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Die Bessunger Oper inszeniert Domenico Scarlattis Kammeroper "La Dirindina"

 

Nachfragen nach der "Bessunger Oper" werden selbst bei Wikipedia kein Ergebnis zeitigen; schließlich ist Bessungen nur ein  Stadtteil Darmstadts - wenn auch erst spät eingemeindet und immer noch stolz auf seine ehemalige Eigenständigkeit. Und doch hat sich hier ein eigenes musikalisches Biotop entwickelt, denn schließlich ist Joachim Enders nicht nur Dirigent am Staatstheater sondern auch Bessunger Bürger. Als solcher pflegt er schon seit langem den engen Kontakt zur Bessunger Kirchengemeinde, für die er unter anderem den Kirchenchor leitet. Nach verschiedenen originellen und immer wieder begeistert aufgenommenen musikalischen Veranstaltungen hat er jetzt zusammen mit dem jungen Opernregisseur Alfonso Romero Mora ("Don Carlos") die musikalische Kurzgroteske (farsetta per musica) "La Diridinda" von Domenico Scarlatti im Gemeindehaus der Bessunger Petrus-Gemeinde inszeniert. Diese Art von "Mini-Oper" wurde in der Barockzeit gerne als "Pausenfüller" in die extrem langen ernsthaften Opern eingeschoben, um dem von lauter antiker und mythischer Tragik deprimierten Publikum seelische Erleichterung zu verschaffen. Daher waren diese Miniaturen, die selbst sich schon wieder bis zu einer Stunde ausdehnen konnten, in erster Linie grotesk und ohne tief schürfende Aussage. Im Laufe der Zeit entwickelte sich dann daraus die komische Oper und später die Operette.

v.l.n.r.: Gerson Luiz Sales (Dirindina), Gamliel von Tavel (Don Carissimo) und Robert Crowe (Liscione)v.l.n.r.: Gerson Luiz Sales (Dirindina), Gamliel von Tavel (Don Carissimo) und Robert Crowe (Liscione)

"La Dirindina" lebt von eine ziemlich schlichten Geschichte: die junge, hübsche Dirindina erhält von dem Musiklehrer Don Carissimo - nomen est omen - Gesangsunterricht. Don Carissimo hat jedoch weniger das künstlerische Fortkommen der jungen Frau als deren natürlichen Vorzüge im Auge und erträumt sich im Stillen eine andere Art von Ausbildung. Doch da kommt ihm der Kastrat Liscione in die Quere, der Dirindina wegen seines alternativ-extrovertierten Auftritts - Glitzerhosen, breiter Gürtel, Afro-Kopf - und wegen seiner wunderschönen Stimme den Kopf verdreht hat. Ohnmächtig und wütend muss Don Carissimo mit ansehen, wie Liscione Dirindina nach allen Regeln der Kunst umwirbt und sie für sich gewinnt. Sein vorsichtiger Hinweis, dass Dirindina langfristig mit einem Kastraten nicht viel wird anfangen können, stößt bei ihr auf keine Resonanz, und so muss er die beiden sich selbst überlassen. Die jedoch ziehen sich gemeinsam einen Joint rein und träumen bei psychedelischer Beleuchtung verrückte Träume. Als Don Carissimo wieder zu den beiden stößt, bekommt er zufällig einen Scherz Dirindinas über eine angebliche Schwangerschaft mit und missdeutet dies als Ergebnis eines entsprechenden Verhältnisses. Um den Skandal zu vertuschen, traut er die beiden Überraschten und nimmt sich dabei selbst jede Hoffnung auf das junge Mädchen.

Diese Handlung sollte natürlich schon zur Zeit der Entstehung der Groteske nur den Anlass für eine ganze Reihe verrückter Szenen liefern, und Regisseur Mora nutzt diese Steilvorlage weidlich aus. So lässt er Dirindina durch den Countertenor Gerson Luiz Sales (in Darmstadt in der Rodelinda, dem Orfeo und der Incoronazione die Poppea zu hören) und Liscione durch den Sopranisten Robert Crowe  (in Darmstadt in Gounods Faust) darstellen. Sales hat seine sowieso nicht geringe Größe mit Plateauschuhen aufgewertet um den eher kleinen Gamaliel von Tavel als Don Carissimo noch lächerlicher wirken zu lassen, sich ein hautenges buntes Kleidchen übergezogen und eine lange blonde Perücke aufs Haupt gesetzt. Robert Crowe dagegen sieht aus wie ein wiedergeborener Jimmy Hendrix, nur ohne Gitarre. Gegen diese beiden Paradiesvögel muss Maliel von Tavel alias Don Carissimo mit einer eitel frisierten Haarpracht und einem engen braunen Anzug antreten. Natürlich hat er - wie es das Drehbuch vorschreibt - keine Chance und wird von den beiden regelrecht vorgeführt. Doch das gehört zum Programm des Abends.

Zum Schluss geht die Barock-Oper in ein Rock-Finale über, bei dem die drei Sänger "Stay Alive" von den Bee Gees in fetziger Manier vortragen und das Publikum (fast) von den Stühlen reißen. Die Musiker liefern dazu die entsprechende Musik, die in bester Manier an die achtziger Jahre erinnert.

Neben dem Dauerbrenner "Mann in Frauenkleidern" bieten vor allem die frechen Duette zwischen Dirindina und Liscione viel Witz und Überraschungen, und die beiden Sänger präsentieren diese Szenen - teilweise mitten im Publikum -mit viel Spielfreude und Spaß an der Groteske. Diese kommt dabei nicht nur aus den Worten und Handlungen sondern in mindestens dem gleichen Maß aus den hervorragenden Stimmen der beiden und der sorgfältigen Dramaturgie ihrer Duette. Das "Rock-Finale" ergänzt diesen humoristischen Aspekt auf kongeniale Weise. An diesem Abend gab es für das Publikum tatsächlich viel zu lachen, und auch diejenigen Besucher, die nicht unbedingt regelmäßig Barockopern besuchen, kamen voll auf ihre Kosten.

Die Musik dazu kam von einem kleinen Ensemble - zwei Violinen, Viola, Violoncello, Kontrabass - aus dem Orchester des Staatstheaters unter der Leitung von Joachim Enders am Cembalo. Auch den Musikern bereitete diese Aufführung offensichtlich viel Spaß, und das Publikum spendete am Schluss derart begeisterten Beifall, dass das Ensemble spontan die letzte Szene als Zugabe noch einmal spielte.

Man darf auf die nächste musikalische Aktion von Joachim Enders im Bessunger Gemeindesaal gespannt sein, wobei natürlich die Hoffnung der Bessunger mitschwingt, dass die nicht zu lange auf sich warten lässt.

Frank Raudszus