![]() |
Metamorphose eines Klassikers |
![]() r Ihre Meinung über E-Mail hier |
Christof
Loy inszeniert in Frankfurt Mozarts "Cosi fan tutte" als
Tragikomödie |
|
Eine Szene im zweiten Akt wird
durch eine kleine Nebenhandlung zur Schlüsselszene der ganzen
Inszenierung. Nachdem Guglielmo Dorabello endlich "rumgekriegt" hat und
während sich Fiordiligi in einer langen Arie ihre Gewissensnot ob
der drohenden Verführung durch Ferrando von der Seele singt, lehnt
Dorabella seelisch vernichtet an der Wand im Nebenraum und der
dazukommende Guglielmo erkennt plötzlich, was er und Ferrando
angerichtet haben. Lautlos spielt sich auf dieser kleinen
Nebenbühne ein seelisches Drama ab, das ganz im Sinne der
fraktalen Theorie im Kleinen das Große widerspiegelt. Die
ursprünglich als spielerische Wette begonnene Verführung der
eigenen Verlobten entwickelt eine gefährliche Eigendynamik und verkehrt sich
vom Komischen ins Tragische.
Das Bühnenbild hat Christof
Loy praktischerweise von der "Arabella"
entlehnt, das heißt, wahrscheinlich war die Reihenfolge eher
umgekehrt. Wie dort erwartet den Besucher wieder eine leergefegte
Bühne, deren Guckkasten-Anordnung nur aus den weißen
Seitenwänden und der gleichfarbigen Rückwand besteht.
Beinhaltete das Bühnenbild bei der "Arabella" noch das - wenn auch
karge - Interieur eines großbürgerlichen Haushalts des 19.
Jahrhunderts, so trübt hier keine einzige Requisite das reine -
undschuldige? - Weiß der Wände. Nur einmal, im zweiten Akt,
wenn das Libretto einen Baum erwähnt, unter dem man sich treffen
will, gibt die Rückwand einen Ausschnitt des
rückwärtigen Bühnenraumes frei - mit einem Baum darin!
Ansonsten spielt Bühnenbildner Herbert Murauer wieder mit den
beiden türenbewehrten Querwänden, die dann und wann von links
und rechts auf die Bühne geschoben werden und dadurch die kleinen
Nebenbühnen schaffen, von denen im einleitenden Absatz die Rede
war. Die Türen dieser Querwände spielen eine wichtige
dramaturgische Rolle, versuchen doch die Protagonisten immer wieder,
wenn die Entwicklung ihnen über den Kopf wächst, durch sie
der prekären Situation zu entkommen - nicht immer mit Erfolg. Da
die Bühne keinen Verweis auf die zeitliche Einordnung gibt, kann
es sich Murauer mit den Kostümen leicht machen. Er lässt die
zu verführenden Damen - Fiordiligi und Dorabella - anfangs im
"kleinen Schwarzen" und hohen Schuhen auftreten, elegant aber nicht
auffallend, die beiden leichtsinnigen Verlobten Guglielmo und Ferrando
in schwarzen Anzügen mit weißen Hemden. Don Alonso, dessen
Rolle Loy von Anfang an mephistophelisch anlegt, grenzt sich von ihnen
durch einen grauen Anzug ab, die Haushälterin Despina trägt
die standesgemäße schwarzweiße Kluft der Bediensteten.
