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Das Kreuz mit dem Kreuz |
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Andrew
Lloyd Webbers Musical "Jesus Christ Superstar" im Staatstheater
Darmstadt |
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Das Musical hat
in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts weitgehend die
Rolle der Operette übernommen: unterhaltendes Musiktheater ohne
den hohen künstlerischen Anspruch der Oper, aber auch befreit von
dem der Operette eigenen Korsett einer ständischen Gesellschaft.
Die Verständlichkeit der in erster Linie spannenden Handlung hat
Vorrang vor emotionaler Tiefe und kritischer Ausleuchtung
gesellschaftlicher und politischer Zustände, und die Unterhaltung
ersetzt die moralische Belehrung. Die Musik passt sich insofern an, als
sie ihr Material aus der Populärmusik bezieht oder aber - wie in
den amerikanischen Musicals der dreißiger und vierziger Jahre -
dieser eingängige Melodien zuführt. Auch bei den Liedern gilt
dabei die Verständlichkeit des gesungenen Wortes mehr als die
Ausdruckstiefe, und die Anpassung an eine schmalbandige
Erwartungshaltung führt zu einer deutlichen Eingrenzung der
musikalischen Motive und ihrer Verarbeitung. Wer verschiedene Musicals
von Webber gehört hat, kennt den eigentümlichen Effekt, dass
man mit einem Stück auch alle anderen zu kennen glaubt. Die
melodische und harmonische Gestaltung variiert eine einmal
geschaffene - und am Markt bewährte! - Struktur in engem Rahmen,
um das Publikum mit dem Erwarteten zu bedienen und vor jeglichen
Irritationen zu bewahren. Nun ist Unterhaltung durchaus kein
schändliches Anliegen und muss nicht immer mit hohen
künstlerischen Ansprüchen einhergehen. Ohne alle
gönnerhafte Jovialität muss man ihr einen wesentlichen
Stellenwert im kulturellen Betrieb zuerkennen. Ein Problem ergibt sich
erst, wenn Stoff und Bearbeitung ein gewisses Maß an
Inkommensurabilität überschreiten.
Im
Fall von "Jesus Christ Superstar" ist dieser Fall gegeben. Die
Leidensgeschichte Jesus Christus' - genauer gesagt die letzten sieben
Tage - ist zu einer Ikone der christlichen Welt geworden und bildet den
tiefernsten und heilsgeschichtlichen Kern der westlichen
Religionsgeschichte. Nicht umsonst gilt der Karfreitag bei Katholiken
wie bei Protestanten als der höchste und ernsteste Feiertag, an
dem man sich Belustigungen aller Art versagt. Musikalisch-theatralisch
haben dieses Thema in der Vergangenheit nur die Schöpfer
geistlicher Musik, allen voran Johann Sebastian Bach u. a. mit der
Matthäus-Massion, bearbeitet; die Opern-Komponisten haben sich aus
guten Gründen - und vielleicht auch aus Furcht vor der kirchlichen
Zensur - von diesem Thema ferngehalten. Schließlich galt
die Oper schon immer als gehobene Unterhaltung - und Erbauung -
für ein weltliches Publikum. Dieses
ungeschriebene Gesetz hat Andrew Lloyd Webber mit der Vertonung der
Passionsgeschichte als Musical gebrochen. Konsequent wendete er dabei
sein gesamtes Repertoire musikalischer und szenischer Techniken an, um
seinem angestammten Publikum auch dieses Thema in gewohnter Form
nahezubringen. Nun ist das im Grunde genommen durchaus legitim und
weitab einer Blasphemie "per definitionem". Es gibt kein Gesetz, das
die Darstellung religiöser Themen mit den Mitteln der
Unterhaltungskultur verbietet. So hat Ephraim Kishon ein satirisches
Theaterstück über einen von Josef gegen Gott angestrengten
Vaterschaftsprozess hinsichtlich der Verantwortung für Jesus
geschrieben, das mit viel Witz religiöse Vorstellungen und
Glaubensinhalte parodiert. Es gibt jedoch auch Momente, in denen die
Darstellung nicht mehr mit ihrem Gegenstand übereinstimmt und
Unbehagen verursacht. Doch dazu später.
