Wenn (Gottes-)Liebe zur Staatsraison wird































 


















































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Die Darmstädter Inszenierung von Giuseppe Verdis "Don Carlos" betont die menschlichen Abgründe dieses Dramas

 

Es ist immer reizvoll, zeitlich nahe Inszenierungen großer Opern miteinander zu vergleichen, wenn auch nicht immer fair, weil damit die "Konkurrenz" und nicht das Werk zum Maßstab wird. Aber sei's drum: In diesem Fall steht dem Rezensenten noch die Wiesbadener Inszenierung wegen ihrer Wucht und Düsterkeit deutlich vor Augen, und die Gegenüberstellung drängt sich geradezu auf. Dietrich Hilsdorf hat vor zwei Jahren bewusst auf den ersten Akt im Wald von Fontainebleau verzichtet, weil diese für den von ihm gewählten politischen Schwerpunkt unwesentlich schien. Alfonso Romero Mora dagegen betrachtet gerade diesen Eröffnungsakt als wesentlich, da er zum Einen das Verständnis für den emotionalen Ausnahmezustand von Elisabeth und Don Carlos weckt und zum Anderen damit den Schwerpunkt vom "Nur-Politischen" auf das allen politischen Aktionen zugrunde liegende Menschliche verschiebt. Bei Mora betritt ein zutiefst getroffener, ja nahezu vernichteter Don Carlos das Kloster St. Just, um dort der Beisetzung von Karl V. beizuwohnen und seinen Freund, den Marquis von Posa, zu treffen, in Wiesbaden musste Carlos' emotionale Grundierung erst langsam herausgearbeitet werden. Dass ein junger Mann sich in seine schöne Stiefmutter verliebt, ist nicht zu selten und wurde von Literatur und Theater schon ausgiebig abgehandelt. Dass jedoch der Vater aus politischen Gründen dem Sohn die versprochene Braut wegnimmt, stellt eine andere "Qualität" dar, vor allem, wenn letzterer diese tagtäglich als Mutter und Königin ehren und lieben soll.

Yamina Maamar (Elisabeth) und Zurab Zurabishvili (Carlos)Yamina Maamar (Elisabeth) und Zurab Zurabishvili (Carlos)

Diesen unerhörten Vorfall veranschaulicht Mora in seinem intensiv ausgespielten ersten Akt, in dem Carlos von seiner Braut träumt und sie zufällig - so etwas gibt es nur in der Oper - mitten im dunklen Wald trifft, nachdem sie sich verirrt hat. In einem ausgedehnten Liebesduett gibt er sich ihr zu erkennen, und die beiden geloben sich unverbrüchlliche, ewige Liebe. Als der Bote des Königs Elisabeth findet und ihre neue königliche Betsimmung offenbart, stimmt sie unter dem Druck der Konvention zu, und wohl auch in der Erkenntnis, dass eine Ablehnung zu größeren politischen Verwicklungen bis zum Krieg führen könnte und sie sofort zurück nach Frankreich in eine Kloster führen würde. Carlos würde sie dann nie wiedersehen. Soweit zur Ausgangslage der dann folgenden Tragödie.

Dirk Becker hat für das Bühnenbild einen abstrakten Ansatz gewählt. Mehrere raumhohe Säulen mit breitem, dreieckigem Querschnitt in metallisch-braunen Farben verteilen sich über die Bühne und lassen sich für die jeweilige Szenenanordnung einfach verschieben. Entsprechend angeordnet, vermitteln diese schweigenden Säulen den Eindruck einer erdrückenden Macht, und in einer Szene stehen zwei von ihnen nebeneinander wie weiland die Türme des World Trade Centers, doch vermag man dahinter keine Absicht zu vermuten, da die Handlung der Oper keine Assoziationen zu der - einstmaligen - Macht der Börse oder gar zu 9/11 hergibt. Statt eines professionellen Szenenwechsels bei geschlossenem Vorhang lässt Mora die marginalen Änderungen des Bühnenbildes sozusagen gleitend durch die Darsteller selbst vornehmen, so dass die Änderung der Umgebung nahezu Teil der Szene wird. Dadurch vermeidet er Brüche des Handlungsablaufs und erreicht eine hohe Dichte des Geschehens. Die Beleuchtung dazu taucht das Geschehen fast über die gesamte Dauer der Oper in ein düsteres Dämmerlicht, wie es in den Kerkern und Klöstern der Inquisition geherrscht haben mag, und nur in wenigen, spektakulären Szenen - so der Ketzerverbrennung - leuchten grelle Farben auf.

