Fausts Krieg































 


















































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Das Staatstheater Darmstadt inszeniert Goethes "Faust, 1. Teil"

 

Nationale Heiligtümer unterliegen anderen Kriterien als die Objekte des täglichen Lebens und genießen sozusagen einen besonderen Artenschutz. Doch während Frankreich seiner Revolution und England - noch - der Monarchie einen Ehrenplatz einräumen, hat sich Deutschland in dieser Hinsicht nach einem politisch schrecklichen Jahrhundert in die ewigen Berge der Kultur zurückgezogen. Von dort her senden die Werke der Dichter und Denker ihre (ohn)mächtigen Schauer kernigen Geistes. Den unwandelbaren Sternen des künstlerischen Schaffens begegnet das Publikum dabei mit einer erhöhten Erwartungshaltung, die sich bei Theaterstücken auf jede anstehende Aufführung auswirkt. Analog zur Bedeutung des jeweiligen Stücks im kulturellen Kontext erwarten die Zuschauer eine entsprechende Wirkung der Inszenierung. Das trifft bei Goethes "Faust" in besonderem Maße zu, stellt dieses philosophische Versepos - ein Drama ist es eigentlich nicht - doch die Krone des deutschen Literaturschaffens dar.  Fast könnte man sagen, dass ein Ensemble schon verloren hat, wenn es nur die Aufführung des "Faust" plant, muss es doch gegen Vorgänger antreten, die sich in der Erinnerung des Publikums zu Sternstunden des künstlerischen Schaffens verklärt haben. Daher ist allein schon der Mut zu loben, sehenden Auges gegen die Erwartungshaltung der Zuschauer anzuspielen und dabei das Risiko einzugehen, den Ansprüchen nicht zu genügen. Das Staatstheater Darmstadt hat den Mut gehabt und sich mit einer Neuinszenierung von "Faust, der Tragödie Erster Teil" dem heimischen Publikum gestellt.

Uwe Zerwer (Faust)Uwe Zerwer (Faust)

Wie geht man nun dieses Stück angesichts der geschilderten Voraussetzungen an? Wie macht man's, dass alles frisch und neu wirkt? Eine scheinbar sichere Variante besteht darin, erfolgreiche Inszenierungen mehr oder minder zu kopieren und damit die Erwartungen eines vorgebildeten Publikums zu befriedigen. Der Erfolg dieser eher naiven Aufführungspraxis wäre in der Breite sicher garantiert, aber das Selbstverständnis von Regisseur und Darstellern würde darunter sicherlich leiden. Die Alternative besteht in einer extremen Verfremdung des Stücks bis hin zur Aufgabe der Werktreue, zum reinen Selbstzweck der Provokation. Damit könnte man zwar progressive - oder als solche sich fühlende - Kreise begeistern, riskierte aber auch das Abgleiten in die Lächerlichkeit, die eine krampfhafte Aktualisierung mit sich bringen kann. Denn da in der Vergangenheit viele Vorgänger diese letztere Variante gewählt haben, sind die meisten der provokanten Themen - Faschismus, Kapitalismus - oder Regieeinfälle - Video-Einspielungen,  Zuschauerbeteiligung - bereits abgespielt, so dass nur noch eine Verschärfung dieser Methode Aufmerksamkeit sichert.

Hermann Schein hat sich in Darmstadt dafür entschieden, den "Faust" von innen her neu zu gestalten. Er legt den Schwerpunkt nicht auf das - historische oder heutige - gesellschaftspolitische Umfeld sondern auf die innere Verfassung der handelnden Personen. Er zieht sich sozusagen auf den Text zurück und versucht, die Protagonisten aus diesem heraus zu sehen. Anstatt Goethes Verdikt der Tat als Ursprung allen Fortschritts wörtlich zu nehmen, entscheidet er sich für das Motto "Am Anfang war das Wort!". Mit dieser Entscheidung kann er auch auf die aufwändige Gestaltung des äußeren Ambientes verzichten und vermeidet die Gefahr, durch eine plakative Modernisierung die zeitlose Aussage einzuengen.

