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Pheromonische Tänze |
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Das
Tanztheater Darmstadt präsentiert die Choreografie "Der dritte
Sinn - Deflorage à Froid" |
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Wer diese Choreografie von
Christina Comtesse verstehen will, sollte Patrick Süskinds
Erfolgsbuch "Das
Parfüm" oder zumindest den danach gedrehten Film
kennen. Einem Zuschauer ohne dieses Hintergrundwissen wird ansonsten
vieles unklar bleiben, auch wenn die Choreografie aus sich selbst
heraus, ohne den programmatischen Bezug, bereits eine starke Wirkung
ausübt. Der dritte Sinn ist der Geruchssinn, und "Deflorage
à Froid" ist ein Begriff aus der Parfümherstellung. Damit
sind zwei Eckpunkte dieser Produktion benannt. Der dritte besteht in
Patrick Süskinds Buch, das sich eben mit diesem Thema auf geradezu
unheimliche Weise beschäftigt und dessen Inhalt sich als roter
Faden durch das Stück zieht.
Das Bühnenbild der ganz in
Schwarz gehüllten Bühne der Kammerspiele besteht aus einigen
pseudo-metallischen, geometrischen Wänden im Hintergrund und einer
größeren Zahl brauner Apothekerflaschen, die im Vordergrund
von der Decke hängen, und unter denen zu Beginn der
Hauptdarsteller - Pao-Su Chiang - in gekrümmter Embryohaltung
liegt. Die Choreografie unterteilt sich in vier Szenen, die sich
an der Buchvorlage ausrichten, nahtlos ineinander übergehen und
anhand des Geschehens auf der Bühne leicht nachzuvollziehen sind. Die erste Szene, "Ich" betitelt,
zeigt die Geburt des Embryos, wobei ein männlicher Tänzer
die gebärende Frau darstellt, die versuchte "Entsorgung" der
Neugeburt und die Hinrichtung der verzweifelten weil nicht
verheirateten Kindsmutter. Die Zurückweisung des kleinen Waisen
drückt sich in einem beklemmenden Kesseltreiben aus, getanzt vom
gesamten Ensemble. Diese lebensbedrohende Aggression zieht sich fast
unerträglich in die Länge, doch gerade dieses Gefühl der
Nötigung will die Choreografin beim Publikum erzeugen. Die
existenzielle Bedrohung soll sich über die Penetranz der
Darstellung auf die Zuschauer übertragen. Dafür
entschädigt der Auftritt des Parfumeurs, der sich, mit allerlei
Plastikschläuchen umwickelt, als verrückter Entwickler von
Düften entpuppt, dessen Produkte jedoch seine Umwelt mehr anekeln
denn verzaubern. Der Waisenjunge Grenouille - so bei Süskind sein
Name - jedoch tanzt und schleicht um den Parfumeur herum, von den
Düften fasziniert, und ändert mit wenigen Handgriffen deren
Zusammensetzung. Daraufhin schweben Parfumeur und seine Kunden auf
Wolken des Entzückens.
Die zweite Szene -
"Destillation" - beginnt mit einer satirischen Darstellung des heutigen
Sauberkeits- und Geruchswahns. Ein zweiter Woody Allen, nur mit einem
Handtuch um die Lenden, entsteigt der Dusche, tanzt zu eingängigen
und einschlägigen Evergreens, sprüht sich sowie Bühne
mit Deo-Spray ein und erntet dafür viele Lacher. Eine
Tänzerin (Maasa Sakano) erscheint Grenouille mit doppeltem Gesicht
- die scheinbar nach hinten schauende Tänzerin übt eine ganz
fremdartige Wirkung aus - und dieses Gesicht fasziniert ihn über
alle Maßen. Sein mit geradezu urgewaltiger Triebkraft verfolgtes
Ziel besteht darin, den unbeschreiblichen Geruch schöner junger
Frauen zu Parfüm zu destillieren. Eine andere Tänzerin
trägt als Chemielaborantin einen längeren Text über
Pheromone (Botenstoffe) und deren erotische Wirkungen vor, und am Ende
wendet sich das gesamte Ensemble angeekelt vom Zuschauerraum ab, aus
dessen Rücken unvermittelt laute Grunzlaute eines Schweinestalls
dringen. Die Botschaft ist eindeutig! In der dritten Szene - "Mord" -
setzt Grenouille seine Pläne in die Tat um, wobei er mit den
Beinen anfängt. Ein höchst akrobatischer Beintanz von Milou
Nuyens zeigt nur ihre Beine - den Rest des Körpers und der Kopf
verdeckt konsequent ein Kleid - in geradezu aberwitzigen Positionen, so
dass irgendwann diese Beine ein eigenes, urweltliches Leben entwickeln,
an Wänden entlangschleichen, sich hoch in die Luft
strecken oder sich untereinander verhaken. Sie wird das erste Mordopfer
des besessenen Nachwuchs-Parfumeurs und der Geruch ihrer Beine mit
kaltem Fett abgezogen und konserviert. Das nächste Ziel sind die
Arme, hier dargestellt durch eine die Sicherheitsvorkehrungen und
Notausgänge zeigende Stewardess. Auch sie muss für die
Gewinnung der pheromonischen Essenzen sterben. Als dritter im Bunde
kommt der weibliche Torso hinzu, der sich naturgemäß - ohne
Arme und Beine - nicht tänzerisch darstellen lässt. Und wie
in den anderen
Szenen erscheint auch wieder das ersehnte aber bisher unerreichbare
Gesicht. Die vierte Szene bringt die
"Ernte". Grenouille schiebt große Behälter mit den
konservierten Körperteilen der ermordeten Frauen - Arme,
Beine, Torso - auf die Bühne und versucht, daraus die
endgültige Essenz zu destillieren. Noch einmal passieren die
einzelnen Frauentypen Revue - das blonde Vamp-Dummchen, die
glutäugige und heißblütige Schwarzhaarige und die
kühle Rothaarige. Alle bezahlen ihgre erotischen Avancen mit ihrem
Leben und dem Verlust ihres Haares, das ebenfalls in die Geruchspalette
mit eingeht. Und wie auch in den anderen Szenen geistert immer wieder
die tote Mutter im rosa Négligé über die Bühne,
neckt und schilt ihren Sohn, entzieht sich ihm aber immer wieder. Am
Schluss gewinnt er in einer Art von Apotheose das angebetete Gesicht
des letzten Mädchens und kann daraus sein Parfüm destillieren.
Im Gegensatz zu Buch und Film
endet die Choreografie also offen, weil es hier nicht um die
Erzählung einer abgeschlossenen Geschichte sondern allein um die
Darstellung der olfaktorischen Besessenheit des jungen Mannes geht.
Doch Christina Comtesse geht das Thema nicht in der Art eines
Gruselthrillers an sondern kann dem Ganzen humoristische Seiten
abgewinnen. Immer wieder findet sie Analogien zum heutigen Alltagsleben
oder zitiert die Unterhaltungsindustrie. So werden die Mädchen mit
Vorliebe hinter einem Duschvorhang getötet - Hitchcock und
"Psycho" lassen grüßen. Der blonde Vamp erinnert an Marylin
Monroe, und die Musik präsentiert mehr als einen der
großen Hits des US-amerikanischen Unterhaltungsjazz', parodiert
oder mimisch-gestisch umgedeutet von den Akteuren auf der Bühne.
Auch den direkten Kontakt mit dem Publikum suchen die Tänzer.
Pao-Su Chiang schnüffelt sich bis in die zweite Reihe des
Zuschauerraums vor oder setzt sich Beuchern in der ersten Reihe auf
den Schoß, um Geruchsproben zu nehmen. Die wenigen eingestreuten
Sprechszenen sind selbst Parodien auf typische Alltagssituationen,
Fantasien oder wissenschaftliche Nischenforschung. Die humoristische
Komponente hebt sich überhaupt angenehm vom üblichen
Tanztheater-Betrieb ab. Gerade diese Gattung zeichnet sich durch
besondere Ernsthaftigkeit aus, sei es um sich vom klassischen Ballett
zu distanzieren, sei es aus einer - erfahrungsgemäß
humorfeindlichen - ideologischen Haltung heraus, sei es wegen der
Anspannung der Tänzer, die sich naturgemäß gegen die
Lockerheit des Humors sperrt. Christina Comtesse jedoch achtet in ihrer
Choreografie trotz des wenig humoristischen Themas eines aus einer
Geruchssucht heraus mordenden Mannes darauf, eben diesem Thema dennoch
einen gewissen Wittz abzugewinnen. So wie der britische "black humour"
gerne mit den dunklen Seiten des Menschen spielt, sieht auch sie in den
Morden an jungen Frauen nicht unbedingt den moralisch ud
gesellschaftlich abgründigen Aspekt, sondern eher das Groteske der
Fiktion, um die es ja letztlich geht. Der Tod wird farcenhaft
dargestellt, etwa wie kleine Jungen beim Indianerspiel mit Verrenkungen
sterben, und der bewusste Verzicht auf eine durchgehende,
individualisierte Erzählung lässt diese Tode auch eher
exemplarisch und unpersönlich wirken. Soweit möglich
unterlegt Comtesse die Szenen mit einer humoristischen Grundkomponente,
die selbst die im engeren Sinne grässlichen Szenen - die
Behälter mit den Leichenteilen - zur Farce werden lässt. Eine Besonderheit dieser
Choreografie sind die Gerüche, die Christina Comtesse zu nahezu
jeder Szene freisetzen lässt. es beginnt mit einer ein wenig
unangenehmen Geruch aus einer alten Fischdose, der die eher
widerwärtigen Szenen am Anfang kommentiert, dann jedoch folgen
verschiedene Parfümdüfte, mal süß, mal schwer -
mal herb, mal weiblich, je nachdem, was die jeweilige Szene
ausdrücken soll, und diese Düfte wecken beim Publikum die
entsprechenden Assoziationen. Im begrenzten Raum der Kammerspiele
halten sich die Düfte während der gesamten Szene, was im
Kleinen oder gar Großen Haus nicht möglich wäre. Das
Publikum zeigte sich bei den ersten Duftwolken erheitert und ein wenig
irritiert, sog sie jedoch später als selbstverständlichen
Bestandteil der Aufführung ein. Am Ende zeigte sich das
Premierenpublikum geradezu begeistert und spendete kräftigen
Beifall, "Bravo"-Rufe und sogar Füßetrampeln. Das Ensemble
zeigte sich außerordentlich gelockert und man merkte, dass die
Darsteller selbst viel Spaß bei ihrer Arbeit gehabt hatten. Weitere
Aufführungen am 8., 14. 22. und 25. Februar. Frank Raudszus |
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