Dazu hat Rosa Garcia Andújar historisch weitgehend echte Kostüme geschaffen. Die Frauen treten in weiten, farbenprächtigen Reifröcken auf, was besonders bei den großen Chorszenen eine entsprechende optische Wirkung ausübt, und die Männer tragen Stulpenstiefel, Lederwams und Degen, wie es damals der Brauch gewesen sein mag. Erwähnenswerrt ist in diesem Zusammenhang das Kostüm des Großinquisitors, das man im wahrsten Sinne des Wortes als Angst - nicht Ehrfurcht! - einflößend bezeichnen kann. Ein langer, blassbrauner Rock bis zu den Fußsohlen verbirgt jegliche Andeutung menschlicher Glieder, und eine enge Kappe verdeckt vollständig die Haare, so dass aus ihr nur ein eisiges Antlitz herausschaut. Dazu hat man den schon recht großen Andreas Daum noch mit Plateauschuhen ausgestattet, die ihn in wahrhaft symbolischer Art alle anderen Menschen überragen lässt.
Der Kontrast zwischen zeitlosem Bühnenbild und zeitgebundenen Kostümen wirkt jedoch keinen Augenblick störend oder aufgesetzt. Vielmehr bewegen sich die Figuren wie selbstverständlich in einer monumentalen Umgebung, die man mal als Palast, mal als Kloster, mal als Gefängnis erkennt. Die heute übliche Minimalisierung des Bühnenbildes zwecks Konzentration auf die handelnden Personen lässt das Publikum diesen Gegensatz nicht als Bruch erfahren. 

Dimitry Ivashenko (Philipp) und Andreas Daum (Großinquisitor)Dimitry Ivashenko (Philipp) und Andreas Daum (Großinquisitor)

Mora ordnet die Protagonisten in drei Paaren an: da ist einmal das emotionale Paar Elisabeth und Carlos, das die autonomen Gefühle - vor allem die erotischen - in den Vordergrund stellt. Der Spannungsbogen ergibt sich aus der leidenden Entsagung der Königin, die ihr liebeloses Leben aus Staatsraison angenommen hat, und dem leidenschaftlichen Carlos, der nur für eines im Leben Kraft und Gedanken hat: seine Liebe zu Elisabeth. Das zweite Paar bilden Philipp und der Großinquisitor, und hier geht es ausschließlich um die Macht zwischen Kirche und Staat. Gleich nach der Pause lässt Mora die beiden Kontrahenten von der Spitze je einer Säule - den jeweiligen Thron markierend  - um das Leben von Carlos feilschen, wobei Philipp, obwohl er die Frage der Hinrichtung seines Sohnes selbst aufwirft, im Stillen auf den Widerspruch des Großinquisitors und dessen Hinweis auf das Vater-Sohn-Verhältnis hofft. Doch dieser verspricht ihm nicht nur Absolution, wenn er den eigenen Sohn opfert, sondern fordert auch noch mit Nachdruck und kalter Schärfe die Übergabe des Marquis Posa an die Inquisition. Diese Szene ist an dialogischer Dichte und düsterer Dramatik kaum zu übertreffen und wird durch die Anordnung auf den hohen Thronen in der Wirkung noch verstärkt. Das dritte Paar ist eigentlich gar keins, sondern definiert sich durch die ähnliche Situation im Handlungsgefüge. Marqis von Posa und Prinzessin Eboli sind beide "Singles", wie man heute sagen würde, und haben beide ein Auge auf Carlos geworfen, wenn auch aus unterschiedlichen, geradezu orthogonalen Gründen. Die Eboli begehrt Carlos erotisch - die Unterstellung der späteren Königin-Würde lässt sich aus dem Text nicht belegen - und liefert ihn aus Rache der Verschmähten ans Messer.  Posa dagegen plant Carlos als politischen Hoffnungsträger und zukünftigen "guten" König ein und rettet ihm durch seinen freiwilligen Tod das Leben - vermeintlich. Die Eboli findet aus der begehrenden Emotion zum poltischen Verrat, Posa wandelt sich vom politische denkenden Revolutionär zum opferwilligen Freund.

