Die Leiden der alten Dame























































































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Das Staatstheater Wiesbaden mit "Fremde im Haus" zu Gast in Darmstadt

 

Fast alle vor uns haben es bereits erlebt, wir werden es erleben und unsere Nachkommen werden es auch nicht vermeiden können: das Alter. Starben die Menschen früher bereits in jüngeren Jahren wegen schlechterer Medizin oder härterer Arbeit, so  erleben heute wesentlich mehr ein hohes Alter, allerdings zum Preis jahrelanger Hinfälligkeit, Siechtums oder gar geistiger Umnachtung, genannt Demenz oder Alzheimer. Zudem haben die zunehmende Individualisierung der Lebensläufe, die Auflösung der Großfamilie und nicht zuletzt der allgemeine Jugendwahn einer mediengesteuerten Welt zur Vereinsamung alter Menschen - nicht nur dieser! - geführt. Der italienische Autor Cesare Lievi hat dieses Thema in den Mittelpunkt seines Einakters "Fremde im Haus" gestellt, der als Gastspiel des Staatstheaters Wiesbaden Ende Januar Premiere in Darmstadt feierte.

Monika Kroll als alte DameMonika Kroll als alte Dame

Das Bühnenbild zeigt den Wohnraum einer alten italienischen Villa - zumindest kann man sich den Raum als solchen vorstellen - oberhalb des Gardasees. Das große Fenster im Hintergrund der Bühne ist verhängt, da der Novemberregen vom Himmel rauscht und die Protagonisten des Stücks direkt in die Depression spült. Eine alte Frau in Hauskleid und Strickjacke steht mit mürrischer Miene am Fenster und spuckt einem am großen runden Tisch konzentriert arbeitenden Mann die Worte ins Genick: "Sie klaut!". Die folgenden, messerscharf hinausgekeiften Sätze zeigen, dass sie von der ukrainische Pflegekraft spricht, die der vor ihr sitzende Sohn für sie eingestellt hat, womit sie uns mitten in ein brisantes Thema unserer alternden Wohlstandsgesellschaft katapultiert: was machen wir mit den alten Menschen, die weder mit dem Tempo des Alltags noch mit der eigenen Vergänglichkeit fertig werden? In Ermangelung eigener Familien und angesichts eines mit hoher Drehzahl ablaufenden Alltagslebens der nächsten Generation ist eine häusliche Pflege oder gar Integration der Alten in den Familienalltag kaum noch möglich, und da kommt das hohe Einkommensgefälle zwischen Mitteleuropa und seinen östlichen Nachbarn gerade recht. Eine Ukrainerin - oder Polin - übernimmt die Ganztages-Betreuung für einen bezahlbaren Lohn.

Doch was der Sohn für eine ideale Lösung hält, passt seiner alten Mutter überhaupt nicht. Gezielt unterstellt sie der Ausländerin Diebstahl und Hinterhältigkeit und ignoriert souverän alle Gegenargumente ihres entnervten Sohnes. Die verschwundenen - und angeblich gestohlenen - Handtücher hat sie zwar bereits vor zwei Jahren dem Sohn geschenkt, sie beweist ihm jedoch mit  halsstarriger Logik, dass sie das nie getan haben könnte, weil sie - es folgt eine wirre Logik gemäß "und überhaupt" - das nie tun würde. Die einfachsten Tatsachen dreht sie in geradezu halsbrecherischer Argumentation ins Gegenteil und kommt immer wieder auf die Feststellung - nicht Verdacht! - zurück, dass die Betreuerin das Haus leerräumt. Nebenbei erledigt sie noch die allzu selbständige und machtgierige Schwiegertochter, die ihr Sohn nie hätte heiraten sollen, beschwert sich über dessen in der Welt herumreisenden Bruder und trauert im Übrigen ihrer Jugend, ihrem mittlerweile zum Idol verklärten Mann und der besseren früheren Zeit nach. Dass sie sich bei ihren Tiraden laufend wiederholt, versteht sich dabei von selbst.

