Das Kreuz mit dem Kreuz































































































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Andrew Lloyd Webbers Musical "Jesus Christ Superstar" im Staatstheater Darmstadt

 

Das Musical hat in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts weitgehend die Rolle der Operette übernommen: unterhaltendes Musiktheater ohne den hohen künstlerischen Anspruch der Oper, aber auch befreit von dem der Operette eigenen Korsett einer ständischen Gesellschaft. Die Verständlichkeit der in erster Linie spannenden Handlung hat Vorrang vor emotionaler Tiefe und kritischer Ausleuchtung gesellschaftlicher und politischer Zustände, und die Unterhaltung ersetzt die moralische Belehrung. Die Musik passt sich insofern an, als sie ihr Material aus der Populärmusik bezieht oder aber - wie in den amerikanischen Musicals der dreißiger und vierziger Jahre - dieser eingängige Melodien zuführt. Auch bei den Liedern gilt dabei die Verständlichkeit des gesungenen Wortes mehr als die Ausdruckstiefe, und die Anpassung an eine schmalbandige Erwartungshaltung führt zu einer deutlichen Eingrenzung der musikalischen Motive und ihrer Verarbeitung. Wer verschiedene Musicals von Webber gehört hat, kennt den eigentümlichen Effekt, dass man mit einem Stück auch alle anderen zu kennen glaubt. Die melodische und harmonische  Gestaltung variiert eine einmal geschaffene - und am Markt bewährte! - Struktur in engem Rahmen, um das Publikum mit dem Erwarteten zu bedienen und vor jeglichen Irritationen zu bewahren. Nun ist Unterhaltung durchaus kein schändliches Anliegen und muss nicht immer mit hohen künstlerischen Ansprüchen einhergehen. Ohne alle gönnerhafte Jovialität muss man ihr einen wesentlichen Stellenwert im kulturellen Betrieb zuerkennen. Ein Problem ergibt sich erst, wenn Stoff und Bearbeitung ein gewisses Maß an Inkommensurabilität überschreiten.

Markus Durst (Petrus), Lucian Krasznec (Simon), Bildmitte: Chris Murray (Jesus), Sigrid Brandstetter (Maria Magdalena)Markus Durst (Petrus), Lucian Krasznec (Simon), Bildmitte: Chris Murray (Jesus), Sigrid Brandstetter (Maria Magdalena) 

Im Fall von "Jesus Christ Superstar" ist dieser Fall gegeben. Die Leidensgeschichte Jesus Christus' - genauer gesagt die letzten sieben Tage - ist zu einer Ikone der christlichen Welt geworden und bildet den tiefernsten und heilsgeschichtlichen Kern der westlichen Religionsgeschichte. Nicht umsonst gilt der Karfreitag bei Katholiken wie bei Protestanten als der höchste und ernsteste Feiertag, an dem man sich Belustigungen aller Art versagt. Musikalisch-theatralisch haben dieses Thema in der Vergangenheit nur die Schöpfer geistlicher Musik, allen voran Johann Sebastian Bach u. a. mit der Matthäus-Massion, bearbeitet; die Opern-Komponisten haben sich aus guten Gründen - und vielleicht auch aus Furcht vor der kirchlichen Zensur - von diesem Thema  ferngehalten. Schließlich galt die Oper schon immer als gehobene Unterhaltung - und Erbauung - für ein weltliches Publikum.

Dieses ungeschriebene Gesetz hat Andrew Lloyd Webber mit der Vertonung der Passionsgeschichte als Musical gebrochen. Konsequent wendete er dabei sein gesamtes Repertoire musikalischer und szenischer Techniken an, um seinem angestammten Publikum auch dieses Thema in gewohnter Form nahezubringen. Nun ist das im Grunde genommen durchaus legitim und weitab einer Blasphemie "per definitionem". Es gibt kein Gesetz, das die Darstellung religiöser Themen mit den Mitteln der Unterhaltungskultur verbietet. So hat Ephraim Kishon ein satirisches Theaterstück über einen von Josef gegen Gott angestrengten Vaterschaftsprozess hinsichtlich der Verantwortung für Jesus geschrieben, das mit viel Witz religiöse Vorstellungen und Glaubensinhalte parodiert. Es gibt jedoch auch Momente, in denen die Darstellung nicht mehr mit ihrem Gegenstand übereinstimmt und Unbehagen verursacht. Doch dazu später.

