Ein furioser zweiter Anlauf






























































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Das "Jamie Oliver Dinner" erfindet sich in Wochenfrist neu

 

Vor etwas über zwei Wochen berichteten wir an dieser Stelle über die Vor-Premiere des "Jamie-Oliver-Dinners" in Frankfurt. Dabei  charakterisierten wir die Veranstaltung mit den Worten "Doch es geht nicht nur um Theater, Gesang oder gar Parodie. Hier wird in erster Linie gegessen, und zwar gut." Man konnte die Veranstaltung zu diesem Zeitpunkt auch als "Abendessen mit Unterhaltungsprogramm" bezeichnen. In einer heute eher selten anzutreffenden öffentlichen Selbstkritik teilten die Veranstalter mit, das ihr Konzept beim Publikum "durchgefallen" sei (Originalton der Pressemitteilung) und dass man daraus die Konsequenzen gezogen habe. Im Gegensatz zu veieln Theater-Regisseuren, die ihr Konzept gerne in geradezu hochmütiger Arroganz gegen die schärfsten Verrisse ungerührt durchhalten, zeigten sich die Veranstalter für die Kritik ihres - zahlenden - Publikums empfänglich und änderten das Konzept in kürzester Zeit radikal. Der Vergleich mit dem Theater ist für letzteres wegen dessen unbestrittenen Bildungsauftrags zwar ein wenig ungerecht, aber die Publikumsgunst benötigen beide dennoch. Die überarbeitete Version der Veranstaltung könnte man nun als "Varieté mit begleitendem Abendessen" bezeichnen.

Die "Caesar Twins"Die "Caesar Twins"

Um es gleich vorwegzunehmen: nicht alle Konzepte der ersten Version wurden aufgegeben. So blieb die Speisenfolge bis hin zu den Weinen ungeändert, denn an Jamie Olivers Rezepten hatte offensichtlich niemand etwas auszusetzen. Auch ein Teil der auftretenden Künstler blieb im Programm, so Igor mit den "Hula Hoop"-Reifen, der halsbrecherische Fahrrad-Künstler Dave Blundell, die Seil-Künstler Kati und Philipp aus Berlin und die Kontorsionistin Nataliya Vasylyuk. Auch die "Jamie Oliver Dinner Band" und der "Müller-Westernhagen"-Imitator Andreas Marius-Weitersagen blieben im Rennen. Dagegen wurde die gesamte Kochshow samt dem komischen Jury-Paar gegen weitere Artisten ausgetauscht. Der mangelnde Erfolg der Kochshow mag wohl auch prinzipielle Gründe gehabt haben. Angesichts der ringförmigen Zirkus-Anordnung der Tische konnte sich die eher sprachlastige Kochshow immer nur einem Teil des Publikums zuwenden, und die Verbreitung über den TV-Kubus über der Bühne  ist kein vollwertiger Ersatz für den direkten Kontakt mit den Künstlern. Die Folge sind nachlassende Aufmerksamkeit beim abgewandten Teil des Publikums und langsam einsetzendes Desinteresse. Eine artistische Show dagegen - sei es am Seil oder auf dem Boden - benötigt keinen unmittelbaren "Gesichtskontakt" mit dem gesamten Publikum und sichert dessen Aufmerksamkeit in weit höherem Maße - wenn sie denn gut ist. Und für letzteres haben die Veranstalter gesorgt. Zum Mittelpunkt der neuen Show haben sie die "Caesar Twins" gemacht, ein schlankes, sehniges Zwillingspaar - männlich - mit hellem Blondschopf und der Schnellkraft von Raubtieren. Diese beiden sind auf fast allen Gebieten der Akrobatik zu Hause, sei es im Bodenturnen mit geradezu phänomenalen Flick-Flacks, Saltos und gewagten Luftsprüngen, sei es am Seil oder Weidentuch in der Höhe, sei es im simulierten Kung-Fu-Kampf oder sogar im Wasser. Die beiden sind ausgesprochene Ausnahmetalente und können einen Saal für Stunden allein unterhalten. Ihre trotz ausgeprägter Muskeln eher schmalen Figuren lassen sie vor allem am Seil oft sogar ein wenig androgyn wirken, was einen ganz besonderen Reiz ausübt. Der "Vogelflug" gegen Ende der Veranstaltung an einem V-förmigen Seil könnte genauso gut von einer Frau interpretiert werden.

