Präzise Pointen und raffinierte Reime




Andere Inszenierungen der Neuen Bühne:

Tausend und eine Nacht

Arsen und Spitzenhäubchen

Der Sturm

Der Hauptmann von Köpenick



























































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Die "Neue Bühne Darmstadt" inszeniert Molières Komödie "Die Schule der Frauen"

 

Bisweilen verfällt man - vor allem angesichts der heutigen Medienwelt - gerne dem Irrglauben, Jean-Baptiste Molière sei ein Komödiant von gestern und einem modernen Publikum nur noch schwer zu vermitteln. Bis man dann eine gelungene Inszenierung sieht: plötzlich erkennt man in diesem Theaterdichter des 17. Jahrhunderts den zeitlosen Gestalter menschlicher Schwächen und Triebe, und wären da nicht die heute nicht mehr üblichen gereimten Verse, man könnte ihn fast für einen zeitgenössischen Komödienschreiber halten. Die "Neue Bühne Darmstadt", eine seit zwanzig Jahren aktive Alternativ-Bühne, hat sich nun Molières satirische Komödie "Die Schule der Frauen" vorgenommen und führt sie in der gewohnten Manier inmitten der Zuschauer auf.

Schon vor Beginn der Handlung können sich die Zuschauer bei Speis und Trank anhand des Bühnenbildes auf das Stück und seine Zeit einstimmen. Ein Gärtchen mit Zaun und zierlichen Sitzmöbeln füllt die ringsum von Besuchern umrahmte Spielfläche, eine Laternenattrappe spendet statt Licht Ambiente, und die Darsteller servieren als rosa gepuderte Adlige mit Perücke oder als Hausdiener im groben Sackleinen und mit schiefem Maul die Gäste. Wie üblich tragen sie nicht nur die Kostüme sondern auch die Charaktere ihrer Rollen. Für die ersten Lacher ist also gesorgt.

Biance Weidenbusch (Agnès) und Rainer Poser (Arnolphe)Biance Weidenbusch (Agnès) und Rainer Poser (Arnolphe)

Die Geschichte folgt einem für Molières Komödien einfachen Schema: der alternde Arnolphe, eitel bis zum Realitätsverlust, hat sich einen neuen - vornehmer klingenden - Namen zugelegt. Sein weibliches Mündel Agnès, das ihn nur unter seinem neuen Namen kennt, lebt bereits seit Kindertagen von der Welt abgeschottet und wird von einem tumben Hausdiener-Ehepaar bewacht, das jegliche Aufklärung über Welt und Leben von ihm fernhält. Denn Arnolphes Planungen laufen auf eine Heirat mit diesem unschuldigen weil unwissenden Geschöpf hinaus, das ewig auf ihn fixiert sein wird und ihm daher auch nie die in Paris so gefürchteten wie verbreiteten Hörner aufsetzen wird. Die Zuschauer wissen natürlich bereits zu diesem Zeitpunkt, dass sein Plan misslingen wird. Ausgerechnet der junge Horace, Sohn eines Freundes und quasi Patenkind, beichtet Arnolphe seine Liebe zu einem jungen Mädchen, das just in diesem Haus unter der Knute eines alten, eifersüchtigen Bocks lebt, und bittet ihn nicht nur um Diskretion sondern auch um tatkräftige Unterstützung bei der (Be-)Freiung des hübschen Mädchens. Diese Szene der Düpierung ist natürlich für jeden Schauspieler eine wunderbare Gelegenheit, alle mimischen und gestischen Register zu ziehen.  Denn Arnolphe ist viel zu eitel, um seine Identität preiszugeben und sich damit den "alten Bock" anzuziehen. Nun beginnt ein Wettlauf zwischen dem jungen Horace, den Liebe und Triebe alle Risiken eingehen lassen, und Arnolphe, der mit Hilfe seiner Bediensteten Agnès im Haus und Horace von ihr fern zu halten sucht. Arnolphe will die Heirat mit Agnès beschleunigen, und in einer grotesken Szene reden beide glücklich über die bevorstehende Hochzeit, wobei jedoch Arnolphe und Agnès dank einer geschickten Dialoganordnung  - Molière tat's um des Witzes willen - jeweils von einem anderen Bräutigam ausgehen. Zu allem grotesken Unglück berichtet Horace seinem vermeintlichen Freund und Mentor jeden Erfolg gegen die Strategien des "alten Bocks" brühwarm und bittet ihn weiterhin um Hilfe, während Arnolphe nur mit Mühe Wut und Angst verbergen kann. Nach einigem Hin und Her samt Prügel für den verliebten Horace naht schließlich das vermeintlich bittere Ende: Horace soll die Tochter eines entfernten Freundes seines Vaters heiraten, der ausgerechnet Arnolphe um seine Meinung zu dieser arrangierten Ehe bittet. Dem ist die Freude über diese unerwartete Entwicklung mehr als deutlich anzusehen, und er spricht sich mit Verve dafür aus, was Horace sichtlich erschüttert. Als jedoch Agnès hinzukommt, stellt ausgerechnet sie sich - deus ex machina! - als eben diese Tochter heraus. Arnolphe bleibt stocksteif stehen und bricht innerlich zusammen, hat er doch selber der verhassten Ehe zugestimmt.

Rainer Poser (Arnolphe) und Marcel Schüler (Horace)Rainer Poser (Arnolphe) und Marcel Schüler (Horace)

Doch es geht in dieser Komödie nicht nur um die turbulente Dreieckshandlung, vielmehr klagt Molière in erstaunlicher Modernität  die Abhängigkeit und erzwungene Verfügbarkeit der Frauen an. Um diesen offenen Affront gegen die damals weit verbreitete Unsitte der arrangierten Ehen etwas zu mildern, hat er Arnolphe als alten, eitlen Dummkopf dargestellt, um ja keine Ähnlichkeiten zu realen Personen seiner Zeit und seines Umfelds zu riskieren und um jedem eventuell betroffenen Zeitgenossen zu ermöglichen, sich von einem solchen Hanswurst zu distanzieren. Dafür ist er in seinen Versen um so deutlicher und furchtloser. Er lässt seinen Arnolphe das Hohelied der dummen Frau auf satirisch geschärfte Weise singen und findet ein Bonmot nach dem anderen, das die tumbe  Eitelkeit des Arnolphe mehr als deutlich entlarvt. Die deutsche Übersetzung des Textes bedient sich einer aktualisierten Sprache, was den Witz für das heutige Publikum umso schlagender macht. Dennoch hat man auch in dieser neuen Übersetzung die Reime bewahrt und erzielt dadurch einen zusätzlichen Witz, der die ganze Inszenierung in eine Art distanzierter Ironie taucht. Die Alternative gerade in Deutschland wäre eine bitterernste Sozialprosa, in der die skandalöse  Unterdrückung der Frau durch eine patriarchalische Welt thematisiert und so kompromiss- wie humorlos entlarvt würde. Dieser Gefahr hat man sich durch die Beibehaltung des Molièreschen Humors entzogen. Ja, die gereimte Übersetzung verstärkt die humoreske Wirkung sogar noch, denn bei der Lektüre des franzöischen Originaltextes ist man sich nicht mehr sicher, ob Molière sein Stück ursprünglich so witzig gemeint hat, wie es uns heute - besonders in der vorliegenden Übersetzung - erscheint. Gereimte Verse stellten damals den üblichen Vortragstypus dar und entbehrten durchaus des Humors, den heute - vor allem nach Wilhelm Busch - Reime per se in sich tragen. Viele Lacher sind daher schon durch die Reimform bedingt, die wir heute im Schriftgut nicht mehr vorfinden.

Das EnsembleDas Ensemble

Das Ensemble der "Neuen Bühne Darmstadt" stürzte sich geradezu mit Feuereifer und diebischer Freude in diese Reimschlacht. Allen voran präsentiert sich Rainer Poser als ein herrlich egozentrischer und eitler Arnolphe, in wechselnden Perücken mit lächerlicher Haarpracht und rosa Spitzenanzügen. Schon sein Anblick gefährdet das Zwerchfell, und seine Reime fließen mit geradezu öliger Selbstzufriedenheit aus seinem gepuderten Gesicht. Rainer Poser verschmilzt förmlich mit seiner Rolle, und wenn er zwischendurch die Perücke wechselt und darunter seinen normalen Kopf zeigt, dann wundert man sich fast, dass sich in dieser Verkleidung ein normaler Mensch befindet. Auch seine Mimik wirkt nie platt, was bei Molière schnell eintreten kann, sondern stets glaubwürdig und nachvollziehbar. Rainer Poser füllt diese - dankbare - Paraderolle überzeugend und mit viel Spiefreude aus. Neben der Rolle des Arnolphe sind die anderen Personen zwar nicht zu bloßen Stichwortgeben degradiert, aber sie haben doch weniger darstellerische Möglichkeiten und sind auf eingeschränkte dramaturgische Rollen reduziert. Dennoch sind alle mit viel Engagement und auch überzeugenden Leistungen dabei. Vor allem Ralph Dillmann als schiefmäulig-tumber Diener Alain und Heike Berg als dessen resolute und etwas verschlagene Frau Georgette haben ausreichend Gelegenheit, ihr komödiantisches Können auszuspielen. Bianca Weidenbusch gibt eine liebreizende und doch in ihrer scheinbaren Naivität schlaue Agnès, und Marcel Schüler spielt den verliebten Horace mit viel jugendlichem Charme. Axel Raether ist ein seriöser Chrysalde und - in einer Kurzrolle - eine erstaunlich echte alte Frau auf Krücken, Jens Hommel stellt unter anderen den erst schwadronierenden und dann empört von dannen rauschenden Notar dar.

Das Premierenpublikum zeigte sich von dieser neuen Inszenierung der "Neuen Bühne Darmstadt" außerordentlich angetan und bedachte das gesamte Ensemble einschließlich Regisseurin Renate Renken mit lang anhaltendem, begeistertem Beifall.

Frank Raudszus