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Die
Kammerspiele des Staatstheaters Darmstadt präsentieren Enda Walshs
"The New Electric Ballroom" |
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Dieses
Stück des irischen Autors lässt Anklänge an
Tschechows "Drei Schwestern" erkennen, denn auch hier geht es um
drei vom Leben enttäuschte Schwestern, und wie dort enden die
Protagonisten nach dem kurzen Aufflackern einer Hoffnung in der ewig
gleichen Frustration. Doch Walsh rückt anstelle der Tschechowschen
Melancholie das Groteske der Situation in den Vordergrund. Statt des
bildungsbürgerlichen Rahmens von Tschechows Personen herrscht hier
das nackte intellektuelle und seelische Prekariat. Längst
haben diese Frauen auf jegliche Strukturen in ihrem Leben verzichtet
und verzehren sich in ewiger Rückschau auf eine vermeintlich
schöne Jugend.
Breda
beklagt in einem immergleichen Monolog das ewige Reden der Menschen,
sich selbst durch dieses Dauerreden ad absurdum führend.
Regisseurin Romy Schmidt lässt Sonja Mustoff diese Tiraden mit dem
Rücken zu Publikum und Mitspielern in den Hintergrund der
Bühne sprechen und legt damit die Kommunikationslosigkeit offen.
Währenddessen führt ihre Schwester Clara ein
Selbstgespräch über ihre Kindheit, in der sie als Liebling
ihrer Mutter auf deren Knieen schaukelte. Die Schwestern sprechen so
gut wie nicht miteinander, und vereinzelte Worte der einen an die
andere verhallen im Raum. Im Zuge der Monologe und missglückten
Dialoge schält sich langsam die Geschichte einer vergeblichen
Liebe heraus: beide waren vor Jahrzehnten in den beliebten und
attraktiven Sänger Roller Royle verliebt, der
sie jedoch nicht beachtet hat. In der Erinnerung wird jedoch jeder noch
so unbedeutende Kontakt zu Roller zu einer Liebesaffäre, und jede
Schwester betont dabei, dass zumindest sie im Gegensatz zur Schwester
eine wenn auch kurzfristige Affäre mit Roller gehabt habe. Walsh
baut diese Dialoge wie ein Musikstück mit Variationen desselben
Themas auf. Während am Anfang Breda über das Reden der Leute
klagt und Clara ihre Kindheit verklärt, vertauschen die beiden
später die Rollen mit den nahezu identischen Texten. Dieses
Verfahren verdeutlicht den Teufelskreis, in dem sich die beiden Frauen
verzweifelt und ohne Fluchtmöglichkeit bewegen. Beide vermerken in
ihren Rückblicken gleich schmerzlich, dass Roller damals mit der
blonden Rivalin - ein Doris-Day-Typ - angebandelt habe. Neben
Breda und Clara gehört noch die wesentlich jüngere Schwester
Ada zu dem Frauenhaushalt. Da sie auf keine ähnlich
spektakulären erotischen Abenteuer wie ihre älteren
Schwestern zurückblicken kann, nehmen diese sie nicht ernst und
behandeln sie wie eine Hausangestellte. Breda und Clara sind die
Experten der verlorenen Liebe, Ada ist für sie das ewige
Küken und Gegenstand mehr oder weniger milder
Erziehungsmaßnahmen. Doch zwischen Breda und Clara eskaliert die
Situation: die uralte Eifersucht aufgrund derselben Verliebtheit in
Roller Royle bricht immer wieder durch. Clara, die geradezu penetrant
ihren Backkünste lobt und ständig nach Tee zum
selbstgebackenen Kuchen fragt, reizt ihre Schwester so lange, bis diese
den Kuchen auf den Boden wirft. Die wiederholt gestellte Frage nach dem
erlösenden Tee wird einfach ignoriert - von Breda absichtlich,
von Ada aus Angst vor Breda, die in diesem "trio infernale" die Rolle
der despotischen Hausherrin spielt und gern einmal ihre Schwestern
anschreit, während Clara sich in die Weinerlichkeit flüchtet.
Während
ihrer Tiraden über die Vergangenheit ziehen sich die beiden
Schwestern in einem ewigen Ritual für den "New Electric Ballroom"
um, in dem damals Roller Royle sang und ihnen den Kopf verdrehte. Als
hätte sich nichts geändert, machen sich die beiden
"schön", um zum Tanzen zu gehen. Doch dieses "Schönmachen"
verkehrt die Regisseurin bewusst ins Gegenteil. Anfangs laufen die
beiden Schwestern in nachlässiger Unterwäsche herum, um sich
dann - zumindest Clara - grellbunte, in jeder Hinsicht unpassende
Kleider überzuziehen und Jugend verheißende Perücken
aufzusetzen. Dazu schmimken sie sich riesige rote Münder, die das
halbe Gesicht einnehmen, so eher Clownsgestalten als Frauen auf
Männerfang gleichend. Ada läuft dazu desorientiert und
sichtlich gequält von einer Ecke in die andere, versteckt sich
unter dem Tisch oder in einer Ecke des Raumes. Offensichtlich leidet
sie unter der verfahrenen Situation, da sie als Jüngere noch -
wenn auch vage - eine Zukunft für sich erhofft. Doch die beiden
Schwestern verwehren ihr jeglichen Freiraum und pochen auf ihre
Deutungshoheit über das Leben.
Als
Vierter im nicht vorhandenen Bunde erscheint von Zeit zu Zeit der etwas
einfältige Fischer Patsy, ob aus reiner Neugier oder aus einem
stillen Interesse an Ada, bleibt offen. Die Schwestern lassen ihn nie
eintreten und vertreiben ihn sogar buchstäblich, bis eines Tages
die Situation zwischen Breda und Clara derart eskaliert, dass Breda
ihn hereinbittet und ihm gemeinsam mit Clara zu einem Abbild des immer
noch geliebten Roller Royle ausstattet, um ihrem Lebenstraum noch einmal
konkrete Züge zu verleihen. Als sich Patsy dann - nun im
glitzernden Disco-Anzug - völlig
unerwartet als begabter Sänger und Entertainer erweist,
ändert sich die Situation schlagartig. Ada sieht ihn
plötzlich als attraktiven Mann, und den beiden älteren
Schwestern offenbart sich aus einer nebenher geäußerten
Bemerkung Patsys eine ungeahnte Wahrheit. Für Ada öffnet
sich kurzzeitig ein Ausgang in die reale Welt, doch Patsy hat nicht
die Kraft oder den Willen, sie aus dem Sumpf des schwesterlichen
Haushalts zu erretten, und flieht. In der nun schweigsamen und
plötzlich sehr leeren Wohnung greint Clara wieder nach ihrem Tee,
und Breda schickt Ada endlich zum Wassertopf, der bis zum
Verlöschen des Lichts dampft. Doch der Tee lässt weiterhin
auf sich warten. Nichts hat sich geändert, außer, dass aus
zwei enttäuschten Frauen drei geworden sind. Sie werden weiterhin
vergeblich auf ihren Tee und ihre Erlösung warten. Die
auf ein Minimum reduzierte Handlung lebt vor allem von den rituellen
Monologen und eingefahrenen Mustern der Schwestern, wobei der
Schwerpunkt auf der Wiederholung des ewig Gleichen und der
Hoffnungslosigkeit eines verfehlten und erstarrten Lebens liegt. Romy
Schmidt hat diese bittere Wahrheit in eine Farce verpackt, die das
Maskenhafte, das Ritual hervorhebt und die Protagonisten selbst zu
Masken erstarren lässt. Die - typisch irische - blumige Sprache
mit ihren Versatzstücken des Absurden und Verzweifelten
verstärkt den grotesken Eindruck noch und fügt ihm eine
tragische Note bei. Die Verlierer im Kampf ums Glück betäuben
sich selbst mit der großen verbalen Geste, die für alles
stehen muss, was man im Leben verpasst und versäumt hat. Im lauten
und leisen Schwadronieren entlastet sich die geschundene Seele von dem
Druck einer traurigen Realität, die zu ändern man nicht die
Kraft und letztlich auch nicht den Willen hat. Die
Darsteller setzen das Konzept der Groteske überzeugend um. Sonja
Mustoff gibt eine aus Enttäuschung aggressiv gewordene Breda, die
in der Schwester sich selbst hasst, Margit Schulte-Tigges eine eher
weinerliche, an das angebliche Glück der Jugend verzweifelt sich
klammernde Clara. Beide übertreffen sich gegenseitig an
exaltierter Nabelschau und konsequenter Realitätsverweigerung.
Maika Troscheit spielt eine durch und durch verunsicherte und in ihrer
Entwicklung konsequent unterdrückte Ada und Hans-Matthias Fuchs
verleiht dem Patsy einen einfältigen Optimismus, der ihn von Tag
zu Tag durchs Leben stolpern lässt. Mechthild Seidemann zimmerte dazu ein in seiner kleinbürgerlichen Trostlosigkeit fast schon puristisches Bühnenbild und verpasst den Darstellern die dazu passenden, weil überhaupt nicht passenden Kostüme. Weitere Vorstellungen am 8. und 23.
Mai Frank Raudszus
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