Die Kontorsionistin Nataliya VasylyukKontorsionistin Nataliya Vasylyuk

Man merkt der neuen Show von Anbeginn an, dass Tempo und Dynamik das Leitmotiv sind. Andreas Marius-Weitersagen mischt vom ersten Moment an das Publikum mit "fetzigen" Liedern seines Imitationsobjektes auf und fordert die Besucher immer wieder unter Einsatz seines ganzen Körpers - schnelle, raumgreifende Schritte, rhythmisches Klatschen, direkter Kontakt zum Publikum - zum Mitmachen auf. Kaum hat er seine erste Müller-Westernhagen-Runde absolviert und den Saal ein wenig aufgeheizt, zeigen gleich die "Caesar Twins" in einem nicht nur akrobatisch sondern wegen des Zwillingseffekts auch optisch ansprechenden Auftritt ihr Können. Um diese beiden gruppieren sich die anderen Artisten der ersten Show, wobei gerade die Seil-Artisten oder die Kontorsionistin für Konzentration und gespannte Ruhe stehen. Dazu bilden die beiden dynamischen Zwillinge immer wieder einen deutlichen Kontrast, ob nun als Kung-Fu-Kämpfer mit Publikumsbeteiligung oder als "Tiger Twins" in einem kreisrunden Wasserbecken, in dem sie wie Raubfische umherschwimmen oder hinein- und herausspringen. Das Geschehen auf der Bühne nimmt mit seinem Tempo wesentlich mehr Raum ein als die Kochshow in der ersten Version und fesselt das Publikum wesentlich fester an das Unterhaltungsprogramm. Für weiteres musikalisches Feuer sorgen die "Weather Girls", zwei füllige farbige Damen, die das Publikum mit ihren rhythmischen Gospel-Songs - u. a. das berühmte "Hit the road, Jack" - immer wieder mitreißen.

Conferencier und Alleinunterhalter Kai EikermannConferencier und Alleinunterhalter Kai Eikermann

Als Conferencier tritt in der neuen Show Kai Eikermann auf, der mit abgeklärter Gelassenheit und viel Witz nicht nur die einzelnen Nummern verbindet, sondern sich auch selbst als Darsteller einbringt. Tritt er anfangs noch als scheinbar auf die Bühne gezerrter Zuschauer auf, der plötzlich einen erstaunlichen Mut zum Mitmachen entwickelt, zeigt er später auch sein mimisches Talent, wenn er mit akustischer Unterstützung eine aberwitzige Puppenimitation präsentiert. Eikermann und Marius-Weitersagen wechseln sich in der humoristischen Betreuung des Publikums mit blindem Verständnis ab, und die Artisten liefern das nötige Tempo und den Nervenkitzel dazu.

Noch ein Wort zum Essen: der Service war diesmal deutlich besser organisiert, was nicht unbedingt auf eine Unzufriedenheit beim ersten Mal schließen lässt. Diesmal achtete man jedoch ausdrücklich darauf, dass alle Gäste an einem Tisch ihren jeweiligen Gang gleichzeitig erhielten, was wegen der exakten Organisation geradezu auffiel. Darüber hinaus zeigte der TV-Kubus über der Bühne während des Servierens die Zubereitung der jeweiligen Speise, was sich als durchaus reizvoll erwies. Man sollte sich eine ähnliche Aktion für die Zeit vor dem offiziellen Beginn des Dinners überlegen, denn in der halben Stunde nach Einlass in den Saal und vor Beginn der Veranstaltung geschieht im Saal nichts. Über den TV-Schirm könnte man das anfangs noch vereinzelt an den Tischen sitzende Publikum durch entsprechende Video-Clips schon auf den Abend einstimmen.


Das "Jamie Oliver Dinner" läuft bis Ende April 2009 täglich außer montags um 20 Uhr, sonntags um 19 Uhr. Einlass 90 Minuten vorher.

Weitere Informationen über das Internet.

Frank Raudszus