Die hypnotische Kraft der Träume





Programme der letzten Jahre:

2003: Vertigo
2004: Mirror
2005: Alé - eine Streetperformance
2006: Szenario
2007: Emotion



























































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Das "Da-Capo"-Varieté stellt in Darmstadt das neue Programm "Hypnotic" vor

 

Schon einmal waren Träume das Thema des Varietés "Da Capo"; damals, in "Alé", irrte ein einsamer Mann durch eine Wunderwelt der Emotionen und Kunststücke, im neuen Programm "Hypnotic" träumt sich eine schlafende Frau durch die Welt einer berauschenden, bisweilen hypnotisierenden Akrobatik. Doch nicht nur dieser Handlungsrahmen hat sich - wenn auch leicht - geändert. Der Veranstalter "Jungeli Events" wartet in diesem Jahr nicht nur mit einem wesentlich höheren Zelt auf, sondern hat auch die Anordnung in diesem konsequent umgestaltet. Statt einer zirkusförmigen Rundarena mit ringförmigen Zuschauerrängen und Blickrichtung aus nahezu allen vier Richtungen präsentiert sich den Besuchern jetzt eine Theaterlandschaft mit einer typischen - wenn auch weiten - Bühne und davor quer aufgebauten Tischreihen. Ob diese Anordnung den Zuschauern mehr entgegenkommt als die alte, bleibt abzuwarten, denn jetzt gibt es - wie im Theater - die typischen Außenplätze mit verkürztem Blickwinkel. Auf der anderen Seite können sich die Künstler deutlich nach einer Seite ausrichten und zeigen nicht gezwungenermaßen der Hälfte des Publikums ihre weniger attraktive Rückenansicht. Das Foyer des Zeltes ist jetzt zweigeteilt und weist eine wesentlich bessere Entkopplung vom Eingang auf, was vor allem in den kalten Tagen um die Jahreswende wichtig ist. Die fast schon obligatorische Einsegnung des Zeltes durch ein ökumenisches Duo nahm dieses Mal deutlich mehr Zeit als in den Vorjahren in Anspruch und erinnerte fast ein wenig an einen Gottesdienst. Doch die entsprechende besinnliche Stimmung wollte beim erlebnishungrigen Publikum - glücklicherweise? - nicht aufkommen.

Dafür sorgt dann die erste Programmnummer gleich für die richtige "Party"-Stimmung im Zelt: auf die abgedunkelte Bühne rollt ein Bett, und aus dem Hintergrund beginnt eine Band in Nachthemden und Schlafmützen alles andere als schlafmützige Musik zu spielen. Die Verkleidung mit den Schlafmützen ist natürlich etwas gefährlich, bietet sie sich doch für mehr oder minder passende Bonmots geradezu an. Doch die Band macht solche satirischen Bemerkungen vom ersten Ton an gegenstandslos.

Das Duo La BriceDas Duo La Brice

Auf dem Bett erwacht eine Frau im stilisierten Nachtgewand, erhebt sich und schaut sich staunend um. Doch eigentlich ist sie gar nicht wach, sondern träumt und kommentiert - mal redend, mal singend -, was sich jetzt auf der Bühne abspielt: das Duo "La Brice" zeigt Paar-Akrobatik höchster Perfektion, die ihre Höhepunkte in einem einarmigen Handstand findet, den die Frau (Aimée) auf dem Kopf ihres sich langsam drehenden Partners ausführt. Doch die anderen Kunststücke vor und nach diesem Handstand sind nicht weniger spektakulär und zeigen ein Höchstmaß an Körperbeherrschung und Bewegungsgefühl. Danach lockert der Jongleur Picasso - er heißt tatsächlich so! - die angespannten Nerven des Publikums mit so noch nicht gesehenen Ballspielen. Nicht mit der bloßen Hand schickt er multiple kleine Bälle in die Höhe, sondern anfangs mit einer Art Speckbrett, das bis zu vier oder fünf Bälle gleichzeitig in der Luft hält, und das nicht nur senkrecht sondern auch mit seitlichen Auswanderungen, und das brett wandert gern um seinen Körper oder zwischen seinen Beinen hindurch. Als Höhepunkt seiner Show schickt Picasso die Bälle mit dem Mund auf ihre Höhenreise und fängt sie auch damit wieder auf, und das mit mehreren Bällen gleichzeitig. Dabei geht er auf der Bühne umher, als sei es das reinste Freizeitvergnügen.

