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Carl
Sternheims Satire "Die Kassette" kommt in Darmstadt zum denkbar besten
Zeitpunkt auf die Bühne |
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Die Koinzidenzen zwischen
Weltpolitik und -wirtschaft sowie gerade anstehenden Theaterpremieren
schlagen bisweilen wahre Kapriolen. Dies ist derzeit vor allem bei der
Premiere von Carl Sternheims Komödie "Die Kassette" in den
Kammerspielen des Staatstheaters Darmstadt der Fall. Geht es in dieser
Satire der wilhelminischen Spätzeit doch um drei Themen: die
Sicherheit und Profitabilität von Geldanlagen, die besondere
Kompetenz und Weisheit bayerischer Banken und das Thema Erbschaft. Alle
Themen beherrschen seit einiger Zeit die nationale und internationale
Presse und gaben dazu am Premierenthema ausreichend Gelegenheit zu - im
Einzelfall im Halse stecken bleibenden - Lachern.
Regisseurin Sibylle Broll-Pape
hat dem Stück jegliches naheliegende Zeitkolorit genommen und es
ohne ausdrückliche Betonung in die heutige Zeit verlagert.
Schließlich verpackt man Stücke aus dieser Zeit gerne in
Bühnenwohnungen voller Plüsch, steife Gehröcke, goldene
Uhrketten und Vollbärte. Das Bühnenbild zeichnet sich dagegen
durch Minimalismus - weiße Wände und Türen einer
typischen Boulevardkomödie - aus, und die Darsteller tragen
heutige, altersgemäße Alltagskleidung. Nur die beiden
ausgestopften Wildschweine und die kleine Tanne - ohne
Weihnachtsdekoration! - irritieren anfangs den aufmerksamen Beobachter.
Als Auftakt hatte sich die Regisseurin einen aktionsgeladenen Vorspann
wie im Kino ausgedacht: Videos aus dem deutschen Wald - mit
Wildschweinen! - laufen über die Wände der Wohnung, aus deren
Türen nacheinander die Darsteller treten, hastig eine Geste oder
heimliche Handlung andeuten und wieder verschwinden. Nachdem die
handelnden Personen in altdeutscher Schrift über die Wand gelaufen
sind, weicht dann der Aufreißer der normalen Beleuchtung und dem
Beginn einer geordneten Handlung. Das personelle Tableau besteht
aus einer mehr oder minder durchschnittlichen Familie, wie man sie -
mit kleinen Einschränkungen - auch heute antreffen könnte.
Der Endvierziger Heinrich Krull hat in zweiter Ehe die zwanzig Jahre
jüngere Fanny geheiratet und kehrt zu Beginn des Stücks
von der Hochzeitsreise nach Hause zurück, wo ihn seine
siebzehnjährige Tochter Lydia und seine Schwägerin Elsbeth
mehr oder weniger freudig erwarten. Beide Frauen betrachten Fanny als
Eindringling, der es ihrer Meinung nach nur darum geht, sich in ein
gemachtes Nest zu setzen. Die Handlung wird außerdem zeigen, dass
die schon etwas ältere Elsbeth noch aus handfesteren Gründen
Aversionen gegen Fanny hegt. Das Dienstmädchen Emma und der
Fotograf Seidenschnur ergänzen das Personal, der Notar Dettmichel
erscheint nur zu einer kurzen Protokollierung auf der Bühne.
Lehrer Krull ist zwar nicht auf
Rosen gebettet, aber lebt in annehmbaren Verhältnissen. Seine
Schwägerin jedoch sitzt auf dem nicht unbeträchtlichen Erbe
ihrer Schwester. Da ihre stillen Hoffnungen auf den Hausherrn nach
dessen Wiederverheiratung verflogen sind, fühlt sie sich
abgeschoben. Verschärfend kommt hinzu, dass der Fotograf
Seidenschnur ein ihrer Meinung nach ungünstiges Auftragsfoto von
ihr gemacht hat, auf dem sie laut Fanny - genüsslich
geäußerter Seitenhieb - wie eine "Frau von der Straße"
aussieht. Elsbeth nimmt die Kriegserklärung an und sinnt auf
Rache. Ihr Versuch, Heinrich zu einer Machtdemonstration gegenüber
Seidenschnur zu veranlassen, scheitert an dessen Halbherzigkeit, nicht
zuletzt, weil er von Fanny den ultimativen Auftrag erhalten hat,
die zickige Elsbeth massiv in ihre Schranken zu verweisen. Demonstrativ
holt Elsbeth eine Kassette mit den wertvollen Staatspapieren hervor und
lässt Heinrich den üppigen Inhalt sehen. Dieser verdreht
angesichts der ungeahnt wertvollen Staatspapiere - bayerische Forsten!
- die Augen und schlägt sich im Handumdrehen auf die Seite der
verhassten Erbtante, seine eben noch so heiß begehrte Fanny
vergessend. Diese wiederum tröstet sich mit dem so eitlen wie
schwülstig daherredenden Seidenschnur, der bereits nacheinander
Emma und Lydia mit üppigen Komplimenten und Liebesschwüren
erfolgreich den Hof gemacht hat. Während Heinrich fortan wie die
Erde um die Sonne um Elsbeth und die Kassette kreist, vollführt
Seidenschnur einen delikaten Eiertanz zwischen Emma, Lydia und Fanny,
dabei stets auf seine künstlerische Berufung und sein
unvergleichliches Talent pochend. Nachdem Heinrich heimlich Elsbeths
Testamentsentwurf zu Lydias Gunsten - mit ihm als Mündel -
eingesehen hat, rechnet er bereits die jährlichen Zinsen aus dem
hoffentlich bald fälligen Erbe hoch. Doch Elsbeth wäre nicht
Elsbeth, hätte sie nicht längst das Testament zugunsten der
einzigen und heiligen Kirche geändert. Notar Dettmichel muss es
unter dem verbal aufwendigen Kommentar "Aber, aber...." beurkunden. Nun geht es Sternheim weniger um
die Familiengeschichte - ob Komödie oder Tragödie - und er
lässt sie deshalb auch bewusst offen enden. Er legt vielmehr die
inneren Struktur einer hab- und statusgierigen Gesellschaft offen, in
der jeder und jede sich auf Höchstpreisbasis verkauft. Heinrich
vergisst Fanny für Geld, Seidenschnur erst Emma und dann Lydia.
Fanny hat ihre Erotik sowieso mit offensichtlichen Zielen eingesetzt
und will nun die Früchte ihrer libidinösen
"Selbstaufopferung" ernten, und Elsbeth will sich mit Geld die Anbetung
und Ehrfurcht ihrer Familie erkaufen - oder eher erzwingen. Nur Lydia
hegt noch so etwas wie unschuldige Naivität, verliebt sich in den
Strizzi Seidenschnur und folgt der gerade stärksten Strömung
in der Familie - mal Fanny, mal Elsbeth. Emma ist im Gegensatz zu
vielen anderen Komödien nicht etwa der pragmatische Gegenpol einer
dekadenten Bourgeoisie, sondern selber nur Teil des nach materiellem
Erfolg strebenden Systems, nur eben auf tieferer Stufe.
Sternheim geht auch auf den
Charakter des Kapitalismus ein, ohne schon das Vokabular der "68er"
einsetzen zu können. Seine Beschreibung der Finanzstrategien
verwendet noch bürgerliche Begriffe ohne "neo"-Vorsilbe und zeigt
dabei eine ehe biedere Bissigkeit. Wenn er die finanzielle Schlauheit
der bayerischen Banken und ihren radikalen Renditehunger betont, dann
leuchtet zwar die Ironie zwischen den Zeilen durch, aber irgendwo meint
er es auch immer ernst; zu einer fundamentalen Kritik am (weltweiten)
Finanzsystem war Sternheim doch zu sehr Großbürger. Doch die
Szenen der monetären Monologe - besonders eindrucksvoll Heinrichs
"Kurzvorlesung" über das Wesen des Kapitals - erklären
auch die Staffage mit den Wildschweinen und den langsam aus dem
Hintergrund näherrückenden Nadelbäumen. Hatte der
Rezensent anfangs noch gedacht, letztere seien eine Paraphrase auf den
"Wald von Birnam", da Elsbeth ihre Ravalin Fanny als "Lady Macbeth von
Schiller(!)" beschimpft hatte, so zeigte sich am Ende, dass die
Bäume auf die bayerischen Forste verweisen, die der Grund für
Elsbeths Reichtum sind. Ein zweischneidiger Genuss in
dieser Komödie ist die Sprache: einerseits Parodie der beliebt
schwülstigen Ausdrucksweise des spätwilhelminischen
Bürgertums, andererseits doch nicht ohne Lust an der geschliffenen
Formulierung. Man spürt förmlich, welchen Spaß der
Autor daran gehabt haben muss, seine eigenen Sprachmarotten bis zur
Unerträglichkeit zu übertreiben, und meint auch ein wenig
Selbstironie darin zu erkennen. Besonders tut sich Seidenschnur in
dieser Hinsicht hervor, der sich geradezu in verbale
Rauschzustände hineinsteigert, in denen er außer sich selbst
nichts mehr wahrnimmt und selbst eine schöne Frau vergisst. Auch
Krull als staatstragender Vertreter des Systems (Lehrer!)
