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Strahlende Stimmen starker Schwestern |
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Die
Oper Frankfurt bietet eine überzeugende Inszenierung von Richard
Strauss' "Arabella" |
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Wenn der Besucher den
Zuschauerraum der Oper Frankfur zu dieser Aufführung betritt,
fühlt er sich auf eine Baustelle versetzt: Über dem
Orchestergraben, aus dem sich die Kakophonie der übenden Musiker
erhebt, gähnt ein riesiger offener Kasten aus hellen Platten, die
an Pressspan erinnern. Kein Vorhang, keine Dekoration, keine
Schriftzüge; stattdessen eine gähnende Leere, die sofort
Assoziationen einer entsprechenden Gesellschaftsstruktur weckt. Nicht
nur das Bühnenbild selbst ist mit Bedacht gewählt sondern
auch die allererste Konfrontation der Zuschauer mit ihm. Eine
eventuelle Erwartungshaltung des Publikums, es werde eine heitere,
unbeschwerte Komödie geboten, findet sofort ein abruptes Ende.
Hier herrscht die Kargheit und Armut einer schweren Wirtschaftskrise,
womit Regisseur den Nerv der Zeit zielsicher trifft. Wenn sich dann zur
ersten Szene die hermetisch geschlossenen Wände langsam zu den
Seiten öffnen, geben sie ein Ambiente verblassten Wohlstands
wieder: eine große Wohnung, die sowohl in einer ehemals
herrschaftlichen Villa des 19. Jahrhunderts als auch im Frankfurter
Westend liegen könnte. Leere Wände ohne Bilder, keine edlen
Möbel: kurz, die typische Wohnstatt verarmten Adels.
Mit dieser konsequenten
Eröffnung nimmt Loy der Inszenierung von Anfang an jeglichen
Anflug operettenhafter Anmutung, den die Handlung vielleicht nahelegen
könnte. Die Familie des Rittmeisters a. D. Waldner ist finanziell
am Ende: der Hausherr hat das Vermögen am Spieltisch verloren und
ist nur noch ein abgerissener Schatten seiner selbst. Die Mutter sucht
händeringend nach einem reichen Bräutigam für ihre
schöne Tochter, der jedoch keiner der zahlreichen Verehrer -
darunter drei Grafen - gut genug ist. Auch der Leutnant Matteo liebt
sie abgöttisch, erntet jedoch nur freundlichen Spott. Die
eigentliche Dramatik in dieser bisher eher konventionellen
Konstellation ergibt sich aus der Rolle von Arabellas Schwester Zdenka,
die ihre Eltern kurzerhand als Sohn Zdenko führen, da sie sich die
Aussteuer für zwei Töchter schlicht nicht leisten
können. Zdenka ist von klein auf an die Prinzessinnenrolle der
Schweser gewöhnt und fügt sich darein, hat sich aber
unsterblich in Matteo verliebt. Da sie sein Leiden unter den Launen
ihrer Schwester nicht ertragen kann, schickt sie ihm heimlich in deren
Namen Liebesbriefe, die seine Hoffnung immer wieder aufkeimen lassen.
Die aus tiefstem inneren Herzen geschriebenen Briefe haben jedoch nur
den selbstlosen Zweck einer Ehe zwischen Arabella und Matteo. Als der
reiche Mandryka, Besitzer großer Länderein fern in den
k.u.k.-Landen, sich in ein Bild von Arabella verliebt - Reverenz und
Referenz an Mozart? -, begibt er sich nach Wien und gewinnt auch auf
Anhieb Arabellas Herz. Das ist endlich der Richtige, und beim
großen Faschingsball lässt Arabella daher die drei Grafen
nacheinander abblitzen. Matteo jedoch, den sie kaum beachtet,
erhält von seinem besten Freund (!) Zdenko eine Einladung
Arabellas zum nächtlichen Tête-à-tête in ihrem
elterlichen Haus. Während Matteo im Dunkeln des Zimmers die lang
ersehnte Liebe der vermeintlichen Arabella genießt, kommt diese
im Hochgefühl des neuen Liebesglücks nach Hause und trifft
dort den gerade gehenden Matteo an. Die sich zwischen den beiden
entwickelnde Diskussion ist voller Missverständnissen und
gehört in ihrer grotesken Tragikomik zu den besten Szenen dieser
Oper. Schlimmer noch: Mandryka hat Zdenko/Zdenkas Briefübergabe
zufällig mitgehört und kocht vor Eifersucht und verletzter
Eitelkeit. Im Hause Waldner treffen sich alle zum großen
"Showdown" Waldner contra Mandryka, Mandryka contra Matteo, Arabella
contra matteo und Mandryka, Mutter Waldner contra Vater Waldner etc..
Die Szene treibt von einem Höhepunkt zum anderen verletzter
Eitelkeiten und enttäuschter Hoffnungen, bis unmittelbar vor der
kaum mehr zu vermeidenden Katastrophe - Duell, Selbstmord - Zdenka sich
als junge Frau zu erkennen gibt und den Sachverhalt aufklärt.
Ihrer Absicht, sich in die Donau zu stürzen, kommt Arabella in
wahrer Großherzigkeit zuvor, und auch die anderen Beteiligten
erkennen ihr Fehlverhalten ein. Mandryka wirft sich der wegen des
unterstellten erotischen Seitensprungs im Innersten verletzten Arabella
zu Füßen und bewegt den tief betroffenen Matteo dazu, auf
der Stelle um Zdenkas Hand anzuhalten. Die anfangs Mandryka keines
Blickes mehr würdigende Arabella kommt aus ihrem Zimmer in die
Stille des leeren Wohnzimmers zurück, wo Mandryka den Morgen einer
traurigen Abreise erwartet, und reicht ihm die Hand zum "ewigen Bunde".
Ende gut, alles gut - oder? Das Libretto eignet sich - wie
bereits angedeutet - ebenso für eine leichte Operette, doch
Hofmannsthal und Strauss haben der Handlung durch die Tonlage der
Dialoge wie durch die anspruchsvolle Musik jede falsche
Sentimentalität genommen. Dadurch gewinnt die Oper den Stellenwert
eines ernsthaften Gesellschaftsdramas, dessen Bezeichnung "lyrische
Komödie" sich lediglich aus dem guten Ausgang herleitet. Der Rest
ist Satire und entlarvende Kritk der gesellschaftlichen Zustände.
Der Adel, einst die Stütze der Gesellschaft, hat abgewirtschaftet.
Zwar pflegt man immer noch den Standesdünkel, liegt aber
finanziell in den letzten Zügen und sieht sich bereits als
Verwalterehepaar auf dem Gut eines fernen Verwandten. Die Töchter
betrachtet man als verwertbares Kapital - Arabella - oder als
lästigen Kostenblock - Zdenka - und sucht nach möglichst
solventen Heiratskandidaten. Die emotionellen Bedürfnisse der
jungen Menschen spielen beim gesellschaftlichen Spiel keine Rolle, die
Reputation und der persönliche Wohlstand sind die einzig wichtigen
Kriterien.
Hofmannsthal und Strauss haben
die Handlung zwar in das späte 19. Jahrhundert - genauer in die
Zeit der ersten großen Wirtschaftskrise um 1873 - verlegt, meinen
aber den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zustand um 1929, den
man hier nicht mehr näher erklären muss. Interessanterweise
fehlen naheliegende politische Assoziationen zu dieser Zeit
vollständig. Betrachtet man die Kongruenz der wirtschaftlichen
Situation von 1873 und 1929, so gesellt sich die Frankfurter
Inszenierung des Jahres 2009 auf ideale Weise als "Dritter im Bunde" zu dieser Konstellation hinzu. Man ersetze den
"Adel" durch "Banker", und schon stimmt das Bild wieder. So mancher
Vertreter dieser Branche dürfte peinigende Augenblicke des
"déjà vu" erlebt haben, auch wenn er keine Tochter zu
verheiraten hat. Auch deutliche komödiantische Effekten scheuen
Libretto und Inszenierung nicht: wenn Mandryka dem bankrotten Waldner
Bargeld anbietet, dann zucken dessen Hände und Mundwinkel unter
der dünnen Tünche der adligen Noblesse solange, bis die Not
siegt und er das Geld nimmt - "allerdings nur bis heute Abend", wenn er
es zurückgeben will. Ebenso sind die drei lockeren Grafen
komödiantisch eingefärbt. Sie wirken in Loys Inszenierung
nicht angestrengt dekadent und verwerflich, sondern eher
liebenswürdig nichtssagend, also typisch "weanerisch". Man kann
mit ihnen zwar nicht unbedingt rechnen oder ein ernsthaftes
Gespräch führen, aber auf jeden Fall einen netten Abend
verbringen. Überhaupt lässt Loy allen Personen Gerechtigkeit
widerfahren. Arabella ist bei ihm keine kapriziöse "Prinzessin auf
der Ebse", der keiner gut genug ist, sondern eine junge Frau, die sich
zutiefst innerlich dagegen wehrt, an den Meistbietenden "verkauft" zu
werden und dieses - gesellschaftlich inkorrekte - Unbehagen hinter
weiblicher Launenhaftigkeit verbirgt. Ihre Arie "Aber der Richtige,
wenn's einen gibt" spricht in dieser Hinsicht Bände. Zdenkas
Hosenrolle als Zdenko wird nicht ins Farcenhafte verzerrt, sondern zu
jeder Zeit dringt die kreuzunglückliche junge Frau durch diesen
angeblichen Buben, die viel lieber authentisch und autonom als nur zum
Wohl ihrer Schwester leben würde. Sie ist die eigentlich tragische
Figur und kann sich ihrem Schicksal - fast - nur durch den Sprung in
die Donau entziehen. Selbst Matteo erscheint bei Loy nicht als
Karikatur des k.u.k-Offiziers sondern als verliebter junger Mann, der
an der unverständlichen und unverstandenen Welt der Frauen fast
zerbricht, letzten Endes jedoch trotz der großen
Enttäuschung sogar noch eine glaubwürdige Art von Anstand
zeigt. Mandryka könnte man als eitlen Großgrundbesitzer vom
Lande anlegen und damit dem "gesellschaftskritischen Affen Zucker
geben", doch Loy zieht es vor, seine Unsicherheit angesichts der ihn
plötzlich treffenden Liebe herauszuarbeiten und ihn als Mensch
unter Menschen zu zeigen, der sich dann auch in den Weiten der
Eifersucht verlieren kann. Selbst das heruntergekommene Ehepaar Waldner
gewinnt bei Loy noch eine "Rest-Authentizität", wenn der
Rittmeister unter Aufbietung seiner letzten charakterlichen Kräfte
versucht, Haltung zu bewahren und den ehrbaren Familienvater zu spielen
oder wenn seine Frau wie eine Löwin um das Glück ihrer
Tochter und - damit - das finanzielle Wohlergehen der Familie zu
kämpfen. Im selben Atemzug kann sie aber die jüngere Tochter
kalt lächelnd seelisch verstümmeln oder selbstgefällig
die Schmeicheleien der heiratswütigen Grafen bis zum handfesten
Techtelmechtel genießen. Als kleiner Leckerbissen sei noch die
"Fiaker-Milli" genannt, die zwar in der Handlung keine besondere
Funktion besitzt sondern lediglich als Alibi für eine
Koloraturrolle dient, aber dennoch durch ihr Temperament Leben in die
Inszenierung bringt. Als Einzige ist sie an keine gesellschaftlichen
Konventionen gebunden sondern kann frei "aus dem Bauch heraus" leben.
Das Ensemble setzt Loys
weitgehend lebensnahe Inszenierung mit viel schauspielerischem
Engagement und hervorragenden stimmlichen Leistungen um. An erster
Stelle sind dabei die beiden zentralen Frauenrollen zu nennen. Anne
Schwanewilms verleiht der Rolle der Arabella eine Vielschichtigkeit,
die man ihr laut Libretto vielleicht nicht zutrauen würde. Schon
bald zeigt sie durch Zwischentöne, dass Arabella weniger
kapriziös und launenhaft als vielmehr verunsichert und fast voller
Lebensangst ist und von dem "Richtigen" träumt, der nicht die
Oberflächlichkeit ihrer adligen Umgebung sondern männlichen
Ernst und Standhaftigkeit zeigt. Auch in ihrem Verhältnis zur
jüngeren Schwester zeigt ihre Arabella von Anfang an
Mitgefühl, und den ungeliebten Verehrern zeigt sie weniger die
kalte Schuler als vielmehr sogar ein gewisses Verständnis.
