Strahlende Stimmen starker Schwestern






































































































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Die Oper Frankfurt bietet eine überzeugende Inszenierung von Richard Strauss' "Arabella"

 

Wenn der Besucher den Zuschauerraum der Oper Frankfur zu dieser Aufführung betritt, fühlt er sich auf eine Baustelle versetzt: Über dem Orchestergraben, aus dem sich die Kakophonie der übenden Musiker erhebt, gähnt ein riesiger offener Kasten aus hellen Platten, die an Pressspan erinnern. Kein Vorhang, keine Dekoration, keine Schriftzüge; stattdessen eine gähnende Leere, die sofort Assoziationen einer entsprechenden Gesellschaftsstruktur weckt. Nicht nur das Bühnenbild selbst ist mit Bedacht gewählt sondern auch die allererste Konfrontation der Zuschauer mit ihm. Eine eventuelle Erwartungshaltung des Publikums, es werde eine heitere, unbeschwerte Komödie geboten, findet sofort ein abruptes Ende. Hier herrscht die Kargheit und Armut einer schweren Wirtschaftskrise, womit Regisseur den Nerv der Zeit zielsicher trifft. Wenn sich dann zur ersten Szene die hermetisch geschlossenen Wände langsam zu den Seiten öffnen, geben sie ein Ambiente verblassten Wohlstands wieder: eine große Wohnung, die sowohl in einer ehemals herrschaftlichen Villa des 19. Jahrhunderts als auch im Frankfurter Westend liegen könnte. Leere Wände ohne Bilder, keine edlen Möbel: kurz, die typische Wohnstatt verarmten Adels.

Von links nach rechts: Anne Schwanewilms (Arabella), Peter Marsh (Graf Elemer), Robert Hayward (Mandryka),Von links nach rechts: Anne Schwanewilms (Arabella), Peter Marsh (Graf Elemer), Robert Hayward (Mandryka),

Mit dieser konsequenten Eröffnung nimmt Loy der Inszenierung von Anfang an jeglichen Anflug operettenhafter Anmutung, den die Handlung vielleicht nahelegen könnte. Die Familie des Rittmeisters a. D. Waldner ist finanziell am Ende: der Hausherr hat das Vermögen am Spieltisch verloren und ist nur noch ein abgerissener Schatten seiner selbst. Die Mutter sucht händeringend nach einem reichen Bräutigam für ihre schöne Tochter, der jedoch keiner der zahlreichen Verehrer - darunter drei Grafen - gut genug ist. Auch der Leutnant Matteo liebt sie abgöttisch, erntet jedoch nur freundlichen Spott. Die eigentliche Dramatik in dieser bisher eher konventionellen Konstellation ergibt sich aus der Rolle von Arabellas Schwester Zdenka, die ihre Eltern kurzerhand als Sohn Zdenko führen, da sie sich die Aussteuer für zwei Töchter schlicht nicht leisten können. Zdenka ist von klein auf an die Prinzessinnenrolle der Schweser gewöhnt und fügt sich darein, hat sich aber unsterblich in Matteo verliebt. Da sie sein Leiden unter den Launen ihrer Schwester nicht ertragen kann, schickt sie ihm heimlich in deren Namen Liebesbriefe, die seine Hoffnung immer wieder aufkeimen lassen. Die aus tiefstem inneren Herzen geschriebenen Briefe haben jedoch nur den selbstlosen Zweck einer Ehe zwischen Arabella und Matteo. Als der reiche Mandryka, Besitzer großer Länderein fern in den k.u.k.-Landen, sich in ein Bild von Arabella verliebt - Reverenz und Referenz an Mozart? -, begibt er sich nach Wien und gewinnt auch auf Anhieb Arabellas Herz. Das ist endlich der Richtige, und beim großen Faschingsball lässt Arabella daher die drei Grafen nacheinander abblitzen. Matteo jedoch, den sie kaum beachtet, erhält von seinem besten Freund (!) Zdenko eine Einladung Arabellas zum nächtlichen Tête-à-tête in ihrem elterlichen Haus. Während Matteo im Dunkeln des Zimmers die lang ersehnte Liebe der vermeintlichen Arabella genießt, kommt diese im Hochgefühl des neuen Liebesglücks nach Hause und trifft dort den gerade gehenden Matteo an. Die sich zwischen den beiden entwickelnde Diskussion ist voller Missverständnissen und gehört in ihrer grotesken Tragikomik zu den besten Szenen dieser Oper. Schlimmer noch: Mandryka hat Zdenko/Zdenkas Briefübergabe zufällig mitgehört und kocht vor Eifersucht und verletzter Eitelkeit. Im Hause Waldner treffen sich alle zum großen "Showdown" Waldner contra Mandryka, Mandryka contra Matteo, Arabella contra matteo und Mandryka, Mutter Waldner contra Vater Waldner etc.. Die Szene treibt von einem Höhepunkt zum anderen verletzter Eitelkeiten und enttäuschter Hoffnungen, bis unmittelbar vor der kaum mehr zu vermeidenden Katastrophe - Duell, Selbstmord - Zdenka sich als junge Frau zu erkennen gibt und den Sachverhalt aufklärt. Ihrer Absicht, sich in die Donau zu stürzen, kommt Arabella in wahrer Großherzigkeit zuvor, und auch die anderen Beteiligten erkennen ihr Fehlverhalten ein. Mandryka wirft sich der wegen des unterstellten erotischen Seitensprungs im Innersten verletzten Arabella zu Füßen und bewegt den tief betroffenen Matteo dazu, auf der Stelle um Zdenkas Hand anzuhalten. Die anfangs Mandryka keines Blickes mehr würdigende Arabella kommt aus ihrem Zimmer in die Stille des leeren Wohnzimmers zurück, wo Mandryka den Morgen einer traurigen Abreise erwartet, und reicht ihm die Hand zum "ewigen Bunde". Ende gut, alles gut - oder?

Das Libretto eignet sich - wie bereits angedeutet - ebenso für eine leichte Operette, doch Hofmannsthal und Strauss haben der Handlung durch die Tonlage der Dialoge wie durch die anspruchsvolle Musik jede falsche Sentimentalität genommen. Dadurch gewinnt die Oper den Stellenwert eines ernsthaften Gesellschaftsdramas, dessen Bezeichnung "lyrische Komödie" sich lediglich aus dem guten Ausgang herleitet. Der Rest ist Satire und entlarvende Kritk der gesellschaftlichen Zustände. Der Adel, einst die Stütze der Gesellschaft, hat abgewirtschaftet. Zwar pflegt man immer noch den Standesdünkel, liegt aber finanziell in den letzten Zügen und sieht sich bereits als Verwalterehepaar auf dem Gut eines fernen Verwandten. Die Töchter betrachtet man als verwertbares Kapital - Arabella - oder als lästigen Kostenblock - Zdenka - und sucht nach möglichst solventen Heiratskandidaten. Die emotionellen Bedürfnisse der jungen Menschen spielen beim gesellschaftlichen Spiel keine Rolle, die Reputation und der persönliche Wohlstand sind die einzig wichtigen Kriterien.

Robert Hayward (Mandryka), Susanne Elmark (Die Fiakermilli), im Hintergrund Florian Plock (Graf Lamoral), Solisten und Chor und Statisterie der Oper Frankfurt (Gäste des "Fiaker"-Balls)Robert Hayward (Mandryka), Susanne Elmark (Die Fiakermilli)

Hofmannsthal und Strauss haben die Handlung zwar in das späte 19. Jahrhundert - genauer in die Zeit der ersten großen Wirtschaftskrise um 1873 - verlegt, meinen aber den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zustand um 1929, den man hier nicht mehr näher erklären muss. Interessanterweise fehlen naheliegende politische Assoziationen zu dieser Zeit vollständig. Betrachtet man die Kongruenz der wirtschaftlichen Situation von 1873 und 1929, so gesellt sich die Frankfurter Inszenierung des Jahres 2009 auf ideale Weise als "Dritter im Bunde" zu dieser Konstellation hinzu. Man ersetze den "Adel" durch "Banker", und schon stimmt das Bild wieder. So mancher Vertreter dieser Branche dürfte peinigende Augenblicke des "déjà vu" erlebt haben, auch wenn er keine Tochter zu verheiraten hat. Auch deutliche komödiantische Effekten scheuen Libretto und Inszenierung nicht: wenn Mandryka dem bankrotten Waldner Bargeld anbietet, dann zucken dessen Hände und Mundwinkel unter der dünnen Tünche der adligen Noblesse solange, bis die Not siegt und er das Geld nimmt - "allerdings nur bis heute Abend", wenn er es zurückgeben will. Ebenso sind die drei lockeren Grafen komödiantisch eingefärbt. Sie wirken in Loys Inszenierung nicht angestrengt dekadent und verwerflich, sondern eher liebenswürdig nichtssagend, also typisch "weanerisch". Man kann mit ihnen zwar nicht unbedingt rechnen oder ein ernsthaftes Gespräch führen, aber auf jeden Fall einen netten Abend verbringen. Überhaupt lässt Loy allen Personen Gerechtigkeit widerfahren. Arabella ist bei ihm keine kapriziöse "Prinzessin auf der Ebse", der keiner gut genug ist, sondern eine junge Frau, die sich zutiefst innerlich dagegen wehrt, an den Meistbietenden "verkauft" zu werden und dieses - gesellschaftlich inkorrekte - Unbehagen hinter weiblicher Launenhaftigkeit verbirgt. Ihre Arie "Aber der Richtige, wenn's einen gibt" spricht in dieser Hinsicht Bände. Zdenkas Hosenrolle als Zdenko wird nicht ins Farcenhafte verzerrt, sondern zu jeder Zeit dringt die kreuzunglückliche junge Frau durch diesen angeblichen Buben, die viel lieber authentisch und autonom als nur zum Wohl ihrer Schwester leben würde. Sie ist die eigentlich tragische Figur und kann sich ihrem Schicksal - fast - nur durch den Sprung in die Donau entziehen. Selbst Matteo erscheint bei Loy nicht als Karikatur des k.u.k-Offiziers sondern als verliebter junger Mann, der an der unverständlichen und unverstandenen Welt der Frauen fast zerbricht, letzten Endes jedoch trotz der großen Enttäuschung sogar noch eine glaubwürdige Art von Anstand zeigt. Mandryka könnte man als eitlen Großgrundbesitzer vom Lande anlegen und damit  dem "gesellschaftskritischen Affen Zucker geben", doch Loy zieht es vor, seine Unsicherheit angesichts der ihn plötzlich treffenden Liebe herauszuarbeiten und ihn als Mensch unter Menschen zu zeigen, der sich dann auch in den Weiten der Eifersucht verlieren kann. Selbst das heruntergekommene Ehepaar Waldner gewinnt bei Loy noch eine "Rest-Authentizität", wenn der Rittmeister unter Aufbietung seiner letzten charakterlichen Kräfte versucht, Haltung zu bewahren und den ehrbaren Familienvater zu spielen oder wenn seine Frau wie eine Löwin um das Glück ihrer Tochter und - damit - das finanzielle Wohlergehen der Familie zu kämpfen. Im selben Atemzug kann sie aber die jüngere Tochter kalt lächelnd seelisch verstümmeln oder selbstgefällig die Schmeicheleien der heiratswütigen Grafen bis zum handfesten Techtelmechtel genießen. Als kleiner Leckerbissen sei noch die "Fiaker-Milli" genannt, die zwar in der Handlung keine besondere Funktion besitzt sondern lediglich als Alibi für eine Koloraturrolle dient, aber dennoch durch ihr Temperament Leben in die Inszenierung bringt. Als Einzige ist sie an keine gesellschaftlichen Konventionen gebunden sondern kann frei "aus dem Bauch heraus" leben.

Britta Stallmeister (Zdenka), Richard Cox (Matteo), im Hintergrund Statistin der Oper FrankfurtBritta Stallmeister (Zdenka), Richard Cox (Matteo)

Das Ensemble setzt Loys weitgehend lebensnahe Inszenierung mit viel schauspielerischem Engagement und hervorragenden stimmlichen Leistungen um. An erster Stelle sind dabei die beiden zentralen Frauenrollen zu nennen. Anne Schwanewilms verleiht der Rolle der Arabella eine Vielschichtigkeit, die man ihr laut Libretto vielleicht nicht zutrauen würde. Schon bald zeigt sie durch Zwischentöne, dass Arabella weniger kapriziös und launenhaft als vielmehr verunsichert und fast voller Lebensangst ist und von dem "Richtigen" träumt, der nicht die Oberflächlichkeit ihrer adligen Umgebung sondern männlichen Ernst und Standhaftigkeit zeigt. Auch in ihrem Verhältnis zur jüngeren Schwester zeigt ihre Arabella von Anfang an Mitgefühl, und den ungeliebten Verehrern zeigt sie weniger die kalte Schuler als vielmehr sogar ein gewisses Verständnis. Stimmlich ist sie der Rolle nicht nur gewachsen, sondern beeindruckt mit einer ausgesprochen variablen und warmen Sopranstimme, die in allen lagen Sicherheit und Präsenz ausstrahlt. Vor allen in den Arien "Was rührt mich denn so an?" und "Zieht der im Dunkeln so an mir?" kann sie ihr ganzes stimmliches Potential ausspielen, wobei bei letzterer sich die Wand zu einem großen Dunkel hinter ihr öffnet. Und bei "Und du wirst mein Gebieter sein" meint man in einer musikalischen Figur Mozart wiederzuerkennen. Britta Stallmeister steht ihr in nichts nach, wächst sogar in ihrer Rolle zur Konkurrentin heran. Ihre klare Sopranstimme mit  ihrer lyrischen, emotionell berührenden Ausdruckskraft und ihre überzeugende darstellerische Leistung beeindruckten das Publikum besonders. Robert Hayward beherrscht die Bühne jederzeit mit seinem durchsetzungsstarken Bassbariton, der ihn zu einer tragenden Figur dieser Oper macht, während er darstellerisch nicht immer überzeugend den Mann darstellt, dem eine Arabella fast zwanghaft verfällt. Doch in "Teschek, bedien dich!" geht er richtig aus sich heraus. Richard Cox verleiht der etwas undankbaren Rolle des ewig mit dem Schicksal hadernden Matteo durchaus Profil, und Alfred Reiter spielt überzeugend den gesellschaftlich um das Überleben kämpfenden Rittmeister a. D. Waldner, ohne ihn lächerlich wirken zu lassen. Sein kräftiger Bass und seine hervorragende Artikulation sind dabei wesentliche Aktivposten. Helena Döse gibt eine rastlose und immer um die Reputation der Familie besorgte Mutter und spielt dabei bewusst die Karte der umtriebigen Nervensäge, die Probleme so lange wie möglich verdrängt. Ihr Sopran klingt bisweilen eher wie eine Altstimme und spielt seine Stärken vor allem in den mittleren Lagen aus. Allerdings ist diese Rolle auch nicht für die höchsten Jubelarien ausgelegt. Ein besonderes "Schmankerl" bekommt das Publikum mit Susanne Elmark vorgesetzt, die auf unnachahmliche Weise im weißen Fastnachtsdress die Fiakermilli spielt, die Grafen mit der Peitsche in Schach hält und mit artistischen Koloraturen durch alle Stimmlagen begeistert. Später wärmt sie dann zur Auskehr des Faschingsballs dem enttäuschten Mandryka das Herz.

Das Frankfurter Museumsorchester - der Name hat rein historischen Charakter - liefert unter der Leitung von Sebastian Weigle zum Bühnengeschehen eine wohl abgestimmte und dennoch geschärfte Musik. Die schillernden Klangfarben der Straussschen Musik kommen in der Interpretation des Orchesters zur vollen Entfaltung, und die Bläser erhalten immer wieder Gelegenheit, sich zu profilieren, ohne deshalb das gesamte Orchester zu dominieren. Weigle sorgt auch für eine gute Balance zwischen Bühne und Orchestergraben, so dass die Sänger nur sehr selten Mühe haben, sich gegen das Orchester durchzusetzen. Angesichts der  Intonationvorgaben ist das nie ganz zu vermeiden, will man nicht die Musik gegen den Willen des Komponisten und gegen die innere Struktur vergewaltigen, doch Weigle weiß diese Fälle auf ein Minimum zu reduzieren.

Das Publikum zeigte sich bei der zweiten Aufführung so begeistert wie bei einer Premiere und sparte nicht an starken Beifallskundgebungen.

Weitere Aufführungen am 1., 4., 8., 14. und 26. Februar.

Frank Raudszus