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Eindimensionalität und wenig
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Wiederaufnahme
von Mozarts "Don Giovanni" in der Oper Frankfurt |
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Wolfgang Amadeus Mozarts "Don
Giovanni" gilt als eine der facettenreichsten Opern seiner Zeit, mit
einer psychologischen Anlage der einzenen Personen und einer fast
philosophisch zu nennenden Aussage, die seine anderen Opern nicht in
gleichem Maße auszeichnet. Die zukunftsweisende, für die
damalige Zeit mutige Verbindung der "opera buffa" mit der "opera seria"
setzte neue Maßstäbe, schaffte Mozart jedoch beim
zeitgenössischen Publikum nicht nur Freunde. Auf der anderen
Seite hat gerade diese Oper ihre Spuren selbst im
philosophischen Schrifttum hinterlassen. So geht Sören Kierkegaard
in "Entweder - Oder"
tiefschürfend auf die geradezu archetypischen Figuren des Don
Giovanni und der Donna Elvira ein und legt ihre psychologischen
Strukturen offen.
Die zentralen Figuren in dieser Oper sind doppelbödig angelegt und beziehen gerade aus dieser Ambivalenz ihren besonderen Reiz und ihr Schwergewicht innerhalb der Handlung. Don Giovanni ist eben nicht nur der ewige Verführer sondern gleichzeitig der Rebell gegen jegliche Moral und Autorität, das wandelnde Prinzip eines uneingeschränkten persönlichen Freiheitsbegriffs, der zwangsläufig erst zum Schaden der Anderen dann zum eigenen Untergang führen muss. Denn keine Gesellschaft, wie auch immer sie konstruiert sein mag, kann sich diesen schrankenlosen Libertin leisten. Don Giovannis Verachtung für moralische Gesetze geht auch weit über das Erotische hinaus, die Oper führt sein Weltverständnis nur an diesem spektakulären Aspekt vor. Er ironisiert und relativiert die gesamte Welt, was sich in seinem furchtlosen Finalauftritt zeigt. Darüber hinaus beinhaltet Don Giovanni jedoch auch eine gewisse prometheische Komponente, indem er als Mensch - und nicht nur als Mann - gegen die Welt und selbst den Tod rebelliert. Seine Tragik liegt darin, dass er die Vergänglichkeit nicht besiegen kann, seine Größe darin, dass er es zum Preise des eigenen Lebens dennoch versucht. Don Giovanni ist also nicht nur die abgrundtief böse Figur des untreuen Verführers sondern auch der ewig seine Grenzen zu überschreiten versuchende Mensch. Donna Anna dagegen bezieht ihre Ambivalenz einerseits aus ihrer strengen moralischen Weltanschauung eines erzkatholischen Kulturkreises, andererseit aus der erotischen Ausstrahlung Don Giovannis, der gerade diese Welt mit einer einzigen großen Geste der Verachtung negiert. Es ist jedoch nicht nur die erotische Attraktion sondern vielmehr der existenzielle Mut dieses alle Konventionen sprengenden Verführers, der sie fasziniert. Einerseits geprägt von den Wertvorstellungen ihres Vaters und dessen patriarchalischer Welt und einem gleichmäßigen, wohl geordneten Leben an der Seite des Langeweilers Don Ottavio entgegensehend, kann sie sich andererseits der Faszination eines völlig anderen Lebensentwurfs nicht entziehen. Dass Don Giovanni auch sie verlassen würde, ließe sie sich tatsächlich mit ihm ein, will sie nicht sehen, und so schützt sie sich mit ihren Rachegelüsten gegen die gefährlichen Emotionen. Don Ottavio wiederum stellt den selbstzufriedenen Spießer ohne jegliche Leidenschaft oder intellektuelles Aufbegehren statt. Er kam wahrscheinlich schon als Frührentner zur Welt und begreift diese als eng begrenzten Lebensraum mit festgefügten, ewigen Gesetzen. Die Musikwissenschaftler weisen diesen biederen Charakter sogar in seinen "schönen", weil undramatischen Arien nach. Die
übrigen Charaktere dieser Oper - Donna Elvira, Leporello, Zerlina
und Masetto - sind eher eindeutig strukturiert und stellen einen
bestimmten Typus dar, was nicht bedeutet, dass sie im Rahmen der Oper
zweitrangig sind. Doch Ambivalenz gehört nicht zu ihren
herausragenden Eigenschaften. Donna Elvira ist die betrogene Ehefrau,
die ihren untreuen Ehemann zugleich liebt und hasst, Leporello
empfindet Don Giovanni gegenüber ähnliche Gefühle, wenn
auch mehr aus
der Sicht des Bediensteten, und Zerlina ist das einfache
Mädchen vom Lande, das jede Gelegenheit zum Aufstieg nutzen
möchte, sich aber notfalls auch pragmatisch und unter Einsatz all
ihrer Möglichkeiten mit dem Nächstliegenden zufrieden gibt.
Masetto und der Komtur stellen nur ergänzende Randfiguren mit
bestimmten dramaturgischen Funktionen dar.
Peter
Mussbach siedelt sein Stück in einer weitgehend leeren
Bühnenwelt an. Im schwarzen Viereck der Bühne markiert eine
kleine, schräg über den Orchestergraben ragende blaue Rampe
das Spielfeld. Auf diesen wenigen Quadratmetern spielt sich das
menschliche Drama ab, hier stoßen alle aufeinander. Helle
Streifen und eine dreieckige Fortsetzung des blauen Feldes im
Bühnenrückraum suggerieren eine schnurgerade verlaufende und
sich in der Ferne verlierende Straße. Was der Regisseur damit
genau aussagen will, erschließt sich dem Zuschauer nicht auf
Anhieb, doch die angedeutete Straße weckt auf jeden Fall
verschiedene Assoziationen, z. B. die an einen ewig Reisenden, nicht
Sesshaften. Ob das allerdings Don Giovannis eigentliches Wesen ist,
darf man bezweifeln. Pünktlich zum Duett Don Giovanni - Zerlina
("Là ci darem la mano") erscheint im Hintergrund der stilisierte
Turm eines toskanischen Schlosses, der sich im weiteren
Verlauf der Handlung zu einem ganzen Dorf ähnlicher Pappattrappen
erweitet. Nicht nur spielen die Personen der Handlung in diesem
Häusergewirr Verstecken, sondern die Attrappen selbst bewegen sich
wie der Wald in Shakespeares "Macbeth". Die Bedeutung dieser sich
permanent wandelnden Dorflandschaft wird nicht auf Anhieb klar und
lädt zu beliebigen Assoziationen ein. Die
Kostüme verweisen eindeutig in
Mozarts Zeit. Don Giovanni trägt Schwarz: enge Hose, Samtweste,
hohe Stiefel und Umhang. Leporello ist in dieser großen
Koalition der "Abzocker" sein roter Gegenpart, nur ohne die Stiefel des
Adels. Ob die rot-schwarze Konstellation politisch gemeint ist, darf
man bezweifeln, sie liegt aber nahe. Donna Anna in weißer,
damenhafter Robe, Donna Elvira im
repräsentativen Rokokko-Kleid, Zerlina im einfachen Kleid und
Masetto in einer Art hellem Soldatenanzug ergänzen das
historische Ambiente. Man kann jedoch aus der Kostümen eine
untergründige Bewertung herauslesen: die positiven Charaktere -
Donna Anna, Zerlina, Masetto - sind hell gekleidet, die negativen - vor
allem Don Giovanni - schwarz, und die zwischen den Welten
kämpfenden Figuren - Donna Elvira und Leporello - tragen
kräftige Farben. Nur zwischendurch tragen auch Donna Anna und
Donna Elvira Schwarz. Der Komtur fällt wegen seiner geringen
dramaturgischen Bedeutung aus dieser Bewertung heraus. Die Handlung der Oper wollen wir hier nicht noch einmal zusammenfassen und verweisen in dieser Hinsicht auf unsere Rezension der Darmstädter Inszenierung von 2003. Die Interpretation bedarf jedoch einiger kritischer Anmerkungen. In der Frankfurter Inszenierung von Peter Mussbach büßen die Figuren ihre ambivalenten, die eigentliche Handlung übersteigenden Charaktere ein. Johannes Martin Kränzles Don Giovanni ist in erster Linie ein Schwerenöter, der sich um moralische Bedenken nicht kümmert. Kränzle macht das durchaus gut und glaubwürdig, aber dennoch bleibt er stets ein dem Leben zugewandter Verführer und Genießer. Eine fast schon philosophische Negation der menschlichen Gesellschaft ist ihm fremd, und der Genuss als zynische - oder verzweifelte! - Flucht vor der Vergänglichkeit kommt bei ihm nicht zum Ausdruck. Bei allem Temperament und allem Witz, den Kränzle durchaus ins seine Rolle legt, geht dabei jedoch ein wesentlicher Wesenszug dieser Figur verloren. Erst in der Schlussszene ahnt man etwas von der Unbedingheit dieses Charakters. Gravierender ist jedoch das darstellerische Manko von Karen Ferguson bei der Interpretation der Donna Anna. Von der erotischen und moralischen Doppelbödigkeit dieser Rolle ist bei ihr nichts zu spüren, ja selbst die Trauer und die Wut über den Mord an ihrem Vater kommen eher wie der Ärger über ein verlorenes Schmuckstück zum Ausdruck. Erotische Faszination und Verunsicherung sowie die entsprechenden Gewissensbisse spielen bei ihr keine Rolle. Ihre Donna Anna ist eher eine erboste Geschäftsführerin einer betrogenen Firma. Maria Bengtsson verleiht der Donna Elvira dagegen wesentlich mehr Glaubwüdigkeit, wenn auch die Wut ihrer Elvira ein wenig zu vordergründig und auf baldige Versöhnung ausgerichtet erscheint. Dennoch füllt sie die Rolle mit viel Leben aus. Der Don Ottavio von Jussi Myllys ist kein selbstzufriedener, von sich selbst und der Richtigkeit des Lebens überzeugter Konformist, sondern ein eifriger und beflissener junger Mann, der alles richtig machen möchte. Von Selbstgerechtigkeit und hohler Fassade ist bei ihm nichts zu spüren. Zwar kann man die Rolle durchaus so anlegen, aber man kann ihr auch deutlich mehr Kontur ins Satirisch-Lächerliche verleihen. Juanita Lascarro, die schon in der Cosi überzeugte, spielt die Zerlina dagegen wie aus einem Guss, was angesichts der klaren Rollenstruktur auch einfacher ist. Ähnliches gilt für Sungkon Kim (Masetto) und Andreas Macco (Komtur).
Die
dankbarste Rolle hat Florian Plock mit dem
Leporello, und er
füllt diese auch mit viel Spielfreude und einer überzeugenden
Leistung aus. Sein Leporello ist immer in Bewegung, kommentiert jede
Handlung seines Herrn sarkastisch oder verzweifelt und lässt
seinem Unmut über den Lebenswandel Don Giovannis freien Lauf.
Allerdings fehlt Florian Plock die subalterne Statur und der devote
Aspekt, der diese - zeitweise ebenfalls ambivalente - Figur durchaus
auszeichnet.
Leporello durchschaut seinen Herrn durchaus, kann sich jedoch aus der
Rolle des folgsamen Bediensteten trotz einiger zaghafter Versuche nicht
lösen. Florian Plock jedoch macht schon rein äußerlich
eher einen selbstsicheren und mehr als nur gewitzten Eindruck. Dieser
Leporello ist seinem Herrn eigentlich in jeder Hinsicht überlegen,
und seine Erscheinung sollte die Frauenherzen mehr in Wallung versetzen
als der bereits etwas verlebte Don Giovanni. Doch was Plock an
Unterwürfigem äußerlich nicht bieten kann, gleicht er
durch sein Spiel wieder aus. Sängerisch
sind alle Darsteller, wie in der Oper Frankfurt nicht anders zu
erwarten, voll auf der Höhe der Anforderungen. Kränzle und
Plock beherrschen stimmlich nicht nur ihren Part sondern auch die
Bühne, vor allem in ihren vielen gemeinsamen Auftritten.
Karen Fergusons Sopran zeichnet sich durch Klarheit und viel Volumen
aus, was vor allem den dramatischen Passagen der Donna Anna zugute
kommt. Maria Bengtsson - Donna Elvira - zeigt in ihren von Wut und
Empörung
gezeichneten Arien ein hohes Maß an Standkraft und stimmlicher
Ausstrahlung und ist den beiden männlichen Protagonisten ein
echter Widerpart. Juanita Lascarro überzeugt als Zerlina vor
allem mit der Geschmeidigkeit ihrer Stimme, während Jussi Myllys
zeitweise auch stimmlich etwas zu statisch wirkt. Das
Orchester konnte sich der Tendenz auf der Bühnen nicht ganz
entziehen und ließ streckenweise die Inspiration und die
zwingende Zuspitzung vermissen. Das führte dazu, dass in diesen
Passagen nicht einmal die Musik Mozarts das Feuer entfachen
konnte, das in ihr steckt. In dramatischen Momenten kam dann jedoch
wieder die Qualität des Orchesters deutlich zum Ausdruck, und
besonders im Schlussakt machte das Ensemble wieder einiges gut, was man
zwischendurch vermisst hatte. In der "Arabella"
und der "Cosi fan tutte" haben
wir dieses Orchester jedenfalls lebendiger und differenzierter erlebt. Die
"fehlende Mitte" dieser Aufführung ist vielleicht auch auf den
hohen Gästeanteil zurückzuführen. Schließlich
kommen mit Maria Bengtsson, Karen Ferguson und Jussi Myllys drei
wichtige Darsteller von außen und sind nicht fest in das Ensemble
integriert. Das kann natürlich besonders bei einer späteren
Wiederaufnahme einer Inszenierung zu einem "Repertoire-Effekt"
führen, der die Sänger ihre Rolle bis zu einem gewissen Grad
mehr absingen als interpretieren lässt. Auf jeden Fall hätte
diese Oper auch in der Wiederaufnahme mehr gestalterische Kraft und den
spürbaren Willen zu einer dramaturgischen Aussage verdient. Das
Publikum verabschiedete das Ensemble mit freundlichem Beifall, der sich
vor allem bei Florian Plock, aber auch bei Johannes Kränzle
deutlich verdichtete. Die nächsten Vorstellungen finden am
19., 25. und 29. März statt. |
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