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Vereinnahmung eines Kultobjekts |
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Carl
Orffs "Carmina Burana" als getanzte Oper im Staatstheater Darmstadt |
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Die "Carmina Burana" von Carl
Orff (1885-1982) eignen sich vorzüglich als Kult- und
Streitobjekt. Die zu Jenseitigkeit und Weltklage neigenden Lieder und
die archaische, teilweise düster-wuchtige Musik Carl Orffs weisen
diesem Werk bei vielen Rezipienten einen heiligen Ernst zu, der eine
andere Inszenierung als in asketischer Bühnen- und
Kostümumgebung undenkbar erscheinen lässt. So hat denn auch
Mei-Hong Lins Inszenierung als modernes Tanztheater das
Darmstädter Publikum und die Kritik gespalten und in den Wochen
nach der Premiere ausreichend Anlass für heftige Diskussionen
gegeben. Dem Erfolg der Inszenierung hat das jedoch keinen Abbruch
getan, denn bei der nunmehr fünften Aufführung am 19.
Dezember war das Große Haus des Staatstheaters gefüllt wie
bei einer Premiere, und das Publikum - um es gleich vorweg zu sagen -
feierte die Inszenierung auch ebenso.
Man muss sich die deutschen
Texte der zugrunde liegenden Lieder zu Gemüte führen, um
sowohl die Musik als auch die starke emotionale Rezeption der "Carmina
Burana" zu verstehen. Da ist die Rede von der Schwere und
Unerforschlichkeit des Schicksals, das meist mit unerwarteten
Schlägen kommt. Der historische Hintergrund mit Pest, Krieg und
Brandschatzung erklärt die nackte Verzweiflung der Menschen in
einer Welt, die den Tod noch als Erlösung sieht. Selbst die
Anrufung von Liebe und Eros hat etwas Verzweifeltes, schimmert hinter
dem kurzen Glück doch immer der Verlust oder die Verschmähung
durch. Da bleiben dann nur noch die Trinklieder, die den Alkoholrausch
als - kurzfristigen - Sorgentöter feiern, der einige Stunden
falscher Heiterkeit beschert, um dann in einem Kater und
unbewältigten Problemen zu enden. Selbst die Anrufung des
Frühlings und des neu erwachenden Lebens sieht schon den
späteren Herbst und Winter voraus, der wieder Leid bringt. Die gesungenen
Texte, vorwiegend in abgewandeltem Latein oder in einer
altdeutschen Sprache, verleihen dieser Aussage zusätzliche
statuarische Wucht oder verstärken die naive Klage des einfachen
Volkes.
Eine Inszenierung dieser Musik
auf der Bühne hat den Umstand zu berücksichtigen, dass die
Gesänge der "Carmina Burana" keinerlei Handlungsfaden enthalten.
Sie geben lediglich punktuell die Befindlichkeit einer Epoche wieder
und sind vielleicht am ehesten mit Schuberts "Winterreise" zu
vergleichen, wenn diese auch aus einer anderen Zeit stammt. Mei-Hong
Lin hat letztlich einen Ansatz gewählt, der Oper, Chorkonzert und
Tanztheater miteinander kombiniert. Anstatt, wie beim modernen
Tanztheater oft üblich, die Musik vom Band - heute von der DVD -
abzuspielen, intoniert das Sinfonieorchester des Staatstheaters
Darmstadt unter der Leitung von Lukas Beikircher Orffs Musik. Das
Orchester nimmt dazu jedoch nicht wie bei einer Oper im Orchestergraben
Platz, sondern spielt im Bühnenrückraum hinter einer
halbtransparenten Wand, die zugleich Teil der Bühnendekoration
ist. Noch hinter dem Orchester ist der um einen Extrachor, einen
Kinderchor und die Singschule der Darmstädter Kantorei
erweiterte Chor des Staatstheaters aufgestellt, der kräftig
gegen die dünne Wand ansingen muss. Darüber hinaus sind
einzelne Partien der Orffschen Gesänge Mitgliedern des
Opernensembles anvertraut worden, die diese in unterschiedlicher
Kostümierung vortragen. Oleksandr Prytolyuk (Tenor) tritt in
Metzgerkleidung mit Hackebeil als Schankwirt oder im feinen Anzug als
Bräutigam auf, Markus Durst liefert eine fast groteske
Interpretation des verbrannten Schwans, und Aki Hashimoto trägt im
roten Glitzerkleid die weiblichen Klagelieder vor. Die Kostüme zeigen bereits
deutlich den aktuellen Zeitbezug von Mei-Hong-Lins Choreografie. Sie
überträgt die einzelnen Texte und die in ihnen
ausgedrückte Befindlichkeit in die Gegenwart und spiegelt sie an
den heutigen Gegebenheiten. Zu dem einleitenden "O Fortuna" kommt das
gesamte Tanz-Ensemble in modernen Kostümen auf die Bühner und
präsentiert eine Art Gemeinschaftstanz, der jedoch in viele
individuelle Einzelbilder zerfällt, wobei die bewusst ruckartigen
Bewegungen die Hektik der modernen (Medien-)Welt widerspiegeln. Wie in
Orffs Musik angelegt, erscheint die selbe Szene auch zum Schluss und
symbolisiert damit den Kreislauf des Lebens und der Natur. Als einzigen
"roten Faden" in der gesamten Inszenierung lässt Mei-Hong Lin
einen Tänzer (László Kocsis) als Fortuna auftreten.
Das widerspricht in gewissem Sinne der Mythologie, in der die
ambivalente Gestalt der Fortuna immer als Frau dargestellt wird, wirkt
hier jedoch ausgesprochen glaubwürdig. Diese Fortuna ist mal
gnädig, mal grausam, meist mehr drohendes Schicksal als himmlische
Belohnung. László Kocsis streift als ironisches
Aperçu des Lebens durch das Gewühl der um ein bisschen
Glück kämpfenden Menschen, weiß um die
Bedeutungslosigkeit all dieses Bemühens und die
Vergänglichkeit. Wenn er den Geliebten einer Frau sterben
lässt, bedeutet das für ihn nur ein Fingerschnippen, denn
letztlich ist ein menschliches Leben für das personifizierte
Schicksal bedeutungslos. Am Ende landen doch alle am selben Ort, mag
dieses Schicksal denken. Mei-Hong Lin lässt ihre Tänzer mit
all ihren tänzerischen Mitteln gegen dieses Schicksal revoltieren,
doch die Revolten richten sich letztlich immer gegeneinander, da das
Schicksal unfassbar und unangreifbar ist. Eine Persiflage zeigt
glückliche Brautpaare mit gebleckten Fotogebissen, die sich kurz
danach nur noch in den Haaren liegen und sich an die Gurgel gehen. Eine
andere Szene zeigt den Exhibitionismus mediensüchtiger
Talkshow-Besucher, die sich öffentlich entblößen,
wieder eine andere einen Casting-Wettbewerb, in dem junge Männer
und Frauen in Badekleidung nervös auf ihren entscheidenden
Auftritt warten. Immer wieder bricht Mei-Hong Lin die
Liebeslieder ironisch und lässt das dahinter lauernde Scheitern
erkennen.
Die gesungenen Einzelpartien
fügen sich nahtlos in die Choreografie ein, wirken wie Mini-Opern
im Strom der getanzten Gefühlswelt und bringen so etwas wie einen
individualistischen Kontrast zu den bewusst als Kollektivwahn
begriffenen Tanzszenen. In diesen Individualszenen tritt das
Schicksal denn auch in den Hintergrund, was den subtilen Schluss
zulässt, dass die Vermassung den Menschen dem Schicksal ausliefert
und dass nur individuelle Stärken die düstere Macht des
Schicksals bannen können. Das Orchester kann sich trotz der
Platzierung hinter den Kulissen akustisch gut duchsetzem, ja die
Anordnung im Hintergrund hilft den Solo-Sängern sogar bei der
Ausgestaltung ihrer Partien, da sie nicht durch eine aus dem
Orchestergraben aufsteigende Klangwand hindurchsingen müssen,
sondern ihre Stimmen vor dem Klangteppich des Orchesters modellieren
können. Die auch in den Nuancen deutlich akzentuierten Lieder
gewinnen dadurch an Präsenz und Ausdruckskraft. Die Choreografie benötigt
ohne Pause knapp eineinhalb Stunden und besticht vor allem durch ihr
Tempo und die gute Abstimmung von Musik, Tanz und Gesang. Auch ohne
eine explizite (Opern-)Handlung kommt eine Art Spannung auf, die das
Publikum aufmerksam dem Geschehen auf der Bühne folgen lässt.
Originelle Kostüme, eine breite Palette an choreografischen
Einfällen und ein konsistentes Regiekonzept lassen keinen
Augenblick Langeweile aufkommen. Wer bereit ist, Carl Orffs Musik
einmal aus einer anderen Perspektive zu rezipieren und dabei offen
für neue Konzepte ist, kommt bei dieser Inszenierung sicher auf
seine Kosten. Wer jedoch mit einer festen Erwartungshaltung kommt, die
sich vor allem auf die Musik ausrichtet (von der meist sowieso nur das
archaische "O Fortuna" bekannt ist), wird sicher irritiert aus dieser
Vorstellung gehen. So waren die spontanen, wenn auch vereinzelten
"Buuh"-Rufe am Ende durchaus zu erwarten, verloren sich jedoch schnell
im begeisterten Beifall des Publikums. Es wirft auch ein erhellendes
Licht auf die "Buuh"-Rufer, dass sie sich nach ihrer anfänglichen
Unmutskundgebung sehr schnell vom Beifall einschüchtern
ließen. Beruhte der Protest vielleicht nur auf einem Vorurteil
und keiner eigenen Meinungsfindung?
Frank Raudszus |
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