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Drei Mal "B" wie "brio" |
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Das 6.
Sinfoniekonzert des Staatstheaters Darmstadt mit Werken von Beethoven
und Berg |
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Der zweite Buchstabe des
Alphabets spielte im 6. Sinfoniekonzert des Staatstheaters Darmstadt
eine besondere Rolle: der Engländer Anthony Bramall dirigierte
zwei Kompositionen von Ludwig van Beethoven - die
"Coriolan"-Ouvertüre und die 3. Sonfonie, die "Eroica" - sowie
drei Fragmente aus Alban Bergs Oper "Wozzek". Die intensive, geradezu
feurige Interpretation - "con brio" - fügte diesen drei "B" noch
ein viertes hinzu.
Beethovens Ouvertüre zum
Trauerspiel "Coriolan" sollte ursprünglich eine zugehörige
Oper einleiten. Da sich diese Absicht zerschlug, widmete Beethoven das
Werk zum eigenständigen, formell "Ouvertüre" genannten
musikalischen Miniaturdrama um. Beethovens andere Ouvertüren
- die berühmte "Leonore", die "Egmont" - zeichnet alle die gleiche
Eigenschaft aus, dass ihre außerordentliche Dichte und
Dramatik eine solche Eigenständigkeit geradezu herausfordern. In
der hinter dieser Ouvertüre stehenden Handlung geht es um den
römischen Feldherrn Coriolan, der aus Enttäuschung gegen
seine eigene Vaterstadt marschierte, sich vor deren Toren jedoch mit
Mutter und Schwester als Bittsteller konfrontiert sah und sich
angesichts des ausweglosen Konflikts aus Verzweiflung das Leben nahm.
Beethoven bildet diese Situation durch zwei Themen nach, ein
herrisches, kämpferisches, und ein beschwörendes, flehendes.
Das Ende schwingt sich jedoch nicht zu dem typischen auftrumpfenden
Schlussakkord auf, sondern verklingt in leisen, resignierenden
Tönen. Bramall nahm die Ouvertüre vom ersten Moment an in hohem Tempo, setzte die überbordende Wut des Feldherrn über die majestätische Breite, die manche andere Interpretationen in der Vergangenheit gerne an den Tag legten. Dadurch erreichte er eine gewisse Leichtigkeit und vermied jegliche falsche Sentimentalität oder plakative Emotionen. Auch mit der Dynamik ging er sparsam um, verzichtete auf extreme Lautstärken und betonte eher die Transparenz der einzelnen Instrumentengruppen. Im zweiten Programmpunkt schlug
Bramall eine Brücke ins 20. Jahrhundert. Alban Bergs Oper "Wozzek"
erlebte im Jahr 1924 eine partielle Uraufführung in Gestalt
einiger bereits fertiggestellter Fragmente. Diese stellte Bramall
zwischen die beiden Beethoven-Werke. Ein besonderer Effekt ergibt sich
daraus, dass Beethoven in den Eckwerken jeweils herausgehoben
Persönlichkeiten "porträtiert", während Berg in "Wozzek"
den klassischen Verlierer und marginalisierten Menschen in den
Mittelpunkt stellt.
Die Sopranistin Elisabeth Werres
trug die knappen Texte zur Orchestermusik vor, mal in rezitativer
Sprache, mal in reiner Gesangsform. Die Musik beginnt mit einem lang
gezogenen Klangteppich der Streicher, über dem sich einzelne
Bläserfiguren erheben, dann schlägt das Ganze um in ein Zitat
aggressiver Kirmes- und Militärmusik. Wenn allerdings der Gesang
einsetzt, zieht sich die Musik auf eine begleitende Funktion
zurück. Jetzt entwickelt sie ganz andere Qualitäten.
Wie schon bei Beethovens später Kammermusik kommen hier nicht mehr
klare emotionelle Befindlichkeiten zum Ausdruck, sondern die Musik
öffnet völlig neue Klangwelten, die sich mit der gewohnten
emotionalen Welt nicht mehr in Einklang bringen lassen. Diese jenseitig
zu nennen, wäre zu einfach weil nichtssagend. Diese Musik
gräbt verschüttete seelische Bereiche aus, die im
täglichen Einer- und Allerlei nie den Weg ins Bewusststein
geschafft haben, und löst dabei zwangsläufig Unruhe und
Verwirrung aus. Alban Bergs Musik verweist damit wie auch Beethovens
späte Musik auf geheime Zonen der menschliche Psyche, die
normalerweise tief im Verborgenen bleiben. Somit löst die Musik
ein stilles Grauen aber auch eine Ahnung von Möglichkeiten
jenseits des Gewohnten aus, die jedoch nach dem Hören meist wieder
dem Alltag weichen müssen. Alban Bergs Musik weist über lange
Strecken deutlich tonale Strukturen auf, die bisweilen an Gustav Mahler
erinnern. Dann wieder schlägt sie um ins Atonale, Befremdliche;
Glissandie in allen Instrumenten wandern chromatisch durch die Oktaven
und schaffen einen entrückten musikalischen Raum. Die kurzen
vokalen Passagen wirken dabei nur wie Aufschreie aus der weltlichen
Wirklichkeit. Die konzentrierte Darbietung
dieser kontrastreichen und äußerst anspruchsvollen Musik
fand bei dem aufmerksamen Publikum - die Huster hielten sich dieses Mal
tatsächlich in erträglichen Grenzen - großen Zuspruch
und entsprechenden Beifall, der sowohl der Solo-Sängerin als auch
Dirigent und Orchester galt. Nach der Pause folgte Beethovens "Eroica" und damit wieder die Huldigung an einen großen Menschen, wenn auch der Komponist die namentliche Erwähnung Napoleons aus Enttäuschung über seine imperialen Neigungen gestrichen hatte. So bleibt das Porträt eines anonymen "Helden", der im ersten Satz durch weiträumige, markante Motive gefeiert, im zweiten Satz auf äußerst feierliche Weise zu Grabe getragen wird. Fast könnte man diesen zweiten Satz als Beethovens persönlichen Abschied von seiner Napoleon-Verehrung betrachten. Hier wird nicht ein großer Mann, sondern das - falsche und irreführende - Bild von ihm zu Grabe getragen. Erst in den beiden letzten Sätzen gewinnt dann die Hoffnung auf Neugestaltung der Welt sich Bahn. Ist das "Allegro vivace" des dritten Satzes noch als Befreiung von dem alles überragenden Führerbild zu verstehen, so bietet der Finalsatz das fast friedliche Bild eines bürgerlichen Tanzvergnügens. Im deutlichen Gegensatz zu den triumphalen, alle Konflikte in der großen Geste auflösenden Finalsätzen anderer Sinfonien verbreitet dieser Satz Heiterkeit und Gelassenheit. In diesem letzten Satz beruhigen sich alle Emotionen der vorangegangenen Sätze. Anthony Bramall zeigte sich als
profunder Beethoven-Kenner, arbeitete die Strukturen der einzelnen
Sätze sorgfältig und unter bewusstem Verzicht auf die
spektakuläre Wirkung heraus. Dieser Eroica konnte man bis in die
letzten Verästelungen folgen, und die einzelnen Instrumente
- seien es die Hörner, die Klarinetten, die Flöten oder die
Oboen - kamen mit allen ihren Ausdrucksmöglichkeiten zur Wirkung,
statt in einem fulminanten "tutti" unterzugehen. Es machte
richtiggehend Spaß, die einzelnen, mehr oder weniger ausgedehnten
Solo-Einlagen der genannten Instrumente zu verfolgen. Das Publikum war sich dieser
Qualität durchaus bewusst und dankte dem Ensemble durch
kräftigen, anhaltenden Beifall und geizte auch nicht mit
"Bravo"-Rufen. |
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