befleißigt sich einer bedeutungsvollen "Hochsprache",
zumindest im ruhigen Zustand, während die Frauen durchaus
eine pragmatische, auf das jeweilige (auch wechselnde!) Ziel
ausgerichtete Sprache pflegen. Die Inszenierung lebt vor allem
von ihrem Tempo und von dem Sprachwitz, wobei neben dem Text die
Schauspieler einen großen Anteil an dieser Wirkung haben.
Matthias Kleinert spielt einen im Prinzip schwachen Heinrich Krull, der
permanent zwischen seinen erotischen Begierden (Fanny!) und der
Geldgier (Elsbeths Erbe) hin- und hergerissen wird. Mit keiner der
beiden Frauen will er es sich verderben, aber beide bekämpfen sich
gegenseitig bis aufs Messer und benutzen Heinrich als - allerdings
stumpfe - Waffe. Kleinert wechselt Mimik und ´Gestik in
Sekundenbruchteilen, je nachdem, mit wem er es zu tun hat und was die
Situation an Taktik von ihm verlangt. Die dabei notwendig sich
ergebende Asynchronität zwischen Situation und Verhalten
führt zu grotesken Augenblicken, die den ambivalenten Charakter
dieser Figur gnadenlos offenlegen. Als zweiter männlicher
Darsteller - außer Aart Veder, der nur einmal als Notar mit
seinem "Aber, aber..." auftritt -, steht ihm Tino Lindenberg auf
Augenhöhe gegenüber. Mit falscher Brille und falschem
Haarschopf als "Künstler" ausstaffiert, ergeht er sich in
"anschwellenden Bocksgesängen" bis hin zur Autohypnose und
charakterisiert den auch heute noch anzutreffenden - wenn auch mit
anderen Attributen versehenen - Pseudokünstler auf treffende Art
und Weise. Die Frauen stellen dagegen zumindest zahlenmäßig
den Hauptpart dieses Stücks: Margit Schulte-Tigges ist eine mal
knallharte und dann wieder ausgesprochen liebebedürftige Elsbeth,
von der Heinrich alles haben könnte, wenn er sich nur zu einer
entsprechenden emotionalen - sprich erotischen - Geste überwinden
könnte. Iris Melamed zeigt in der Rolle der Fanny ihr Talent
für die extravante bis zickige Frau, das sie bereits in vielen
anderen Stücken des Staatstheaters erfolgreich gezeigt hat, und
ist dabei nie ohne einen Funken hintergründigen Humors. Diana Wolf
spielt eine so lebhafte wie begeisterungsfähige Lydia, die mal
diesem, mal jenem Leithammel nachrennt und bei dem ersten Liebesschwur
des routinierten "Womanizers" Seidenschnur sofort umfällt, und
Liljana Elges gibt die Dienstmagd Anna schnippisch und ein wenig
frustriert ob ihrer erotischen Niederlagen. Das Premierenpublikum zeigte
sich von dieser Inszenierung sehr angetan und geizte nicht mit Beifall.
Dieses Stück könnte sich - nicht nur angesichts der
ungeahnten Aktualität - zu einem "Saisonrenner" entwickeln. Weitere
Aufführungen am 23. November sowie am 27. Dezember Frank Raudszus Alle
Fotos © Barbara Aumüller |
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