In
Darmstadt hat Mei Hong Lin, die Leiterin des Tanztheaters, die
Inszenierung dieses Musicals übernommen. Das verweist schon
darauf, dass Künstler aus einem anderen Kulturkreis sich solchen
Themen wesentlich unbefangener nähern können, stellt doch
für die gebürtige Chinesin das Christentum eine von mehreren
- gleichberechtigten - Religionen und nicht die absolute Wahrheit
dar. Daneben legt Mei Hong Lin natürlich hohen Wert auf eine
tänzerische Interpretation der Handlung, was nicht bedeutet, dass
sie daraus einen reinen Tanzabend macht. Doch schon die Eingangsszene
beherrscht das Tanzensemble, das sich als jüdisches Volk über
die weitgehend leere Bühne des großen Hauses ausbreitet und
städtisches Leben verkörpert, bis eine Truppe bewaffneter
Polizisten - Römer!? - die Menge gewaltsam auseinandertreibt.
Später tauchen an zentralen Stellen immer wieder Elemente des
Tanztheaters auf, so etwa, wenn Jesus die Händler aus dem
Tempel treibt. Mei Hong Lin lässt in dieser Szene eine ganze
Truppe amerikanisierter Klischeefiguren auftreten: Santa Claus schiebt
in mehreren rot-weiß gekleideten Kopien Einkaufskörbe mit
Stoff-Osterhasen und anderen Konsumartikeln und Spielzeugen in einem
Endlos-Korso über die Bühne; dazwischen tanzen junge Frauen
in "Bunny"-Kostümen, und auf einem Gerüst im hinteren Teil
der Bühnen tanzen weiße Engel mit richtigen
Federflügeln. "X-Mas in New York" lässt
grüßen! Später, wenn es um die Verurteilung des
festgenommenen Jesus geht, tritt eine ganze Varieté-Gruppe mit
einem Showmaster an der Spitze (Oleksandr Prytolyuk) und liefert die
Show zum Prozess. Mit diesen und ähnlichen Szenen führt Mei
Hong Linh mehr als deutlich den Konsum- und Unterhaltungswahn vor und
ad absurdum, dessen integraler Bestandteil unter anderem Muscals sind.
Unabhängig
von diesen satirisch-entlarvenden Szenen spielt sich die bekannte
Handlung der letzten Tage in Jesus' Leben ab. Die Jünger treten
durchweg in weißen Anzügen - Farbe der Unschuld - auf, die
Hohepriester in langen, schwarzen Gewändern. Letztere bringen ihre
Botschaften von dem bereits erwähnten Gerüst, also aus
erhobener und erhabener Stellung, unter das Volk, und einer von ihnen
peitscht während der Verhandlung von Pontius Pilatus gegen Jesus
das Volk zur Forderung nach dessen Kreuzigung ein. Viele Szenen der
Leidensgeschichte sind in sich geschlossen und glaubwürdig: die
vier Priester auf der Empore treten als Reinkarnation der Heuchelei und
Machtbesessenheit auf, und Petrus steht später bei seiner
berühmten Verleugnung Christi auf einmal nahezu allein auf der
Bühne. Besonders eindrucksvoll gestalten sich die Szenen mit
Judas, der langsam zum Abtrünnigen wird, da er befürchtet,
Jesus werde sich an Maria Magdalena verlieren und die gemeinsamen
Ideale verraten. Seine von inneren Kämpfen geprägte
Entwicklung zum Verräter, die anschließenden Gewissensbisse
und sein späterer Selbstmord bilden eine in sich geschlossene und
überzeugende psychologische Ereigniskette. Auch die Rolle der
Maria Magdalena ist weder religiös überhöht noch ins
platt Erotische verflacht. Diese Maria liebt Jesus als Mann und Mensch,
doch weitere Interpretationen dieser Liebe sind nicht Sache der
Inszenierung. Diese bemüht sich erfolgreich darum, die einzelnen
Stationen auf keinen Fall in eine unfreiwillige Plattheit oder gar
Lächerlichkeit zu rücken, was bei zu vordergründiger
Emotionalisierung durchaus geschehen könnte. Schließlich
wecken diese Szenen bei allen Besuchern aus dem christlichen
Kulturkreis - auch bei Nichtgläubigen! - bestimmte Assoziationen,
die sich nicht einfach verdrängen lassen. Da könnte eine zu
sentimentale Darstellung leicht zu einem Abgleiten in religiösen
Kitsch führen. Wie gesagt, Mei Hong Lins Inszenierung umgeht
dieses Problem über weite Strecken erfolgreich und macht aus der
Leidensgeschichte einen spannenden Musik-Krimi mit sozialkritischem
Hintergrund und starken künstlerischen Momenten.
Doch
am Ende kommt dann - zumindest beim Rezensenten - ein gewisses
Unbehagen auf, wenn Christus ans Kreuz gebunden wird und dieses sich
vom Bühnenboden in die Senkrechte erhebt. Von roten
Neonröhren umrahmt, präsentiert dieses Kreuz einen
schreienden und stöhnenden Christus, der die berühmten
"letzten Worte" ins Publikum ruft. Diese Szene ist wohl der
berührendste und - man nehme dieses Wort als Beschreibung -
heiligste Augenblick in der gesamten Leidensgeschichte und von
unzähligen religiösen Malern aller Epochen verewigt
worden. Das Unbehagen angesichts dieser Szene betrifft das Medium der
Vermittlung, das Musical. Hier zeigt sich die oben erwähnte
Inkommensurabilität in unverstellter Form und lässt das Kreuz
zum Fragezeichen mutieren. Nicht die Rock-Musik aus dem
Orchestergraben, nicht die Darstellung des Vorgangs wecken die
Vorbehalte, sondern die Vereinnahmung dieser Geschichte durch ein
klassisches Unterhaltungsmedium. Da sind dann die unmittelbar nach dem
Schlussapplaus einsetzende Rockmusik und die vor Freude über die
durchaus gelungene Premiere tanzenden und rockenden Schauspieler und
Tänzer nur noch das "i-Tüpfelchen". Ungeachtet
dessen warten alle Darsteller mit hervorragenden Leistungen auf. Chris
Murray spielt einen energischen und leidensfähigen Christus mit
durchsetzungsstarker Stimme und hoher Bühnenpräsenz. Sigrid
Brandstetter ist eine hingebungsvolle und leidensfähige Maria
Magdalena, überzeugt mit einer lyrischen Intonation und hütet
sich doch vor falscher Sentimentaität. Oliver Fobe ist ein
spannungsgeladener und im Innerster zerrissener Judas Ischariot und
füllt mit seiner Stimme ebenfalls mühelos die Bühne.
David Pichlmaier spielt den Pontius Pilatus als wendigen
Geheimdienstmann mit Sonnenbrille und Ledermantel und wäscht sich
zum Schluss ostentativ die Hände in unschuldigem Wasser, Oleksandr
Prytolyuk dagegen lässt seinen Herodes als glitzernden Showmaster
auftreten. Thomas Mehnert und Jeffrey Treganza spielen die intriganten
Hohepriester Kaiphas und Annas mit schneidenden Stimmen und
rücksichtslosem Machthunger, Markus Durst schließlich gibt
einen zum Schluss verzweifelten Petrus. Darüber hinaus wird das
Opern- und Tanzensemble noch in Gestalt weiterer Personen eingebunden,
und der Chor verleiht dem Ganzen die raumfüllende Akustik Im
verkleinerten Orchestergraben intoniert eine Band aus Mitgliedern des
Sinfonieorchesters die Musik Andrew Lloyd Webbers, die dem Geschehen
eine über weite Strecken angemessene und nie platte musikalische
Unterstützung angedeihen lässt. Trotz der weiter oben
erwähnten grundsätzlichen Bedenken hat man keinen Augenblick
das Gefühl, dass die Musik selbst unpassend sei. Das
Premierenpublikum zeigte seine Begeisterung über diese
Inszenierung mit lang anhaltendem Beifall und zum Schluss sogar mit
stehenden Ovationen. Weitere Aufführungen finden am 27.3.
sowie am 3., 9., 11., 18., 24., und 26. April statt. Alle Fotos © Barbara Aumüller |
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