Jeder von uns kennt diesen Typ von alterndem Mensch, der mit der Tatsache des Alterns nicht fertig wird. Nicht zuletzt der Verlust der Religion hat dazu geführt, dass die Menschen dem nahenden Ende ohne jegliche tröstende Illusion entgegensehen und nur in das schwarze Loch des Nichts blicken. Die körperlichen und geistigen Gebrechen des Alterstun tun ein Übriges, den Neid auf eine im Saft des Lebens stehende Jugend zu schüren und ihn zum Hass wachsen zu lassen. Die Unausweichlichkeit und die allgemeine Gültigkeit des Todes werden nicht als solche erkannt und akzeptiert sondern als persönliche Beleidigung des eigenen Egos betrachtet. Also schlägt man um sich, da es ja sowieso keine Rolle mehr spielt. Wenn ich schon sterben muss, möchte ich jedenfalls möglichst viel verbrannte Erde hinter mir lassen. Soviel zur Befindlichkeit der alten Dame. Der Sohn, selbst erfolgreicher Unternehmer, versucht, seine Mutter mit den Umständen zu versöhnen und gleichzeitig den unübersichtlichen bis desolaten Zustand ihres beträchtlichen Vermögens zu sichten. Am Ende dieser unerfreulichen Szene verlässt er nach einem Wutausbruch ob der Unvernunft und Ungerechtigkeit seiner Mutter ihr Haus.

v.l.n.r.: Uwe Kraus und Lars Wellings als Söhnev.l.n.r.: Uwe Kraus und Lars Wellings als Söhne

In der zweiten Szene ist die Mutter gestorben und der Sohn eröffnet seiner Frau und seinem Bruder, dass von dem Vermögen der Alten buchstäblich nichts übrig geblieben ist. Obwohl er das Geld selbst eigentlich nicht benötigt, erbost dieser Verlust den Geschäftsmann - und Erben - in ihm geradezu zwanghaft, während sein globetrottender, sich "cool" gebender Bruder diese Mitteilung zumindest äußerlich gelassen mit der Grundhaltung "was weg ist, ist weg" hinnimmt. Doch Inge, die Frau des ersten Bruders, stichelt aus dem Hintergrund und kanalisiert ihre persönlichen Frustration über das verlorene Erbe in eine bewusst geschürte Auseinandersetzung zwischen den beiden Brüdern. Als ihr Mann schließlich die abwesende Ukrainerin des hinterhältigen Betruges anklagt, bietet sich dem jüngeren Bruder die einmalige Chancen, den großherzigen Anwalt der unschuldig Verfolgten zu spielen. Mit nahezu denselben Argumenten, die sein Bruder anfangs gegenüber seiner Mutter vorgebracht hat, verteidigt er jetzt die  "Fremde im Haus". Doch der Widerstand bröckelt unter den konzentrierten Angriffen, Verdächtigungen und Indizienketten von Bruder und Schwägerin, so dass er schließlich seine linksliberale Attitüde aufgibt und die Einschaltung eines Anwalts vorschlägt.

Die dritte Szene zeigt sich als raffinierter Regieeinfall, denn jetzt dreht der Autor die Uhr noch einmal zurück und zeigt die alte Dame - fein zurechtgemacht - allein mit ihrer Betreuerin. Noch einmal hören wir ihre endlosen Monologe über ihre Jugend, ihren Mann und ihren Großvater, die schrecklichen Regen- und Nebeltage im November und die Schlechtigkeit der Menschen im Allgemeinen und der eigenen Kinder im Speziellen. Zwar erheischt sie Zustimmung von der jungen Frau, aber sobald diese nur ein kommentierendes Wort hinzuzufügen wagt, folgt die herrische Zurechtweisung auf dem Fuß. Die Logik der alten Dame folgt dem Motto von "Zuckerbrot und Peitsche", und ihre sprunghafte und launische Art lässt die Betreuerin ein ums andere Mal mit den Augen rollen oder hinter dem Rücken der Alten die Hände zur Würgebewegung erheben. Doch im Laufe des verbal artikulierten Bewusstseinsstroms der alten Dame verfestigt sich bei dieser zunehmend die Ansicht, dass ihre Söhne ihr Geld nicht benötigen und auch nicht verdient haben, während für die junge Frau vor ihr beides zutrifft. Gegen deren anfänglichen Widerstand entwickelt sie einen Plan, wie sie ihr Vermögen unbemerkt Stück für Stück in Bargeld umwandeln und dieses ungesehen verschwinden lassen kann - natürlich für die Zukunft der Ukrainerin. Selbstzufrieden und geradezu hämisch stellt sie sich das Entsetzen ihrer Söhne - und ihrer Schwiegertochter! - angesichts eines verschwundenen Erbes vor und freut sich am Ende fast auf ihren baldigen Tod.

Uwe Kraus, Evelyn M. Faber und Lars WellingsUwe Kraus, Evelyn M. Faber und Lars Wellings

Das Begleitmaterial im Programmheft stellt zwar die Situation der ausländischen Betreuungskraft heraus, aber darum geht es in diesem Stück eigentlich gar nicht. Die Frau erhält zwar das Geld und ist anfangs Gegenstand der Beschwerden der alten Dame, doch im Grunde genommen geht es um das Alter und wie die Betroffenen sowie die nächsten Mitmenschen damit umgehen. Dabei zeigt sich ein verhängnisvoller "circulus vitiosus": die Alten verlieren - objektiv und in den Augen der Jüngeren - an Attraktivität und werden zunehmend aus deren Leben ausgegrenzt, wie auch sie es wahrscheinlich vor Jahrzehnten mit ihren eigenen Eltern getan haben. Ausgrenzung meint nicht unbedingt Isolierung oder materielle Vernachlässigung, aber doch Abschottung des eigenen Arbeits- und Freizaitalltags gegen die ältere Generation. Die Alten leiden jedoch nicht nur unter dieser objektiv vorhandenen Ausgrenzung sondern vor allem unter der unvermeidlichen Tatsache des Alterns selbst und akzeptieren sie nicht. Die Irreversibilität des Vorgangs führt zu Bockigkeit, Starrsinn, Missgunst und Bösartigkeit, was wiederum die Ausgrenzung seitens der Jüngeren beschleunigt usw. usf.. Dem Autor geht es nicht um eine moralische Standpauke - weder an die Alten noch an die Jungen - sondern um eine unbestechliche Schilderung der Situation. Im Programmheft spricht er zwar ausdrücklich von italienischen Verhältnissen, man kann sie aber getrost auf ganz Westeuropa übertragen. Der allgemeine Werteverlust des 20. Jahrhunderts hat die Familienstrukturen weitgehend zerstört und damit die Angst vor Einsamkeit und Alter potenziert. Wer noch im Arbeits- und Aufzuchtsprogramm steckt, verdrängt Alter und Tod ohne große Mühe, doch irgendwann kriechen die Geister aus den Ecken und belagern den alternden Geist.

Monika Kroll verleiht der alten Dame alle Facetten eines alternden, vereinsamten Menschen, der mit der Welt und den Menschen hadert und bei seinen Tiraden auf jegliche Logik pfeift. Herrlich, wie sie mit wenigen Hand- oder Mundbewegungen Abwehr, Abscheu und Starrsinn auszudrücken weiß oder je nach Diskussionslage zwischen Bitterkeit, Anklagen oder Selbstmitleid wechselt. Ihre alte Dame lauert geradezu auf Schwächen des Gegenübers, lockt sie durch endloses Geschwätz geradezu heraus und hackt dann gnadenlos auf ihnen herum. Doch jede dieser Bosheiten richtet sich auch gegen sie selbst, und Monika Kroll weiß diese Selbstverstümmelungen mit berührender Mimik und Gestik auszudrücken. Evelyn M. Faber kehrt als weibliches Pendant Inge die kühle, berechnende Frau heraus, deren Ton stets zwischen Ironie, Sarkasmus und Zynismus changiert, ohne dass sich Inge je eine Blöße gibt. Das tun dafür die beiden Söhne. Uwe Kraus spielt überzeugend den pragmatischen Unternehmer, der sich zwar für seine Mutter verantwortlich fühlt und auch alles für sie arrangiert, der aber doch über den Verlust des Geldes die Contenance verliert. Lars Wellings gibt den zweiten Bruder als Pseudo-Flaneur, der sich in seiner kosmopolitischen Journalistenwelt den Niederungen des Geldverdienens und des familiären Klüngels enthoben fühlt, aber am Ende doch am Gelde hängt und zum Golde drängt. Susanne Bard schließlich hat als Ukrainerin Ludmilla nur wenige grammatisch rudimentäre Sätze zu sagen und ansonsten deren subalterne Rolle nur mit Gestik und Mimik zu gestalten, was ihr glaubwürdig gelingt.

Das Publikum zeigte sich von diesem komprimierten Familiendrama beeindruckt und spendete kräftigen Beifall.

Weitere Aufführungen am 30.1. sowie am 8., 18. und 26. Februar.

Frank Raudszus