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Die hypnotische Kraft der Träume |
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Das
"Da-Capo"-Varieté stellt in Darmstadt das neue Programm
"Hypnotic" vor |
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Schon einmal waren Träume
das Thema des Varietés "Da
Capo"; damals, in "Alé", irrte ein einsamer Mann durch eine
Wunderwelt der Emotionen und Kunststücke, im neuen Programm
"Hypnotic" träumt sich eine schlafende Frau durch die Welt einer
berauschenden, bisweilen hypnotisierenden Akrobatik. Doch nicht nur
dieser Handlungsrahmen hat sich - wenn auch leicht - geändert. Der
Veranstalter "Jungeli Events" wartet in diesem Jahr nicht nur mit einem
wesentlich höheren Zelt auf, sondern hat auch die Anordnung in
diesem konsequent umgestaltet. Statt einer zirkusförmigen
Rundarena mit ringförmigen Zuschauerrängen und Blickrichtung
aus nahezu allen vier Richtungen präsentiert sich den Besuchern
jetzt eine Theaterlandschaft mit einer typischen - wenn auch weiten -
Bühne und davor quer aufgebauten Tischreihen. Ob diese Anordnung
den Zuschauern mehr entgegenkommt als die alte, bleibt abzuwarten, denn
jetzt gibt es - wie im Theater - die typischen Außenplätze
mit verkürztem Blickwinkel. Auf der anderen Seite können sich
die Künstler deutlich nach einer Seite ausrichten und zeigen nicht
gezwungenermaßen der Hälfte des Publikums ihre weniger
attraktive Rückenansicht. Das Foyer des Zeltes ist jetzt
zweigeteilt und weist eine wesentlich bessere Entkopplung vom Eingang
auf, was vor allem in den kalten Tagen um die Jahreswende wichtig ist.
Die fast schon obligatorische Einsegnung des Zeltes durch ein
ökumenisches Duo nahm dieses Mal deutlich mehr Zeit als in den
Vorjahren in Anspruch und erinnerte fast ein wenig an einen
Gottesdienst. Doch die entsprechende besinnliche Stimmung wollte beim
erlebnishungrigen Publikum - glücklicherweise? - nicht aufkommen. Dafür sorgt dann die erste
Programmnummer gleich für die richtige "Party"-Stimmung im Zelt:
auf die abgedunkelte Bühne rollt ein Bett, und aus dem Hintergrund
beginnt eine Band in Nachthemden und Schlafmützen alles andere als
schlafmützige Musik zu spielen. Die Verkleidung mit den
Schlafmützen ist natürlich etwas gefährlich, bietet sie
sich doch für mehr oder minder passende Bonmots geradezu an. Doch
die Band macht solche satirischen Bemerkungen vom ersten Ton an
gegenstandslos.
Auf dem Bett erwacht eine Frau
im stilisierten Nachtgewand, erhebt sich und schaut sich staunend um.
Doch eigentlich ist sie gar nicht wach, sondern träumt und
kommentiert - mal redend, mal singend -, was sich jetzt auf der
Bühne abspielt: das Duo "La Brice" zeigt Paar-Akrobatik
höchster Perfektion, die ihre Höhepunkte in einem einarmigen
Handstand findet, den die Frau (Aimée) auf dem Kopf ihres sich
langsam drehenden Partners ausführt. Doch die anderen
Kunststücke vor und nach diesem Handstand sind nicht weniger
spektakulär und zeigen ein Höchstmaß an
Körperbeherrschung und Bewegungsgefühl. Danach lockert der
Jongleur Picasso - er heißt tatsächlich so! - die
angespannten Nerven des Publikums mit so noch nicht gesehenen
Ballspielen. Nicht mit der bloßen Hand schickt er multiple kleine
Bälle in die Höhe, sondern anfangs mit einer Art Speckbrett,
das bis zu vier oder fünf Bälle gleichzeitig in der Luft
hält, und das nicht nur senkrecht sondern auch mit seitlichen
Auswanderungen, und das brett wandert gern um seinen Körper oder
zwischen seinen Beinen hindurch. Als Höhepunkt seiner Show schickt
Picasso die Bälle mit dem Mund auf ihre Höhenreise und
fängt sie auch damit wieder auf, und das mit mehreren Bällen
gleichzeitig. Dabei geht er auf der Bühne umher, als sei es das
reinste Freizeitvergnügen.
Der italienische Komödiant
tritt offensichtlich als Ersatz an, da nicht im Programm ausgewiesen.