Stefan Heyne hat die Bühne entsprechend karg ausgestattet. Den weitgehend leeren Bühnenraum umgibt er mit einer hohen Galerie, die sich der schwarzen Farbe der Wände anpasst. Für die Gretchenszenen stellt er eine zum Zeichen reduzierte Gartenhütte mit weißer Wand, rotem Dach und einem Bett darin auf die Drehbühne und holt bei Bedarf ihre offene Seite nach vorne. Als temporäre Requisiten kommen ein handelsüblicher Herd für die Zubereitung des Verjüngungstranks sowie Fausts Bibliothek hinzu. Diese besteht jedoch nicht aus einer hohen Bücherwand, sondern fällt gleich zu Beginn des ersten Aktes, wenn sich Faust - in der ausgebeulten Cordhose und der Strickweste des Intellektuellen - zögernd aus dem Hintergrund nähert, in Gestalt Hunderter von Büchern mit Aplomb aus dem Bühnenhimmel und bleibt dann während des ganzen ersten Teils als wirrer Haufen und Symbol erkenntnistheoretischer Vergeblichkeit auf der Bühne liegen. Die Kostüme passen sich dieser Tendenz des äußeren Minimalismus' an: die Protagonisten tragen durchweg heutige Kleidung, von der Hexe einmal abgesehen, die im roten Morgenmantel, mit Netzstrümpfen und Strapsen als drogenverseuchter Halbweltvamp daherkommt.

Den Text übernimmt Schein weitgehend ohne Streichungen, einschließlich Zueignung, Vorspiel auf dem Theater und Prolog im Himmel. Beim Vorspiel auf dem Theater setzt der Regisseur bereits Akzente hinsichtlich der späteren Rollen, besetzt er doch  den Dichter mit dem Darsteller des Faust (Uwe Zerwer) und die Lustige Person mit der Mephisto-Darstellerin (Gabriele Drechsel). Diese vordergründig nur der Optimierung des Personals dienende Maßnahme hat jedoch auch metaphorischen Charakter: der Dichter zeigt sich - wie Faust - als allzeit strebender Feuerkopf, der sich über die kommerziellen Zwänge und die entsprechenden Wünsche des Theaterdirektors (Aart Veder) aufregt. Die Lustige Person wiederum zeigt eine gewisse Indifferenz und ironische Grundeinstellung gegenüber Leben (und Theater), wie sie auch Mephisto eigen ist. Die beiden Antipoden erscheinen hier also bereits in Stellvertreterpositionen auf der Bühne. Die Walpurgisnacht ist deutlich gekürzt, vor allem der Walpurgisnachtstraum fehlt ganz. Das ist jedoch verständlich, besteht doch vor allem letzterer weitgehend aus mythischen und zeitbezogenen Anspielungen, die sich heute nur noch schwer nachvollziehen lassen. Dagegen fällt der Verzicht auf die letzten Zeilen des Stücks stärker ins Gewicht. Bei Schein lauten die letzten Worte: "Heinrich, Heinrich, mir grauts's vor Dir!". Der anschließende Wortwechsel zwischen Himmel und Hölle über Gretchens jenseitiges Schicksal und ihre abschließenden "heinrich"-Rufe entfallen. Anscheinend war dem Regisseur das Pathos dieser Worte zu vordergründig.

Gabriele Drechsel (Mephisto) und Karin Klein (Hexe)Gabriele Drechsel (Mephisto) und Karin Klein (Hexe)

Es war in der Vergangenheit durchaus nicht unüblich, die Rolle des Mephisto mit einer Frau zu besetzen. Das bietet sich schon deswegen an, weil der Teufel als Wesen einer jenseitigen Welt "per definitionem" androgyne Wesenszüge aufweist, wie die Engel, über deren Geschlecht man sich in früheren Zeiten ja auch gerne stritt. Gustaf Gründgens hat ihn in seiner Inszenierung ebenfalls als erotisch ambivalentes Wesen angelegt, was auch seinem Naturell entsprach. Auf der anderen Seite markiert ihn Goethe eindeutig als Mann, wenn Frau Marte versucht, ihn - das bietet sich natürlich als grotesker Einfall geradezu an - als Ehemann einzufangen. Außerdem bewegt er sich mit Faust in Umgebungen - Auerbachs Keller -, die zu Goethes Zeiten Männern vorbehalten waren und die wohl auch ein wenig an dessen eigene bewegte Anfangszeit in Weimar erinnern. Eine profane Erklärung für diese Besetzung wäre allerdings eine kurzfristige Besetzungsänderung wegen Krankheit - was hier der Fall ist. Nun hat der Verweis auf einen solchen Hintergrund leicht das "Gschmäckle" einer Entschuldigung  für unzureichende Leistung, doch in diesem Fall trifft das nicht zu. Allein die Tatsache, dass Gabriele Drechsel nur drei Wochen Zeit hatte, um diese Rolle einzustudieren, zeigt die große Leistung, die sie nicht nur mit der Erarbeitung des Textes sondern auch mit einer glaubwürdigen Interpretation der Rolle erbrachte.

Wie bereits erwähnt, erschließt Hermann Schein das Stück aus dem Innenleben der Protagonisten, von denen natürlich der Titel gebende Faust der wichtigste ist. Wir kennen den alten Faust zu Beginn als resignierenden Skeptiker, der nach einem langen Forscherleben erkennen muss, dass er nichts erkennen kann. Das klingt meist abgeklärt, enttäuscht vom Leben, und der versuchte Selbstmord ist eher auf Lebensüberdruss als auf Verzweiflung zurückzuführen. Uwe Zerwer jedoch gibt von Anfang an einen zornigen Faust, der die Vergeblichkeit des Erkenntnisprozesses nicht akzeptieren will. Hier findet sich kein ausgebrannter Wissenschaftler mit den Grenzen des menschlichen Geistes ab, hier revoltiert ein aufgeklärter Mensch gegen eben diese Grenzen und hämmert mit den Fäusten gegen die undurchdringliche Wand der Transzendenz. Der moderne Mensch in seiner buchstäblichen Gottlosigkeit fügt sich nicht in Vergänglichkeit und Vergeblichkeit, sondern rebelliert gegen die Unvollständigkeit von Wissen und Sein. Wo keine höhere Instanz mehr als solche erkannt und anerkannt wird, muss der Mensch alle Grenzen selbst übersteigen, und wenn ihm dies nicht gelingt, kann er die Frustration darüber nur gegen sich wenden. Selbstmord aus Wut und Verzweiflung ist die logische Folge. Zerwer hält diese mal offene, mal unterdrückte Wut über die gesamte Dauer des Stücks durch und verleiht dem Faust damit eine schärfere aber auch provozierendere Kontur als gewohnt. Gerade im Anfangsmonolog überzieht er jedoch das Schreien bisweilen, so dass die Wirkung durch "Dauerbeschuss" etwas abnimmt; eingestreute Pausen, wie sie bei jedem Zornesausbruch allein schon aus physischen Gründen erforderlich sind, und das Wiederaufflammen des Zorns hätten die Wirkung noch erhöht. Die für eine solche Seelenlage typischen Stimmungsschwankungen drücken sich am besten im Osterspaziergang aus, wenn Zerwer plötzlich alles im hellen Licht der Frühlingssonne sieht. Im nächsten Augenblick kann er sich jedoch wieder über den kleinkarierten Wagner aufregen, der sich alles Wissen in handlichen Portionen einverleiben möchte. Den Wechsel zum verjüngten Faust dokumentiert Kostümbildner Heyne mit nach hinten gegeltem Haar, einem jugendlichen Anzug und offenem weißen Hemd, kurz: Zerwer alias Faust kommt wie ein junger Investmentbanker der jüngeren Vergangenheit daher. Der runderneuerte Faust folgt seinem neuen Vertragspartner nur halbherzig in die Vergnügungen dieser Welt und entledigt sich seines inneren Schweinehunds durch latente Aggressivtät gegenüber Mephisto, als wolle er diesem die eigene Schwäche beim Verkauf der Seele ankreiden.