Die Dramaturgie rahmt das tragische Geschehen mit dem ersten und letzten Akt ein, die beide jeweils Carlos und Elisabeth in den Mittelpunkt stellen. Geloben sich die beiden zu Beginn unverbrüchliche Liebe und bewegen sich im Hochgefühl einer glücklichen Zukunft, so verabschieden sie sich am Schluss endgültig von ihren persönlichen Träumen, wobei auch Carlos sich zur Entsagung durchgerungen hat und in Flandern neu beginnen will, und wider Erwarten auch vom Leben, denn trotz des Opfergangs des Marquis muss Carlos in die Verliese der Inquisition, und Philipp tötet aus Eifersucht seine eigene Frau. Zum Schluss senkt sich ein überdimensionales, weiß leuchtendes Kreuz über die im wahrsten Sinne des Wortes düstere Szene.

Yamina Maamar (Elisabeth de Valois), Oleksandr Prytolyuk (Rodrigue/Marquis de Posa), Kathrin Gerstenberger (La Princesse Eboli)Yamina Maamar (Elisabeth de Valois), Oleksandr Prytolyuk (Rodrigue/Marquis de Posa), Kathrin Gerstenberger (La Princesse Eboli)  

Für das sängerische Ensemble bietet diese Oper natürlich eine ideale Gelegenheit, alle darstellerischen und stimmlichen Register zu ziehen, lebt die Handlung doch von der großen Emotion, wie wir sie gerade von Verdi kennen. Um mit den Damen zu beginnen: Yamina Maamar ist eine wahrhaft strahlende Elisabeth, zumindest stimmlich, denn außer in der ersten Szene hat sie sonst keinen Grund zum Strahlen. Mit Leichtigkeit schwingt sich ihre Stimme mit dramatischem Ausdruck in die höchsten Lagen, ohne dabei an Kraft oder Volumen zu verlieren. Doch auch in den tieferen Lagen, die der Erschütterung und Entsagung vorbehalten sind, beweist sie eine erstaunliche Stimmkraft, die sich noch gegen das Orchester durchsetzen kann. Kathrin Gerstenberger liefert als Prinzessin Eboli das Gegenstück dazu: immer präsent, im stimmlichen Ausdruck bewusst drängend und fordernd, ohne zu forcieren, und vor allem in der Verzweiflungsarie erschütternd - so dass man sogar Mitleid mit dieser eigentlich negativen Figur zu fühlen beginnt. Auch darstellerisch überzeugt sie, bietet doch diese Rolle außer der Möglichkeit, eine unglücklich Liebende glaubwürdig zu charakterisieren, die Gefahr, ihr das Klischee der bloßen Intrigantin überzustülpen. Kathrin Gerstenberger verleiht dieser Eboli so etwas wie Würde im selbstverschuldeten Unglück.
Bei den Männern überzeugt vor allem Oleksandr Prytolyuk als Marqis Posa. Gegenüber dem sängerisch ebenbürtigen Zurab Zurabishvili hat er den Vorteil, eine komplexere Figur spielen zu können, die mehr Ausgestaltung erlaubt. Posa ist eine höchst ambivalente, nur vordergründig eindimensionale, politisch fortschrittliche Figur. Er lässt sich zum Vertrauten des Despoten machen, ohne sich deswegen zu verbiegen, und er verlangt von Carlos dessen Waffe, als dieser sie - aus edlem Anlass - gegen Wache und Vater wenden will; aber er bringt auch fast die Eboli um, als diese sich von Carlos abgelehnt sieht. Einen kurzen Moment scheint das berechtigte taktische Kalkül über Posas Humanität zu siegen, doch dann gewinnt sein ruhiger Verstand die Oberhand. Posa sitzt sozusagen zwischen allen Stühlen, weiß das aber auch, und versucht, bis zum bitteren Ende mit dieser riskanten Situation fertig zu werden. Das ist für einen Darsteller natürlich eine Herausforderung, die Prytolyuk hervorragend meistert. Zurab Zurabishvili hat dafür als Carlos zwar mehr Einzelauftritte, die höchste sängerische Leistungen von ihm fordern, darstellerisch bleibt die Rolle jedoch eindimensional, da Carlos nahezu bis zum Schluss allein auf seine verlorene Liebe fixiert ist. Stimmlich würde man sich von ihm bisweilen ein wenig mehr Volumen wünschen, vor allem in den hohen Lagen.

Dimitry Ivashenko füllt die Rolle des Philipp mit hoher darstellerischer und stimmlicher Präsenz aus. Diesem Philipp nimmt man nicht nur seine - aus damaliger Sicht - notwendige politische Härte sondern auch seine menschliche Einsamkeit ab, die durch die Vernunftehe mit Elisabeth nicht vermindert wird. Ivashenko ist in jeder Szene ein Herrscher, vor allem, wenn er nach der Szene zwischen Elisabeth und Carlos erstere allein antrifft und voller Misstrauen sofort die Hofdame entlässt. Die Verbreitung von Angst und Schrecken gehören zu dieser Rolle genauso wie die vollständige Isolation und innere Verhärtung aus Misstrauen. Ivashenkos voluminöser und raumbeherrschender Bass lässt die Stellung des Despoten umso glaubwürdiger werden. Andreas Daum schließlich weckt allein durch sein bereits beschriebenes Kostüm Abscheu, und sein unnahbares Spiel, das keine Mimik zulässt, verstärkt diesen Eindruck noch. Man fühlt sich bei ihm geradezu in die Zeit der Inquisition zurückversetzt und kann sich gut vorstellen, dass selbst Könige Angst vor dem Inquisitor hatten. Die unbeugsame Konsequenz und grausame Kompromisslosigkeit des Ideologen - hier im klerikalen Gewand - ist ihm ins Gesicht geschrieben. Seine Bassstimme scheint aus dem Grabe zu kommen und einen Pestatem auszuhauchen. Nach der Szene mit Philipp atmete das Publikum hörbar auf, vom Alptraum befreit.

Auch das Orchester unter der Leitung von Martin Lukas Meister trug mehr als ein Scherflein zu diesem gelungenen Opernabend bei. Dabei ließ es Meister nicht an Expressivität mangeln, sondern artikulierte die großen Gefühle und die Dramatik des Bühnengeschehens auch instrumental. Trotz der markanten Dynamik ging jedoch nie die Transparenz verloren. Man hörte jedes einzelne Instrument, wobei sich immer wieder die Bläser in den Vordergrund spielten, ohne deswegen den Klang grell einzufärben. Nicht nur die Holzbläser, sondern auch die Blechbläser überzeugten mit einer vollen, warmen Intonation, die das Zuhören zum Genuss werden ließen. Und doch, bei aller Expressivität des Orchesters achtete Meister zu jedem Zeitpunkt darauf, die Sänger nicht zu übertönen und ihnen genug Raum zur stimmlichen Entfaltung zu geben.

Das Premierenpublikum zeigte sich einhellig begeistert und bedachte Ensemble, Orchester und Regie mit lang anhaltendem Beifall, "Bravo"-Rufen und zum Schluss sogar mit "standing ovations"

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller