Groteske als Fluchtweg














































































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Johann Strauss' Operette zum Jahresausklang im Staatstheater Darmstadt

 

Nach dem Ende der k.u.k.-Zeit hat die Operette vor allem bei "ernsten" Musikliebhabenr stetig an Ansehen verloren, wenn sie denn je eines hatte. Beim breiten Publikum hat das - mittlerweile einer ähnlichen Einschätzung unterworfene - Musical die fast schon vergessene Operette ersetzt, die jedoch in ihren besten Vertretern - unter anderen die "Fledermaus" - immer noch Repertoirerenner aufzuweisen hat. Da die letzten Tage des Jahres schon immer eine beliebte Zeit für unbeschwertes Feiern und  beschwingte Musik waren, bietet es sich an, Operetten hier zu platzieren.

oben: Andreas Daum (Fürst Ypsheim-Gindelbach), Mark Adler (Balduin Graf Zedlau), Jeffrey Treganza (Josef), unten: Margaret Rose Koenn (Pepi Pleininger), Susanne Serfling (Franziska Cagliari), Allison Oakes (Gabriele)oben: Andreas Daum (Fürst Ypsheim-Gindelbach), Mark Adler (Balduin Graf Zedlau), Jeffrey Treganza (Josef)
unten: Margaret Rose Koenn (Pepi Pleininger), Susanne Serfling (Franziska Cagliari), Allison Oakes (Gabriele)

Nun dürften die Programmverantwortlichen an  großen Theatern und Konzerthäusern generell die Inszenierungen von Operetten wie den berühmten "Schwarzen Peter" fürchten und sie im Terminkalender verschämt vor sich hin schieben. Doch man kann sich diesem Thema auch unbefangen von einer anderen Seite nähern, wenn man die Operette als Groteske betrachtet und als solche inszeniert. Die Tatsache, dass sie lange Zeit als "ernst zu nehmende" Unterhaltung galt und diesen Platz bei einem Teil des älteren Publikums immer noch einnimmt, lässt sich insofern nutzen, als man weiterhin konsequent auf den unterhaltenden Teil setzt, wenn auch nicht im Sinne "schöner Klänge und Kostüme" und affirmativen Genießens einer längst versunkenen Welt sondern als befreiendes Lachen über den Unsinn dieser fiktiven Welt.

Johann Strauss' Operette "Wiener Blut" passt insofern zur späten Jahreszeit, als sie selbst ein Spätwerk des Meisters darstellt, deren Uraufführung dieser - glückicherweise - selbst nicht mehr erlebte. Ja, eigentlich war es gar nicht sein Werk sondern das von begabten Epigonen, die um das verfügbare Material von Strauss-Musik herum ein mehr oder weniger hanebüchenes Libretto zimmerten, dessen einziger Zweck darin bestand, den schon damals bekannten Strauss-Walzern eine gemeinsame Aufführungsumgebung zur Verfügung zu stellen. Die Handlung besteht aus erotischen Verirrungen und peinlichen Verwechslungen, die sich zum Schluss zu den moralisch korrekten Zweierbindungen entwirren: dandyhafter Graf zur Zeit des Wiener Kongresses - ein Dauerthema für Operetten! - hält sich nicht nur neben der standesgemäßen Ehefrau eine Tänzerin als Geliebte, sondern steigt auch noch der Freundin seines nichtsahnenden Dieners nach. Der Versuch, diese heimlich in einem Wiener Vorort zu treffen, endet dank der kräftigen Tolpatschigkeit eines präsenilen Diplomaten in einer wilden Verwechslungsjagd, bei der jede Frau einmal für Gräfin oder Geliebte gehalten wird und die alle sechs Beteiligten in eben diesem Vorort zusammenführt, wo schießlich das Lügengebäude zusammenbricht und jeder Topf sein Deckelchen findet.

Allison Oakes (Gabriele), Andreas Daum (Fürst Ypsheim-Gindelbach)Allison Oakes (Gabriele), Andreas Daum (Fürst Ypsheim-Gindelbach) 

In Darmstadt hat Regisseurin Renate Ackermann von vornherein auf die große musikalische und szenische Geste verzichtet und den Docht der flackernden Lampe eine Ebene tiefer gedreht. Die Musik kommt von sechs Flügeln, die im offenen Halbkreis an den Bühnenwänden aufgestellt sind und die Joachim Enders musikalisch so aufeinander abgesimmt hat, dass sich neben einem orchestralen Klang auch eine Reihe witziger musikalischer Effekte ergibt. Außerdem binden die Darsteller die Pianisten immer wieder - scheinbar unfreiwillig - in die Handlung ein, setzen sich zu ihnen an die Tasten und spielen selbst ein wenig oder entwenden den Klavierhocker. Den Handlungsablauf gestaltet die Regisseurin ganz bewusst als Groteske und parodiert dabei gleich die Gattung Operette selbst. Dabei gelingt ihr das Kunststück, nicht nur das vordergründige Unterhaltungsbedürfnis, das bei einer Operette in der Entlarvung der gesellschaftlichen Scheinwelt lag, zu befriedigen, sondern gleichzeitig die ganze Lächerlichkeit der Handlung und deren Klischeeverbundenheit satirisch zu überspitzen. Verkörpert im Kontext der üblichen Operette ein  Schürzenjäger wie Graf Zedlau einen gewandten Vetreter der Oberschicht, der "irgendwie" ein angeborenes Recht auf seine Eskapaden hat, so wird er hier zum läufigen "Strizzi" aus einem handfesten Volksstück. Ähnliches gilt für seinen unvermutet auf dem Kongress einfallenden Vorgesetzten, der ungewollt alles durcheinanderbringt. Statt eines älteren Herrn, der dem raffinierten Wiener Treiben nicht mehr gewachsen ist, zeigt er sich hier als sächselnder Hanswurst im eleganten Dress. Der Diener Josef bleibt zwar weitgehend im Bereich der Alltagsvernunft - "Ich sog´s wie`s ist" -, zeigt andererseit jedoch auch wenig Ähnlichkeit mit einem seriösen Kammerdiener. Die drei Frauen - Gräfin, Sängerin und Probiermansell - sind bei dieser Inszenierung ebenfalls recht handfest angelegt und verzichten bewusst auf die - falsche - Eleganz des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Eine solche Anordnung bereitet natürlich von Anfang an den Boden für Slapstick und handfesten Humor. Man versucht gar nicht erst, die außerehelichen Eskapaden des Herrn Grafen und die Verwechlsungen als ernsthaften Handlungsfaden zu inszenieren, sondern lässt die Darsteller ihre Rolle nach Lust und Laune ausleben. Natürlich spielen bei einer solchen Inszenierung die Champagnerflaschen und ihr in die Körper der Beteiligten transferierter Inhalt eine wichtige Rolle: wohl wissend, dass Betrunkene immer gut für mehr als einen Lacher sind, lässt Regisseurin Ackermann die drei Paare nach einem Fest schwankend und lallend zum letzten Akt auf die Bühne stolpern und dabei die Flaschen schwenken. Dabei deklinieren sie das Arsenal der Trunkenheitssymptome genüsslich bis zum Ende durch: misslungene erotische Manöver, Euphorie und Trübsinn im schnellen Wechsel, diverse ungewollte Akrobatiken bis hin zum Sturz in den Flügel. Slapstick pur mit Gesang, und der nicht schlecht, was angesichts der ausufernden Gestik und Mimik nicht einfach ist. Bei aller Slapstick-Komik vergessen die Sänger nie, dass sie sich in einer Operette befinden und man von ihnen ordentliche sängerische Leistungen erwartet. Und selbst das Aufstoßen des Champagners - bei Männern wie Frauen! - wird elegent zwischen die zu singenden Partien gelegt, ohne die Stimme zu beeinträchtigen.

EnsembleEnsemble 

Als zusätzliches Requisit hat Bühnenbildner Heinz Balthes einen überdimensionalen Kronleuchter mitten auf die Bühne gestellt, der mal den Ballsaal markiert, dann wieder das Karussel des urwüchsigen Betreibers Kagler, im Nebenberuf Vater der nach Höherem strebenden Tänzerin. Wenn im letzten Akt alle drei Paare aus ihren Liebeslauben unter den Flügeln der Pianisten herausgekrochen und mehr oder minder bloßgestellt sind, lädt Kagler sie alle zu einer Gratisfahrt auf seinem Karussel-Kronleuchter ein, der sich zum Abschluss mit flackernden Leuchten im Kreise dreht. Zwischendurch hat der alte Kagler mit seinen beiden Gesellen versucht, dieses seltsame Karussel zu reparieren, und dabei dank der Tolpatschigkeit aller Beteiligten wieder Anlass zum Lachen gegeben.

So ist also das bereits in die Jahre gekommene "Wiener Blut" noch einmal zu humoristischen Ehren gekommen, ohne dass deswegen die schwungvolle Walzermusik zu kurz gekommen wäre. Dass dieser Abend zu einem Erfolg geworden ist, ist neben der temporeichen Regie - keine Pause! - vor allen den Darstellern zu verdanken, die sich lustvoll ihren Rollen widmen. Allen voran ist Heinz Kloss zu nennen, der als Gast mit echtem Wiener Schmäh aufwarten kann und mit seinem unnachahmlich bräsigen und bramabarsierenden Kagler für die meisten Lacher sorgt. Andreas Daum sächselt sich mit festem Bass als Premierminister von einem Fettnapf zum nächsten und landet kurz vor Schluss höchst kunstvoll mit dem Gesicht voran im Flügel, um anschließend das "Wiener Blut" zu schmecken. Mark Adler windet sich als gräflicher Schürzenjäger elegant zwischen verschiedenen kompromittierenden Situationen hindurch und Jeff Treganza verleiht dem Diener Joseph eine stoische Gelassenheit, die ihn erst bei Erkennntnis der wahren Lage verlässt. Susanne Serfling brilliert sowohl stimmlich als auch in der Rolle der zwischen die erotischen Räder von Ehefrau und Nachfolgerin geratenen Geliebten und Margaret Rose Koenn verleiht der Probiermamsell Pepi eine herrlich freche Naivität. Allison Oakes setzt als kluge und abgeklärte Gräfin den Kontrastpunkt zu den eher leichtlebigen Rollen der anderen beiden Frauen.

Joachim Enders und seine fünf Mitspieler und Mitspielerinnen an den Flügeln sorgen für das richtige musikalische Feuer und  lassen bei streikwilligen Orchestermitgliedern ungute Gedanken aufkommen, denn trotz des gegenüber einem Orchester eingeschränkten Klavierklangs vermisste man an diesem Abend das Orchester nicht.


Weitere Aufführungan am 3., 10., 16., 23. und 31. Januar

Frank Raudszus