Anne Hoffmann (Gretchen) und Uwe Zerwer (Faust)Anne Hoffmann (Gretchen) und Uwe Zerwer (Faust)

Gabriele Drechsel markiert auch mit der Kleidung von Beginn an den Antipoden aus der Hölle. Da das Wesen der Negation kein Voranstreben kennt sondern als konkretisierter Zynismus die ewigen Stagnation preist, muss es sich mit Äußerlicheiten vom geistigen Gehabe der Menschen abgrenzen. Die große Abendgarderobe aus schwarzem Kleid, roten (!) hochhackigen Schuhen und einem rotschwarzen Umhang symbolisiert nicht nur Mephistos Stellung sondern enthält auch die der Hölle zugeschriebenen Farbsymbole. Gabriele Drechsel verleiht der Rolle des Mephisto mit ihren geschmeidigen, bisweilen katzenhaften Bewegungen einen animalischen, schattenhaften Charakter, wie man sich die Vertreter des Bösen früher vorstellte. Als Verstoßene des Himmels müssen sie das verräterische Tageslicht meiden, sind eher Könige der Nacht, worauf ja auch die schwarze Farbe verweist. Unnötig zu sagen, dass dieser Wesenszug bei Goethe nur noch symbolischen Charakter hat und auf das versteckt Böse im Menschen verweist, das sich laut geltenden Konventionen nie offen zeigen darf. Gleichzeitig steckt in der Negation auch eine produktive Skepsis, ein ambivalentes Hinterfragen aller Autoritäten - eben "die Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft". Diese Sicht ist keine isolierte des Teufels sondern die (Ein-)Sicht des aufgeklärten Menschen Goethe, der in dem offiziell geächteten Bösen durchaus die kreative Komponente sieht. Gabriele Drechsel bringt diese Ambivalenz deutlich zum Ausdruck, ihr Teufel amüsiert sich über das sinnlose Streben des Menschen, hängt jedoch unrettbar an dessen Seele, die er  für das eigene "Überleben" benötigt wie der Fisch das Wasser. Über die Doppeldeutigkeit des Bösen im menschlichen Wertesystem  ließe sich angesichts dieser Goetheschen Schöpfung stundenlang diskutieren, würde jedoch den Rahmen dieser Rezension sprengen. Akustisch kann sich Gabriele Drechsel jedoch nicht immer durchsetzen. Das mag an der speziellen Akustik des Kleinen Hauses liegen, die nicht überall gleich gute Bedingungen schaftt, sicher spielt aber auch die Stimme eine Rolle. Mephisto spielt - neben Faust - die tragende Rolle in diesem an dramatischer Handlung nicht gerade reichen Stück. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Worten, weniger auf den Taten. Mephistos Aussagen sind gesättigt von Ironie und klarer Erkenntnis der menschlichen Schwächen und irrlichternden Sehsüchten. Jedes Wort hat hier Gewicht und trifft den Nagel auf den Kopf. Es ist jedoch nicht einfach, den weiten Bühnen- und Zuschauerraum mit einer weiblichen Stimme zu füllen. Ein Sopran mag das singend schaffen, in Sprachform ist dies jedoch wesentlich schwieriger, zumal ein Forcieren der Stimme nur zu diskantartigen Verzerrungen führt. So erreichten denn auch nicht alle teuflischen Pointen das Publikum, was den Witz des Augenblicks zuweilen ein wenig minderte.

Auch Gretchen - sie heißt bei Goethe weniger verniedlichend Margarete - legt Herrmann Schein anders an als wir es gewohnt sind. Über Jahrzehnte präsentierten die Bühnen sie als junges, unbedarftes und vertrauensseliges Mädchen, das sich rettungslos in Faust verliebt und später rührend hilflose Verzweiflung zeigt. Die beiden kurzen Monologe "Mein Ruh' ist hin" und "Neige, ach Du Schmerzensreiche" zeigten sie als schuldbeladene, tief religiöse junge Frau, und kamen aus bewegtem, mädchenhaftem Herzen. Anne Hoffmann jedoch spielt sie als selbstbewusste Frau. Schon das "Bin weder Fräulein, weder schön" kommt nicht mit niedergeschlagenen Augen, sondern aus einem klaren, zurechtweisenden Gesicht. Der eigentliche Bruch mit der gewohnten Gretchen-Rezeption erfolgt jedoch beim "Mein Ruh ist hin". Anne Hoffmann stößt diese Worte, auf der Galerie auf und ab laufend, mit der Wut des sitzengelassenen Mädchens aus. Nicht nach Tränen steht diesem Gretchen der Sinn, sondern nach Rache am treulosen Verführer. Darin ist sie ein typisches Kind des 21. Jahrhunderts, das die Demut ihrer Urgoßmütter weit hinter sich gelassen hat. Das mag so manchem Faust-Kenner nicht behagen, weil mit dieser Interpretation auch so manches liebgewordene Frauenbild zerbricht, doch Anne Hoffmann wirkt mit dieser Interpretation wesentlich authentischer als die traditionellen Ausdeutungen dieser Rolle.

