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Klangrausch in zehn Etappen |
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Im 4.
Sinfoniekonzert präsentiert das Staatstheater Darmstadt Olivier
Messiaens "Turangalîla-Sinfonie" |
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Vergleicht man das 20.
Jahrhundert mit seinen beiden Vorgängern - oder auch nur mit dem
letzteren der beiden - aus musikalischer Sicht, so wird der gewaltige
Bruch im musikalischen Verständnis offensichtlich. Dominiert im
18. Jahrhundert eine klare Metrik - 3/4, 4/4 - und im 19. eine wenn
auch gegen Ende ausgereizte Tonalität in einem zumindest noch
übersichtlichen rhythmischen Umfeld, so lösen sich im
Jahrhundert der Weltkriege sowohl das tonale Gefüge als auch die
Metrik weitgehend auf. Strawinsky, Schönberg, Berg unmd Webern
seien nur als Beispiele genannt, ohne aktuelle Zeitgenossen zu nennen.
Dabei nimmt der Bruch mit der musikalischen Tradition oft ideologische
bis religiöse Züge an, und selten findet man einen
Komponisten, der ungerührt - oder besser: souverän - alt und
neu miteinander verbindet. Der Franzose Oliver Messiaen (1908
- 1992) ist einer von diesen Kindern des letzten Jahrhunderts, die den
Mut hatten, sich über vorgegebene Richtungen und Schulen
hinwegzusetzen und ein eigenes musikalisches System zu etablieren.
Das Staatstheater Darmstadt
hatte für das 4. Sinfoniekonzert den früheren GMD Marc
Albrecht engagiert, der mit Oliver Messiaens
"Turangalîla-Sinfonie" an den Woog kam, um neben seiner
musikalischen Präsentation alte Freunde und Kollegen
wiederzusehen. Der Name dieser Sinfonie stammt aus dem Indischen und
setzt sich aus den Teilbegriffen für Zeit (Turanga) und Liebe
(Lîla) zusammen. Messiaen gibt mit diesem Titel in gewissem Sinne
bereits das "Programm" vor, das seine Musik akustisch wiedergeben will.
Das umfangreiche Werk besteht aus zehn Sätzen, die sich über
nahezu eineinhalb Stunden erstrecken. Für die Wiedergabe seiner
Komposition reicht ein normales Orchester nicht aus. Neben einer
zusätzlichen Schlagzeuggruppe gehört ein Soloklavier
dazu sowie die "Ondes Martent" als zweites Soloinstrument. Dieses von
dem Franzosen Martenot entwickelte Instrument hat etwas von einer
einstimmigen Orgel, aber auch von einer Pfeife an sich. Seine
Besonderheiten sind der durchdringende, äußerst
präsente Klang sowie die elektrisch gesteuerten Glissandi, die
bisweilen wie Feuerwehrsirenen klingen. Celesta und Tastenglockenspiel
ergänzen das Orchester neben zusätzlichen Bläsern und
einer umfangreichen Streichergruppe zu einem fast neunzigköpfigen
Ensemble! Versteht sich, dass ein solcher Klangkörper entsprechend
voluminös auftreten und jeden Saal akustisch füllen kann. Messiaens Sinfonie erfordert
diesen Klangkörper auch, da der Komponist mit seiner Musik eine
alle Grenzen sprengende Freude musikalisch darstellen wollte.
Offensichtlich haben das Ende des Zweiten Weltkrieges und die Befreiung
seines besetzten Heimatlandes zu diesem Freudenausbruch geführt.
Messiaen wollte jedoch verhindern, in die Kategorie der "normalen"
freudvollen Musik - bis hin zu "Freude, schöner
Götterfunke..." - eingereiht wird, und hat deshalb alles
aufgeboten, um die Grenzen üblicher Konzertmusik zu sprengen.
Nicht die Unterhaltung eines saturierten bürgerlichen Publikums
mit dem Bedürfnis nach Aufmunterung stand für ihn im
Vordergrund, sondern die totale Vereinnahmung der Zuhörer durch
seine Musik. Die beiden Eckpunkte "Freude" und "Liebe" sollten sich von
ihrer Alltagserscheinung mehr als deutlich unterscheiden und einen
Absolutheitsanspruch aufstellen. Entsprechend kompromisslos und
geradezu überwältigend zeigt sich das Werk in der
orchestralen Aufführung. Dem Publikum bleiben nur zwei
Möglichkeiten der Reaktion: entweder vollständige Hingabe
oder heftige Abwehr.
Die "Introduction" lässt
gleich zu Beginn das charakteristische Pfeifen der Ondes vernehmen; ein
harter, marschartiger Grundrhythmus unterlegt die Streicher, die
darüber dissonante Klangteppiche legen. Mit einem kanonenartigen
Schlag der großen Pauke schließt die Einleitung. Das erste
"Chant d'amour" zeichnet sich durch abrupte Wechsel zwischen lyrischen,
fast süßlichen und aufgeregten atonalen Passagen aus. Ganz
gezielt unterläuft Messiaen mit den harten Partien die sich
aufbauende gefühlvolle Stimmung, als wolle er damit deren
Falschheit entlarven. Die Ondes kommentiert dieses Wechselspiel mit
katzenartigen Klängen. In der "Turangalîla 1" kommen anfangs
verspielte Themen zu Wort, vorwiegend von der Klarinette vorgetragen.
Diese vermeintliche Verspieltheit steigert sich trotz
mäßigen Tempos langsam zu einem langen Spannungsbogen mit
insistierenden Motiven und wiederkehrenden Klangmustern. Im
"Chant d'amour 2" überwiegt ein akzentuierter Rhythmus, wieder
begleitet von einer ausgesprochen präsenten Ondes. Die recht
tonalen Motive erinnern in ihrer Breite bisweilen an Filmmusik, und
mittendrin brilliert der Pianist mit einem ausdrucksstarken Solo. Die
anschließende "Joie du sang des étoiles" kommt mit einer
geradezu wilden Freude daher - "Freude des Blutes"! - und die Ondes
steuert dazu hell auftrupfende Motive bei, die an Klingeltöne
eines Mobiltelefons erinnern. Im "Jardin du sommeil d'amour" herrschen
- dem Titel angemessen - wieder lyrische Momente vor, wobei die
getragenen Themen in ihrer Eindringlichkeit bisweilen an Wagner
erinnern, dann wieder wie ein landläufiger "Herz-Schmerz"-Schlager
klingen. "Turangalîla 2" kommt ausgesprochen burlesk daher; der
Flügel nimmt diese Motive auf und setzt sie fort, und die
Bläser liefern dazu unisono ein ostinates Stakkato, bis der Satz
mit einem lauten "Schuss" des Schlagzeugs endet. Das
"Développement de l'amour" beginnt mit einem Glockenspiel und
entwickelt sich partiell zur Filmmusik, nimmt dann untergrundartige
Klangfarben an, steigert sich zu einem Hymnus der Bläser und endet
im offenen - emotionalen - Aufruhr, wie halt die Liebe so ist. Das sich
anschließende "Turangalîla 3" beginnt wiederum leise und
verhalten, entwickelt eine nachdenkliche, schwebende Stimmung und
hält diese bis zum Ende durch. Das Finale schließlich
beginnt mit Fanfaren der (Blech-)Bläser, trumpft noch einmal zu
wahrem Jubel auf, wobei sich vor allem die Bläser in den
Vordergrund spielen, und schließlich endet dieser Satz und mit
ihm die Sinfonie in einem allumfassenden, sich verströmenden,
alles vereinnahmenden Schlussakkord.
In der Nachschau, wenn sich der
Aufruhr des ersten Eindruckes gelegt hat, tritt vor allem die
großartige Orchesterleistung in den Vordergrund. Wenn man
bedenkt, dass in dieser Komposition die klassischen Metriken weitgehend
aufgelöst sind und beliebige Taktmuster auftreten, ja - Takte oft
gar nicht mehr zu erkennen sind, dann erfordert dies von allen
Beteiligten ein Höchstmaß an Konzentration, aber auch
an musikalischem Einfühlungsvermögen und rhythmischem
Gefühl, damit alle Einsätze nicht nur präzise und
zeitgerecht sondern auch mit der richtigen Intonation erfolgen. Vor
allem die Bläser und die Schlagzeuger sind hier gefordert, da sie
oft nur kurze aber markante Einsätze haben und sich nicht
über einen kontinuierlichen Motivbogen synchronisieren können.
Insoweit ein der Partitur nicht
kundiger Zuhörer dies überhaupt beurteilen kann, hat das
Orchester diese Aufgabe bravourös gelöst, was zum Teil dem
hervorragenden Dirigenten Marc Albrecht zuzuschreiben ist, zu einem
mindestens ebenso großen Teil aber auch dem Können und dem
hervorragenden Zusammenspiel des Orchesters. Darüber hinaus
brillierte der Italiener Roger Muraro am Flügel mit geradezu
halsbrecherischen - oder soll man besser sagen "fingerbrecherischen"? -
Passagen und Valérie Hartmann-Claverie setzte an der Ondes
Martenot immer wieder Akzente. Zusammen erschufen Orchester und
Solisten einen einmaligen Klangraum, der sowohl durch seine
Mächtigkeit als auch die feinen Klangabstufungen beeindruckte. Dem
Publikum blieb bis zum Schluss kaum ein Moment des entspannten
Zurücklehnens, derart vereinnahmte diese Musik alle Zuhörer.
Frank Raudszus |
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