| |
Auch der Henker muss Nachwuchs zeugen.... |
![]() Der Hauptmann von Köpenick Arsen und Spitzenhäubchen Der Sturm Ihre Meinung über E-Mail hier |
Die
"Neue Bühne Darmstadt" bringt "1001 Nacht" auf die
Theaterbühne |
|
Wer von uns hat in seiner
Kindheit - als es noch keinen Internet-Chat gab - nicht neben Grimms
und Hauffs Märchen auch die fremdländisch anmutenden
Geschichten aus "1001 Nacht" gelesen und sich dabei oftmals wegen der
seltsamen Wesen oder absonderlichen Handlungen gegruselt! Wie haben wir
die Pracht der orientalischen Gewänder in den detaillierten
Illustrationen bewundert und dann wieder Angst vor der unmittelbar
aufbrechenden Brutalität empfunden. Doch kennen wir diese
Geschichten um Liebe, Untreue, Verrat, Betrug und andere typisch
menschliche Eigenschaften nur aus der erzählerischen Perspektive;
die Bilder davon entstanden - nur rudimentär unterstützt von
den Illustrationen - in unseren Köpfen. Das Darmstädter
Privattheater "Neue Bühne Darmstadt" hat sich zu Recht gefragt, ob
man diese Geschichten nicht auch auf die Bühne bringen
könnte, und die Frage gleich positiv beantwortet. Die Premiere am
4. November hat gezeigt, dass dieser Versuch durchaus gelingen kann.
Natürlich war sich
Regisseurin Renate Renken über die Gefahr einer unverbindlichen
"Nummernrevue" einzelner Geschichten im Klaren und hat deshalb die auch
im Urtext der Märchensammlung vorhandene Rahmenhandlung
hervorgehoben. Damit zieht sie einen "roten Faden" in das Gewebe der
Erzählungen ein und gibt dem Publikum einen Haltepunkt für
die Rezeption. Denn die Zuschauer möchten nun einmal eine
durchgehende Handlung, deren Protagonisten sie von Anfang bis Ende in
ihrer Entwicklung begleiten und deren Befindlichkeiten sie
nachempfinden können. Isolierte Episoden ohne inhaltliche oder
personelle Querverbindungen stillen dieses Bedürfnis nur
unzureichend oder gar nicht. So beginnt mit die Inszenierung
mit der Geschichte der beiden fürstlichen Brüder, die sich
seit Jahren zum ersten Male wiedersehen. Dabei entdeckt der Besucher
zufällig, dass die Lieblingsfrau seines Bruders es mehr oder
weniger toll mit einem Sklaven treibt und dass auch die anderen
Haremsdamen Seitensprüngen alles andere als abgeneigt sind. Als
der anfangs ungläubige Sultan seine Frau
höchstpersönlich in flagranti erwischt, tötet er nicht
nur sie und ihren Liebhaber eigenhändig, sondern lässt auch
die anderen Haremsdamen kurzerhand umbringen. Künftig lässt
er sich täglich von seinem Großwesir eine Jungfrau
zuführen, die er nach einer lustvollen Liebesnacht aus Rache an
den Frauen hinrichten lässt. Als der Großwesir keine neuen
Jungfrauen mehr auftreiben kann, muss er auf Befehl des Sultans seine
eigene Tochter Scheherazade zu ihm bringen. Diese tritt den schweren
Gang erstaunlich gefasst an und bittet nur darum, ihre jüngere
Schwester mitnehmen zu dürfen. Diese soll sie bei Morgengrauen,
kurz bevor der Sultan den Henker rufen wird, bitten, eine Geschichte zu
erzählen. Der von der Lust gesättigte Sultan gesteht ihr die
kleine Gnadenfrist zu und hört zu. Scheherazade jedoch
erzählt so spannend und farbenfroh, dass er gebannt zuhört.
Als sie die Erzählung im spannendsten Moment abbricht und auf eine
mögliche Fortsetzung hinweist, gesteht er ihr eine eintägige
Gnadenfrist für den Abschluss der Erzählung an. Aus dieser
einen werden dann 1000 zusätzliche Nächte, in denen
Scheherazade den Sultan nicht nur mit ihrem Körper sondern auch
mit ihren Erzählungen aus dem Leben der einfachen Menschen des
Orients erfreut und schließlich ein gutes Ende herbeiführt.
Aus diesen ersten Szenen
entwickeln sich dann fast organisch die anderen Geschichten. Dabei
kennen die orientalischen Märchen auch keine puritanischen Tabus
wie etwa die abendländische Kultur. Vor allem die Erotik kommt
deutlich und deftig zu Wort. Das schwangere Mädchen, das angeblich
von einem herumliegenden Mantel in diesen Zustand versetzt worden ist,
hat vergessen, dass damals ein junger Mann in den Mantel eingewickelt
war, und der Mann, der auf einen göttlichen Wink drei Wünsche
frei hat, vergeudet diese ohne jeglichen Gewinn für typisch
männliche Phantasien. Strotzen diese beiden Geschichten geradezu
vor deftigem Humor, so wirft die Erzählung von dem jungen Mann,
der sowohl Hab und Gut als auch seinen rechten Arm für eine
Prostitierte verliert, eher ein melancholisches Lilcht auf die
Gesellschaft, auch wenn die beiden zum Schluss zusammenkommen.
Der Humor kommt dann wieder in der Geschichte des buckligen Zwerges zu
seinem Recht, der bei einem Essen mit einem Schneiderehepaar eine
Gräte verschluckt und wie tot umfällt. Erschrocken stellen
die beiden den steifen Körper vor die Tür eines
jüdischen Arztes, und in der Folge erlebt der Körper des
Zwerges eine groteske Reise von Familie zu Familie, die sich alle
schuldig an seinem Tod fühlen und die vermeintliche Leiche
weiterschieben, bis eben diese zum Schluss die Fischgräte wieder
ausspuckt.
Das Ensemble läuft sich
nach anfänglich etwas hölzernem Start zunehmend warm und lebt
sich in die Personen und deren kleine und große Katastrophen ein.
Natürlich ist es nicht einfach, auf den Brettern der Bühne
denselben entrückten Zauber zu kreiieren, der in dem Kopf eines
Lesers oder Zuhörers einer Lesung entsteht. Der kleinste falsche
Zungenschlag oder eine etwas zu saloppe Ausdrucksweise kann einen
solchen Zauber im Handumdrehen zerstören. Während bei
klassischen Theaterstücken das rationale Argument und der Diskurs
im Vordergrund stehen, die eine eher kopfgesteuerte Spielweise
verlangen, müssen bei der Inszenierung eines Märchens Herz
und Bauch sprechen. Dies gelingt in der Inszenierung der "Neuen
Bühne" zwar nicht immer, aber doch recht oft, eben dann, wenn sich
die Darsteller selbst von der Situation gefangen nehmen lassen und
nicht nur einen Text sprechen. Und dann ergeben sich auch
anrührende Momente, die deshalb nicht gleich in Rührseligkeit
oder platten Kitsch abgleiten. Einen wesentlichen Anteil an
diesem Erfolg hat die als Gast engagierte Anouschka Sarafzade, die
als Scheherazade von Anfang bis Ende auf der Bühne steht und in
dieser Rolle durchaus überzeugt. Sowohl ihre Bewegungen als auch
ihre Mimik und Stimme schaffen einen authentischen Raum um diese
Scheherazade, und fast ist man geneigt zu glauben, dass sich das
Theater hier kompetentes Personal direkt aus dem Ursprungsgebiet von
"1001 Nacht" hat kommen lassen. Die perfekten Deutschkenntnisse dieser
Schauspielerin lassen jedoch eher auf eine deutsche Karriere
schließen. Neben der erotischen und klugen Scheherazade spielt
sie auch mit viel komödiantischem Talent den buckligen Zwerg und
erntet dabei so manchen Lacher. Neben ihr fallen die anderen
Ensemble-Mitgleider durchaus nicht ab sondern füllen ihre Rollen
überzeugend und in dem Maße, wie diese es verlangen und
erlauben. Dabei sind schnelle Kostümwechsel an der Tagesordnung,
müssen doch ein und dieselben Schauspieler(innen) in kurzen
Abständen in verschiedenen Rollen auftreten. Das Premierenpublikum ließ
sich auf die märchenhafte Atmosphäre gerne ein und spendete
zum Schluss lang anhaltenden und mehr als freundlichen Beifall. Man
fühlte sich gut unterhalten und gleichzeitig auch ein wenig in
eine fremde Welt entführt, die man nur ungern wieder zugunsten
eines feuchten Novemberabends verließ. Weitere
Aufführungen bis Ende Dezember dienstags bis samstags ab 20 Uhr
(Einlass ab 19 Uhr) sowie sonn- und feiertags ab 18 Uhr (Einlass ab 17
Uhr). Weitere Informationen unter Neue Bühne Darmstadt. Frank Raudszus |
|