Chris Murray (Jesus), Oliver Fobe (Judas)Chris Murray (Jesus), Oliver Fobe (Judas) 

In Darmstadt hat Mei Hong Lin, die Leiterin des Tanztheaters, die Inszenierung dieses Musicals übernommen. Das verweist schon darauf, dass Künstler aus einem anderen Kulturkreis sich solchen Themen wesentlich unbefangener nähern können, stellt doch für die gebürtige Chinesin das Christentum eine von mehreren - gleichberechtigten - Religionen und nicht die absolute Wahrheit dar.  Daneben legt Mei Hong Lin natürlich hohen Wert auf eine tänzerische Interpretation der Handlung, was nicht bedeutet, dass sie daraus einen reinen Tanzabend macht. Doch schon die Eingangsszene beherrscht das Tanzensemble, das sich als jüdisches Volk über die weitgehend leere Bühne des großen Hauses ausbreitet und städtisches Leben verkörpert, bis eine Truppe bewaffneter Polizisten - Römer!? - die Menge gewaltsam auseinandertreibt. Später tauchen an zentralen Stellen immer wieder Elemente des Tanztheaters auf,  so etwa, wenn Jesus die Händler aus dem Tempel treibt. Mei Hong Lin lässt in dieser Szene eine ganze Truppe amerikanisierter Klischeefiguren auftreten: Santa Claus schiebt in mehreren rot-weiß gekleideten Kopien Einkaufskörbe mit Stoff-Osterhasen und anderen Konsumartikeln und Spielzeugen in einem Endlos-Korso über die Bühne; dazwischen tanzen junge Frauen in "Bunny"-Kostümen, und auf einem Gerüst im hinteren Teil der Bühnen tanzen weiße Engel mit richtigen Federflügeln.  "X-Mas in New York" lässt grüßen! Später, wenn es um die Verurteilung des festgenommenen Jesus geht, tritt eine ganze Varieté-Gruppe mit einem Showmaster an der Spitze (Oleksandr Prytolyuk) und liefert die Show zum Prozess. Mit diesen und ähnlichen Szenen führt Mei Hong Linh mehr als deutlich den Konsum- und Unterhaltungswahn vor und ad absurdum, dessen integraler Bestandteil unter anderem Muscals sind.

EnsembleEnsemble

Unabhängig von diesen satirisch-entlarvenden Szenen spielt sich die bekannte Handlung der letzten Tage in Jesus' Leben ab. Die Jünger treten durchweg in weißen Anzügen - Farbe der Unschuld - auf, die Hohepriester in langen, schwarzen Gewändern. Letztere bringen ihre Botschaften von dem bereits erwähnten Gerüst, also aus erhobener und erhabener Stellung, unter das Volk, und einer von ihnen peitscht während der Verhandlung von Pontius Pilatus gegen Jesus das Volk zur Forderung nach dessen Kreuzigung ein. Viele Szenen der Leidensgeschichte sind in sich geschlossen und glaubwürdig: die vier Priester auf der Empore treten als Reinkarnation der Heuchelei und Machtbesessenheit auf, und Petrus steht später bei seiner berühmten Verleugnung Christi auf einmal nahezu allein auf der Bühne. Besonders eindrucksvoll gestalten sich die Szenen mit Judas, der langsam zum Abtrünnigen wird, da er befürchtet, Jesus werde sich an Maria Magdalena verlieren und die gemeinsamen Ideale verraten. Seine von inneren Kämpfen geprägte Entwicklung zum Verräter, die anschließenden Gewissensbisse und sein späterer Selbstmord bilden eine in sich geschlossene und überzeugende psychologische Ereigniskette. Auch die Rolle der Maria Magdalena ist weder religiös überhöht noch ins platt Erotische verflacht. Diese Maria liebt Jesus als Mann und Mensch, doch weitere Interpretationen dieser Liebe sind nicht Sache der Inszenierung. Diese bemüht sich erfolgreich darum, die einzelnen Stationen auf keinen Fall in eine unfreiwillige Plattheit oder gar Lächerlichkeit zu rücken, was bei zu vordergründiger Emotionalisierung durchaus geschehen könnte. Schließlich wecken diese Szenen bei allen Besuchern aus dem christlichen Kulturkreis - auch bei Nichtgläubigen! - bestimmte Assoziationen, die sich nicht einfach verdrängen lassen. Da könnte eine zu sentimentale Darstellung leicht zu einem Abgleiten in religiösen Kitsch führen. Wie gesagt, Mei Hong Lins Inszenierung umgeht dieses Problem über weite Strecken erfolgreich und macht aus der Leidensgeschichte einen spannenden Musik-Krimi mit sozialkritischem Hintergrund und starken künstlerischen Momenten.

Sigrid Brandstetter (Maria Magdalena), Chris Murray (Jesus)Sigrid Brandstetter (Maria Magdalena), Chris Murray (Jesus)

Doch am Ende kommt dann - zumindest beim Rezensenten - ein gewisses Unbehagen auf, wenn Christus ans Kreuz gebunden wird und dieses sich vom Bühnenboden in die Senkrechte erhebt. Von roten Neonröhren umrahmt, präsentiert dieses Kreuz einen schreienden und stöhnenden Christus, der die berühmten "letzten Worte" ins Publikum ruft. Diese Szene ist wohl der berührendste und - man nehme dieses Wort als Beschreibung - heiligste Augenblick in der gesamten Leidensgeschichte und von unzähligen  religiösen Malern aller Epochen verewigt worden. Das Unbehagen angesichts dieser Szene betrifft das Medium der Vermittlung, das Musical. Hier zeigt sich die oben erwähnte Inkommensurabilität in unverstellter Form und lässt das Kreuz zum Fragezeichen mutieren. Nicht die Rock-Musik aus dem Orchestergraben, nicht die Darstellung des Vorgangs wecken die Vorbehalte, sondern die Vereinnahmung dieser Geschichte durch ein klassisches Unterhaltungsmedium. Da sind dann die unmittelbar nach dem Schlussapplaus einsetzende Rockmusik und die vor Freude über die durchaus gelungene Premiere tanzenden und rockenden Schauspieler und Tänzer nur noch das "i-Tüpfelchen".

Ungeachtet dessen warten alle Darsteller mit hervorragenden Leistungen auf. Chris Murray spielt einen energischen und leidensfähigen Christus mit durchsetzungsstarker Stimme und hoher Bühnenpräsenz. Sigrid Brandstetter ist eine hingebungsvolle und leidensfähige Maria Magdalena, überzeugt mit einer lyrischen Intonation und hütet sich doch vor falscher Sentimentaität. Oliver Fobe ist ein spannungsgeladener und im Innerster zerrissener Judas Ischariot und füllt mit seiner Stimme ebenfalls mühelos die Bühne. David Pichlmaier spielt den Pontius Pilatus als wendigen Geheimdienstmann mit Sonnenbrille und Ledermantel und wäscht sich zum Schluss ostentativ die Hände in unschuldigem Wasser, Oleksandr Prytolyuk dagegen lässt seinen Herodes als glitzernden Showmaster auftreten. Thomas Mehnert und Jeffrey Treganza spielen die intriganten Hohepriester Kaiphas und Annas mit schneidenden Stimmen und rücksichtslosem Machthunger, Markus Durst schließlich gibt einen zum Schluss verzweifelten Petrus. Darüber hinaus wird das Opern- und Tanzensemble noch in Gestalt weiterer Personen eingebunden, und der Chor verleiht dem Ganzen die raumfüllende Akustik

Im verkleinerten Orchestergraben intoniert eine Band aus Mitgliedern des Sinfonieorchesters die Musik Andrew Lloyd Webbers, die dem Geschehen eine über weite Strecken angemessene und nie platte musikalische Unterstützung angedeihen lässt. Trotz der weiter oben erwähnten grundsätzlichen Bedenken hat man keinen Augenblick das Gefühl, dass die Musik selbst unpassend sei.

Das Premierenpublikum zeigte seine Begeisterung über diese Inszenierung mit lang anhaltendem Beifall und zum Schluss sogar mit stehenden Ovationen.

Weitere Aufführungen finden am 27.3. sowie am 3., 9., 11., 18., 24., und 26. April statt.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller