Die Entdeckung des Verborgenen




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Das Wiesbadener Tanztheater präsentiert in Darmstadt die Doppel-Choreographie "Das Auge der Welt"

 

Nach der beeindruckenden Choreographie über Mensch und Maschine (siehe Link in der linken Spalte) gastierten Stephan Toss und das Wiesbadener Tanztheater mit einer weiteren modernen Produktion im Staatstheater Darmstadt. Der Obertitel "Das Auge der Welt" bezieht sich auf die alt-indische Vorstellung, dass ein geheimes Auge in der linken, dem Herzen näheren Hand die verborgenen Wahrheiten und Welten hinter der Fassade der alltäglichen Realität sehen könne. Mit den beiden Choreographien dieses Abends, "heimsuchen" und "Bolero", versucht Stephan Toss dieser zweiten Wahrnehmungsebene nahezukommen.

In "heimsuchen"  steht eine junge Frau im Mittelpunkt, die ihre Identität sucht. Dabei verschwimmt die faktische Realität - was immer das ist - mit ihren Tagträumen, Wünschen und Sehnsüchten, die alle zusammen ein seelisches Mulitversum bilden.

Eckert, Giudicelli, KomkovaEckert, Giudicelli, Komkova

Bühnentechnisch stellt Stephan Toss diese Vielfalt echter und virtueller Welten durch eine schräg in den Bühnenhintergrund führende schwarze Wand mit einer Reihe von Türen dar, durch die immer wieder die Phantasien und Vorstellungen der Protagonistin in Gestalt der anderen Tänzer in ihre Welt eindringen und sie besetzen. In der Mitte dieser Wand ist ein überdimensionierter Rahmen schwenkbar angebracht, der einen Spiegel symbolisiert. Der Rahmen verkleinert mal die eine - die reale - Welt, mal die andere - die virtuelle. Die anderen Figuren sind einerseits Kopien der jungen Frau, identisch bis in das Muster der Kleides, die andere (Wunsch-)Rollen annehmen oder verschiedene Identitäten und Alternativen ausprobieren. Andere wieder entfernen sich von ihrem  "Muster"  auch durch die Kleidung, wagen sozusagen einen Identitätswechsel. Von diesen deutlich als Abbilder der Protagonistin erkennbaren Figuren setzen sich andere, ganz in Weiß gekleidete und weiß geschminkte Personen ab, die sozusagen von außen in die Welt der jungen Frau eingreifen. Sie spielen dabei weder eine ausgesprochen positive noch negative Rolle, zeigen jedoch durch ihr Aussehen, dass sie nicht unmittelbar zu den multiplen virtuellen Identitäten der Frau gehören. Sie bleiben immer extern und bilden schon dadurch eine unterschwellige Bedrohung. Zu Beginn, wenn sich die junge Frau langsam dem Spiegel nähert und sich in ihm ihrer Identität zu versichern sucht, grimassieren diese weißen Figuren in zwei Balkons am linken und rechten Bühnenrand auf spiegelbildliche Weise ins Publikum, wobei sie Mimiken des Abscheus, der Langeweile, des Ärgers und der Qual zur Schau tragen. Man kann diese Figuren durchaus mit den hässlichen Steinzwergen vergleichen, mit denen so manches Barockschloss in seinen Gärten das Niederträchtige, Gemeine eingefangen und damit domestiziert hat. Diese grimassierenden Gestalten sind Projektionen des Ichs, das in ihnen seine dunklen Emotionen bindet und entsorgt. Man hätte sie auch als schwarze Gesellen darstellen können, doch wäre damit der Kontrast zu der sowieso schon schwarzen Bühne und den gedeckten Kostümen der anderen Darsteller weniger augenfällig gewesen.

Zu dieser Choreographie der mal verzweifelten, mal euphorischen Ich-Suche erklingt Musik von Philip Glass, des Experten für "minimal music". Die sich permanent mit minimalen Änderungen wiederholenden Motive üben einen bedrängenden, bisweilen fast bedrohlichen Eindruck aus und geben die psychischen Kreise, in denen sich die junge Frau orientierungslos dreht, mit hoher Ausdruckskraft wieder. Dabei ist diese Musik von erstaunlicher Tonalität und erinnert vor allem in dem anfänglichen "String Quartet No. 5" fast an Franz Schubert.

