"Schreinewagner light" im Märchenwald








































































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Das Staatstheater Darmstadt inszeniert Engelbert Humperdincks "Hänsel und Gretel"

 

Immer wenn die Adventszeit naht, spielt die Familie eine wichtige Rolle im Spielplan der Landes- und Stadttheater. Neben reinen Kinderstücken sucht jeder Intendant nach einem Singspiel, an dem sich vom Kindergartenkind bis zum Großvater jedes Familienmitglied erfreuen kann. Da kommt dann Engelbert Humperdincks Vertonung des wohl bekanntesten deutschen Märchens gerade recht. Bringt es doch eine griffige Geschichte mit hohem Wiedererkennungspotential, eine nicht zu schlichte "Moral von der Geschicht" und viel bekannte Musik zusammen. So sieht man denn zu dieser Zeit auch viele neue Gesichter in der Oper, die dann wieder bis zur nächsten Adventszeit aus dem Gesichtskreis verschwinden.

Niina Keitel (Hänsel), Aki Hashimoto (Gretel)Niina Keitel (Hänsel), Aki Hashimoto (Gretel)

Nun kann man natürlich der Geschichte von den beiden Kindern, die sich im Wald verirren und fast der bösen Hexe zum Opfer fallen, beliebig tiefschürfend durchdeklinieren: Alter und Tod der Eltern vertreiben den adoleszenten Menschen aus dem Paradies der mehr oder minder glücklichen Kindheit und setzen ihn den Versuchungen und Gefahren einer bösen Welt aus. Der Mann erliegt diesen Versuchungen leichter als die Frau - siehe Adam und Eva - und letztere rettet ihn in selbstloser Treue vor dem verderben. Das wäre eine Interpretation, andere mehr oder minder ähnliche bieten sich an. Die naive Geschichte von zwei Kindern allein im Wald und einer echten Hexe bleibt meist für das abendliche Vorlesen und Kindergeburtstage reserviert,  obwohl laut Programmheft der Komponist nur diese im Sinn hatte.

Bettina Geyer hat in Darmstadt die Interpretation nicht zu weit aus der Märchenecke hinausgetrieben und beschränkt sich auf wenige Elemente, die einen weiteren Bogen als den der reinen Kindererzählung spannen. So bedecken in der Wohnung der armen Eltern von Hänsel und Gretel Zeitungen die Wände(oder Fenster?). Die fragmentierte Schrift verweist auf wirtschaftliche Texte und lässt die Worte "Eigeninitiative" und "capitalism" erkennen. Die umgekehrt angebrachten Zeitungsausschnitte lassen sich durchaus als Hinweis auf die derzeit auf dem Kopf stehende Wirtschaftsordnung verstehen, posaunen jedoch diese Deutung nicht zu platt hinaus. Die zweite gesellschaftskritische Ausdeutung folgt im zweiten Teil, wenn die Geschichte mit der Hexe wie eine große Fernsehshow mit viel Glitzer und bunter Bühnenbeleuchtung daherkommt. Dazwischen liegen zwei handfeste Familienszenen zwischen Mutter und Kindern und den Eltern sowie eine märchenhafte nächtliche Waldszene.

Niina Keitel (Hänsel), Aki Hashimoto (Gretel), Margaret Rose Koenn (Taumännchen)Niina Keitel (Hänsel), Aki Hashimoto (Gretel), Margaret Rose Koenn (Taumännchen)

Die heimischen Szenen werden mit viel Lust am kindlichen Detail ausgespielt, wenn Hänsel (Niina Keitel) und Gretel (Aki Hashimoto) in der Wohnung herumtollen, mit der Wäsche auf der Leine spielen und sie schließlich herunterreißen, und wenn die Mutter (Elisabeth Hornung) vor Ärger über die verspielten Kinder den Topf mit der Milch zerbricht und die Kinder hinausjagt zum Beerenpflücken. Da kommen dann auch bekannte Lieder wie "Suse, liebe Suse, was raschelt im Stroh" zu Gehör. Der Vater (Oleksandr Prytolyuk) wiederum kommt mit einem reichen Nahrungssegen nach Hause, singt "Der Hunger ist der beste Koch" und ist entsetzt darüber, dass seine Frau die Kinder in den dunkelnden Wald geschickt hat.

