Warten auf Earl Grey




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Die Kammerspiele des Staatstheaters Darmstadt präsentieren Enda Walshs "The New Electric Ballroom"

 

Dieses Stück des irischen Autors lässt Anklänge an Tschechows  "Drei Schwestern" erkennen, denn auch hier geht es um drei vom Leben enttäuschte Schwestern, und wie dort enden die Protagonisten nach dem kurzen Aufflackern einer Hoffnung in der ewig gleichen Frustration. Doch Walsh rückt anstelle der Tschechowschen Melancholie das Groteske der Situation in den Vordergrund. Statt des bildungsbürgerlichen Rahmens von Tschechows Personen herrscht hier das nackte intellektuelle und seelische Prekariat.  Längst haben diese Frauen auf jegliche Strukturen in ihrem Leben verzichtet und verzehren sich in ewiger Rückschau auf eine vermeintlich schöne Jugend.

Margit Schulte-Tigges (Clara), Sonja Mustoff (Breda), hinten: Hans Matthias Fuchs (Patsy)Margit Schulte-Tigges (Clara), Sonja Mustoff (Breda), hinten: Hans Matthias Fuchs (Patsy) 

Breda beklagt in einem immergleichen Monolog das ewige Reden der Menschen, sich selbst durch dieses Dauerreden ad absurdum führend. Regisseurin Romy Schmidt lässt Sonja Mustoff diese Tiraden mit dem Rücken zu Publikum und Mitspielern in den Hintergrund der Bühne sprechen und legt damit die Kommunikationslosigkeit offen. Währenddessen führt ihre Schwester Clara ein Selbstgespräch über ihre Kindheit, in der sie als Liebling ihrer Mutter auf deren Knieen schaukelte. Die Schwestern sprechen so gut wie nicht miteinander, und vereinzelte Worte der einen an die andere verhallen im Raum. Im Zuge der Monologe und missglückten Dialoge schält sich langsam die Geschichte einer vergeblichen Liebe heraus: beide waren vor Jahrzehnten in den beliebten und attraktiven Sänger Roller Royle verliebt, der sie jedoch nicht beachtet hat. In der Erinnerung wird jedoch jeder noch so unbedeutende Kontakt zu Roller zu einer Liebesaffäre, und jede Schwester betont dabei, dass zumindest sie im Gegensatz zur Schwester eine wenn auch kurzfristige Affäre mit Roller gehabt habe. Walsh baut diese Dialoge wie ein Musikstück mit Variationen desselben Themas auf. Während am Anfang Breda über das Reden der Leute klagt und Clara ihre Kindheit verklärt, vertauschen die beiden später die Rollen mit den nahezu identischen Texten. Dieses Verfahren verdeutlicht den Teufelskreis, in dem sich die beiden Frauen verzweifelt und ohne Fluchtmöglichkeit bewegen. Beide vermerken in ihren Rückblicken gleich schmerzlich, dass Roller damals mit der blonden Rivalin - ein Doris-Day-Typ - angebandelt habe.

Neben Breda und Clara gehört noch die wesentlich jüngere Schwester Ada zu dem Frauenhaushalt. Da sie auf keine ähnlich spektakulären erotischen Abenteuer wie ihre älteren Schwestern zurückblicken kann, nehmen diese sie nicht ernst und behandeln sie wie eine Hausangestellte. Breda und Clara sind die Experten der verlorenen Liebe, Ada ist für sie das ewige Küken und Gegenstand mehr oder weniger milder Erziehungsmaßnahmen. Doch zwischen Breda und Clara eskaliert die Situation: die uralte Eifersucht aufgrund derselben Verliebtheit in Roller Royle bricht immer wieder durch. Clara, die geradezu penetrant ihren Backkünste lobt und ständig nach Tee zum selbstgebackenen Kuchen fragt, reizt ihre Schwester so lange, bis diese den Kuchen auf den Boden wirft. Die wiederholt gestellte Frage nach dem erlösenden Tee wird einfach ignoriert - von Breda absichtlich, von Ada aus Angst vor Breda, die in diesem "trio infernale" die Rolle der despotischen Hausherrin spielt und gern einmal ihre Schwestern anschreit, während Clara sich in die Weinerlichkeit flüchtet.

Während ihrer Tiraden über die Vergangenheit ziehen sich die beiden Schwestern in einem ewigen Ritual für den "New Electric Ballroom" um, in dem damals Roller Royle sang und ihnen den Kopf verdrehte. Als hätte sich nichts geändert, machen sich die beiden "schön", um zum Tanzen zu gehen. Doch dieses "Schönmachen" verkehrt die Regisseurin bewusst ins Gegenteil. Anfangs laufen die beiden Schwestern in nachlässiger Unterwäsche herum, um sich dann - zumindest Clara - grellbunte, in jeder Hinsicht unpassende Kleider überzuziehen und Jugend verheißende Perücken aufzusetzen. Dazu schmimken sie sich riesige rote Münder, die das halbe Gesicht einnehmen, so eher Clownsgestalten als Frauen auf Männerfang gleichend. Ada läuft dazu desorientiert und sichtlich gequält von einer Ecke in die andere, versteckt sich unter dem Tisch oder in einer Ecke des Raumes. Offensichtlich leidet sie unter der verfahrenen Situation, da sie als Jüngere noch - wenn auch vage - eine Zukunft für sich erhofft. Doch die beiden Schwestern verwehren ihr jeglichen Freiraum und pochen auf ihre Deutungshoheit über das Leben.

Maika Troscheit (Ada), Hans Matthias Fuchs (Patsy), Margit Schulte-Tigges (Clara), Sonja Mustoff (Brenda)Maika Troscheit (Ada), Hans Matthias Fuchs (Patsy), Margit Schulte-Tigges (Clara), Sonja Mustoff (Breda)

Als Vierter im nicht vorhandenen Bunde erscheint von Zeit zu Zeit der etwas einfältige Fischer Patsy, ob aus reiner Neugier oder aus einem stillen Interesse an Ada, bleibt offen. Die Schwestern lassen ihn nie eintreten und vertreiben ihn sogar buchstäblich, bis eines Tages die Situation zwischen Breda und Clara derart eskaliert, dass Breda ihn hereinbittet und ihm gemeinsam mit Clara zu einem Abbild des immer noch geliebten Roller Royle ausstattet, um ihrem Lebenstraum noch einmal konkrete Züge zu verleihen. Als sich Patsy dann - nun im glitzernden Disco-Anzug - völlig unerwartet als begabter Sänger und Entertainer erweist, ändert sich die Situation schlagartig. Ada sieht ihn plötzlich als attraktiven Mann, und den beiden älteren Schwestern offenbart sich aus einer nebenher geäußerten Bemerkung Patsys eine ungeahnte Wahrheit. Für Ada öffnet sich kurzzeitig ein Ausgang in die reale Welt, doch Patsy hat nicht die Kraft oder den Willen, sie aus dem Sumpf des schwesterlichen Haushalts zu erretten, und flieht. In der nun schweigsamen und plötzlich sehr leeren Wohnung greint Clara wieder nach ihrem Tee, und Breda schickt Ada endlich zum Wassertopf, der bis zum Verlöschen des Lichts dampft. Doch der Tee lässt weiterhin auf sich warten. Nichts hat sich geändert, außer, dass aus zwei enttäuschten Frauen drei geworden sind. Sie werden weiterhin vergeblich auf ihren Tee und ihre Erlösung warten.

Die auf ein Minimum reduzierte Handlung lebt vor allem von den rituellen Monologen und eingefahrenen Mustern der Schwestern, wobei der Schwerpunkt auf der Wiederholung des ewig Gleichen und der Hoffnungslosigkeit eines verfehlten und erstarrten Lebens liegt. Romy Schmidt hat diese bittere Wahrheit in eine Farce verpackt, die das Maskenhafte, das Ritual hervorhebt und die Protagonisten selbst zu Masken erstarren lässt. Die - typisch irische - blumige Sprache mit ihren Versatzstücken des Absurden und Verzweifelten verstärkt den grotesken Eindruck noch und fügt ihm eine tragische Note bei. Die Verlierer im Kampf ums Glück betäuben sich selbst mit der großen verbalen Geste, die für alles stehen muss, was man im Leben verpasst und versäumt hat. Im lauten und leisen Schwadronieren entlastet sich die geschundene Seele von dem Druck einer traurigen Realität, die zu ändern man nicht die Kraft und letztlich auch nicht den Willen hat.

Die Darsteller setzen das Konzept der Groteske überzeugend um. Sonja Mustoff gibt eine aus Enttäuschung aggressiv gewordene Breda, die in der Schwester sich selbst hasst, Margit Schulte-Tigges eine eher weinerliche, an das angebliche Glück der Jugend verzweifelt sich klammernde Clara. Beide übertreffen sich gegenseitig an exaltierter Nabelschau und konsequenter Realitätsverweigerung. Maika Troscheit spielt eine durch und durch verunsicherte und in ihrer Entwicklung konsequent unterdrückte Ada und Hans-Matthias Fuchs verleiht dem Patsy einen einfältigen Optimismus, der ihn von Tag zu Tag durchs Leben stolpern lässt.

Mechthild Seidemann zimmerte dazu ein in seiner kleinbürgerlichen Trostlosigkeit fast schon puristisches Bühnenbild und verpasst den Darstellern die dazu passenden, weil überhaupt nicht passenden Kostüme.

Weitere Vorstellungen am 8. und 23. Mai 

Frank Raudszus