Ein Klavier-Matinée mit Überraschungen




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Das Scheeberger-Trio
















































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Die junge Pianistin Olga Scheps spielt beim Rheingau Musik Festival in der Reihe "Konzert & Brunch"

 

Eigentlich sollte an diesem Morgen im Rahmen der Reihe "Konzert & Brunch" des Rheingau Musik Festivals die erst 18jährige Mona Asuka Ott auftreten. Auf dem Programm standen Werke von Franz Schubert, Wolfgang Amadeus Mozart, Frédéric Chopin und Franz Liszt. Doch einen Tag vor der Veranstaltung musste die junge Künstlerin wegen Krankheit absagen. Es ist als besondere Leistung des Veranstalters hervorzuheben, dass er binnen knapp eines Tages mit der ebenfalls noch jungen Olga Scheps eine Vertreterin fand, die vom ersten Anschlag an zeigte, dass sie alles andere als eine Ersatzlösung war. Das nur vorweg.

Um die Erwartungshaltung des Publikums nicht zu enttäuschen, versuchte man natürlich, in der Kürze der Zeit ein möglichst ähnliches Programm auf die Beine zu stellen. Wer Schubert und Mozart hören möchte, wird vielleicht bei Prokoffief oder Skrjabin unwillig. Doch das Glück des Veranstalters - wir dürfen das wohl annehmen - wollte es, dass Olga Scheps "aus dem Stand" ein sehr ähliches Repertoire anbieten konnte. Damit kamen jetzt folgende Werke in der ausverkauften Kelterhalle von Schloss Reinhartshausen zu Gehör: Schuberts "Wandererfantasie" op. 15, Mozarts Rondo a-moll KV 511, Mendelssohns "Rondo caprissioso" E-Dur op. 14 und von Frédéric Chopin die Ballade Nr. 1 g-moll und das Nocturne Des-Dur op. 27 Nr. 2.

Olga SchepsOlga Scheps

Obwohl das eigentlich nicht zum Inhalt einer Rezension gehört, ist der Vollständigkeit halber festzuhalten, dass mit Olga Scheps eine nicht nur bildhübsche sondern auch hoch konzentrierte und im Spiel disziplinierte junge Frau auf dem Hocker vor den weißen und schwarzen Tasten Platz nahm. Schuberts breite und flächige Fantasie ging sie sofort mit Verve an und bewältigte nicht nur die weiten Griffe sondern auch die eruptiven Läufe mit Leichtigkeit. In den "fortissimo"-Stellen fragte man sich bisweilen, wo diese zarte Frau die Kraft für die hämmernden Akkorde hernimmt, ohne dabei Zeichen der Anstrengung zu zeigen. Ihre Gesichtszüge spiegelten in kontrolliertem Maße die Emotionen der Musik wider, ohne dass sich dies auf die Körperhaltung übertragen hätte, die während des gesamten Vortrags vorbildlich ruhig blieb. Sie konnte sich bei ihrem Spiel auch vollständig auf ihre Hände konzentrieren, da sie die gesamte - recht umfangreiche - Fantasie sowie die nachfolgenden Stücke aus dem Gedächtnis vortrug. Der Verzicht auf Noten und den unvermeidlichen Umblätterer lässt grundsätzlich die musikalische Interpretation noch geschlossener und konzentrierter erscheinen.

Doch nicht nur die Akkordketten gingen der jungen Pianisten wie selbstverständlich von den Händen; auch den langsamen zweiten Satz mit seiner düsteren Eröffnung und der durchweg schwermütigen Grundstimmung interpretierte sie mit hoher Intensität und einem fein nuancierten Anschlag. Die scherzohafte Grundstruktur des anschließenden Prestos ging ihr ebenso leicht von der Hand wie die wuchtigen Akkorde des ersten Satzes, und der "Allegro"-Finalsatz brachte noch einmal virtuose Läufe und Oktavketten in perfekter Technik. Über die reine Technik hinaus fiel auf, wie sicher Olga Scheps mit den Tempi umging, wie sie gezielt, aber nie überzogen, Ritardandi einsetzte. Schuberts Fantasie wirkte bei ihr nie sentimental-melancholisch sondern kraftvoll und aufbegehrend.

Felix Mendelssohns "Rondo cappricioso" war ursprünglich nach dem Mozart geplant, Olga Scheps hatte diese Reihenfolge jedoch wegen der Ähnlichkeit zu Schuberts Fantasie vorgezogen. Nach langsamem Beginn schwingt sich das Stück zu dynamischen Läufen und vertrackten pianistischen Figuren auf, die zwar Mendelssohns ganz eigene Tonsprache sprechen, aber doch in vielem an Schuberts Fantasie anknüpfen. Hier, in der fortgeschrittenen Romantik, werden die Motive dichter und konzentrierter, die Flächigkeit Schuberts ändert sich zu einer verdichteten Darstellung harmonischer und melodischer Motive, die höchste technische Anforderungen stellt. Olga Scheps meisterte alle diese Herausforderungen mit außerordentlicher Souveränität und einer wohl dosierten mimischen Interpretation des Gespielten. 

Danach folgte Mozarts Rondo, und man spürte sofort den Grund für die Umstellung. Mozarts Musik, vor allem aber dieses Stück, zeigt sich wesentlich kammermusikalischer, intimer als die beiden Vorgänger. Zwischen diesen beiden hätte das Rondo einen schweren Stand gehabt, so jedoch konnte es seine reiche Vielfalt entfalten, und die typische Leichtigkeit Mozarts kam mit dem jetzt ausgesprochen leichten Anschlag der Solistin deutlich zum Ausdruck. Auch hier steigerte sich das anfangs verhaltene Tempo zu schnellen, wechselnden Läufen in beiden Händen, die sich jedoch wesentlich linearer und damit transparenter als bei Schubert und Mendelssohn darstellen. Das gerade macht Mozarts Musik so schwierig zu spielen, dass seine Läufe immer den Eindruck der Mühelosigkeit und des Spielerischen verbreiten sollen. Wucht und Flächigkeit wären hier - von wenigen Ausnahmen abgesehen -  unangemessen. Olga Scheps gelang die Umstellung vom Virtuosen und Ausdrucksstarken der vorangegangenen Werke zum scheinbar Spielerischen vorbildlich, und das Publikum fühlte sich unversehens in eine andere Epoche zurückversetzt, bis die letzten Akkorde des Rondos pianissimo verklangen.

Die Ballade von Frédérich Chopin kommt romantisch ausladend daher, mit viel Sentiment und großer Geste, dann wieder mit verträumten Motiven, die Chopins ganz eigene Handschrift verraten. Auch diese Stücke verströmen eine gewisse Melancholie, die jedoch ganz anders geartet ist als die Franz Schuberts. Chopin war eben vollständig in der Romantik angekommen, während Schubert noch mit einem Bein in der Klassik stand. Zum Schluss des Programms trug Olga Scheps dann Chopins Nocturne vor, das sich vor allem durch seinen verinnerlichten Duktus auszeichnet. Bei diesem Stück besteht natürlich in besodnerem Maße die Gefahr einer Sentimentalisierung, doch Olga Scheps behielt vollständig die Kontrolle über die introvertierte Partitur und versagte sich jegliche falsche Gefühligkeit. Und dennoch verbreitete ihre Interpretation eine gespannte Ruhe mit Anflügen der Entsagung. Sie streichelte die Tasten buchstäblich statt sie anzuschlagen. Es war erstaunlich anzuhören, welche Aussagekraft diese junge Frau der schwierigen Musik Chopins verleihen konnte. Das Publikum versetzte sie damit in eine völlig andere Seelenlage, so dass selbst die unvermeidlichen Hustenanfälle sich auf ein Mindestmaß reduzierten.

Der Beifall zwischen den Stücken war schon kräftig gewesen, jetzt aber steigerte er sich derart, dass Olga Scheps noch eine fulminante Zugabe spielte, die sie leider nicht ankündigte. So bleibt dem Rezensenten, der auch nicht die gesamte Klavierliteratur kennt, nur eine Mutmaßung, die er hier aber lieber nicht von sich geben will. Doch auch ohne dieses Wissen war diese pianistische Matinée ein Erlebnis der besonderen Art.

Am 29. März folgt in derselben Reihe ein Jazz-Programm mit der Gruppe "Subtone"

Frank Raudszus

Foto
(c) Manfred Esser