Pianistische Hochkultur



























 




































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Im 5. Kammerkonzert des Staatstheaters Darmstadt spielt Grigory Sokolov Beethoven und Schubert

 

Im der Musik gibt es zuweilen Sternstunden, die versäumt zu haben man sich ewige Vorwürfe machen würde. Der 19. Februar war ein solcher Abend, und der Rezensent schätzt sich glücklich, ihn erlebt zu haben. Im Kleinen Haus des Staatstheaters war der russische Pianist Grigory Sokolov angekündigt als Interpret von zwei Beethoven- und einer Schubert-Sonate, und schon an der Kasse zeigte sich an der beachtlichen Schlange von geduldigen Musikfreunden, dass dieses Konzert seine langen Schatten vorausgeworfen hatte.

Grigory Sokolov am FlügelGrigory Sokolov am Flügel

Sokolov, Ende fünfzig und mit vollem Silberhaar gesegnet, zeigte bei seiner knappen Verbeugung vor dem Publikum keine Regung, setzte sich an den Flügel und begann unverzüglich mit dem Spiel, ganz Konzentration. An ihm ist sicherlich kein Unterhaltungstalent verloren gegangen, und auch während seines zweistündigen Vortrags aus dem Kopf verzichtet er auf jegliche gestische oder mimische Unterstreichung seiner Interpretation. Dafür kommt aus seinen Händen umso mehr, und vom ersten Ton an schlägt er das Publikum mit seinem kraftvollen und doch stets differenzierten Spiel in seinen Bann.

In Beethovens früher Sonate A-Dur, op 2 Nr. 2, aus dem Jahr 1795 herrschen noch übersichtliche Verhältnisse und eingängige Motive, obwohl er sich durch die Einführung des Scherzos bereits von seinen wesentlich mehr der klassischen Form anhängenden Vorgängern Haydn und Mozart unterscheidet. Auch sind die Themen und ihre Verarbeitung bei weitem nicht so eingängig wie bei diesen, sondern eher sperrig und von starken Kontrasten geprägt. Sokolov arbeitete von Anfang an diesen Wesenszug der Beethovenschen Musik heraus. Sein Anschlag ist kraftvoll, das Tempo forciert, aber nicht überzogen. Doch bei aller akkordischen Präsenz fallen vor allem die weichen Übergänge zwischen den beiden Händen auf, ein Legato, das die Musik dahinströmen lässt, ohne je unverbindlich oder gar gefällig zu wirken. Sokolov scheint die oftmals so beliebte lyrische Ausschmückung mancher schönen Melodiefiguren bewusst zu hintertreiben und sucht eher den musikalischen Kern dieser Motive als deren vordergründige emotionale Wirkung. Die Musik fängt bei ihm aus sich selbst heraus zu leben an und verweigert sich dem Zweck, dem Zuhörer angenehme Gefühle zu vermitteln. Das ist besonders im zweiten Satz zu verspüren, in dem die linke Hand den unterliegenden Rhythmus geradezu punktiert. Durch diese bewusste Konturierung erhält das "Largo appassionato" eine Spannung und Dichte, wie man sie von langsamen Sätzen Mozarts oder Haydns nicht kennt. Beethoven setzt sich auch in diesen in der Klassik meist lyrisch gestalteten Sätzen von seinen Vorgängern ab und gestaltet den Satz sozusagen mit gerunzelter Stirn; die Musik klingt in höchstem Maße gesammelt und nach innen gewendet, doch nie heiter verspielt. Sokolov arbeitete diesen Aspekt konsequent, ja geradezu kompromisslos heraus. Das Scherzo und das abschließende Rondo sprühen geradezu for Leben und Klangfarben, wobei Sokolovs Vorliebe für eine kräftige Artikulation nie auf Kosten der musikalischen Linie geht. Er ist kein jugendlicher Stürmer und  Dränger, der mit Verve in die Tasten haut, er gestaltet die je eigene Struktur und Dynamik der einzelnen Sätze mit äußerster Sorgfalt und füllt doch mit seinem markanten Anschlag den Raum.

Schubert an Beethovens TotenbettSchubert an Beethovens Totenbett

Nach dem leisen Verklingen des letzten Akkords ließ Sokolov dem Publikum keine Zeit zum Applaudieren - ein Versuch versandet schnell - und beginnt fast nahtlos mit der Sonate Es-Dur op. 27, deren erster Akkord in die Erinnerung an den letzten A-Dur-Akkord fällt. Sokolov versteht offensichtlich beide Sonaten - zumindest in diesem Vortrag - als einen zusammenhängenden Spannungsbogen, den man nicht durch entspannenden Applaus aufbrechen darf. Die Es-Dur-Sonate entfaltet ganz andere Klangbilder als ihre Vorgängerin in A-Dur. Man spürt deutlich das halbe Jahrzehnt, das zwischen den beiden Sonaten klafft. Die Sonate trägt nicht umsonst den Beinamen "quasi una fantasia" und zeichnet sich vor allem durch lange, teilweise fast schwelgerische Themenbögen aus. Während der erste Satz von dem Gegensatz der beiden Hauptthemen - zu Beginn ein Andante aus drei markanten Akkorden, dann ein Allegro molto e vivace aus schnellen Akkordbrechungen im Dreivierteltakt - lebt, besteht der kurze zweite Satz - Adagio con espressione - im Wesentlichen aus einem Motif, das in der linken Hand durch gleichmäßige Akkordketten begleitet wird. Dabei geht der letzte Ton des ersten Satzes - ein "C" - fast in das eine Oktave höher liegende "C" zu Beginn des Adagios über  - ein besonders spektakulärer Übergang. Das Adagio lebt bei Sokolov von einer fast magischen Dichte und endet in einem virtuosen Lauf über mehrere Oktaven, bevor der letzte Ton wieder im Pianissmo verklingt. Der direkt an das Adagio anschließende Finalsatz ist der längste und besteht weitgehend aus der Verarbeitung des Anfangsthemas. Schnelle Passagen in Oktavgriffen wechseln sich mit virtuosen Akkordbrechungen in beiden Händen und lang anhaltenden Trillern ab, und zwischendurch markieren voluminöse Akkorde Haltepunkte im schnellen Fluss der Themen. Sokolov präsentiert diese expressive Musik mit viel musikalischer Energie und wahrt dennoch Transparenz und Leichtigkeit. Bei aller Wucht, die Beethovens Musik bisweilen ausstrahlt, hat Sokolovs Interpretation nie etwas nur Lautes oder gar Bemühtes. Sein Spiel bleibt stets Musik, wird nie zum virtuosen Selbstzweck.

Franz Schubert (Zeichnung von Moritz von Schwind)Franz Schubert (Zeichnung von Moritz von Schwind)

Nachdem das Publikum den Solisten schon zur Pause mit viel Beifall bedacht hatte, folgte im zweiten Teil Schuberts Sonate D-Dur op. 53. Fast überfallartig stieg Sokolov in dieses Werk ein und zeigte gleich, dass sein Schubert-Bild sich durchaus nicht mit dem üblichen deckt. Schon das Anfangstempo legt er so hoch, dass von der oftmals zitierten Melancholie Schuberts nicht viel bleibt. Die einleitenden Akkorde hämmert er geradezu in die Tasten, die sich daraus aufschwingenden Läufe wirken eher wie ein Aufschrei denn wie ein leises Sehnen. Dieser Schubert hat Kraft auch in der Verzweiflung, diese Sonate stellt sich bei Sokolov fast wie ein Befreiungsschlag dar. Jedes Mal, wenn im ersten Satz das einleitende Thema auftaucht, wirkt es wie ein Fanal. Das eingeschobene "un poco più lento" kommt bei Sokolov als ein energischer Tanz von Quint- und Quartsprüngen daher, und die Triolen stürmen  geradezu durch das Stück. Das Scherzo mit seinem volksliedartigen Thema im Dreivierteltakt serviert Sokolov ohne allen sentimentalen "Wiener Schmäh" und doch mit viel Sinn für den Humor, der in diesem Motiv steckt. Den schlichten Finalsatz schließlich lässt er fast filigran und ohne jegliche Aufpolsterung mit Bedeutung durch die Finger laufen. Manchem Musikkenner erschien dieser Satz zu schlicht - um nicht zu sagen "simpel" - für den Kontext dieser Sonate, doch Sokolov präsentiert ihn einfach als versöhnlichen Abschluss eines Werkes voller Gegensätze und Abgründe. Und wer sagt, dass am Ende eines so breit gefächerten und komplexen Werkes nicht die Versöhnung und Beruhigung in Gestalt eines schlichten Themas erlaubt ist?

Nach dem letzten Piano dieser Sonate sprang das Publikum fast auf und spendete begeisterten Beifall. Durchgängig hatte sich der Eindruck durchgesetzt, hier einer seltenen Sternstunde der Piansitik erlebt zu haben, und so forderten die Zuschauer mit Erfolg noch drei Zugaben unetrschiedlichen Zuschnitts aber mit hoher Virtuosität, unter anderem ein Stück von Rameau und zwei von Chopin. In allen drei Zugaben bewies Grigory Sokolov noch einmal seine außergewöhnliche technische Perfektion, die mit hoher Musikalität gepaart ist.

Frank Raudszus