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Im 4.
Kammerkonzert des Staatstheaters Darmstadt springt kurzfristig das
Szymanowski-Quartett ein |
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Eigentlich sollte an diesem
kalten Januarabend das französische Quartett "Quatuor
Ebène" mit Werken französischer Komponisten - Fauré,
Debussy - sowie Franz Schuberts auftreten. Wegen einer kurzfristigen
Erkrankung eines Ensemblemitglieds (am
selben Tag!) musste diese
Vorstellung jedoch ausfallen. Stattdessen gelang es in der kurzen Zeit
jedoch, das polnisch-ukrainische Szymanowski-Quartett mit Andrej Bielow
und Grzegorz Kotow an den Violinen, Vladimir Kykytka (Viola) sowie
Marcin Sieniawski (Violoncello) zu engagieren. Dabei erleichterte die
Tatsache, dass alle vier Musiker mittlerweile in Hannover wirken, die
Anreise. Diesem Wechsel fiel natürlich das ursprüngliche
Programm zum Opfer, da selbst professionelle Musiker dieser Klasse
nicht " aus dem Stand" solch anspruchsvollen Werke in angemessener
Qualität präsentieren können. Doch die vier jungen
Männer aus Polen hatten mit Werken von Joseph Haydn, Karol
Szymanowski und Maurice Ravel ein durchaus adäquates Programm
parat.
Von
links nach rechts: Andrej Bielow, Grzegorz Kotów,
Vladimir Kykytka und Marcin Sieniawski Joseph Haydns Streichquartett
G-Dur Hob. III:81 op. 77 Nr. 1 eignet sich hervorragend als Einleitung
eines anspruchsvollen Kammermusikabends, bietet es doch durchdachte,
gehaltvolle Musik, ohne die Zuhörer gleich zu Beginn zu
überfordern. Der erste Satz zeichnet sich durch eine verhaltene
Lebhaftigkeit aus, und das Ensemble interpretierte diesen Eingangssatz
mit einer spielerischen Leichtigkeit, die so gar nichts von der
angeblichen Strenge der Klassik an sich hatte. Bewusst hielten sich die
Interpreten etwas zurück und betonten eher die feinen
Melodielinien als die konstruktiven Merkmale dieses Satzes. Die Aussage
dieses ersten Satzes lautete offensichtlilch "Die Musik soll den Raum
zwar füllen, aber nicht dominieren". Der zweite Satz - ein Adagio
- bestach durch die Spannung und den Nachdruck, den die Musiker ihm
verliehen. Nach einer Generalpause steigerte sich die Spannung langsam
aber stetig und profitierte dabei von der hohen Konzentration und
Intensität der Musiker. Das Menuett des dritten Satzes
sprühte geradezu vor Elan und Intensität und trägt nicht
von ungefähr den Zusatz "Presto". Hier fiel vor allem die auch in
den ersten Sätzen anzutreffende Stimmführung der ersten
Violine auf, die immer wieder thematisch in den Vordergrund rückt,
ohne dass der Solist diesen kompositorischen Umstand für sich
ausschlachtete. Der vierte Satz ist zwar ebenfalls als "Presto"
notiert, klang aber in der Interpretation des Ensembles - wie der erste
Satz - eher fein denn forciert. Auch hier stand die
sorgfältige Intonation gegenüber der Dynamik im Vordergrund. Das Szymanowksi-Quartett Nr. 2
op. 56 aus dem Jahr 1927 trägt entrückte, zeitweise
düstere Züge. Der erste Satz - Moderato dolce e tranquillo -
zeichnet sich durch getragene Motive und eine freie Metrik aus. Das
Ende - nach einer kleinen Generalpause - besticht durch seine schlichte
Schönheit. Der zweite Satz beginnt dissonant, am Rande der
Tonalität, schwingt sich dann wild auf, verharrt längere Zeit
in wirbelnden, angespannten Klangsequenzen mit vielen eingestreuten
Pizzicati und endet mit einem ausgesprochen harten Akkord. Den dritten
Satz beginnen nacheinander - in Umkehrung von Haydns Abschiedssinfonie
- die zweite Violine, die Viola, das Cello und zum Schluss die erste
Violine mit einem lang gezogenen, langsam und leise vorgetragenen
Motiv, dann steigert sich die Musik langsam aber konsequent zu Dramatik
und hoher Intensität. Szymanowskis Streichquartett bewegt sich
permanent an der Grenze zur Atonalität, reizt die harmonischen
Möglichkeiten weitgehend aus und schafft damit einen fremdartigen
und doch berührenden Klangraum. Man merkte der Interpretation die
besondere Verbundenheit des Ensembles mit seinem Namensgeber deutlich
an. Hatten die vier Musiker das Haydn-Quartett noch professionell, aber
mit einer gewissen inneren Distanz vorgetragen, so brachten sie sich
jetzt vorbehaltlos und mit höchster Intensität in das
Szymanowski-Quartett ein und nahmen das Publikum mit ihrer
kompromisslosen Interpretation buchstäblich gefangen, was sich
auch an dem ostentativen Beifall zur Pause zeigte. Der zweite Teil bestand aus
Maurice Ravels Streichquartett in F-Dur mit den Sätzen "Allegro
moderato - Très doux", "Assez vif - Très rythmé",
"Très lent - Moderé" und "Vif et agité". Die
Musiker gingen dieses Stück gleich mit Herz und Elan an, legten
viel Emotionen in den Beginn, um dann entrücktere Klangfarben zu
entwickeln. Den zweiten Satz prägen durch alle Instrumente gehende
Pizzicati, an spanische Musik erinnernde Kurzmotive und eine durchweg
bewegte Metrik. Der dritte Satz beginnt geradezu abgründig, erst
in der zweiten, dann in der ersten Violine, bis beide immer leiser
werden und sich fast im Nichts verlieren. Trotz der immer wieder
auftretenden Pianissimo-Stellen lebt dieser Satz von einer
ausgesprochen hohen Intensität. Der Finalsatz schließlich
beginnt energisch und fast homophon und entwickelt über
längere Zeit ein schwebendes Thema. Bei der Interpretation dieses
Satzes durch das Quartett fiel besonders auf, wie sorgfältig und
konturiert die einzelnen Figuren ausgepielt wurden. Das Publikum zeigte sich von
diesem Abschluss begeistert und spendete einen derart kräftigen
Beifall - immerhin war dies ein "Ersatz-Ensemble"! -, dass sich die
jungen Musiker noch zu zwei Zugaben hinreißen ließen: Das
Finale aus Beethovens Streichquartett op. 18 Nr. 2, das wiederum die
Qualität eines vollständigen Programmpunkts entwickelte, und
zum endgültigen Abschluss ein Stück Filmmusik eines
ukrainischen Komponisten. Wer an diesem Abend vor Vorstellungsbeginn wegen der Programmänderung enttäuscht nach Hause gegangen war, hatte einen schwerwiegenden Fehler begangen! Frank Raudszus |
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