Gabriele Drechsel(Mephisto) und Uwe Zerwer (Faust)Gabriele Drechsel (Mephisto) und Uwe Zerwer (Faust)

Die übrigen Rollen liegen im Rahmen des Erwarteten. Harald Schneider gibt einen braven Famulus Wagner im korrekten grauen Dreiteiler, der sich durch Fleiß und Wissen auszuzeichnen versucht. Fausts abschätzige Blicke wird er nie verstehen. Karin Klein tritt in der Doppelrolle von Frau Marthe und der Hexe auf. Die erstere spielt sie mit einer gewissen Zurückhaltung, da in der entscheidenden Szene die drei anderen Protagonisten im Mittelpunkt stehen. Sie widersteht der Versuchung, sich mit der im Ansatz grotesken Figur der Marthe in den Vordergrund zu spielen, und bringt doch die hintergründige Komik der Situation zum Ausdruck. Als Hexe im Luder-Look darf sie dafür richtig vom Leder ziehen, die Zigarettenspitze in den zitternden Händen flattern lassen und dem zu verjüngenden Faust mit allerlei Handbewegungen lüstern zu Leibe rücken. Dass im realen Leben diese beiden ein Ehepaar sind, fügt der Szene einen zusätzlichen Schuss Komik hinzu. Tilman Meyn gibt den Studenten im braven Pullunder-Look dünnstimmig und eifrig, den Valentin spielt er dagegen mit der nötigen Wut über die Schwester und ihren Verführer, und schließlich stirbt er recht effektvoll. In Auerbachs Keller schließlich mimen Klaus Ziemann, Aart Veder und Harald Schneider die Gäste, die sich von Mephisto an der Nase herumführen lassen, mit einiger Freude am Slapstick. Liljana Elges spielt das Lieschen und die Hexe Lilith.

Als besondere Einlage befeuert eine Gruppe von Jugendlichen des Darmstädter Lichtenberg-Gymnasiums die Szene vor dem Tor, den Trubel in Auerbachs Keller und die Walpurgisnacht. Dazu präsentiert der junge Timan Döring zusammen mit seinen Klassenkameraden eigene Rap-Texte, die sich unerwartet gut in die Inszenierung einfügten. 

Hermann Schein lässt die Szenen auf offener Bühnen auseinander hervorgehen, was ihm der weitgehende Verzicht auf szenentypische Bühnenbilder erleichtert. Dadurch erreicht er eine hohe Dichte des Ablaufs, die sich sonst aus der wortlastigen Handlung kaum ergeben würde. Vor allem im ersten Teil vor der Pause entwickelt sich deshalb und auch aufgrund der Ereignisse eine dramatische Spannung, die im zweiten Teil jedoch nachlässt. Dies liegt sicher daran, dass sich die Handlung danach nicht mehr öffnet sondern eher zu schließen beginnt. Die Dinge bewegen dann sich abwärts zum tragischen Ende hin, neue Handlungsstränge und Personen werden nicht mehr eingeführt, und die Spannung weicht langsam aber stetig aus dem Stück. Die letzte Szene bringt zwar noch einmal eine Art von Scheinspannung, die aber der von vornherein feststehende Ausgang nicht zur Entfaltung kommen lässt

Diese Inszenierung erweist sich als gelungene Gratwanderung zwischen angestrengter Aktualisierung und einem risikolosen Abspielen der Vorlage. Die Regie hat dem Stück einige neue, überzeugende Aspekte abgewonnen, ohne deswegen den Text zu stark zu strapazieren. Hermann Schein lässt Goethes Worte ohne unnötige Zutaten aus sich selbst heraus wirken und erlaubt doch den Schauspielern eigene Akzente zu setzen. Vielleicht ist es nicht die große Inszenierung, die noch lange Gesprächsstoff liefern wird, aber es ist eine grundsolide Arbeit, die ihren verdienten Platz im Repertoire des Staatstheaters und in der "Faust"-Rezeption einnehmen wird.

Das Premierenpublikum spendete freundlichen Beifall, sparte sich jedoch Begeisterungsausbrüche.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller