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Musicals geht ein
fragwürdiger Ruf voraus: sie sind inhaltlich seicht, holen ihre
Themen eher aus einem harmlosen Umfeld, folgen eingefahrenen Mustern
und sind musikalisch austauschbar. Für viele einschlägigen
Werke trifft diese Kritik zu, doch es gibt Ausnahmen. "Hair", im Jahr
1969 von James Rado, Galt MacDermott und Gerome Ragni geschrieben,
strahlt auch heute noch dieselbe Frische und Authentizität,
dasselbe kritische Bewusstsein und denselben Humor - ja, auch den - aus
wie vor vierzig Jahren. Im Gegensatz zu vielen kommerziellen Musicals,
die nur den Kassenerfolg sehen und daher jegliche kontroverse
politische oder gesellschaftlichen Themen meiden, geht "Hair"
kompromisslos die großen Probleme der sechziger Jahre an und
präsentiert sie aus der Sicht der Jugend. Ruft man sich die
Kommentare aus den sechziger Jahren in Erinnerung, so fallen einem der
Vorwurf der Verherrlichung von Sex, Drogen und Gewalt ein. Sieht man
sich jetzt das Stück aus dem Abstand von nahezu einem halben
Jahrhundert an, erkennt man erst, wie hautnah und mit wieviel
"Herzblut" es die Verlogenheit und Heuchelei von Politik und
Gesellschaft angriff. Das Frankfurter "English Theatre" hat dieses
Musical seit einiger Zeit auf dem Programm.
Im
Jahr 2008 - damals eine Projektion in eine ferne Zukunft! - liegt "Old
Berger" im Krankenhaus im Sterben und erinnert sich an seine Jugend vor
vierzig Jahren: der Farbige Hud engagiert sich gegen die
Rassentrennung, Claude träumt von einer Karriere als Regisseur und
Woof gerät nicht zuletzt wegen seiner homosexuellen an LSD. Als
sie mehrfach gegen den Vietnam-Krieg protestieren, werden sie vom
College verwiesen und stehen nicht nur vor der Arbeitslosigkeit sondern
auch vor der Gefahr, nach Vietnam einberufen zu werden. Mit dieser
Konstellation gehen die Autoren nun alle "heißen" Themen des
Jahres 1968 an. Begeistert folgen die jungen Leute den Reden Martin Luther
Kings und müssen doch seine Ermordung erleben. Dasselbe gilt
für Robert
Kennedy, der neue Hoffnung auf ein gerechtes Amerika weckt und
dafür sterben muss. Anhand von Bergers Elternhaus zeigen die
Autoren die reaktionäre Grundhaltung der "schweigenden Mehrheit",
die den jungen Leuten nur raten kann, endlich mal etwas zu leisten oder
beim Militär "zum Mann zu werden". Als Claude für tauglich
befunden wird, fragt er seine Freunde verzweifelt, wie er Vietnam
entrinnen kann. Bei den wilden Straßenschlachten nach Martin
Luthers Tod werden die vier verhaftet und von der Polizei misshandelt.
Der Polizei-Friseurin können sie jedoch ausreden, ihr langes Haar
abzuschneiden, so dass diese sich sogar solidarisch mit ihnen
erklärt - ein kleiner Lichtblick. Der erste Teil endet mit Robert
Kennedys Tod, der die jungen Leute in tiefe Depressionen wirft.
Der zweite Akt kontrastiert zu
Beginn das "Medien-Amerika" mit der Realität. Blonde
"Chorus-Girls" singen in bonbonfarbenen Kostümchen irgendeinen
schwachsinnigen Schlager, als plötzlich "Black Panther" die
Bühne stürmen, denen sich Hud mittlerweile angeschlossen hat.
Unter Morphium gegen die Schmerzen erinnert sich der alte Berger an die
ersten LSD- und Haschisch-Räusche in den späten Sechzigern.
Damals führten sie die LSD-Halluzination nach Vietnam zu um ihre
toten Kinder weinenden Müttern und weiter zurück in der
Geschichte bis zum amerikanischen Bürgerkrieg und Abraham Lincolns
Ermordung. Im Anschluss an diesen LSD-Trip muss Claude zu den Marines
einrücken, um in Vietnam zu kämpfen, und die jungen Leute
bitten im letzten Song des Stücks den neuen Präsidenten
Richard Nixon - ausgerechnet! - "Let
the Sunshine in".
Regisseur
Bryan McBryde begnügt sich in Frankfurt angesichts der beengten
Bühnenverhältnisse des "English Theatre" mit einem knappen
Bühnenbild fast ohne Requisiten. Eine Freitreppe an der
Bühnenrückwand dient als Fläche für die
verschiedensten Auftritte, die jeweilige Umgebung wird von Videos an
dem rückwändigen Vorhang oder von wenigen architektonischen
Symbolen dargestellt. Der Verzicht auf jegliche Umbauten zwischen den
Szenen bekommt natürlich dem Tempo der Inszenierung
außerordentlich gut. Die Szenen gehen nahtlos ineinander
über, dazu bebildern Dokumentar-Videos aus dem Jahr 1968 das
Geschehen auf geradezu dramatische Weise. Aufstände in den
amerikanischen Städten nach der Ermordung Martin Luther Kings,
Ansprachen von Robert F. Kennedy und dessen anschließende
Ermordund, Napalm-Orgien der US-Luftwaffe in Vietnam, ein Film mit dem
mittlerweile berühmten kleinen nackten Mädchen, das schreiend
und halb verbrannt eine Straße entlang läuft,
Fersehauftritte von Nixon und anderen Politikern sowie allgemeine
Szenen und - vor allem - Werbeeinblendungen aus dem Fernsehen der
damaligen Zeit. Dazu laufen im Vordergrund die jeweiligen Szenen ab, d.
h. solange eine Dialogszene stattfindet, konzentriert sich alles auf
die handelnden Personen, während der entsprechenden Songs, mit
denen die Autoren die jeweilige politische oder soziale Situation
musikalisch kommentieren, erscheinen die entsprechenden Video-Clips im
Hintergrund und "übersetzen" den gesungenen Text fürs Auge.
Dabei gehen die Autoren durch das gesamte in den späten sechziger
Jahren aktuelle Themengebiet: Hippie-Bewegung und aggressive Reaktion
der Bevölkerung und der Politiker darauf (auf deutsch "Gammler"), Nacktheit und sexuelle Befreiung ("Orgien",
"moralische Verkommenheit"), Rassismus ("gab es in Deutschland
nie..."), Pazifismus ("weltfremd"), Umweltbewegung (Ökospinner"),
Drogen ("Dekadenz"), Religion und Astrologie ("Spinner"). Diesen
Themenkatalog könnte man stundenlang zitieren und parodieren, doch
die Autoren von "Hair" hatten nur zwei bis drei Stunden Zeit, also
mussten sie alles in kurzen, ausdrucksstarke Tänzen und
prägnanten Songtexten ausdrücken. Die Tatsache, dass die
"Hair"-Songs über die Jahrzehnte zu nostalgischen "Klassikern"
geworden sind, drückt mehr als deutlich aus, dass ihnen dies in
vollem Umfang gelungen ist. Das Musical weist auch heute noch eine
geradezu bedrückende Aktualität auf, auch wenn man Vietnam
durch Irak/Afghanistan oder Gaza ersetzen muss und Johnson/Nixon durch
Bush - wobei nicht immer notwendigerweise die USA den "Schwarzen Peter"
in der Hand haben müssen. Nahezu alle Punkte gelten heute noch in
mehr oder minder ausgeprägter Form. Die Bevölkerung in den
westlilchen Staaten ist zwar liberaler geworden, dafür haben
andere die Rolle der Fundamentalisten übernommen und locken damit
auch im Amerikaner den Fundalismus wieder aus der Schmollecke heraus.
Die
Truppe der Sänger und Tänzer bringt viel Tempo und
authentisches Leben in die Handlung. Man fühlt sich bisweilen
nicht in einem Musical sondern in der Realität des Alltags dieser
jungen Leute, die so begeisterungsfähig wie friedliebend sind und
den schmutzigen Krieg aus nahezu naivem Herzen hassen. Und doch kommen
auch andere Aspekt zum Ausdruck, wenn Claude meint, er müsse
bewusst die Uniform anziehen, um etwas für sein Land zu tun. Hier
wird keine Schwarz-Weiß-Malerei betrieben, sondern die Autoren
weisen auch auf die Spannungen und inneren Konflikte bei den jungen
Menschen der späten Sechziger hin. Bei aller ernsthaften Kritik an
den Zuständen und militärisch-politischen Skandalen der
damaligen Zeit durchzieht jedoch immer ein gewisser Humor das Musical,
der sich zwangsläufig überall dort ergibt, wo ausgelassene,
lebenslustige junge Leute zusammen sind. Man könnte es auch anders
herum ausdrücken: trotz der saloppen und - wie man heute sagen
würde - "coolen" Atmosphäre bei den jungen Leuten - Erotik
eingeschlossen - begegnen sie den wirklich wichtigen Problemen der Zeit
mit viel Ernst.
Josh Canfield ist ein
verletzlicher und unsicherer Claude, der alles richtig machen
möchte und doch seinen Traum vom Film wahrmachen will; Matthew J.
Henry spielt den Bürgerrechtskämpfer Hud mit viel Verve und
Engagement; Alan Pearson verleiht dem schwulen Woof viel sensiblen
Witz; Peter Saul ist als "junger Berger" ein Temperamentsbolzen; Matt
Harrop spielt den "alten Berger" mit der Wehmut des Rückblicks und
Ellie Boswell verkörpert die zentrale Frauenrolle der Sheila
überzeugend und mit viel weiblicher Intuition für die
jeweilige Situation. Die anderen Mitglieder des Teams bewegen sich auf
"Augenhöhe" mit den Protagonisten der Handlung und bringen viel
musikalische wie tänzerische Bewegung in die Handlung.
Das Publikum im ausverkauften
Haus zeigte sich begeistert und spendete langen, kräftigen
Beifall. Diese Aufführung kann man sowohl jüngeren wie auch -
besonders - den "68ern" dringend empfehlen. Die einen können dabi
noch einmal einen tiefen Schluck aus der Nostalgie- und
Erinnerungspulle nehmen, die anderen lernen etwas über die
aufregende Geschichte der sechziger Jahre.
Weitere
Aufführungan bis zum 20. Februar dienstags bis samstags um 19.30
Uhr, sonntags um 18 Uhr.
Weitere
Informationen und Karten über die Internetseite.
Frank Raudszus
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