Die Aktualisierung - das heißt eigentlich "Zeitlosigkeit" - von
Bühne und Kostümen liegt sozusagen auf der Hand, da das Thema
dieser Oper nun wirklich an keine bestimmte Epoche gebunden ist. Eigentlich könnte es allen
gut gehen. Guglielmo und Fiordiligi bilden ein Paar, und deren
Schwester Dorabella ist mit Ferrando verlobt. Doch als sich die beiden
Galane der Schöhneit und Treue ihrer Bräute zu sehr
brüsten, sticht den alten Don Alonso der Hafer und er zweifelt
offen an der Beständigkeit der beiden Frauen. Nach einem kurzen
verbalen Schlagabtausch, der sich fast bis zum Duell steigert,
schließen die drei eine Wette ab: Guglielmo und Ferrando ziehen
zum Schein in den Krieg und kehren in der Verkleidung reicher
Ausländer zurück, um ihre eigenen Verlobten auf die Probe zu
stellen. Gesagt, getan - das perfide Projekt wird mit Handschlag
besiegelt, und die beiden jungen Männer ziehen unter lautem
Wehklagen der jungen Frauen in den vermeintlichen Kampf. Auch die
Rückkehr klappt insofern, als weder die Haushälterin Despina
noch die beiden Frauen die reichen Fremden erkennen, die sich ihnen
anschließend in Liebe entbrannt zu Füßen werfen. Loy
verzichtet dabei auf eine kunstvolle Verkleidung und deutet sie nur
durch ein wenig schrille Freizeitkleidung an. Die Fiktion kann die
perfekte Verkleidung behaupten und den Rest der Phantasie des
Zuschauers überlassen. Im restlichen Verlauf der Handlung geht es
eigentlich nur noch darum, die beiden standhaften Frauen zu
verführen und sie ihre Verlobten vergessen zu lassen. Dass dies
nicht so ganz einfach ist, ergibt sich schon allein aus der
Mindestlänge der Oper, die mit Handlung gefüllt sein will,
doch am Ende schaffen es beiden Männer dank der wahrhaft gemeinen
Einfälle Don Alonsos, der um seinen Einsatz fürchtet. Dabei
müssen dann auch schon vorgetäuschte Selbstmorde helfen, um
erst das Mitleid, dann das Mitgefühl und schließlich nur
noch das Gefühl der Genarrten zu wecken. Der besondere Witz bei
der ganzen Scharade ist dabei, dass die beiden jungen Männer
jeweils die Freundin des anderen umwerben, natürlich mit dem
Hintergedanken, selbst erfolgreich zu sein, während die eigene
Verlobte standhaft bleibt.....
Eine bemerkenswerte und für
die damalige Zeit provokante Rolle spielt die Haushälterin
Despina. Zwar übernimmt in den meisten Opern dieser Zeit das
Dienstpersonal eine pragmatische Position ohne die Allüren und den
Dünkel des Adels, aber die offene Rebellion gegen die herrschenden
Konventionen wagt keine dieser Figuren. Ganz anders Despina: die um
ihre in den vermeintlichen Krieg gezogenen Verlobten jammernden Frauen
beglückwünscht sie zu dem Interesse der reichen
Ausländer und empfiehlt ihnen, mitzunehmen, was sich ihnen bietet.
Nebenbei klärt sie die beiden darüber auf, dass zwei
Liebhaber besser seien als einer. Despinas offene Verachtung der
üblichen Anstandsregeln beschränkt sich nicht auf ein oder
zwei erheiternde Szenen, sondern zieht sich durch die ganze Oper, so
dass sie wie ein kontinuierliches subersives Element wirkt. Man
könnte sie als Eva sehen, die den beiden Frauen in schöner
Regelmäßigkeit den Apfel der Erkenntnis vorhält und
wortreich dessen Geschmack preist. Heute weckt diese Figur dank ihrer
erfrischenden Direktheit durchaus Heiterkeit beim Publikum, zu Mozarts
Zeiten wohl eher Empörung. Die Reaktionen auf die ersten
Aufführungen waren denn auch entsprechend. Ganz anders dagegen Don Alonso,
der durchaus in das Konzept der - nicht nur! - damaligen Doppelmoral
passt. Ein ausgewachsener Intrigant, der sein Umfeld durch seine
Beredsamkeit und Schläue beliebig manipuliert und seinen Zwecken
dienlich macht. Alonso würde die geltenden Konventionen nie direkt
negieren, er bezweifelt einfach deren Einhaltung durch die schwachen
Menschen und sät auf diese Weise Misstrauen und Zweifel, wo bisher
keine waren. In diesem Sinne entspricht Don Alonso ganz Goethes
Mephisto, der ebenfalls mit hoher Eloquenz seine Sottisen und
satirischen Kommentare zu der Welt der bürgerlichen Konventionen
abfeuert und damit eben diese Welt unterminiert. Auf der anderen Seite
ist Don Alonso auch der Aufklärer - nicht umsonst ist diese Oper
im Jahr der französischen Revolution entstanden -, der alles
Bestehende hinterfragt und keine Konvention als gegeben hinnimmt.
Mozart und Da Ponte haben ihn weniger als revolutionären
Aufklärer denn vielmehr als Aufrührer im
zwischenmenschlichen Bereich angelegt, und Loy hat ihm wieder etwas von
Mephisto zurückgegeben. Wie er zwischen den Männern und
Frauen hin- und herspringt, um ja die Glut der Verführung und des
Misstrauens am Glimmen zu halten, das erinnert an ähnliche Szenen
in Goethes Monumentaldrama. Damit wird Don Alonso in Loys Inszenierung
zur tragenden Figur, die immer wieder die Handlung antreibt, wenn diese
aufgrund der Standhaftigkeit der Frauen oder der darob stolzen
Männer zu erlahmen droht. Und zur Not sucht sich der Teufel halt
Komplizen, um seinen Plan zu vollenden. Despina kommt ihm da gerade
recht. Die Handlung bietet sich
natürlich geradzu für eine Burleske an. Das Ganze als
spaßige Komödie um Verführung und Verführtwerden
aufzuführen, liegt nahe, wobei man allen Protagonisten - und auch
den Zuschauern - grundsätzlich einen lockeren Umgang mit
persönlichen Beziehungen unterstellt. Doch Christof Loy sieht es
anders. Für ihn steht zumindest an einem Ende einer Beziehung ein
Mensch, der sich sehr weit in diese eingebracht hat und sich mit ihr
identifiziert. Eine Opferung der Beziehung nur aufgrund einer guten
Gelegenheit kommt diesen Menschen mehr als leichtfertig und zutiefst
unmoralisch vor. Wobei die Moral in diesem Fall nicht einer
bloßen Konvention entlehnt ist sondern sich aus der eigenen
Gefühlswelt entwickelt hat. Untreue muss diesen Menschen sowohl
als Opfer wie auch als Täter als schreckliche Verfehlung
vorkommen, da sie den sich engagierenden Partner ins Mark trifft. Bei
Mozart übernimmt Fiordiligi die Rolle der ernsthaften Frau, die
sich von Anfang strikt gegen eine Beziehung mit den Fremden wehrt,
diese auch persönlich attackiert und nach jedem kleinen
Entgegenkommen in Gewissensnot gerät. Dorabella dagegen kann den
beiden Fremden schon bald nach einem der Schicklichkeit geschuldeten
Empörungsausbruch sympathische Züge abgewinnen und fällt
denn auch als erste den Verführungskünsten Guglielmos zum
Opfer. Doch anschließend kommt der Katzenjammer, und sie blickt
in tiefer Verzweiflung auf den Scherbenhaufen ihres
Gefühlshaushalts. Das ist nicht mehr Komödie mit
Augenzwinkern, das ist die wahre Tragödie, die hinter jeder
scheinbar tagesüblichen "Beziehungskiste" steckt. Einer leidet
immer unter Untreue, einer geht immer zu Boden nach einem solchen
Beziehungskonflikt. Und auch die Männer gehen nicht unbeschadet
aus dieser Tragikomödie hervor. Nicht nur, dass sie zu Lasten
Ihrer Eitelkeit feststellen müssen, dass der jeweilige Freund die
eigene Verlobte becirct hat, nein, sie erkennen in diesem Schock die
eigene Gemeinheit, die darin besteht, erst die Frauen unter
Vorspiegelung falscher Tatsachen mit aller Macht und allen Tricks in
Versuchung zu führen und sie dann eben deshalb der Unmoral zu
bezichtigen. So kommt auch das "gute Ende" samt Doppelhochzeit am Ende
ein wenig wie eine Lösung à la "deus ex machina" daher und
strahlt keine hohe Glaubwürdigkeit aus, denn im Grunde genommen
sind alle vier Beteiligten seelisch am Boden zerstört: die Frauen
ob des hinterhältigen Betrugs ihrer Männer, die Männer
ob der selbst geschürten Untreue der Frauen, der
Rücksichtslosigjkeitkeit des Freundes und letztlich ob der eigenen
Gemeinheit. Da fällt das Lächeln bei der Hochzeit recht
verkrampft aus!