Stimmlich ist sie der Rolle nicht nur gewachsen, sondern beeindruckt
mit einer ausgesprochen variablen und warmen Sopranstimme, die in allen
lagen Sicherheit und Präsenz ausstrahlt. Vor allen in den Arien
"Was rührt mich denn so an?" und "Zieht der im Dunkeln so an mir?"
kann sie ihr ganzes stimmliches Potential ausspielen, wobei bei
letzterer sich die Wand zu einem großen Dunkel hinter ihr
öffnet. Und bei "Und du wirst mein Gebieter sein" meint man in
einer musikalischen Figur Mozart wiederzuerkennen. Britta Stallmeister
steht ihr in nichts nach, wächst sogar in ihrer Rolle zur
Konkurrentin heran. Ihre klare Sopranstimme mit ihrer lyrischen,
emotionell berührenden Ausdruckskraft und ihre überzeugende
darstellerische Leistung beeindruckten das Publikum besonders. Robert
Hayward beherrscht die Bühne jederzeit mit seinem
durchsetzungsstarken Bassbariton, der ihn zu einer tragenden Figur
dieser Oper macht, während er darstellerisch nicht immer
überzeugend den Mann darstellt, dem eine Arabella fast zwanghaft
verfällt. Doch in "Teschek, bedien dich!" geht er richtig aus sich
heraus. Richard Cox verleiht der etwas undankbaren Rolle des ewig mit
dem Schicksal hadernden Matteo durchaus
Profil, und Alfred Reiter spielt überzeugend den gesellschaftlich
um das Überleben kämpfenden Rittmeister a. D. Waldner, ohne
ihn lächerlich wirken zu lassen. Sein kräftiger Bass und
seine hervorragende Artikulation sind dabei wesentliche Aktivposten.
Helena Döse gibt eine rastlose und immer um die Reputation der
Familie besorgte Mutter und spielt dabei bewusst die Karte der
umtriebigen Nervensäge, die Probleme so lange wie möglich
verdrängt. Ihr Sopran klingt bisweilen eher wie eine Altstimme und
spielt seine Stärken vor allem in den mittleren Lagen aus.
Allerdings ist diese Rolle auch nicht für die höchsten
Jubelarien ausgelegt. Ein besonderes "Schmankerl" bekommt das Publikum
mit Susanne Elmark vorgesetzt, die auf unnachahmliche Weise im
weißen Fastnachtsdress die Fiakermilli spielt, die Grafen mit der
Peitsche in Schach hält und mit artistischen Koloraturen durch
alle Stimmlagen begeistert. Später wärmt sie dann zur Auskehr
des Faschingsballs dem enttäuschten Mandryka das Herz. Das Frankfurter Museumsorchester
- der Name hat rein historischen Charakter - liefert unter der Leitung
von Sebastian Weigle zum Bühnengeschehen eine wohl abgestimmte und
dennoch geschärfte Musik. Die schillernden Klangfarben der
Straussschen Musik kommen in der Interpretation des Orchesters zur
vollen Entfaltung, und die Bläser erhalten immer wieder
Gelegenheit, sich zu profilieren, ohne deshalb das gesamte Orchester zu
dominieren. Weigle sorgt auch für eine gute Balance zwischen
Bühne und Orchestergraben, so dass die Sänger nur sehr selten
Mühe haben, sich gegen das Orchester durchzusetzen. Angesichts
der Intonationvorgaben ist das nie ganz zu vermeiden, will man
nicht die Musik gegen den Willen des Komponisten und gegen die innere
Struktur vergewaltigen, doch Weigle weiß diese Fälle
auf ein Minimum zu reduzieren. Das Publikum zeigte sich bei der
zweiten Aufführung so begeistert wie bei einer Premiere und sparte
nicht an starken Beifallskundgebungen. Weitere
Aufführungen am 1., 4., 8., 14. und 26. Februar. Frank Raudszus |
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