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Die Weite und das Nichts |
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Das
Staatstheater Darmstadt inszeniert Anton Tschechows "Onkel Wanja" |
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Man könnte dieses
seltsamerweise mit "Komödie" bezeichnete Theaterstück auch
anders, kürzer inszenieren. Die bewusst sparsam gehaltene Handlung
ließe sich ohne Pause in gut einer Stunde über die
Bühne bringen, nur müsste dann am Ende Onkel Wanja sich oder
den Professor erschießen, um einer solchen "Tempo-Version" den
krönenden Abschluss zu verleihen. Abgesehen vom abgeänderten
Ende wäre das jedoch nicht Tschechow, denn zu Tschechow
gehört gedanklich die unendliche Weite des zaristischen
Russlands, seinen verstreuten Güter und die endlose Langeweile und
Ziellosigkeit bei deren Bewohnern. Fast zwanghaft hat Anton Tschechow
immer wieder die Verlorenheit des russischen Landadels, die Sehnsucht
nach der Großstadt - Moskau oder St. Petersburg - und die
Unfähigkeit beschreiben, die eigene Lage zu ändern oder dem
Leben einen neuen Sinn zu geben. Der morbide Geruch der Dekadenz
durchweht alle Tschechowschen Stücke, so auch dieses, dessen
Personen sich in der - geografischen und mentalen - Weite Russlands ins
Nichts verlieren.
Das Tableau ist typisch für
Tschechow: die Tochter der Gutsbesitzerin Wojnizkaja hat den Professor
Serebrjakow geheiratet und ist mit ihm in die Großstadt gezogen.
Ihr Bruder Iwan, genannt Wanja, hat jahrelang schwer gearbeitet, um mit
den schmalen Erträgen des Gutes das aufwändige Stadtleben des
Paares zu finanzieren, war man doch voller Stolz über den Aufstieg
der Schwester in die akademische Oberschicht. Nach dem Tode der
Schwester hat auch deren Tochter Sonja selbstlos mitgearbeitet. Als der
mittlerweile emeritierte Professor das teure Leben in der
Großstadt nicht mehr bezahlen kann, zieht er mit seiner jungen
und bildschönen Frau Jeléna auf das Gut, wo er sich sofort
als ruhebedürftiger und verehrungswürdiger Hausherr
etabliert. Wanja, selbst schon in den Fünzigern, verliebt sich so
unsterblich wie unglücklich in Jeléna und entdeckt, dass
der bewunderte Professor nie größere Leistungen erbracht hat
und in seinen Vorlesungen nur Dinge vorgetragen hat, die "jeder
gebildete Mensch bereits wusste und die Studenten nicht
interessieren". Dennoch bleibt er in seiner klaglos dienenden Haltung
befangen, wenn auch der Professor durch seine Ankunft die gesamte
arbeitsame Atmosphäre auf dem Gut zerstört hat. Man steht
spät auf, trinkt den Morgentee mittags und isst abends zu Mittag.
Eine tiefe Lethargie hat sich über Wanja und damit über das
Gut gelegt; nur Sonja versucht in ihrer Zukunftsgläubigkeit, so
etwas wie eine Struktur in das Leben im Hause zu bringen. Jeléna
zieht wie ein böser Geist durch das Haus, verdreht den
Männern den Kopf und stirbt fast vor Langeweile, da sie für
Empfänge, Ausfahrten und Bälle erzogen wurde, jedoch nicht
für das eintönige Leben auf dem Gut. Zur Arbeit im
landläufigen Sinne fehlt ihr sowohl das Verständnis als auch
der Antrieb. In diese erstarrte Welt bringt
nur der Arzt Astrow ein wenig Leben und Bewegung. Der Junggeselle
in den Dreißigern schindet sich in seinem Arztberuf Tag und Nacht
und sieht doch nur den Stillstand in der medizinischen und materiellen
Versorgung des Volkes. Die tiefe Enttäuschung über die
Stagnation im zaristischen Russland hat ihn bereits ein gutes
Stück weit in den Wodka getrieben; nur seine Liebe zum Wald und
seine unaufhörlichen Versuche, diesen vor der Zerstörung
durch Rodung und Holzraub zu retten, halten ihn noch aufrecht. Sonja
hat sich in diesen engagierten Hoffnungsträger unsterblich
verliebt, weiß jedoch um ihre mangelnde Schönheit und ahnt
sein Desinteresse. Astrow dagegen ist von der ersten Stunde
an Jeléna verfallen, die in ihrer Langeweile und ihrer Abscheu
vor
ihrem alternden und schwadronierenden Ehemann ebenfalls verstecktes Interesse an ihm gefunden hat. Als ausgerechnet Jeléna
für Sonja bei Astrow vorfühlt, gibt dieser - im Innersten
getroffen - seine Zurückhaltung auf und gesteht ihr seine Liebe.
Die Szene endet in einem kompromittierenden Fiasko, da Wanja genau in
dem Moment des beiderseitigen Zusammenfindens auf der Szene erscheint.
Der in seiner Liebe zutiefst
enttäuschte Wanja verliert jedoch erst die Fassung, als der
Professor vor der versammelten Familie seine Absicht erklärt, das
Gut zu verkaufen und dafür Wertpapiere - natürlich für
seinen Lebensunterhalt - zu erwerben. Doch erst das Desinteresse des
zugeheirateten Phrasendreschers an der Zukunft der für sein
Wohlleben schwer arbeitenden Gutsbetreiber lässt Wanja zum
Amokläufer werden. Mit der Pistole in der Hand verfolgt er den
Professor, trifft ihn jedoch trotz zweier Versuche nicht. In
dieser dem Untergang geweihten Welt gelingt nicht einmal der einfache
Mord aus Rache. Der Professor und seine Frau reisen ab, einen kurzen
Moment zögern Jeléna und Astrow voreinander, doch ihr fehlt
der Mut zum Skandal und ihm die Kraft, noch einmal aufzubegehren.
Einige kurze Minuten geht Astrow noch hinter Sonja auf und ab,
offensichtlich die Alternative einer Vernunftheirat mit eigenem
Hausstand überlegend, dann lässt er anspannen. Wanja und
Sonja setzen sich an den Tisch und erledigen lange liegengebliebene
Verwaltungsarbeit. Sonjas letzter, resignierter Satz lautet: "Wir
werden Ruhe finden". Regisseur Martin Ratzinger
siedelt seine Inszenierung in einem gut- bis
großbürgerlichen Ambiente ohne exakte Zeitzuordnung an. Das
Mobiliar zeigt deutlich konservative Züge, könnte jedoch
durchaus in dem einen oder anderen heutigen Haushalt stehen. Das
Gleiche gilt für die Kostüme, die eine größere
Zeitspanne des 19. und 20. Jahrhundert überspannen. Damit
schafft er eine gewisse Distanz zu dem historischen Russland, ohne den
Stoff plakativ zu aktualisieren. Die
erste Szene erinnert ein wenig an die Kneipenszene aus "Endstation
Sehnsucht": untätig sitzen die strickende Marina (Sonja Mustoff),
der sich langweilende Astrow (Tom Wild) und der Gehilfe Telegin (Hubert
Schlemmer) in der
Nachmittagshitze vor dem Haus und tun - nichts. Die Zeit verstreicht
träge, und nur der Griff zur Wodka-Flasche unterbricht ein wenig
die Untätigkeit. Von Zeit zu Zeit fällt ein knapper Satz ohne
Inhalt, man hört buchstäblich die Grillen zirpen. Diese
Szenen ausgeprägter Langeweile häufen sich im Laufe des
Stücks, und Ratzinger lässt sie ganz bewusst breit
ausspielen. Schweigsam sitzen dann die Personen um den Tisch, liegen -
über die Ödnis des Lebens klagend - auf einem Kanapee oder
lehnen mit stumpfem Blick an einer Zimmerwand. Nur Sonja und Telegin
bringen so etwas wie den alltäglichen Optimismus des einfachen
Volkes zum Ausdruck, da sie ihn dringend zum physischen Überleben
benötigen.
Man fragt sich angesichts dieser
Inszenierung natürlich, welche aktuelle Bedeutung "Onkel Wanja"
heute noch aufweist. Sicherlich kann die heutige Zeit nicht über
den ewigen Gleichklang der Eintönigkeit und Langeweile klagen. Die
Globalisierung und der aus dieser resultierende höhere
Konkurrenzdruck, die Beschleuniguing des täglichen Lebens durch
Mobilfunk und Internet und nicht zuletzt die Dauerberieselung durch die
Medien schaffen ein stetig zunehmendes Lebenstempo, das zwar auch meist
eines höheren Sinns entbehrt, doch auf keinen Fall mit der
scheinbar ewigen Gleichförmigkeit des Lebens auf den russischen
Gütern zu vergleichen ist. Die Transponierung über die
Sinnsuche gibt das Stück nicht her, da es in diesem von Anfang
weder den Sinn noch die Suche danach gibt. Nur Astrow versucht so etwas
wie höhere Ziele für sein Leben zu definieren, ist daran
jedoch schon zu Beginn des Stücks gescheitert. Der Professor,
Dreh- und Angelpunkt des bisherigen Lebens auf dem Gut, ist als Phrasen
dreschender Hohlkopf entlarvt, der den Lebenssinn in seiner eigenen
vermeintlichen Bedeutung sieht. Wanja hat den Sinn seines Tuns stets
darin gesehen, dem ruhmvollen Leben von Schwester und Schwager den
notwendigen materiellen Rahmen zur Verfügung zu stellen: ein
klassischer "Ersatzsinn". So
bleibt mangels ausreichender bleibender Aussage die Feststellung, dass
hier ein Stück Theatergeschichte zelebriert wird man zeigt, wie
traurig es im Russland Tschechows zuging. An sich nicht die
schlechteste Ausgangsbasis, denn Theater versteht sich zwar als
Thematisierung aktueller Probleme aber durchaus auch als ein Stück
Kulturgeschichte. Diese Aufbereitung Tschechows aus seinem
Zeitverständnis heraus geht dabei durchaus - wennn auch nicht
durchgehend - mit ansprechenden schauspielerischen Leistungen einher.
Harald Schneider spielt einen todunglücklichen, innerlich
zerrissenen Wanja, der die Ungerechtigkeit der Welt nicht mehr
versteht, an ihr verzweifelt und natürlich auch bei dem Versuch,
Rache zu üben, scheitert. Doch Wanja gewinnt bei ihm menschliche
Struktur und Glaubwürdigkeit. Äuch Diana Wolf gelingt es, der
verhuschten Sonja in ihrer Aussichtslosigkeit eine gewisse Würde
zu verleihen, die gerade im Erdulden des verrinnenden Lebens liegt.
Klaus Ziemann dagegen hätte dem Professor durchaus mehr
Borniertheit und Selbstgefälligkeit mitgeben können; bei ihm
kommt diese Person trotz ihres Parasiten-Charakters zu gut weil zu
unauffällig weg. Auch Tom Wild verleiht dem Arzt Astrow eher
Züge des Bonvivants als des an der Erstarrung der Welt
Verzweifelnden. Sein Astrow greift ein wenig zu schnell zum "willigen
Wässerchen" und stellt die Revolutionärsfahne etwas zu
frühzeitig in den Schrank. Wie auch Jeléna ist Astrow die
einzige Figur mit einer echten Alternative - politisch wie privat -
doch einen inneren Kampf um diese Alternativen mag man nicht erkennen.
Christina Kühnreich steigt da schon etwas tiefer in die
Jeléna ein. Bei ihr entdeckt Jeléna durchaus ihre
Alternativen, und wo Wilds Astrow nur die schnelle Umarmung will, denkt
sie kurzfristig an die Trennung von Serebrjakow. Doch die
gesellschaftlichen Zwänge und die Angst vor dem Skandal
überwiegen und bestimmen letztlich ihre Handlungsweise. Christina
Kühnreich gelingt dieses Schwanken zwischen innerer Sehnsucht und
dem zwang zur Konformität recht glaubwürdig, und ihre
Jeléna geht als innerlich gezeichnete Frau von der Bühne,
wenn auch nicht unbedingt seelisch gereift. Das Premierenpublikum zeigte
sich angetan aber nicht mitgerissen, was jedoch zum großen Teil
dem statischen Stück zuzuschreiben ist, das keine wirkliche
Entwicklung der Charaktere erlaubt. Freundlicher Beifall für das
Ensemble - vor für allem Harald Schneider und Diana Wolf - und
für die Regie.
Frank Raudszus |
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