Jongleur PicassoJongleur Picasso

Der italienische Komödiant tritt offensichtlich als Ersatz an, da nicht im Programm ausgewiesen. Er verzichtet auf den typischen Zirklus-Slapstick mit roter Knollennase und Pluderhose und kommt stattdessen als verwirrter Künstler in Anzug und Mantel auf die Bühne. Sein Thema ist der unbegabte aber sehnsüchtige Varieté-Künstler, der auch einmal im Rampenlicht stehen möchte, doch nichts zuwege bringt. Angenehm, dass er nicht auf die Tränendrüse des "traurigen Clowns" drückt sondern den Versager eher komisch darstellt. So fällt das Lachen leichter. Später wird er eine wirklich gute Nummer mit einer jungen Dame aus dem Publikum abliefern, bei der er gestisch und akustisch eine temperamentvolle Autofahrt eines verhinderten Liebhabers simuliert, die viele verdiente Lacher erntet.

Nach einer weiteren beeindruckenden Akrobatiknummer von Marco Noury an schwingenden Bändern, die als eines der schwierigsten Akrobatik-"Geräten" gelten, schließt der erste Teil mit der Sprungtruppe Catana, die per "Wippe" einzelne Damen in die Höhe schießt, die dann auf dritter, vierter oder fünfter Ebene einer Menschenpyramide sicher auf den obersten Schultern landen, nicht, ohne auch noch einen Salto eingeschoben zu haben. Trotz der professionellen Präzision bleibt den Zuschauern bei jedem "Schuss" der Atem stehen.

Die Gruppe CatanaDie Gruppe Catana

Die zweite Hälfte beginnt mit einer gelungenen Choreografie an vier Hochrecks im Carré. Drei Männer buhlen um die Gunst einer Frau, die ebenso gekonnt wie lasziv an den Stützen herumlungert, um dann plötzlich an die Reckstange zu springen und mit den Männer um die Wette in einem zentimetergenau choreografierten Wechselspiel um die Stangen zu schwingen und dabei abwechselnd den Innenraum zu besetzen. Ein falsches Timing, und der fatale Zusammenstoß wäre nicht mehr aufzuhalten. Versteht sich, dass die Abstimmung bis zum Schluss perfekt klappt und die Dame schließlich einen der drei Meisterturner erwählt.

Die "Kourbanovs"Die "Kourbanovs"

Anna Stewart Vigeland und ihr Partner zeigen einen so ästhetische wie kraftvollen "Liebestanz" am Trapez hoch über der Bühne mit genau einkalkulierten Schrecksekunden, und den Abschluss bildet die russische Akrobaten-Truppe "Kourbanov", diesmal auf schweren Harleys und in Motorrad- und Punk-Kluft. Auf den hochgestellten Beinen der auf dem Motorrad liegenden "Untermänner" treiben die jungen Mitglieder - einer davon noch ein Kind! - ihre akrobatischen Späße mit viel Temperament, Phantasie und Tempo. Dazu dröhnt die passende Musik von der Band, deren Schlafmützen man spätestens jetzt vollständig vergisst, hin und wieder drehen sie eine Runde auf den schweren Maschinen, dass die Abgase ins Publikum ziehen, um dann wieder die nächste ausgefallene Sprung- oder Flugnummer zu präsentieren. Tempo ist bei dieser Schluss-Show alles, und so versetzt die Choreografie das Publikum am Ende planmäßig in echte Begeisterung, das sich in rhythmischem Klatschen artikuliert.

James Jungeli, der diesmal nicht selbst aktiv teilnimmt, ist mit diesem Programm eine sehr dichte, in sich geschlossene und kompakte Show gelungen, ohne akustische oder optische Extreme, die das Publikum ermüden, aber mit genau der richtigen Mischung aus Spannung, Nervenkitzel, Tempo und Witz. Die Traumwandlerin, die im stilisierten Schlafanzug durchs Programm führte, hätte vielleicht eine Spur frecher und erotischer auftreten können, vor allem angesichts des doch eher mit biederen Assoziationen verbundene Kostüms (Schlafen!), und der Komiker zeigt vor allem anfangs eine leichte Neigung zur "ollen Kamelle", doch sind das eher marginale Kritikpunkte, die den Gesamteindruck nicht schmälern und außerdem unter die Rubrik "persönllicher Geschmack" fallen. Wie immer bietet James Jungeli den Darmstädtern über die Advents- und Weihnachtszeit ein mehr als "nur" unterhaltsames Programm, das seinen Eintrittspreis auf jeden Fall wert ist.

Hypnotic vom 4.12.08 bis 4.1.09, Darmstadt, Karolinenplatz
Täglich 20 UhrAlle Sonntage sowie 25.12.08 und 26.12.08, 15 Uhr und 20 Uhr
Ruhetage: 24.12.08 und 1.1.09
Einlass 1 Stunde vor Showbeginn

Weitere Informationen über das Internet.

Frank Raudszus