Die Truppe des Wiesbadener Tanztheaters tanzt diese Choreographie mit akrobatischer Perfektion, achtet aber trotz vieler extremer Figuren und Bewegungen stets auf Flüssigkeit und sogar eine gewisse Eleganz. Zwar hat Stephan Toss das Bestreben nach tänzerischer Gefälligkeit zugunsten eines Ausdruckstanzes in den Hintergrund gerückt, doch bewahrt er immer noch Distanz zu den Extremen eines Forsythe und legt offensichtlich Wert auf eine gewisse Natürlichkeit der Bewegungen. In dieser Beziehung passen Tanz und Musik perfekt zusammen: beide folgen den modernen Paradigmen, wahren dabei jedoch gewisse Grundgesetze des Ästhetischen.

Die zweite Choreographie - "Bolero" - kommt wesentlich handfester und geradezu humoristisch daher. Fast fühlt man sich an den Klassiker "Dinner for One" erinnert und möchte die Produktion in Anlehnung an diesen "Dinner for Six" nennen.

Geeves, Liebig, Eckert, Huber, Komkova, RyserGeeves, Liebig, Eckert, Huber, Komkova, Ryser    

Zu Beginn sitzt eine ältere Dame im unsäglichen Kostüm im tiefen Sessel, schlürft Tee und strickt im schnellen Rhythmus zur Musik von "Max Raabe und das Palastorchester". Ein Sofa, ein weiterer Tisch mit Stühlen, eine schäbige Zimmertür und ein Schuhregal komplettieren das Bühnenbild. Als es an der Tür klopft, löst die Frau den Riegel und lässt eine verhutzelte Alte herein, die kaum noch gerade gehen kann. Auf Geheiß der Hausherrin muss sie ihre Straßenschuhe gegen Pantoffeln - Ballettschuhe - tauschen und darf sich dann zu Tische setzen, jedoch nicht, bevor sie - nach energischer Ermahnung - ihren Obulus in die Kaffeekasse entrichtet hat. Nach und nach treffen die anderen älteren Damen ein, eine verschreckte Jungfer, die mit aneinander gepressten Beinen starr auf dem Stuhl sitzt, eine graumäusige Frau, die permanent Karten legt, oder ein angejahrter Vamp im auffällig gemusterten Kostüm mit Herrscher-Allüren. Eben diese schaltet energisch das altersschwache Radio mit der Raabe-Musik aus und legt eine Schallplatte auf - den "Bolero" von Maurice Ravel. Diese Musik erweckt die alten Damen plötzlich zum Leben. Im Rhythmus des leise beginnenden Themas essen sie ihren Kuchen - recken die Löffel mit den Tönen hoch und lassen sie mit mit der absteigenden Klangsequenz in den Kuchen fahren. Je mehr die Musik an Expressivität zulegt - wer kennt nicht den "Bolero"? -, desto deutlicher und lebhafter beginnen auch die Damen zu zucken und aus sich herauszugehen. Die Erinnerungen an ein gelebtes Leben kochen in ihnen hoch und beflügeln sie zu extremen Bewegungen, einzeln oder im Duo. Jetzt dürfen die Tänzerinnen zeigen, dass sie durchaus keine rheumatischen alten Frauen sondern durchtrainierte junge Athletinnen sind. Dabei ergeben sich aufgrund des Kontrastes zwischen den Bewegungen und der Altenkleidung einschließlich Perücken groteske Effekte. Das Publikum bedankt sich für diese Auflockerung des Abends mit zahlreichen spontanen Lachern, und den Tänzerinnen sieht man an, welchen Spaß ihnen diese Cooreographie macht. Zum Schluss hin erstrahlt die Bühne in rotem Licht und der Tanz der Alten nimmt ekstatische Züge an, bis sie im letzten großen Schlussakkord alle umfallen - mit pyrotechnischer Begleitung durch einen explodierenden Feuerwerkskörper.

Hatte das Publikum nach dem ersten Teil den hohen künstlerischen Wert und die tänzerische Leistung durch kräftigen Beifall belohnt, so brach jetzt ein spontaner "Lust-Beifall" aus. Die Zuschauer zeigten durch ihren teilweise frenetischen Applaus - leider war das Haus bei weitem nicht ausverkauft -, wie sehr ihnen der Witz und das Tempo dieser Choreographie gefallen hatte. Die Tänzerinnen ließen sich nicht lumpen und bauten Teile ihrer tänzerischen Themen in ihre Verbeugungsrunde ein, damit noch einmal Lacher beim Publikum erntend.

Ehrlich: solche Produktionen würde man im zuweilen doch bierernsten Tanztheater-Betrieb gerne öfter sehen, auch wenn mancher Choreograph darob die Nase rümpfen mag.

Die letzte Vorstellung findet am 12. Mai statt.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Martin Kaufhold