Nur Don Alonso alias Mephisto
kann zufrieden sein, hat sich seine Theorie doch schön
bestätigt und hat er doch dabei noch einen netten Batzen Geld
verdient. Vor allem ist es ihm gelungen, den - vielleicht nur
scheinbaren - Frieden zwischen seinen Mitmenschen zu stören und
durch ein permanentes Misstrauen zu ersetzen. Loy charakterisiert Don
Alonso als Hintergrund-Revolutionär - man könnte auch sagen
Sympathisant -, dem es in erster Linie um die Destabilisation der
Verhältnisse geht, die ihm wiederum Vorteile verschafft, auch wenn
diese nur in der Bestätigung des Egos bestehen. Die Darsteller machen dabei mit
vollem Engagement mit und lassen dadurch die Inszenierung zu einem
besonderen Erlebnis werden. Jenny Carlstedt ist nicht nur eine
schön anzuschauende sondern auch erotisch durchaus interessierte
Dorabella, die mit allerlei Übersprunghandlungen - Zupfen am
Kleid, Ordnen der Haare, Spielen mit dem Schmuck - ihre Nervosität
und ihr erotisches Interesse überspielt. Ihr klarer und allen
Lagen gewachsener Sopran kommt vor allen in ihren lyrischen Arien zum
Tragen. Juanita Lascarro spielt die Fiordiligi mit viel Energie und Wut
über die Frechheit der Fremden. Als Antipodin der eher
nachgiebigen Dorabella kann sie sich vor allem in den dramatischen
Arien positionieren und besticht durch ihre außerordentlich
ausdrucksstarke und dennoch immer mühelos wirkende
Sopranstimme. Das Frankfurter Museumsorchester
stand dieses Mal unter der Leitung von Hartmut Keil, der Mozarts Musik
oftmals kammermusikalische Aspekte abgewann, was ja angesichts des
kleinen Ensembles auf der Bühne naheliegend ist. Auf diese Weise
schafft er trotz des großen Saales oftmals eine intime
Atmosphäre, sodass sich die Zuschauer fast wie bei einer
Privataufführung fühlen. In dramatischen Momenten jedoch oder
wenn der Chor auftritt, steigert sich das Orchester geschmeidig zu
entsprechender Dynamik und Präsenz. Auffallend auch die
Transparenz der Instrumentierung, bei der sich jedes Instrument
identifizieren ließ, und die Prägnanz bei der Ausarbeitung
der einzelnen Motive. Das Tempo passt sich dem Bühnengeschehen
nahtlos an - keiner treibt den anderen - und Pausen sind geradezu
strategische Elemente in dieser Inszenierung. Das Publikum spendete bei der
immer noch sehr gut besuchten Aufführung - die Inszenierung
läuft schließlich schon seit der letzten Saison -
begeisterten Beifall wie bei einer Premiere und sparte auch nicht mit
"Bravo"-Rufen. Frank Raudszus Alle
Bilder © Wolfgang Runkel |
|