Diese beiden laufen derweil durch einen Wunderwald. Große transparente Baumattrapen rahmen die Bühne bogenförmig ein und staffeln sich nach hinten in mehreren Ebenen. Durch diese Baumebenen geistern in der hereinbrechenden Nacht allerlei seltsame Tiere. Tänzer in dunklen Ganzkörpertrikots tragen fluoreszierende Zeichnungen auf den Körpern und fügen sich so zu geisterhaft strahlenden, auf und ab tanzenden Wesen zusammen. Große Fantasietiere zerfallen plötzlich zu mehreren kleinen, oder kleine fügen sich wie durch Zauberei zu einem völlig neuen, größeren Wesen zusammen. Ein großer Schmetterling flattert leise rot leuchtend durch die Nachtluft, und zwei glühende Katzenaugen beobachten wachsam das Bühnengeschehen und folgen ihm überall hin. In diesem flirrenden und schwirrenden Zauberwald verirren sich die beiden Kindern mit ihren Kuscheltieren. Als das Sandmännchen im Zauberkostüm (Margaret Rose Koenn) den Kindern aus einem schwebenden Kissen Sand in die Augen streut, schlafen sie bald mit ihren Kuscheltieren im Arm auf dem Kissen ein. Im Traum umschwirren sie ihre eigenen Kuscheltiere  - ein Teddybär und eine Puppe - in mehrfacher Ausführung als Engel mit Flügeln und behüten ihren Schlaf. Die Tänzer und Puppenspieler, die auch die nächtlichen Tiere darstellen, inszenieren diesen nächtlichen Reigen schwebender Engel mit viel Phantasie und Sinn für Humor. Erst als das Taumännchen - Gegenstück des Sandmännchens und ebenfalls gespielt von Margaret Rose Koenn - erscheint und Blumenblüten aus den Wänden springen lässt, wachen die Kinder auf.

Niina Keitel (Hänsel), Aki Hashimoto (Gretel), Margaret Rose Koenn (Taumännchen)Niina Keitel (Hänsel), Katrin Gerstenberger (Die Knusperhexe), Aki Hashimoto (Gretel)

Nun folgt die große Szene mit der Hexe als "Schreinemaker-Verschnitt". Im Glitzerkostüm und mit schriller Stimme verängstigt sie die beiden Kinder von ihrer Position auf ihrem iglu-ähnlichen Hexenhaus, das wie ein riesiger Reifrock wirkt. Ringsumher haben sich die Baumreihen in grellbunte - rote und gelbe - Wände verwandelt, die mit zusätzlichen farbigen Lichtern die hektische und aufgesetzte Atmosphäre großer Galashows im Fernsehen parodieren. Irgendwann tut sich in Brennpunkt dieses Glitzerpalastes der alles verschlingende Rachen des Showbusiness'  - der Ofen der Hexe - auf und verschlingt schließlich diese anstelle der Kinder. Ende gut alles gut, die besorgten Eltern finden ihre geretteten Kinder und alle sind glücklich. Den Schluss singen die vier Hauptpersonen und der Kinderchor des Staatstheaters in bunten Puppenkostümen.

Niina Keitel und Aki Hashimoto überzeugen als Hänsel und Gretel nicht nur stimmlich sondern auch in ihrer Interpretation der beiden Kinder, denen sie keinerlei ausdeutenden Überbau verleihen sondern ihre Kindlichkeit belassen. Elisabeth Hornung ist eine geplagte Mutter, die sich bald über ihr harsches Verhalten gegenüber den Kindern grämt, und drückt das auch mit ihrer sicheren, präsenten Altstimme aus. Oleksandr Prytolyuk gibt den Vater als leutseligen aber auch einmal aus der Haut fahrenden Mann und besticht mit seiner raumfüllenden Stimme. Margaret Rose Koenn verleiht Sand- und Taumännchen sowohl stimmlich wie auch darstellerisch zauberischen Glanz, und Katrin Gerstenberger ist eine temperamentvolle, giftige und selbstbezogene Hexe, so wie man sich die weiblichen Heroen des heutigen Medienrummels vorstellt. Ihre Stimme passt sie der Rolle hervorragend an und dominiert damit die Szene auf geradezu satirische Art und Weise.

Lukas Beikirchen liefert dazu mit dem Orchester des Staatstheaters die passende Musik, die bewusst kammermusikalisch gehalten ist und auf jegliche bombastischen oder gar sentimentalen Effekte verzichtet. Überhaupt merkt man der Musik ihre Entstehungszeit um 1890 an: Wagners Musik war noch in aller Ohren und auch ein Humperdinck konnte sich deren Wirkung nicht ganz entziehen. So wirkt die Oper oft wie eine "Light"-Version des großen Meisters aus Bayreuth (und wo er sonst noch gelebt hat), aber auch der Dirigent der Erstaufführung, Richard Strauss, hat auf geheimnisvolle Weise seine Klangfarben in der Musik hinterlassen. Die Entlehnungen und Zitate dieser beiden Vertreter der großen Musik des ausgehenden 19. Jahrhunderts sind jedenfalls nicht zu überhören.

Das Premierenpublikum war mehr als zufrieden und mischte deutliche "Bravo"-Rufe unter den kräftigen Beifall.

Weitere Aufführungen: 22. November sowie 2., 4., 12., 18., 20., 26. und 28. Dezember

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller