Wie die Faust aufs Auge
























































































  Ihre Meinung über E-Mail hier
Carl Sternheims Satire "Die Kassette" kommt in Darmstadt zum denkbar besten Zeitpunkt auf die Bühne

 

Die Koinzidenzen zwischen Weltpolitik und -wirtschaft sowie gerade anstehenden Theaterpremieren schlagen bisweilen wahre Kapriolen. Dies ist derzeit vor allem bei der Premiere von Carl Sternheims Komödie "Die Kassette" in den Kammerspielen des Staatstheaters Darmstadt der Fall. Geht es in dieser Satire der wilhelminischen Spätzeit doch um drei Themen: die Sicherheit und  Profitabilität von Geldanlagen, die besondere Kompetenz und Weisheit bayerischer Banken und das Thema Erbschaft. Alle Themen beherrschen seit einiger Zeit die nationale und internationale Presse und gaben dazu am Premierenthema ausreichend Gelegenheit zu - im Einzelfall im Halse stecken bleibenden - Lachern.

Margit Schulte-Tigges (Tante Elsbeth), Matthias Kleinert (Heinrich Krull)Margit Schulte-Tigges (Tante Elsbeth), Matthias Kleinert (Heinrich Krull)

Regisseurin Sibylle Broll-Pape hat dem Stück jegliches naheliegende Zeitkolorit genommen und es ohne ausdrückliche Betonung in die heutige Zeit verlagert. Schließlich verpackt man Stücke aus dieser Zeit gerne in Bühnenwohnungen voller Plüsch, steife Gehröcke, goldene Uhrketten und Vollbärte. Das Bühnenbild zeichnet sich dagegen durch Minimalismus  - weiße Wände und Türen einer typischen Boulevardkomödie - aus, und die Darsteller tragen heutige, altersgemäße Alltagskleidung. Nur die beiden ausgestopften Wildschweine und die kleine Tanne - ohne Weihnachtsdekoration! - irritieren anfangs den aufmerksamen Beobachter. Als Auftakt hatte sich die Regisseurin einen aktionsgeladenen Vorspann wie im Kino ausgedacht: Videos aus dem deutschen Wald - mit Wildschweinen! - laufen über die Wände der Wohnung, aus deren Türen nacheinander die Darsteller treten, hastig eine Geste oder heimliche Handlung andeuten und wieder verschwinden. Nachdem die handelnden Personen in altdeutscher Schrift über die Wand gelaufen sind, weicht dann der Aufreißer der normalen Beleuchtung und dem Beginn einer geordneten Handlung.

Das personelle Tableau besteht aus einer mehr oder minder durchschnittlichen Familie, wie man sie - mit kleinen Einschränkungen - auch heute antreffen könnte. Der Endvierziger Heinrich Krull hat in zweiter Ehe die zwanzig Jahre jüngere Fanny  geheiratet und kehrt zu Beginn des Stücks von der Hochzeitsreise nach Hause zurück, wo ihn seine siebzehnjährige Tochter Lydia und seine Schwägerin Elsbeth mehr oder weniger freudig erwarten. Beide Frauen betrachten Fanny als Eindringling, der es ihrer Meinung nach nur darum geht, sich in ein gemachtes Nest zu setzen. Die Handlung wird außerdem zeigen, dass die schon etwas ältere Elsbeth noch aus handfesteren Gründen Aversionen gegen Fanny hegt. Das Dienstmädchen Emma und der Fotograf Seidenschnur ergänzen das Personal, der Notar Dettmichel erscheint nur zu einer kurzen Protokollierung auf der Bühne.

Diana Wolf (Lydia Krull), Liljana Elges (Emma), Matthias Kleinert (Heinrich Krull), Iris Melamed (Fanny Krull), Margit Schulte-Tigges (Tante Elsbeth)Diana Wolf (Lydia Krull), Liljana Elges (Emma), Matthias Kleinert (Heinrich Krull), Iris Melamed (Fanny Krull), Margit Schulte-Tigges (Tante Elsbeth) 

Lehrer Krull ist zwar nicht auf Rosen gebettet, aber lebt in annehmbaren Verhältnissen. Seine Schwägerin jedoch sitzt auf dem nicht unbeträchtlichen Erbe ihrer Schwester. Da ihre stillen Hoffnungen auf den Hausherrn nach dessen Wiederverheiratung verflogen sind, fühlt sie sich abgeschoben. Verschärfend kommt hinzu, dass der Fotograf Seidenschnur ein ihrer Meinung nach ungünstiges Auftragsfoto von ihr gemacht hat, auf dem sie laut Fanny - genüsslich geäußerter Seitenhieb - wie eine "Frau von der Straße" aussieht. Elsbeth nimmt die Kriegserklärung an und sinnt auf Rache. Ihr Versuch, Heinrich zu einer Machtdemonstration gegenüber Seidenschnur zu veranlassen, scheitert an dessen Halbherzigkeit, nicht zuletzt, weil er von Fanny den ultimativen  Auftrag erhalten hat, die zickige Elsbeth massiv in ihre Schranken zu verweisen. Demonstrativ holt Elsbeth eine Kassette mit den wertvollen Staatspapieren hervor und lässt Heinrich den üppigen Inhalt sehen. Dieser verdreht angesichts der ungeahnt wertvollen Staatspapiere - bayerische Forsten! - die Augen und schlägt sich im Handumdrehen auf die Seite der verhassten Erbtante, seine eben noch so heiß begehrte Fanny vergessend. Diese wiederum tröstet sich mit dem so eitlen wie schwülstig daherredenden Seidenschnur, der bereits nacheinander Emma und Lydia mit üppigen Komplimenten und Liebesschwüren erfolgreich den Hof gemacht hat. Während Heinrich fortan wie die Erde um die Sonne um Elsbeth und die Kassette kreist, vollführt Seidenschnur einen delikaten Eiertanz zwischen Emma, Lydia und Fanny, dabei stets auf seine künstlerische Berufung und sein unvergleichliches Talent pochend. Nachdem Heinrich heimlich Elsbeths Testamentsentwurf zu Lydias Gunsten - mit ihm als Mündel - eingesehen hat, rechnet er bereits die jährlichen Zinsen aus dem hoffentlich bald fälligen Erbe hoch. Doch Elsbeth wäre nicht Elsbeth, hätte sie nicht längst das Testament zugunsten der einzigen und heiligen Kirche geändert. Notar Dettmichel muss es unter dem verbal aufwendigen Kommentar "Aber, aber...." beurkunden.

Nun geht es Sternheim weniger um die Familiengeschichte - ob Komödie oder Tragödie - und er lässt sie deshalb auch bewusst offen enden. Er legt vielmehr die inneren Struktur einer hab- und statusgierigen Gesellschaft offen, in der jeder und jede sich auf Höchstpreisbasis verkauft. Heinrich vergisst Fanny für Geld, Seidenschnur erst Emma und dann Lydia. Fanny hat ihre Erotik sowieso mit offensichtlichen Zielen eingesetzt und will nun die Früchte ihrer libidinösen "Selbstaufopferung" ernten, und Elsbeth will sich mit Geld die Anbetung und Ehrfurcht ihrer Familie erkaufen - oder eher erzwingen. Nur Lydia hegt noch so etwas wie unschuldige Naivität, verliebt sich in den Strizzi Seidenschnur und folgt der gerade stärksten Strömung in der Familie - mal Fanny, mal Elsbeth. Emma ist im Gegensatz zu vielen anderen Komödien nicht etwa der pragmatische Gegenpol einer dekadenten Bourgeoisie, sondern selber nur Teil des nach materiellem Erfolg strebenden Systems, nur eben auf tieferer Stufe.

Tino Lindenberg (Alfons Seidenschnur), Matthias Kleinert (Heinrich Krull)Tino Lindenberg (Alfons Seidenschnur), Matthias Kleinert (Heinrich Krull) 

Sternheim geht auch auf den Charakter des Kapitalismus ein, ohne schon das Vokabular der "68er" einsetzen zu können. Seine Beschreibung der Finanzstrategien verwendet noch bürgerliche Begriffe ohne "neo"-Vorsilbe und zeigt dabei eine ehe biedere Bissigkeit. Wenn er die finanzielle Schlauheit der bayerischen Banken und ihren radikalen Renditehunger betont, dann leuchtet zwar die Ironie zwischen den Zeilen durch, aber irgendwo meint er es auch immer ernst; zu einer fundamentalen Kritik am (weltweiten) Finanzsystem war Sternheim doch zu sehr Großbürger. Doch die Szenen der monetären Monologe - besonders eindrucksvoll Heinrichs "Kurzvorlesung" über das Wesen des Kapitals -  erklären auch die Staffage mit den Wildschweinen und den  langsam aus dem Hintergrund näherrückenden Nadelbäumen. Hatte der Rezensent anfangs noch gedacht, letztere seien eine Paraphrase auf den "Wald von Birnam", da Elsbeth ihre Ravalin Fanny als "Lady Macbeth von Schiller(!)" beschimpft hatte, so  zeigte sich am Ende, dass die Bäume auf die bayerischen Forste verweisen, die der Grund für Elsbeths Reichtum sind.

Ein zweischneidiger Genuss in dieser Komödie ist die Sprache: einerseits Parodie der beliebt schwülstigen Ausdrucksweise des spätwilhelminischen Bürgertums, andererseits doch nicht ohne Lust an der geschliffenen Formulierung. Man spürt förmlich, welchen Spaß der Autor daran gehabt haben muss, seine eigenen Sprachmarotten bis zur Unerträglichkeit zu übertreiben, und meint auch ein wenig Selbstironie darin zu erkennen. Besonders tut sich Seidenschnur in dieser Hinsicht hervor, der sich geradezu in verbale Rauschzustände hineinsteigert, in denen er außer sich selbst nichts mehr wahrnimmt und selbst eine schöne Frau vergisst. Auch Krull als staatstragender Vertreter des Systems (Lehrer!) befleißigt sich einer bedeutungsvollen "Hochsprache", zumindest  im ruhigen Zustand, während die Frauen durchaus eine pragmatische, auf das jeweilige (auch wechselnde!) Ziel ausgerichtete Sprache pflegen.

Die Inszenierung lebt vor allem von ihrem Tempo und von dem Sprachwitz, wobei neben dem Text die Schauspieler einen großen Anteil an dieser Wirkung haben. Matthias Kleinert spielt einen im Prinzip schwachen Heinrich Krull, der permanent zwischen seinen erotischen Begierden (Fanny!) und der Geldgier (Elsbeths Erbe) hin- und hergerissen wird. Mit keiner der beiden Frauen will er es sich verderben, aber beide bekämpfen sich gegenseitig bis aufs Messer und benutzen Heinrich als - allerdings stumpfe - Waffe. Kleinert wechselt Mimik und ´Gestik in Sekundenbruchteilen, je nachdem, mit wem er es zu tun hat und was die Situation an Taktik von ihm verlangt. Die dabei notwendig sich ergebende Asynchronität zwischen Situation und Verhalten führt zu grotesken Augenblicken, die den ambivalenten Charakter dieser Figur gnadenlos offenlegen. Als zweiter männlicher Darsteller - außer Aart Veder, der nur einmal als Notar mit seinem "Aber, aber..." auftritt -, steht ihm Tino Lindenberg auf Augenhöhe gegenüber. Mit falscher Brille und falschem Haarschopf als "Künstler" ausstaffiert, ergeht er sich in "anschwellenden Bocksgesängen" bis hin zur Autohypnose und charakterisiert den auch heute noch anzutreffenden - wenn auch mit anderen Attributen versehenen - Pseudokünstler auf treffende Art und Weise. Die Frauen stellen dagegen zumindest zahlenmäßig den Hauptpart dieses Stücks: Margit Schulte-Tigges ist eine mal knallharte und dann wieder ausgesprochen liebebedürftige Elsbeth, von der Heinrich alles haben könnte, wenn er sich nur zu einer entsprechenden emotionalen - sprich erotischen - Geste überwinden könnte. Iris Melamed zeigt in der Rolle der Fanny ihr Talent für die extravante bis zickige Frau, das sie bereits in vielen anderen Stücken des Staatstheaters erfolgreich gezeigt hat, und ist dabei nie ohne einen Funken hintergründigen Humors. Diana Wolf spielt eine so lebhafte wie begeisterungsfähige Lydia, die mal diesem, mal jenem Leithammel nachrennt und bei dem ersten Liebesschwur des routinierten "Womanizers" Seidenschnur sofort umfällt, und Liljana Elges gibt die Dienstmagd Anna schnippisch und ein wenig frustriert ob ihrer erotischen Niederlagen.

Das Premierenpublikum zeigte sich von dieser Inszenierung sehr angetan und geizte nicht mit Beifall. Dieses Stück könnte sich - nicht nur angesichts der ungeahnten Aktualität - zu einem "Saisonrenner" entwickeln.

Weitere Aufführungen am 23. November sowie am 27. Dezember

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller