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Die
Bessunger Oper inszeniert Domenico Scarlattis Kammeroper "La Dirindina" |
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Nachfragen nach
der "Bessunger Oper" werden selbst bei Wikipedia kein Ergebnis
zeitigen; schließlich ist Bessungen nur ein Stadtteil
Darmstadts - wenn auch erst spät eingemeindet und immer noch stolz
auf seine ehemalige Eigenständigkeit. Und doch hat sich hier ein
eigenes musikalisches Biotop entwickelt, denn schließlich ist
Joachim Enders nicht nur Dirigent am Staatstheater sondern auch
Bessunger Bürger. Als solcher pflegt er schon seit langem den
engen Kontakt zur Bessunger Kirchengemeinde, für die er unter
anderem den Kirchenchor leitet. Nach verschiedenen originellen und
immer wieder begeistert aufgenommenen musikalischen Veranstaltungen hat
er jetzt zusammen mit dem jungen Opernregisseur Alfonso Romero Mora
("Don Carlos") die musikalische
Kurzgroteske (farsetta per musica)
"La Diridinda" von Domenico Scarlatti im Gemeindehaus der Bessunger
Petrus-Gemeinde inszeniert. Diese Art von "Mini-Oper" wurde in der
Barockzeit gerne als "Pausenfüller" in die extrem langen
ernsthaften Opern eingeschoben, um dem von lauter antiker und
mythischer Tragik deprimierten Publikum seelische Erleichterung zu
verschaffen. Daher waren diese Miniaturen, die selbst sich schon
wieder bis zu einer Stunde ausdehnen konnten, in erster Linie grotesk
und ohne tief schürfende Aussage. Im Laufe der Zeit entwickelte
sich dann daraus die komische Oper und später die Operette.
"La
Dirindina" lebt von eine ziemlich schlichten Geschichte: die junge,
hübsche Dirindina erhält von dem Musiklehrer Don Carissimo -
nomen est omen - Gesangsunterricht. Don Carissimo hat jedoch weniger
das künstlerische Fortkommen der jungen Frau als deren
natürlichen Vorzüge im Auge und erträumt sich im Stillen
eine andere Art von Ausbildung. Doch da kommt ihm der Kastrat Liscione
in die Quere, der Dirindina wegen seines alternativ-extrovertierten
Auftritts - Glitzerhosen, breiter Gürtel, Afro-Kopf - und wegen
seiner wunderschönen Stimme den Kopf verdreht hat. Ohnmächtig
und wütend muss Don Carissimo mit ansehen, wie Liscione Dirindina
nach allen Regeln der Kunst umwirbt und sie für sich gewinnt. Sein
vorsichtiger Hinweis, dass Dirindina langfristig mit einem Kastraten
nicht viel wird anfangen können, stößt bei ihr auf
keine Resonanz, und so muss er die beiden sich selbst überlassen.
Die
jedoch ziehen sich gemeinsam einen Joint rein und träumen bei
psychedelischer Beleuchtung verrückte Träume. Als Don
Carissimo
wieder zu den beiden stößt, bekommt er zufällig einen
Scherz Dirindinas über eine angebliche Schwangerschaft mit und
missdeutet dies als Ergebnis eines entsprechenden Verhältnisses.
Um den Skandal zu vertuschen, traut er die beiden Überraschten und
nimmt sich dabei selbst jede Hoffnung auf das junge Mädchen. Diese
Handlung sollte natürlich schon zur Zeit der Entstehung der
Groteske nur den Anlass für eine ganze Reihe verrückter
Szenen liefern, und Regisseur Mora nutzt diese Steilvorlage weidlich
aus. So lässt er Dirindina durch den Countertenor Gerson Luiz
Sales (in Darmstadt in der Rodelinda, dem Orfeo
und der Incoronazione die Poppea zu
hören) und Liscione durch den Sopranisten Robert Crowe (in
Darmstadt in Gounods Faust)
darstellen. Sales hat seine sowieso nicht geringe Größe mit
Plateauschuhen aufgewertet um den eher kleinen Gamaliel von Tavel als
Don Carissimo noch lächerlicher wirken zu lassen, sich ein
hautenges buntes Kleidchen übergezogen und eine lange blonde
Perücke aufs Haupt gesetzt. Robert Crowe dagegen sieht aus wie ein
wiedergeborener Jimmy Hendrix, nur ohne Gitarre. Gegen diese beiden
Paradiesvögel muss Maliel von Tavel alias Don Carissimo mit einer
eitel
frisierten Haarpracht und einem engen braunen Anzug antreten.
Natürlich hat er - wie es das Drehbuch vorschreibt - keine Chance
und wird von den beiden regelrecht vorgeführt. Doch das
gehört zum Programm des Abends. Zum
Schluss geht die Barock-Oper in ein Rock-Finale über, bei dem die
drei Sänger "Stay Alive" von den Bee Gees in fetziger Manier
vortragen und das Publikum (fast) von den Stühlen reißen.
Die Musiker liefern dazu die entsprechende Musik, die in bester Manier
an die achtziger Jahre erinnert. Neben
dem Dauerbrenner "Mann in Frauenkleidern" bieten vor allem die frechen
Duette zwischen Dirindina und Liscione viel Witz und
Überraschungen, und die beiden Sänger präsentieren diese
Szenen - teilweise mitten im Publikum -mit viel Spielfreude und
Spaß an der Groteske. Diese kommt dabei nicht nur aus den Worten
und Handlungen sondern in mindestens dem gleichen Maß aus den
hervorragenden Stimmen der beiden und der sorgfältigen Dramaturgie
ihrer Duette. Das "Rock-Finale" ergänzt diesen humoristischen
Aspekt auf kongeniale Weise. An diesem Abend gab es für das
Publikum
tatsächlich viel zu lachen, und auch diejenigen Besucher, die
nicht unbedingt regelmäßig Barockopern besuchen, kamen voll
auf ihre Kosten. Die
Musik dazu kam von einem kleinen Ensemble - zwei Violinen, Viola,
Violoncello, Kontrabass - aus dem Orchester des Staatstheaters unter
der Leitung von Joachim Enders am Cembalo. Auch den Musikern bereitete
diese Aufführung offensichtlich viel Spaß, und das Publikum
spendete am Schluss derart begeisterten Beifall, dass das Ensemble
spontan die letzte Szene als Zugabe noch einmal spielte. Man
darf auf die nächste musikalische Aktion von Joachim Enders im
Bessunger Gemeindesaal gespannt sein, wobei natürlich die Hoffnung
der Bessunger mitschwingt, dass die nicht zu lange auf sich warten
lässt. |
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