Die unendliche Leichtigkeit der Armut










































































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Philipp Löhles "Genannt Gospodin" in den Kammerspielen des Staatstheaters Darmstadt

 

Da reden die Medien und Menschen von der Wirtschaftskrise, von neuer Armut und Sozialnot, dabei ist doch alles so einfach: "Es darf auf Geld nicht ankommen"! Philipp Löhle zäumt das Pferd der maßgebenden Wirtschaftsform in seinem Einakter einmal von der anderen Seite auf. Nicht die Klage über die sich zunehmend öffnende soziale Schere, die ungerechte Verteilung von Einkommen und Vermögen steht im Vordergrund sondern die uralte Lehre der Bedürfnislosigkeit des Diogenes in der Tonne. Doch hinterlistig versieht er seine Groteske mit einer solchen Portion greller Ironie, dass man an ein überzeugtes Plädoyer für die Armut kaum glauben mag. Der Autor wird sich gesagt haben, dass angesichts der hektischen und weitgehend ideologisch geführten Debatte über die soziale Gerechtigkeit nur noch die Farce sich als Ausweg anbietet. Das - bisweilen bittere - Lachen hat sich immer noch als beste Medizin gegen eine völlig in die Sackgasse geratene Diskussion erwiesen.

Tilman Meyn (Gospodin),  Iris Melamed (Sie), Mathias Lodd (Er)Tilman Meyn (Gospodin),  Iris Melamed (Sie), Mathias Lodd (Er) 

Gospodin - das Wort bedeutet in Russischen "Herr" - hat nichts mit unserem großen östlichen Nachbarn zu tun. Eher kann man ihn sich im heutigen Prenzlauer Berg vorstellen, wohin er vor Jahren aus einem gubürgerlichen westdeutschen Elternhaus mit wildromantischen Illusionen aufgebrochen sein mag. Um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, hat er im Keller ein Lama gehalten, mit dem er wahrscheinlich in den Fußgängerzonen die Tränendrüsen der Tierfreunde angeregt hat. Nachdem ihm Greenpreace das Tier weggenommen hat, wütet Gospodin vor sich hin. In seiner Wut merkt er gar nicht, wie ihn seine "Freunde" ausplündern: der selbsternannte und mittellose Performancekünstler Norbert entleiht sich seinen Fernseher für eine einmalige Installation unter dem Titel "Tempus fuckit", der ebenso notleidende Andi entführt ihm den Kühlschrank, und der ehrenwerte Abteilungsleiter Herrmann benötigt sogar seine Stereoanlage für eine Party. Versteht sich, dass die Geräte gar nicht oder nur in unbrauchbarem Zustand zurückkommen. Doch Gospodin stört das alles nicht mehr, er hat sich einen Satz von Dogmen zusammengestellt, die darauf hinauslaufen, dass Geld keine Rolle spielen darf und Freiheit darin besteht, keine Entscheidungen treffen zu müssen. Den Vorhaltungen seiner Freundin, zumindest die staatlichen Leistungen des Sozialamtes in Anspruch zu nehmen, um darauf eine wenn auch karge Zukunft aufzubauen, ignoriert er mit geradezu philosophischer Geste, bis seine Freundin durch eine Bekannte ihre Sachen - einschließlich der gemeinsamen Matratze! - aus der Wohnung schaffen lässt. Ab sofort schläft Gospodin auf dem Heu und Stroh des Lamas. Auch seine Mutter kann ihn nicht umstimmen und verschwindet zu einer Kreuzfahrt mit einem Verehrer.

Mathias Lodd (Er), Tilman Meyn (Gospodin)Mathias Lodd (Er), Tilman Meyn (Gospodin)

Als eines Tages sein Freund Hajo mit geheimnisvollem Gesicht eine Tasche voller Geld bei ihm unterstellt, lässt er es gleichmütig geschehen, ohne das Geld anzurühren. Bei einer letzten großen Auseinandersetzung mit seiner Freundin über sein Leben und eine gemeinsame Zukunft entdeckt diese zufällig die Tache und gerät geradezu in einen Geldrausch. Von jetzt an muss Gospodin die Tasche gegen seine Freunde verteidigen, denn schnell hat sich diese Neuigkeit herumgesprochen. Fast gewaltsam gehen sie ihn um ein Darlehen aus der Tasche an - einer will sogar eine Fluglinie damit aufbauen - und auch seine eigene Mutter ist sich nicht zu schade, ihn um einen kräftigen Zuschuss zu bitten, um bei künftigen Kreuzfahrten nicht mehr als "Quasi-Prostituierte" auf ungeliebte Verehrer angewiesen zu sein. Doch Gospodin bleibt hart und versteckt das Geld, bis eines Tages der eigentliche Besitzer tot aus dem See gezogen wird. Schnell verknüpft die Polizei die Leiche mit dem Gerücht über Gospodins Geld und steckt diesen ins Gefängnis.

Dort endlich fühlt er sich wohl, und als ihn seine Freundin besucht, redet er von seinem Besuch bei ihr. Denn er ist jetzt frei: er benötigt kein Geld mehr, lebt nur vom Tauschgeschäft "Arbeit gegen Unterkunft und Verpflegung" und spendet die paar Groschen Barverdienst ausgerechnet an Greenpeace. Außerdem muss er jetzt keine Entscheidung mehr treffen. Als seine Freundin ihm die völlige Verdrehung der Tatsachen an den Kopf wirft, antwortet er nur lakonisch "Das ist deine Sicht". Vorhang.

Iris Melamed (Sie), hinten: Mathias Lodd (Er), Tilman Meyn (Gospodin)Iris Melamed (Sie), hinten: Mathias Lodd (Er), Tilman Meyn (Gospodin) 

Regisseurin Ina Annett Keppel verzichtet ganz bewusst auf eine herkömmliche Inszenierung mit festen Rollen und ausgespielten Szenen und lässt das Stück durch drei Darsteller - Tillman Meyn als Gospodin sowie Iris Melamed und Matthias Lodd in schnell wechselnden Auftritten der anderen Personen - wiedergeben. Der angesichts der Kürze des Stücks - ca. 90 Minuten - naheliegende Verzicht auf eine Pause kommt der temporeichen Inszenierung entgegen, und die Wechsel zwischen den einzelnen Szenen erfolgen sozusagen "fliegend". Perücken, Mützen und Sonnenbrillen dienen zur vordergründigen Markierung der jeweiligen Rolle, den Rest erledigen die Schauspieler, was ein hohes Maß an Flexibilität und Variabilität erfordert. Die Szenen sind teilweise extrem kurz, bisweilen "Videoclips live". Um in dem gezielten Chaos Übersicht zu behalten, fügt der Autor zwischen die Dialogszenen Erzählerpositionen ein, in denen die Schauspieler im Wechsel die Handlung erklären und gleichzeitig vorantreiben. Die Szenen werden dadurch wie bei einem alten Stummfilm zur Bebilderung der erzählten Geschichte. Gleichzeitig - und das ist sogar wichtiger - schafft die Rolle des Erzählers eine distanzierende weil objektivierende Sicht, die in den hochemotionalen und bewusst unreflektierten Szenenbildern erst gar nicht enstehen könnte. Auf diese Weise verhindert der Autor eine ungewollte Identifikation  der Zuschauer mit den einzelnen Rollen, sei es soziale Solidarität mit den "Opfer" Gospodin oder Entrüstung über sein "unsoziales Parasitentum". Löhle will die Begriffe "Kapitalismus", "Sozialismus", "Freiheit", und was dergleichen mehr sind, nicht in einem hundertundersten Diskurs rational durchkauen, sondern die Fragwürdigkeit und Ambivalenz aller Begriffe und Ideologien herausarbeiten. Bei ihm gibt es am Schluss keinen Sieger und keinen Verlierer, keine Botschaft und keine Anklage oder gar Verurteilung. Gospodin hat sich zwar am Ende tatsächlich in vollem Umfang selbst verwirklicht, aber zu einem von ihm nicht mehr wahrgenommenen oder gar strikt geleugneten Preis. In Gospodins Logik wäre der Tod die ultimative Freiheit, aber soweit wollte Löhle wohl in seiner grotesken Komödie nicht gehen. Vielmehr geht es ihm um die Darstellung verschiedener Milieus und Weltanschauungsghettos, seien es selbstverliebte, größenwahnsinnige Pseudokünstler, weltfremde Visionäre oder stramm auf Nestbau und Konsum fokussierte Pragmatiker. Der Zusammenprall dieser verschiedenen "Kulturen" macht das Stück reizvoll und verleiht ihm Dynamik wie Witz.

Die Darsteller müssen in diesem Eineinhalbstunden-Rennen Hochleistungen liefern. Iris Melamed erweist sich wieder einmal als wahre Verwandlungskünstlerin, wenn sie buchstäblich in Sekunden von der ernsthaften, um Lösungen bemühten Freundin nur mit Hilfe einer blonden Perücke zur kaltschnäuzig abräumenden Blondine wird, dann wieder mit schwingender Hüfte das Erotikluder andeutet oder als begriffsstutziges Neutrum in ungelenkem Deutsch den einen Personalbearbeiter gibt. Matthias Lodd muss als Künstler Norbert  buchstäblich "ausflippen", dann wieder als schmierig schnorrender Andi oder - mit blonder Perücke und Zickenschuh auf die Zehen gesteckt - als Gospodins pseudo-prätentiöse Mutter und als total verklemmter weil zu klein geratener Supermarktmitarbeiter auftreten. Tilman Meyn schließlich, der George Clooney des Staatstheaters, gibt einen mal störrischen, mal philosophischen Gospodin, der nur am Anfang, nach der Entführung des Lamas, ausrastet und sich später mehr und mehr von seiner nach Geld drängenden und am Gold hängenden Umgebung absetzt.

Das Publikum, von den Darstellern mehrere Male direkt in das Spiel mit einbezogen - wer das nicht mag, sollte sich weiter hinten einen Platz suchen -, zeigte sich nach anfänglicher Irritation amüsiert und spendete zum Schluss erst herzlichen Beifall und dann  auch noch begeistertes Füßetrampeln.

Weitere Aufführungan am 18. und 24. Januar sowie am 11., 20. und 27. Februar.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller