Eindimensionalität und wenig Tiefenschärfe



Andere Inszenierungen dieser Oper:

Darmstadt


Andere Inszenierungen dieses Ensembles:

Arabella

Cosi fan tutte

























































































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Wiederaufnahme von Mozarts "Don Giovanni" in der Oper Frankfurt

 

Wolfgang Amadeus Mozarts "Don Giovanni" gilt als eine der facettenreichsten Opern seiner Zeit, mit einer psychologischen Anlage der einzenen Personen und einer fast philosophisch zu nennenden Aussage, die seine anderen Opern nicht in gleichem Maße auszeichnet. Die zukunftsweisende, für die damalige Zeit mutige Verbindung der "opera buffa" mit der "opera seria" setzte neue Maßstäbe, schaffte Mozart jedoch beim zeitgenössischen Publikum nicht nur Freunde. Auf der anderen Seite hat gerade diese Oper ihre Spuren selbst im philosophischen Schrifttum hinterlassen. So geht Sören Kierkegaard in "Entweder - Oder" tiefschürfend auf die geradezu archetypischen Figuren des Don Giovanni und der Donna Elvira ein und legt ihre psychologischen Strukturen offen.

Karen Fergurson (Donna Anna), Aris Argiris (Don Giovanni), im Hintergrund Florian Plock (Leporello)Karen Ferguson (Donna Anna), Aris Argiris (Don Giovanni), im Hintergrund Florian Plock (Leporello)

Die zentralen Figuren in dieser Oper sind doppelbödig angelegt und beziehen gerade aus dieser Ambivalenz ihren besonderen Reiz und ihr Schwergewicht innerhalb der Handlung. Don Giovanni ist eben nicht nur der ewige Verführer sondern gleichzeitig der Rebell gegen jegliche Moral und Autorität, das wandelnde Prinzip eines uneingeschränkten persönlichen Freiheitsbegriffs, der zwangsläufig erst zum Schaden der Anderen dann zum eigenen Untergang führen muss. Denn keine Gesellschaft, wie auch immer sie konstruiert sein mag, kann sich diesen schrankenlosen Libertin leisten. Don Giovannis Verachtung für moralische Gesetze geht auch weit über das Erotische hinaus, die Oper führt sein Weltverständnis nur an diesem spektakulären Aspekt vor. Er ironisiert und relativiert die gesamte Welt, was sich in seinem furchtlosen Finalauftritt zeigt. Darüber hinaus beinhaltet Don Giovanni jedoch auch eine gewisse prometheische Komponente, indem er als Mensch - und nicht nur als Mann - gegen die Welt und selbst den Tod rebelliert. Seine Tragik liegt darin, dass er die Vergänglichkeit nicht besiegen kann, seine Größe darin, dass er es zum Preise des eigenen Lebens dennoch versucht. Don Giovanni ist also nicht nur die abgrundtief böse Figur des untreuen Verführers sondern auch der ewig seine Grenzen zu überschreiten versuchende Mensch. Donna Anna dagegen bezieht ihre Ambivalenz einerseits aus ihrer strengen moralischen Weltanschauung eines erzkatholischen Kulturkreises, andererseit aus der erotischen Ausstrahlung Don Giovannis, der gerade diese Welt mit einer einzigen großen Geste der Verachtung negiert. Es ist jedoch nicht nur die erotische Attraktion sondern vielmehr der existenzielle Mut dieses alle Konventionen sprengenden Verführers, der sie fasziniert. Einerseits geprägt von den Wertvorstellungen ihres Vaters und dessen patriarchalischer Welt und einem gleichmäßigen, wohl geordneten Leben an der Seite des Langeweilers Don Ottavio entgegensehend, kann sie sich andererseits der Faszination eines völlig anderen Lebensentwurfs nicht entziehen. Dass Don Giovanni auch sie verlassen würde, ließe sie sich tatsächlich mit ihm ein, will sie nicht sehen, und so schützt sie sich mit ihren Rachegelüsten gegen die gefährlichen Emotionen. Don Ottavio wiederum stellt den selbstzufriedenen Spießer ohne jegliche Leidenschaft oder intellektuelles Aufbegehren statt. Er kam wahrscheinlich schon als Frührentner zur Welt und begreift diese als eng begrenzten Lebensraum mit festgefügten, ewigen Gesetzen. Die Musikwissenschaftler weisen diesen biederen Charakter sogar in seinen "schönen", weil undramatischen Arien nach.

Die übrigen Charaktere dieser Oper - Donna Elvira, Leporello, Zerlina und Masetto - sind eher eindeutig strukturiert und stellen einen bestimmten Typus dar, was nicht bedeutet, dass sie im Rahmen der Oper zweitrangig sind. Doch Ambivalenz gehört nicht zu ihren herausragenden Eigenschaften. Donna Elvira ist die betrogene Ehefrau, die ihren untreuen Ehemann zugleich liebt und hasst, Leporello empfindet Don Giovanni gegenüber ähnliche Gefühle, wenn auch mehr aus der Sicht des Bediensteten, und Zerlina ist das einfache Mädchen vom Lande, das jede Gelegenheit zum Aufstieg nutzen möchte, sich aber notfalls auch pragmatisch und unter Einsatz all ihrer Möglichkeiten mit dem Nächstliegenden zufrieden gibt. Masetto und der Komtur stellen nur ergänzende Randfiguren mit bestimmten dramaturgischen Funktionen dar.

Juanita Lascarro (Zerlina), Sungkon Kim (Masetto)Juanita Lascarro (Zerlina), Sungkon Kim (Masetto)

Peter Mussbach siedelt sein Stück in einer weitgehend leeren Bühnenwelt an. Im schwarzen Viereck der Bühne markiert eine kleine, schräg über den Orchestergraben ragende blaue Rampe das Spielfeld. Auf diesen wenigen Quadratmetern spielt sich  das menschliche Drama ab, hier stoßen alle aufeinander. Helle Streifen und eine dreieckige Fortsetzung des blauen Feldes im Bühnenrückraum suggerieren eine schnurgerade verlaufende und sich in der Ferne verlierende Straße. Was der Regisseur damit genau aussagen will, erschließt sich dem Zuschauer nicht auf Anhieb, doch die angedeutete Straße weckt auf jeden Fall verschiedene Assoziationen, z. B. die an einen ewig Reisenden, nicht Sesshaften. Ob das allerdings Don Giovannis eigentliches Wesen ist, darf man bezweifeln. Pünktlich zum Duett Don Giovanni - Zerlina ("Là ci darem la mano") erscheint im Hintergrund der stilisierte Turm eines toskanischen Schlosses, der sich im weiteren Verlauf der Handlung zu einem ganzen Dorf ähnlicher Pappattrappen erweitet. Nicht nur spielen die Personen der Handlung in diesem Häusergewirr Verstecken, sondern die Attrappen selbst bewegen sich wie der Wald in Shakespeares "Macbeth". Die Bedeutung dieser sich permanent wandelnden Dorflandschaft wird nicht auf Anhieb klar und lädt zu beliebigen Assoziationen ein.

Die Kostüme verweisen eindeutig in Mozarts Zeit. Don Giovanni trägt Schwarz: enge Hose, Samtweste, hohe  Stiefel und Umhang. Leporello ist in dieser großen Koalition der "Abzocker" sein roter Gegenpart, nur ohne die Stiefel des Adels. Ob die rot-schwarze Konstellation politisch gemeint ist, darf man bezweifeln, sie liegt aber nahe. Donna Anna in weißer, damenhafter Robe, Donna Elvira im repräsentativen Rokokko-Kleid, Zerlina im einfachen Kleid und Masetto in einer Art hellem Soldatenanzug ergänzen das historische Ambiente. Man kann jedoch aus der Kostümen eine untergründige Bewertung herauslesen: die positiven Charaktere - Donna Anna, Zerlina, Masetto - sind hell gekleidet, die negativen - vor allem Don Giovanni - schwarz, und die zwischen den Welten kämpfenden Figuren - Donna Elvira und Leporello - tragen kräftige Farben. Nur zwischendurch tragen auch Donna Anna und Donna Elvira Schwarz. Der Komtur fällt wegen seiner geringen dramaturgischen Bedeutung aus dieser Bewertung heraus. 

Die Handlung der Oper wollen wir hier nicht noch einmal zusammenfassen und verweisen in dieser Hinsicht auf unsere Rezension der Darmstädter Inszenierung von 2003. Die Interpretation bedarf jedoch einiger kritischer Anmerkungen. In der Frankfurter Inszenierung von Peter Mussbach büßen die Figuren ihre ambivalenten, die eigentliche Handlung übersteigenden Charaktere ein. Johannes Martin Kränzles Don Giovanni ist in erster Linie ein Schwerenöter, der sich um moralische Bedenken nicht kümmert. Kränzle macht das durchaus gut und glaubwürdig, aber dennoch bleibt er stets ein dem Leben zugewandter Verführer und Genießer. Eine fast schon philosophische Negation der menschlichen Gesellschaft ist ihm fremd, und der Genuss als zynische - oder verzweifelte! - Flucht vor der Vergänglichkeit kommt bei ihm nicht zum Ausdruck. Bei allem Temperament und allem Witz, den Kränzle durchaus ins seine Rolle legt, geht dabei jedoch ein wesentlicher Wesenszug dieser Figur verloren. Erst in der Schlussszene ahnt man etwas von der Unbedingheit dieses Charakters. Gravierender ist jedoch das darstellerische Manko von Karen Ferguson bei der Interpretation der Donna Anna. Von der erotischen und moralischen Doppelbödigkeit dieser Rolle ist bei ihr nichts zu spüren, ja selbst die Trauer und die Wut über den Mord an ihrem Vater kommen eher wie der Ärger über ein verlorenes Schmuckstück zum Ausdruck. Erotische Faszination und Verunsicherung sowie die entsprechenden Gewissensbisse spielen bei ihr keine Rolle. Ihre Donna Anna ist eher eine erboste Geschäftsführerin einer betrogenen Firma. Maria Bengtsson verleiht der Donna Elvira dagegen wesentlich mehr Glaubwüdigkeit, wenn auch die Wut ihrer Elvira ein wenig zu vordergründig und auf baldige Versöhnung ausgerichtet erscheint. Dennoch füllt sie die Rolle mit viel Leben aus. Der Don Ottavio von Jussi Myllys ist kein selbstzufriedener, von sich selbst und der Richtigkeit des Lebens überzeugter Konformist, sondern ein eifriger und beflissener junger Mann, der alles richtig machen möchte. Von Selbstgerechtigkeit und hohler Fassade ist bei ihm nichts zu spüren. Zwar kann man die Rolle durchaus so anlegen, aber man kann ihr auch deutlich mehr Kontur ins Satirisch-Lächerliche verleihen. Juanita Lascarro, die schon in der Cosi überzeugte, spielt die Zerlina dagegen wie aus einem Guss, was angesichts der klaren Rollenstruktur auch einfacher ist. Ähnliches gilt für Sungkon Kim (Masetto) und Andreas Macco (Komtur).

