Auch der Henker muss Nachwuchs zeugen....




Der Hauptmann von Köpenick

Arsen und Spitzenhäubchen

Der Sturm












































































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Die "Neue Bühne Darmstadt" bringt "1001 Nacht" auf die Theaterbühne

 

Wer von uns hat in seiner Kindheit - als es noch keinen Internet-Chat gab - nicht neben Grimms und Hauffs Märchen auch die fremdländisch anmutenden Geschichten aus "1001 Nacht" gelesen und sich dabei oftmals wegen der seltsamen Wesen oder absonderlichen Handlungen gegruselt! Wie haben wir die Pracht der orientalischen Gewänder in den detaillierten Illustrationen bewundert und dann wieder Angst vor der unmittelbar aufbrechenden Brutalität empfunden. Doch kennen wir diese Geschichten um Liebe, Untreue, Verrat, Betrug und andere typisch menschliche Eigenschaften nur aus der erzählerischen Perspektive; die Bilder davon entstanden - nur rudimentär unterstützt von den Illustrationen - in unseren Köpfen. Das Darmstädter Privattheater "Neue Bühne Darmstadt" hat sich zu Recht gefragt, ob man diese Geschichten nicht auch auf die Bühne bringen könnte, und die Frage gleich positiv beantwortet. Die Premiere am 4. November hat gezeigt, dass dieser Versuch durchaus gelingen kann.

textV.l.n.r.: Anouschka Sarafzade (Scheherazade)  und Gabriela Reinitzer (Dunjazed)

Natürlich war sich Regisseurin Renate Renken über die Gefahr einer unverbindlichen "Nummernrevue" einzelner Geschichten im Klaren und hat deshalb die auch im Urtext der Märchensammlung vorhandene Rahmenhandlung hervorgehoben. Damit zieht sie einen "roten Faden" in das Gewebe der Erzählungen ein und gibt dem Publikum einen Haltepunkt für die Rezeption. Denn die Zuschauer möchten nun einmal eine durchgehende Handlung, deren Protagonisten sie von Anfang bis Ende in ihrer Entwicklung begleiten und deren Befindlichkeiten sie nachempfinden können. Isolierte Episoden ohne inhaltliche oder personelle Querverbindungen stillen dieses Bedürfnis nur unzureichend oder gar nicht. 

So beginnt mit die Inszenierung mit der Geschichte der beiden fürstlichen Brüder, die sich seit Jahren zum ersten Male wiedersehen. Dabei entdeckt der Besucher zufällig, dass die Lieblingsfrau seines Bruders es mehr oder weniger toll mit einem Sklaven treibt und dass auch die anderen Haremsdamen Seitensprüngen alles andere als abgeneigt sind. Als der anfangs  ungläubige Sultan seine Frau höchstpersönlich in flagranti erwischt, tötet er nicht nur sie und ihren Liebhaber eigenhändig, sondern lässt auch die anderen Haremsdamen kurzerhand umbringen. Künftig lässt er sich täglich von seinem Großwesir eine Jungfrau zuführen, die er nach einer lustvollen Liebesnacht aus Rache an den Frauen hinrichten lässt. Als der Großwesir keine neuen Jungfrauen mehr auftreiben kann, muss er auf Befehl des Sultans seine eigene Tochter Scheherazade zu ihm bringen. Diese tritt den schweren Gang erstaunlich gefasst an und bittet nur darum, ihre jüngere Schwester mitnehmen zu dürfen. Diese soll sie bei Morgengrauen, kurz bevor der Sultan den Henker rufen wird, bitten, eine Geschichte zu erzählen. Der von der Lust gesättigte Sultan gesteht ihr die kleine Gnadenfrist zu und hört zu. Scheherazade jedoch erzählt so spannend und farbenfroh, dass er gebannt zuhört. Als sie die Erzählung im spannendsten Moment abbricht und auf eine mögliche Fortsetzung hinweist, gesteht er ihr eine eintägige Gnadenfrist für den Abschluss der Erzählung an. Aus dieser einen werden dann 1000 zusätzliche Nächte, in denen Scheherazade den Sultan nicht nur mit ihrem Körper sondern auch mit ihren Erzählungen aus dem Leben der einfachen Menschen des Orients erfreut und schließlich ein gutes Ende herbeiführt.

SzenenfotoDas man in einer Theaterversion nicht alle 1001 Nächte nachspielen kann, versteht sich von selbst. Also geht es darum, eine Auswahl von Episoden zu treffen, aus denen sich eine Art durchgehende Handlung oder zumindest der Eindruck einer solchen herstellen lässt. Renate Renken beweist dabei ein glückliches Händchen, indem sie sowohl bewegende Themen wie Untreue, Rache, Verzeihung und Großmütigkeit als auch deftige erotische Szenen und groteske Situationen miteinander verbindet. Da ist die Geschichte vom Kaufmann, den ein Djinn wegen der angeblichen Tötung seines Sohnes umbringen will. Ihn rettet ein Scheich, der eine zahme Gazelle an der Leine führt, indem er dem Djinn die bewegende Geschichte dieser Gazelle erzählt und diesen damit letzlich milde stimmt. Gerade diese beiden Geschichten folgen der für "1001 Nacht" typischen Verschachtelungsstruktur, die eine Geschichte aus einer anderen folgen lässt und damit immer weiter von der ursprünglichen Rahmenhandlung wegführt. Diese  Erzähltechnik wirkt auf die Zuschauer wie eine Droge, löst sie mit der Rahmenhandlung doch auch den gesamten Realitätsrahmen der Erzählung auf und entführt die Zuschauer in ein Reich der reinen Imagination, aus dem sie nur schwer und beinahe unwillig in die äußere Rahmenhandlung zurückfinden. Gerade diese Wirkung bezweckt das Märchen, um die Zuhörer für eine gewisse Zeit aus dem Korsett ihrer alltäglichen Sorgen zu befreien. Und auch die heutigen Zuschauer lassen sich gerne auf dieses Spiel ein.

Aus diesen ersten Szenen entwickeln sich dann fast organisch die anderen Geschichten. Dabei kennen die orientalischen Märchen auch keine puritanischen Tabus wie etwa die abendländische Kultur. Vor allem die Erotik kommt deutlich und deftig zu Wort. Das schwangere Mädchen, das angeblich von einem herumliegenden Mantel in diesen Zustand versetzt worden ist, hat vergessen, dass damals ein junger Mann in den Mantel eingewickelt war, und der Mann, der auf einen göttlichen Wink drei Wünsche frei hat, vergeudet diese ohne jeglichen Gewinn für typisch männliche Phantasien. Strotzen diese beiden Geschichten geradezu vor deftigem Humor, so wirft die Erzählung von dem jungen Mann, der sowohl Hab und Gut als auch seinen rechten Arm für eine Prostitierte verliert, eher ein melancholisches Lilcht auf die Gesellschaft, auch wenn die beiden zum Schluss zusammenkommen.  Der Humor kommt dann wieder in der Geschichte des buckligen Zwerges zu seinem Recht, der bei einem Essen mit einem Schneiderehepaar eine Gräte verschluckt und wie tot umfällt. Erschrocken stellen die beiden den steifen Körper vor die Tür eines jüdischen Arztes, und in der Folge erlebt der Körper des Zwerges eine groteske Reise von Familie zu Familie, die sich alle schuldig an seinem Tod fühlen und die vermeintliche Leiche weiterschieben, bis eben diese zum Schluss die Fischgräte wieder ausspuckt.

SzenenfotoSo wechseln sich tiefsinnige mit burlesken Szenen ab, wobei die Erotik stets eine wesentliche Rolle spielt, und am Ende schickt der Sultan am frühen Morgen wieder einmal den Henker mit der so makabren wie tiefsinnigen Bemerkung nach Hause zu seiner Frau, dass auch ein Henker Nachwuchs zeugen müsse.

Das Ensemble läuft sich nach anfänglich etwas hölzernem Start zunehmend warm und lebt sich in die Personen und deren kleine und große Katastrophen ein. Natürlich ist es nicht einfach, auf den Brettern der Bühne denselben entrückten Zauber zu kreiieren, der in dem Kopf eines Lesers oder Zuhörers einer Lesung entsteht. Der kleinste falsche Zungenschlag oder eine etwas zu saloppe Ausdrucksweise kann einen solchen Zauber im Handumdrehen zerstören. Während bei klassischen Theaterstücken das rationale Argument und der Diskurs im Vordergrund stehen, die eine eher kopfgesteuerte Spielweise verlangen, müssen bei der Inszenierung eines Märchens Herz und Bauch sprechen. Dies gelingt in der Inszenierung der "Neuen Bühne" zwar nicht immer, aber doch recht oft, eben dann, wenn sich die Darsteller selbst von der Situation gefangen nehmen lassen und nicht nur einen Text sprechen. Und dann ergeben sich auch anrührende Momente, die deshalb nicht gleich in Rührseligkeit oder platten Kitsch abgleiten.

Einen wesentlichen Anteil an diesem Erfolg hat die als Gast engagierte Anouschka Sarafzade, die als Scheherazade von Anfang bis Ende auf der Bühne steht und in dieser Rolle durchaus überzeugt. Sowohl ihre Bewegungen als auch ihre Mimik und Stimme schaffen einen authentischen Raum um diese Scheherazade, und fast ist man geneigt zu glauben, dass sich das Theater hier kompetentes Personal direkt aus dem Ursprungsgebiet von "1001 Nacht" hat kommen lassen. Die perfekten Deutschkenntnisse dieser Schauspielerin lassen jedoch eher auf eine deutsche Karriere schließen. Neben der erotischen und klugen Scheherazade spielt sie auch mit viel komödiantischem Talent den buckligen Zwerg und erntet dabei so manchen Lacher. Neben ihr fallen die anderen Ensemble-Mitgleider durchaus nicht ab sondern füllen ihre Rollen überzeugend und in dem Maße, wie diese es verlangen und erlauben. Dabei sind schnelle Kostümwechsel an der Tagesordnung, müssen doch ein und dieselben Schauspieler(innen) in kurzen Abständen in verschiedenen Rollen auftreten.

Das Premierenpublikum ließ sich auf die märchenhafte Atmosphäre gerne ein und spendete zum Schluss lang anhaltenden und mehr als freundlichen Beifall. Man fühlte sich gut unterhalten und gleichzeitig auch ein wenig in eine fremde Welt entführt, die man nur ungern wieder zugunsten eines feuchten Novemberabends verließ.

Weitere Aufführungen bis Ende Dezember dienstags bis samstags ab 20 Uhr (Einlass ab 19 Uhr) sowie sonn- und feiertags ab 18 Uhr (Einlass ab 17 Uhr).

Weitere Informationen unter Neue Bühne Darmstadt.

Frank Raudszus