieb ausleben (wollen). Daneben hat er jedoch Shakespeares zahlreiche doppeldeutigen, oft satirischen und weltklugen Wortspiele beibehalten und nicht angetastet, höchstens um das ein oder andere eigene erweitert.

Tino Lindenberg (Romeo), Diana Wolf (Julia)Tino Lindenberg (Romeo), Diana Wolf (Julia)

Der sprachlichen Entschlackung nicht genug, hat Poth zusammen mit Michael Sieberock-Serafimowitsch auch die Bühne kompromisslos auf die ursprüngliche Shakespearesche Spielart im "Globe-Theatre" ausgerichtet. Wie dort bildet eine Sandfläche - hier durch Kork dargestellt - den Mittelpunkt der Bühne, eingerahmt von einem Kunststoff-Rasen. Im Hintergrund symbolisiert ein Wohnwagen, der gleichzeitig den Auf- und Abtritten der Schauspieler dient, das Schaustellertum der frühen Schauspielensembles. Die Kostüme tun ein Übriges, die Inszenierung als Jugendstück mit einer gewissen "Trash-Atmosphäre" aufzuladen. Eine ganz bewusste Uneinheitlichkeit und Vorliebe für das Unkonventionelle, Schräge, ja Schrille verweist auf die entsprechende Kleiderordnung der heutigen Jugend. So sind die Hosen der jungen Männer als Kunstprodukt aus Rapper-Hose, Jeans und Kniebundhose geschnitten, dazu tragen sie entweder grell gemusterte T-Shirts oder goldene Glitzerjäckchen mit Kettchen um Hals und Gelenke. Die Frauen, vor allem Maika Troscheit als Lady Capulet, zeigen sich grell geschminkt und in mal flippig-extravagenter, mal erotisch-lasziver Kleidung und tragen dazu aufgeplusterte Haarfrisuren. Die älteren Männer treten mit würdigen Perücken, Gehröcken oder Schottenröcken auf und lassen sich damit partout nicht auf einen Zeit- oder Ortsnenner bringen, was ja auch dem usprünglichen Shakespeareschen Text entspricht, der das Stück zwar in Verona ansiedelt, aber auf jegliche weitere nationale, kulturelle oder örtliche Anspielungen verzichtet. Die "Personnage" dieser Inszenierung stellt sich damit als hochgradig heterogene, individualisierte Personenlandschaft dar, wie man sie von der heutigen Disco- und Medienszene kennt.

In einer zusätzlichen Anfangsszene entlarvt die Amme (Gabriele Drechsel) den Sand als Kork und den Rasen als Kunststoff, so den Fiktionscharakter des Theaters und gleichzeitig den Theatercharakter des Lebens - "all the world's a stage" - betonend. Anschließend kann das Beziehungsdrama der kaum den Sandkastenspielen entwachsenen jungen Leute beginnen. Die Handlungsstränge bleiben dabei natürlich auch bei Jens Poth anverändert. Romeo (Tino Lindenberg), Sproß der Montague-Sippe, schleicht sich auf einem Tanzfest der feindlichen Caulets ein und verliebt sich dort Hals über Kopf in Julia. Diese soll zwar nach dem Willen ihrer Elter den Grafen Paris heiraten, verfällt aber vom ersten Moment an Romeo. Heimlich lassen die beiden sich von Pater Lorenzo trauen. Bei einem Streit zwischen jungen Leuten der beiden Familien tötet erst Tybalt aus dem Capulet-Clan Mercutio und dann Romeo im Affekt Tybalt, woraufhin er nach Mantua verbannt wird. Pater Lorenzo gibt der um Beistand gegen die bevorstehende Heirat mit - oder gegen? - Graf Paris flehenden Julia einen Trank, der sie einen Tag lang in eine todesähnlichen Schlaf versetzt, aus dem Romeo sie wecken und dann mit ihr fliehen soll. Um das tragische Ende zu begründen, muss Shakespeare ein wwenig in die Trickkiste der Zufälle greifen: der Brief mit der entsprechenden Erklärung und Anleitung erreicht Romeo nicht, sodass er sich unmittelbar nach Kenntnis von Julias angeblichem Tod an ihrer Bahre in der Gruft vergiftet. Julia erwacht, sieht den toten Geliebten und bringt sich auch um. Der Rest ist schweigendes Entsetzen bei den Familien.

Poth sah mit Recht keinen Grund, diese im Prinzip knappe Handlung durch die Inszenierung des gesamten Textes in die Länge zu ziehen, und komprimiert es auf zwei Stunden Dauer ohne Pause. Das verleiht der Inszenierung Tempo und Dichte, hat aber auch gewisse Nachteile zur Folge, über die wir an späterer Stelle noch reden werden. Erst einmal kommt das glaubwürdig und authentisch zum Ausdruck, was Shakespeare (wahrscheinlich) beabsichtigte und was sich aus dem Handlungsgerüst ergibt: das  Gefühlschaos zweier blutjunger Menschen, die von der ersten Liebe geradezu überfallen werden und sich dem Chaos der daraus resultierenden Konflikte nicht entziehen können. In weniger als drei Tagen - so kurz bemisst Shakespeare den zeitlichen Rahmen  - eröffnet sich vor den beiden eine völlig neue Welt, nur, um dann sofort mit katastrophalen Folgen zusammenzubrechen. Zwar hatte Poth bei der Inszenierung sicher nicht das Schülertheater als erste Priorität im Kopf, aber im Sinne einer Veränderung der demographischen Publikumsstruktur hilft diese Inszenierung sicherlich, indem sie konsequent auf die Befindlichkeit der jüngeren Leute und dabei bewusst auf Aktualität setzt. Ein jüngeres Auditorium als das typische Premieenpublikum wird sich in dieser Inszenierung sicherlich viel eher wiederfinden als in einer "klassischen" Aufführung dieses Stoffes. Das betrifft nicht nur die entschlackte und auf Zeitniveau gebrachte Sprache, sondern auch auf die Kleidung sowie Gestik und Mimik der Schauspieler, die sich immer wieder bewusst gegen die Darsteller der älteren Generation absetzen. Ein Stück Jugendprotest gegen die etablierte Gesellschaft kommt auch auf diese Weise und nicht nur aus dem Text zum Ausdruck.

Diana Wolf (Julia), Gabriele Drechsel (Amme)Diana Wolf (Julia), Gabriele Drechsel (Amme) 

Jens Poth spielt auch an anderen Stellen als der Eingansszene mit selbstrefenziellen Verweisen auf das Theater. Die berühmte Balkonszene findet bei ihm auf zwei Regiestühlen mit den Namen "Romeo" und "Julia" statt. Darin lernen die Darsteller Tino Lindenberg und Diana Wolf ihre Texte gemeinsam aus ihren Skripten, beginnen im typisch leiernden, erst lernenden Singsang einer ersten Probe, steigern sich dann langsam und lassen irgendwann das Papier fallen, um immer mehr in ihrer Rollen hineinzuwachen. Das ist nicht nur ein Regiegag, über den junge Leute besonders genre lachen, es zeigt auch unterschwellig, wie eine solche Liebe aus ersten, schüchternen und scheinbar sachlichen Konstellationen erwacht und Besitz von den Beteiligten ergreift. Jenseits des reinen selbsreferentiellen Witzes strahlt diese Szene eine berührende Dichte und Wahrhaftigkeit aus. Ähnliches gilt für die ebenso berühmte "Hochzeitsnacht" mit der Nachtigall und der Lerche. Poth lässt einen luftigen Vorhang über das Liebespaar ziehen und diese aus dem optischen Versteck heraus deklamieren. Das erspart nicht nur die entweder süßliche oder gar peinliche Darstellung der Liebesnacht, sondern schafft auch eine gewisse Distanz zu den bereits durch vielfältiges Zitieren abgenutzten Verse.

Als Besonderheit - mit gewissen Einschränkungen - ist die musikalische Untermalung von Wendelin Hejny zu vermerken. Die Musik verleiht der Inszenierung einen Hauch von Musical-Charakter. Hauch deswegen, weil niemand singt und die Musik auch nicht den ausgetretenen Pfaden Lloyd-Webbers folgt, sondern anspruchsvolle Strukturen aufweist. Hier geht es nicht um eingängige Motive zum Mit- oder Nachsingen sondern um die Verdichtung und Überhöhung der jeweiligen Situation. Hejny hat diese Aufgabe hervorragend gelöst, passt sich doch seine Musik der Handlung und vor allem der jeweiligen Befindlichkeit der Protagonisten an, allerdings um den Preis zusätzlicher akustischer Probleme. Und damit sind wir bei dem eigentlichen Schwachpunkt dieser Inszenierung: der Verständlichkeit. Einerseits ist dafür die Handlung verantwortlich, da man Liebesschwüre- und ängste nicht frontal zum Publikum deklamieren kann und soll, andererseits spielt dabei auch das Bühnenbild eine unglückliche Rolle. Denn nicht nur der gut gefüllte Zuschauerraum schluckt Schall, sondern ebenso die ausgedehnte Korkfläche in der Bühnenmitte, der Kunstrasen rundherum und die nach hinten und den Seiten offene Bühne. Gerade die zarten Monologe oder leiseren Dialoge zwischen Romeo und Julia sind ab den mittleren Reihen nicht mehr zu verstehen. Selbst so gut artikulierende Darsteller wie Maika Troscheit als Lady Capulet sind schwer zu verstehen, da die Akustik ihre Stimme im Raum verschleift. Dazu kommt die Tatsache, dass die Shakespeare-Verse nicht gerade einfach strukturiert sind sondern - zumindest in der uns bekannten Übersetzung - einem komplizierten Satzbau folgen und ihren Sinn oftmals nur verklausuliert ausrücken. Schnell gesprochen, entziehen sich diese Verse der Verständlichkeit. Dieser Kritik lässt sich zwar mit einigem Recht entgegnen, dass man bei Stücken wie "Romeo und Julia" nicht unbedingt jede Strophe verstehen, sondern die Gesamtsituation und die Gefühlslage der Protagonisten erfassen muss. Diese Argumentation richtet sich jedoch ab einem bestimmten Punkt gegen sich selbst, weil dann das gesamte Sprechtheater an sich überflüssig würde und man zum Ausdruckstanz übergehen könnte. Das Problem der mangelhaften Verständlichkeit dieser Inszenierung bleibt also bestehen.

Tino Lindenberg (Romeo), Diana Wolf (Julia), im Vordergrund: Matthias Lodd (Tybalt), Maika Troscheit (Lady Capulet)Tino Lindenberg (Romeo), Diana Wolf (Julia), im Vordergrund: Matthias Lodd (Tybalt), Maika Troscheit (Lady Capulet)

Die Darsteller füllen ihre Rollen durchweg mit hohem Engagement und Gespür für die wesentlichen Ziele dieser Inszenierung aus. Diana Wolf ist eine so anrührende wie mädchenhaft-trotzige, unsichere, ängstliche und liebende Julia, die auf dem Boden jugendlicher Befindlichkeit bleibt und nicht in hehre Theaterhöhen entschwindet. Sie kann weinen, lachen, wenn nötig ihre Krallen ausfahren und sich auf dem Trampolin ihre Wut aus dem Körper hüpfen. Timo Lindenberg ist ein typischer Jugendlicher mit dem Hang zu starken Worten und einer gewissen Rebellion im Bauch. Die Wandlung vom umherstreifenden Großbürgerspross und Anführer seiner Kumpane zum liebenden Mann gestaltet er mit Überzeugung und auch dem nötigen Witz, der jungen Leuten aus Angst vor falschem Ernst oft eigen ist. Matthias Lodd gibt einen eitlen, extravaganten Tybalt, dem es bei der Auseinandersetzung mit Romeo hauptsächlich um das eigene Ego geht, Tilam Meyn ist als Mercutio sprunghaft, ordinär, direkt und immer etwas aggressiv, wie es Mitglieder einer Halbwüchsigenbande oft sind. Stefan Schuster gibt als Kontrast dazu einen eher verunsicherten Benvolio, und Hans Matthias Fuchs spielt den Pater Lorenzo mit einer herrlichen Mischung aus Großzügigkeit, Bigotterie und Kumpeltum. Gabriele Drechsel steht als Amme wesentlich stärker im Vordergrund als man von der Rolle erwarten würde. Sie bildet als weibliches Gegenstück zu Pater Lorenzo einen ruhenden Pol in dem Sturm der Gefühle und taucht überall dort auf, wo sich dramatische Entwicklungen oder Konflikte anbahnen. Außerdem markiert sie am Anfang und am Schluss den Rahmen  der Geschichte. Klaus Ziemann spielt einen herrischen Capulet, Hubert Schlemmer einen eher zurückhaltenden Montague. Hervorzuheben ist Maika Troscheit als herrlich durch- und abgedrehte Lady Capulet, die ihre Tochter nicht versteht und sich in ihrer exaltierten Egozentrik auch nicht besonders für sie interessiert. Gerd K. Wölfle schließlich gibt einen leicht schmierigen Grafen Paris, der sich in lüsterner Vorfreude auf die Hochzeit mit der jungen Julia vorbereitet und doch durch Romeos Hand sterben muss.

Wie fast zu erwarten war, reagierte das Premierenpublikum auf diese ausgefallene Inszenierung zwar nicht mit "Buhs", geizte aber auch mit "Bravos" und verzichtete auf außergewöhnlich starken Beifall. Irgendwie schien diese "Ur-Version" von  Shakespeares Stück mit ihrer Direktheit und dem weitgehenden Verzicht auf deklamatorische Hochsprache dem demographisch homogenen Abonnentenpublikum nicht besonders zuzusagen.

Weitere Aufführungen am 7., 12., 14. und 24. Oktober.


Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller