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Groteske als Fluchtweg |
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Johann
Strauss' Operette zum Jahresausklang im Staatstheater Darmstadt |
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Nach dem Ende der k.u.k.-Zeit
hat die Operette vor allem bei "ernsten" Musikliebhabenr stetig an
Ansehen verloren, wenn sie denn je eines hatte. Beim breiten Publikum
hat das - mittlerweile einer ähnlichen Einschätzung
unterworfene - Musical die fast schon vergessene Operette ersetzt, die
jedoch in ihren besten Vertretern - unter anderen die "Fledermaus" -
immer noch Repertoirerenner aufzuweisen hat. Da die letzten Tage des
Jahres schon immer eine beliebte Zeit für unbeschwertes Feiern
und beschwingte Musik waren, bietet es sich an, Operetten hier zu
platzieren.
Nun dürften die
Programmverantwortlichen an großen Theatern und
Konzerthäusern generell die Inszenierungen von Operetten wie den
berühmten "Schwarzen Peter" fürchten und sie im
Terminkalender verschämt vor sich hin schieben. Doch man kann sich
diesem Thema auch unbefangen von einer anderen Seite nähern, wenn
man die Operette als Groteske betrachtet und als solche inszeniert. Die
Tatsache, dass sie lange Zeit als "ernst zu nehmende" Unterhaltung galt
und diesen Platz bei einem Teil des älteren Publikums immer noch
einnimmt, lässt sich insofern nutzen, als man weiterhin konsequent
auf den unterhaltenden Teil setzt, wenn auch nicht im Sinne
"schöner Klänge und Kostüme" und affirmativen
Genießens einer längst versunkenen Welt sondern als
befreiendes Lachen über den Unsinn dieser fiktiven Welt. Johann Strauss' Operette "Wiener
Blut" passt insofern zur späten Jahreszeit, als sie selbst ein
Spätwerk des Meisters darstellt, deren Uraufführung dieser -
glückicherweise - selbst nicht mehr erlebte. Ja, eigentlich war es
gar nicht sein Werk sondern das von begabten Epigonen, die um das
verfügbare Material von Strauss-Musik herum ein mehr oder weniger
hanebüchenes Libretto zimmerten, dessen einziger Zweck darin
bestand, den schon damals bekannten Strauss-Walzern eine gemeinsame
Aufführungsumgebung zur Verfügung zu stellen. Die Handlung
besteht aus erotischen Verirrungen und peinlichen Verwechslungen, die
sich zum Schluss zu den moralisch korrekten Zweierbindungen entwirren:
dandyhafter Graf zur Zeit des Wiener Kongresses - ein Dauerthema
für Operetten! - hält sich nicht nur neben der
standesgemäßen Ehefrau eine Tänzerin als Geliebte,
sondern steigt auch noch der Freundin seines nichtsahnenden Dieners
nach. Der Versuch, diese heimlich in einem Wiener Vorort zu treffen,
endet dank der kräftigen Tolpatschigkeit eines präsenilen
Diplomaten in einer wilden Verwechslungsjagd, bei der jede Frau einmal
für Gräfin oder Geliebte gehalten wird und die alle sechs
Beteiligten in eben diesem Vorort zusammenführt, wo
schießlich das Lügengebäude zusammenbricht und jeder
Topf sein Deckelchen findet.
In Darmstadt hat Regisseurin
Renate Ackermann von vornherein auf die große musikalische und
szenische Geste verzichtet und den Docht der flackernden Lampe eine
Ebene tiefer gedreht. Die Musik kommt von sechs Flügeln, die im
offenen Halbkreis an den Bühnenwänden aufgestellt sind und
die Joachim Enders musikalisch so aufeinander abgesimmt hat, dass sich
neben einem orchestralen Klang auch eine Reihe witziger musikalischer
Effekte ergibt. Außerdem binden die Darsteller die Pianisten
immer wieder - scheinbar unfreiwillig - in die Handlung ein, setzen
sich zu ihnen an die Tasten und spielen selbst ein wenig oder entwenden
den Klavierhocker. Den Handlungsablauf gestaltet die Regisseurin ganz
bewusst als Groteske und parodiert dabei gleich die Gattung Operette
selbst. Dabei gelingt ihr das Kunststück, nicht nur das
vordergründige Unterhaltungsbedürfnis, das bei einer Operette
in der Entlarvung der gesellschaftlichen Scheinwelt lag, zu
befriedigen, sondern gleichzeitig die ganze Lächerlichkeit der
Handlung und deren Klischeeverbundenheit satirisch zu überspitzen.
Verkörpert im Kontext der üblichen Operette ein
Schürzenjäger wie Graf Zedlau einen gewandten Vetreter der
Oberschicht, der "irgendwie" ein angeborenes Recht auf seine Eskapaden
hat, so wird er hier zum läufigen "Strizzi" aus einem handfesten
Volksstück. Ähnliches gilt für seinen unvermutet auf dem
Kongress einfallenden Vorgesetzten, der ungewollt alles
durcheinanderbringt. Statt eines älteren Herrn, der dem
raffinierten Wiener Treiben nicht mehr gewachsen ist, zeigt er sich
hier als sächselnder Hanswurst im eleganten Dress. Der Diener
Josef bleibt zwar weitgehend im Bereich der Alltagsvernunft - "Ich
sog´s wie`s ist" -, zeigt andererseit jedoch auch wenig
Ähnlichkeit mit einem seriösen Kammerdiener. Die drei Frauen
- Gräfin, Sängerin und Probiermansell - sind bei dieser
Inszenierung ebenfalls recht handfest angelegt und verzichten bewusst
auf die - falsche - Eleganz des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Eine solche Anordnung bereitet
natürlich von Anfang an den Boden für Slapstick und
handfesten Humor. Man versucht gar nicht erst, die außerehelichen
Eskapaden des Herrn Grafen und die Verwechlsungen als ernsthaften
Handlungsfaden zu inszenieren, sondern lässt die Darsteller ihre
Rolle nach Lust und Laune ausleben. Natürlich spielen bei einer
solchen Inszenierung die Champagnerflaschen und ihr in die Körper
der Beteiligten transferierter Inhalt eine wichtige Rolle: wohl
wissend, dass Betrunkene immer gut für mehr als einen Lacher sind,
lässt Regisseurin Ackermann die drei Paare nach einem Fest
schwankend und lallend zum letzten Akt auf die Bühne stolpern und
dabei die Flaschen schwenken. Dabei deklinieren sie das Arsenal der
Trunkenheitssymptome genüsslich bis zum Ende durch: misslungene
erotische Manöver, Euphorie und Trübsinn im schnellen
Wechsel, diverse ungewollte Akrobatiken bis hin zum Sturz in den
Flügel. Slapstick pur mit Gesang, und der nicht schlecht, was
angesichts der ausufernden Gestik und Mimik nicht einfach ist. Bei
aller Slapstick-Komik vergessen die Sänger nie, dass sie sich in
einer Operette befinden und man von ihnen ordentliche sängerische
Leistungen erwartet. Und selbst das Aufstoßen des Champagners -
bei Männern wie Frauen! - wird elegent zwischen die zu singenden
Partien gelegt, ohne die Stimme zu beeinträchtigen.
Als zusätzliches Requisit
hat Bühnenbildner Heinz Balthes einen überdimensionalen
Kronleuchter mitten auf die Bühne gestellt, der mal den Ballsaal
markiert, dann wieder das Karussel des urwüchsigen Betreibers
Kagler, im Nebenberuf Vater der nach Höherem strebenden
Tänzerin. Wenn im letzten Akt alle drei Paare aus ihren
Liebeslauben unter den Flügeln der Pianisten herausgekrochen und
mehr oder minder bloßgestellt sind, lädt Kagler sie alle zu
einer Gratisfahrt auf seinem Karussel-Kronleuchter ein, der sich zum
Abschluss mit flackernden Leuchten im Kreise dreht. Zwischendurch hat
der alte Kagler mit seinen beiden Gesellen versucht, dieses seltsame
Karussel zu reparieren, und dabei dank der Tolpatschigkeit aller
Beteiligten wieder Anlass zum Lachen gegeben. So ist also das bereits in die
Jahre gekommene "Wiener Blut" noch einmal zu humoristischen Ehren
gekommen, ohne dass deswegen die schwungvolle Walzermusik zu kurz
gekommen wäre. Dass dieser Abend zu einem Erfolg geworden ist, ist
neben der temporeichen Regie - keine Pause! - vor allen den Darstellern
zu verdanken, die sich lustvoll ihren Rollen widmen. Allen voran ist
Heinz Kloss zu nennen, der als Gast mit echtem Wiener Schmäh
aufwarten kann und mit seinem unnachahmlich bräsigen und
bramabarsierenden Kagler für die meisten Lacher sorgt. Andreas
Daum sächselt sich mit festem Bass als Premierminister von einem
Fettnapf zum nächsten und landet kurz vor Schluss höchst
kunstvoll mit dem Gesicht voran im Flügel, um anschließend
das "Wiener Blut" zu schmecken. Mark Adler windet sich als
gräflicher Schürzenjäger elegant zwischen verschiedenen
kompromittierenden Situationen hindurch und Jeff Treganza verleiht dem
Diener Joseph eine stoische Gelassenheit, die ihn erst bei Erkennntnis
der wahren Lage verlässt. Susanne Serfling brilliert sowohl
stimmlich als auch in der Rolle der zwischen die erotischen Räder
von Ehefrau und Nachfolgerin geratenen Geliebten und Margaret Rose
Koenn verleiht der Probiermamsell Pepi eine herrlich freche
Naivität. Allison Oakes setzt als kluge und abgeklärte
Gräfin den Kontrastpunkt zu den eher leichtlebigen Rollen der
anderen beiden Frauen. Joachim Enders und seine
fünf Mitspieler und Mitspielerinnen an den Flügeln sorgen
für das richtige musikalische Feuer und lassen bei
streikwilligen Orchestermitgliedern ungute Gedanken aufkommen, denn
trotz des gegenüber einem Orchester eingeschränkten
Klavierklangs vermisste man an diesem Abend das Orchester nicht.
Frank Raudszus |
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