Aris Argiris (Don Giovanni), liegend Andreas Macco (Il Commendatore)Aris Argiris (Don Giovanni), liegend Andreas Macco (Il Commendatore)

Die dankbarste Rolle hat Florian Plock mit dem Leporello, und er füllt diese auch mit viel Spielfreude und einer überzeugenden Leistung aus. Sein Leporello ist immer in Bewegung, kommentiert jede Handlung seines Herrn sarkastisch oder verzweifelt und lässt seinem Unmut über den Lebenswandel Don Giovannis freien Lauf. Allerdings fehlt Florian Plock die subalterne Statur und der devote Aspekt, der diese - zeitweise ebenfalls ambivalente - Figur durchaus auszeichnet. Leporello durchschaut seinen Herrn durchaus, kann sich jedoch aus der Rolle des folgsamen Bediensteten trotz einiger zaghafter Versuche nicht lösen. Florian Plock jedoch macht schon rein äußerlich eher einen selbstsicheren und mehr als nur gewitzten Eindruck. Dieser Leporello ist seinem Herrn eigentlich in jeder Hinsicht überlegen, und seine Erscheinung sollte die Frauenherzen mehr in Wallung versetzen als der bereits etwas verlebte Don Giovanni. Doch was Plock an Unterwürfigem äußerlich nicht bieten kann, gleicht er durch sein Spiel wieder aus.

Sängerisch sind alle Darsteller, wie in der Oper Frankfurt nicht anders zu erwarten, voll auf der Höhe der Anforderungen. Kränzle und Plock beherrschen stimmlich nicht nur ihren Part sondern auch die Bühne, vor allem in ihren vielen gemeinsamen Auftritten.  Karen Fergusons Sopran zeichnet sich durch Klarheit und viel Volumen aus, was vor allem den dramatischen Passagen der Donna Anna zugute kommt. Maria Bengtsson - Donna Elvira - zeigt in ihren von Wut und Empörung gezeichneten Arien ein hohes Maß an Standkraft und stimmlicher Ausstrahlung und ist den beiden männlichen Protagonisten ein echter Widerpart. Juanita Lascarro überzeugt als Zerlina vor allem mit der Geschmeidigkeit ihrer Stimme, während Jussi Myllys zeitweise auch stimmlich etwas zu statisch wirkt.

Das Orchester konnte sich der Tendenz auf der Bühnen nicht ganz entziehen und ließ streckenweise die Inspiration und die zwingende Zuspitzung vermissen. Das führte dazu, dass in diesen Passagen nicht einmal die Musik Mozarts das Feuer  entfachen konnte, das in ihr steckt. In dramatischen Momenten kam dann jedoch wieder die Qualität des Orchesters deutlich zum Ausdruck, und besonders im Schlussakt machte das Ensemble wieder einiges gut, was man zwischendurch vermisst hatte. In der "Arabella" und der "Cosi fan tutte" haben wir dieses Orchester jedenfalls lebendiger und differenzierter erlebt.

Die "fehlende Mitte" dieser Aufführung ist vielleicht auch auf den hohen Gästeanteil zurückzuführen. Schließlich kommen mit Maria Bengtsson, Karen Ferguson und Jussi Myllys drei wichtige Darsteller von außen und sind nicht fest in das Ensemble integriert. Das kann natürlich besonders bei einer späteren Wiederaufnahme einer Inszenierung zu einem "Repertoire-Effekt" führen, der die Sänger ihre Rolle bis zu einem gewissen Grad mehr absingen als interpretieren lässt. Auf jeden Fall hätte diese Oper auch in der Wiederaufnahme mehr gestalterische Kraft und den spürbaren Willen zu einer dramaturgischen Aussage verdient.

Das Publikum verabschiedete das Ensemble mit freundlichem Beifall, der sich vor allem bei Florian Plock, aber auch bei Johannes Kränzle deutlich verdichtete.

Die nächsten Vorstellungen finden am 19., 25. und 29. März statt.

Frank Raudszus