Köche als Künstler
































































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Das "Jamie Oliver Dinner" in Frankfurt verbindet Varieté mit Kulinarik und Entertainment

 

Jamie Oliver ist Kult! Der junge englische Kochkünstler hat sich zur Ikone einer neuen kulinarischen Generation entwickelt und zeigt entsprechende Präsenz in den Medien. Diese Entwicklung bietet sich natürlich geradezu dazu an, Veranstaltungen unter dem Markenzeichen "Jamie Oliver" zu entwickeln. So entstand das "Jamie Oliver Dinner", das vom 20. November 2008 bis Ende April 2009 in einem eigens dafür aufgestellten Zelt am Fuß des Frankfurter Messeturms seine Gäste mit ausgesuchtem Essen und einer vierstündigen Show unterhalten will.

Wer aus den Unterlagen den Schluss gezogen hat, hier würde der Künstler selbst - i.e. Jamie Oliver - als kochendes Kultsubjekt auftreten, wird den Namensgeber in persona vergeblich suchen. Hier geht es nicht um eine "Tafel-Tournee" des Meisters selbst sondern um eine professionelle Abendveranstaltung unter dessen Markenzeichen. Ganz unbeteiligt ist er jedoch nicht an der Veranstaltung: er selbst hat das Dinner konzipiert und erscheint auch auf dem großen Videowürfel über der "Koch-Arena", die ihre Bilder von außerhalb und innerhalb des Zeltes in alle vier Richtungen an das Publikum verteilt.

Doch zurück zum Ablauf: wenn man das Zelt betritt, erstaunen Weitläufigkeit und Ausstattungsstandard des von außen eher unscheinbar wirkenden Gebäudes. Moderne Einrichtung, geschwungene Lichter-Pylone sowie bequeme Stehecken und -tische prägen das großzügige Foyer. Im Veranstaltungssaal selbst gruppieren sich die Tische konzentrisch wie in einem Zirkus um die Koch- und Show-Arena. Im Hintergrund, an der Zeltwand, sorgt eine Viermann-Band für musikalische Untermalung und Begleitung der verschiedenen Show-Aktivitäten. Zur Einstimmung erhält jeder Besucher ein Glas Sekt als Apéritif, bevor es an die reservierten Plätze geht. Dort empfängt pünktlich um 20 Uhr der Conferencier mit Berliner Schnauze seine Gäste und stellt gleich seine Assistentin Anna als "Germany´s next Topf-Modell" sowie die Kernidee der Show vor: vier Köche aus verschiedenen Regionen - Claudia aus Baden-Baden, Josef aus Wien, Fritz aus Hamburg und Ferrari Audi Augusto aus Italien - werden auf der Bühne um die Wette kochen und sich einer speziellen Jury stellen. Als jedoch der italienische Spitzenkoch nicht erscheint, löst der Conferencier dieses Problem auf sehr pragmatische Weise, indem er einfach einen Gast aus dem Publikum gegen dessen Protest als vierten Koch auf die Bühne holt. Schon die Vorstellungen der Wettbewerber in maximal 30 Sekunden zeigen, dass es sich hier nicht wirklich um siegeswillige Wettköche sondern um Schauspieler handelt. Spätestens, wenn der scheinbar zufällig aus dem Publikum ausgewählte Besucher sich als sprachgewandter Redner und Sänger erweist, erkennt auch der Letzte das Ganze als Parodie auf die unzähligen Koch-Shows im Fernsehen. Auch das Jury-Paar, eine etwas überdrehte Frau mit französischem Akzent und ein übergewichtiger Mann mit hoher Stirn, das permanent miteinander um die Präsenz kämpft, erweist sich als professionelles Komiker-Duo. Doch neben ihrem schauspielerischen Talent verfügen alle diese Darsteller auch über hervorragende gesangliche Fähigkeiten, kommen sie doch alle aus dem professionellen Musical-Bereich, was sie in verschiedenen Liedern, Duetten oder Terzetten beweisen. Hier werden berühmte Songs verschiedener Pop-Ikonen mit anderem Text - natürlich einem kulinarischen - neu erfunden und mit einem Augenzwinkern vorgetragen.

Die Speisefolge des MenüsDoch es geht nicht nur um Theater, Gesang oder gar Parodie. Hier wird in erster Linie gegessen, und zwar gut. Das Menü setzt sich aus vier Gängen zusammen, die dem nebenstehenden Bild zu entnehmen sind. Da sich das Dinner über nahezu vier Stunden erstreckt, erweist es sich als außerordentlich bekömmlich und lässt sich - vor allem angesichts der temperamentvollen und witzigen Unterhaltung - sehr gut verdauen. Wer sich ein wenig mit Jamie Oliver auskennt, findet in diesem Dinner Jamie Olivers Leichtigkeit und wohltuende Schlichtheit wieder, die jedoch einhergeht mit einer exzellenten Ausgewogenheit der Geschmackselemente und einer perfekten Zubereitung der einzelnen Speisefolgen. Über Details des Geschmacksempfindens an dieser Stelle zu reden, wäre sinnlos, da dieses einerseits subjektiv ist und andererseits die Zubereitung bei der nächsten Veranstaltung wieder etwas anders ausfallen kann. Die Getränke dazu sind ebenfalls sorgfältig ausgesucht und an die jeweiligen  Speisen angepasst.

Das Bühnenprogramm besteht neben dem unterhaltenden Teil aus Akrobatik-Vorführungen auf buchstäblich hohem Niveau. Zeigt zu Anfang Igor Boutorine einen fast wahnwitzig zu nennenden "Tanz" mit Hula-Hoop-Reifen, die er in allen Körperstellungen - stehend, liegend, sitzend - um Körper, Beine, Füße, Kopf kreisen lässt, so gehen anschließend Kati und Philip an zwei seidenen Tüchern in die Höhe und spielen dort mit atemberaubenden akrobatischen Fguren das erste Kennenlernen eines Paares durch. Später zeigt die Kontorsionskünstlerin Nataliya Vasylyuk, wie sehr sie ihren Körper verbiegen kann, und der "rasende Bote" Dave Blundell präsentiert waghalsige Kunststücke auf dem BMX-Rad. Daneben nimmt das angebliche Wettkochen seinen Gang mit vielen kleinen Katastrophen, Eifersüchteleien und Schäkereien zwischen den konkurrierenden Köchen, der  Conferencier muss immer wieder Ordnung in das Chaos bringen, der Gourmet-Kritiker macht seinen Herzenswunsch wahr, eine Opernarie - Verdi! - zu singen, und ein Double von Marius Müller-Westernhagen kopiert dessen gesanglichen und gestischen Stil so überzeugend, dass die Zuschauer rhythmisch "Marius" und "Zugabe" rufen. So vergeht dieser Abend bei hervorragendem Essen, guten Weinen und abwechslungsreicher Unterhaltung wie im Fluge, und wenn man gegen Mitternacht aufbricht, meint man, gerade erst gekommen zu sein. Der Schock kommt dann an der Parkhauskasse des Messeturmes, die fast den Wert eines kleinen Menüs als Lohn der Wagenbewachung fordert. Zukünftigen Besuchern sei daher empfohlen, die letzten Meter bis zum Messeturm mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückzulegen.

Das "Jamie Oliver Dinner" knüpft mit diesem Programm erfolgreich an andere große Dinner-Shows an, wie wir sie von Paris oder anderen Großstädten kennen, ohne deshalb - wie bei diese zum Teil der Fall - einem "standardisierten" Massen-Professionalismus zu verfallen. Noch ist diese Veranstaltung jung und kreativ; hoffen wir, dass sie es bleibt.

Das "Jamie Oliver Dinner" läuft bis Ende April 2009 täglich außer montags um 20 Uhr, sonntags um 19 Uhr. Einlass 90 Minuten vorher.

Weitere Informationen über das Internet.

Frank Raudszus