Er verzichtet auf den typischen Zirklus-Slapstick mit roter Knollennase
und Pluderhose und kommt stattdessen als verwirrter Künstler in
Anzug und Mantel auf die Bühne. Sein Thema ist der unbegabte aber
sehnsüchtige Varieté-Künstler, der auch einmal im
Rampenlicht stehen möchte, doch nichts zuwege bringt. Angenehm,
dass er nicht auf die Tränendrüse des "traurigen Clowns"
drückt sondern den Versager eher komisch darstellt. So fällt
das Lachen leichter. Später wird er eine wirklich gute Nummer mit
einer jungen Dame aus dem Publikum abliefern, bei der er gestisch und
akustisch eine temperamentvolle Autofahrt eines verhinderten Liebhabers
simuliert, die viele verdiente Lacher erntet. Nach einer weiteren beeindruckenden Akrobatiknummer von Marco Noury an schwingenden Bändern, die als eines der schwierigsten Akrobatik-"Geräten" gelten, schließt der erste Teil mit der Sprungtruppe Catana, die per "Wippe" einzelne Damen in die Höhe schießt, die dann auf dritter, vierter oder fünfter Ebene einer Menschenpyramide sicher auf den obersten Schultern landen, nicht, ohne auch noch einen Salto eingeschoben zu haben. Trotz der professionellen Präzision bleibt den Zuschauern bei jedem "Schuss" der Atem stehen.
Die zweite Hälfte beginnt
mit einer gelungenen Choreografie an vier Hochrecks im Carré.
Drei Männer buhlen um die Gunst einer Frau, die ebenso gekonnt wie
lasziv an den Stützen herumlungert, um dann plötzlich an die
Reckstange zu springen und mit den Männer um die Wette in einem
zentimetergenau choreografierten Wechselspiel um die Stangen zu
schwingen und dabei abwechselnd den Innenraum zu besetzen. Ein falsches
Timing, und der fatale Zusammenstoß wäre nicht mehr
aufzuhalten. Versteht sich, dass die Abstimmung bis zum Schluss perfekt
klappt und die Dame schließlich einen der drei Meisterturner
erwählt.
Anna Stewart Vigeland und ihr
Partner zeigen einen so ästhetische wie kraftvollen "Liebestanz"
am Trapez hoch über der Bühne mit genau einkalkulierten
Schrecksekunden, und den Abschluss bildet die russische
Akrobaten-Truppe "Kourbanov", diesmal auf schweren Harleys und in
Motorrad- und Punk-Kluft. Auf den hochgestellten Beinen der auf dem
Motorrad liegenden "Untermänner" treiben die jungen Mitglieder -
einer davon noch ein Kind! - ihre akrobatischen Späße mit
viel Temperament, Phantasie und Tempo. Dazu dröhnt die passende
Musik von der Band, deren Schlafmützen man spätestens jetzt
vollständig vergisst, hin und wieder drehen sie eine Runde auf den
schweren Maschinen, dass die Abgase ins Publikum ziehen, um dann wieder
die nächste ausgefallene Sprung- oder Flugnummer zu
präsentieren. Tempo ist bei dieser Schluss-Show alles, und so
versetzt die Choreografie das Publikum am Ende planmäßig in
echte Begeisterung, das sich in rhythmischem Klatschen artikuliert. James Jungeli, der diesmal nicht
selbst aktiv teilnimmt, ist mit diesem Programm eine sehr dichte, in
sich geschlossene und kompakte Show gelungen, ohne akustische oder
optische Extreme, die das Publikum ermüden, aber mit genau der
richtigen Mischung aus Spannung, Nervenkitzel, Tempo und Witz. Die
Traumwandlerin, die im stilisierten Schlafanzug durchs Programm
führte, hätte vielleicht eine Spur frecher und erotischer
auftreten können, vor allem angesichts des doch eher mit biederen
Assoziationen verbundene Kostüms (Schlafen!), und der Komiker
zeigt vor allem anfangs eine leichte Neigung zur "ollen Kamelle", doch
sind das eher marginale Kritikpunkte, die den Gesamteindruck nicht
schmälern und außerdem unter die Rubrik "persönllicher
Geschmack" fallen. Wie immer bietet James Jungeli den Darmstädtern
über die Advents- und Weihnachtszeit ein mehr als "nur"
unterhaltsames Programm, das seinen Eintrittspreis auf jeden Fall wert
ist. Hypnotic vom 4.12.08 bis 4.1.09,
Darmstadt, Karolinenplatz
Täglich 20 UhrAlle Sonntage sowie 25.12.08 und 26.12.08, 15 Uhr und 20 Uhr Ruhetage: 24.12.08 und 1.1.09 Einlass 1 Stunde vor Showbeginn Weitere
Informationen über das Internet. Frank Raudszus |
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