...,ach, Philosophie und Finanztheorie...




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Uraufführung von Robert Menasses Trauerspiel "Dr. Höchst - ein Faustspiel" im Staatstheater Darmstadt

 

Goethes "Faust" als das deutsche Drama zu bezeichnen ist ein Allgemeinplatz. Faszinierend ist jedoch, dass sich immer wieder die Gemüter aller Beteiligten - Dramaturgen, Regisseure, Schauspieler und Autoren - an diesem Stück erhitzen, und sei es nur, um ihm in einer Inszenierung völlig neue Aspekte zu entlocken. Auch wenn so mancher kulturelle Revolutionär die Klassiker als verstaubt bezeichnet, am "Faust" kommt doch niemand vorbei. Das führte vor einiger Zeit auch zu einem Gespräch der Darmstädter Theaterleitung mit Robert Menasse, in dem die Idee aufkam, den "Faust" einmal nicht nur neu zu inszenieren sondern in einer zeitgenössischen Form neu zu verfassen - natürlich ohne billiges Plagiat. Robert Menasse griff diese Idee begeistert auf und machte sich ans Werk, das nun in Darmstadt seine Urauffühung erlebte.

Andreas Manz (Doktor Hoechst)Andreas Manz (Doktor Hoechst) 

Die oben beschriebene Entstehungsgeschichte der "Neufassung", wie wir diese Abwandlung des uralten Stoffes hier einmal nennen wollen, fand dabei ihren Platz als "Vorspiel in der Theaterkantine", sogar mit dem berühmten Satz "Kennst Du den Faust?". Dieser stammt allerdings aus dem "Prolog im Himmel" und nicht aus dem "Vorspiel auf dem Theater" und meint die Person Faust. Menasse bezieht sich in seinem Vorspiel jedoch - sozusagen auf der zweiten Ebene - auf das Theaterstück. Diese scheinbar triviale Randbemerkung zeigt jedoch eine typische Eigenart von Menasses Faust-Version. Er bezieht sich immer wieder auf Goethes Werk, ohne es jedoch zu plagiieren. Er nimmt sogar einzelne Verse oder Versfragmente - Monolog, Osterspaziergan - auf, dreht sie um, aktualisiert sie oder stellt die Assoziation mit dem jeweiligen Originalvers über Kontext und Versmaß her. Für bildungsbeflissene Goethe- und "Faust"-Liebhaber öffnet sich hier eine wahre Fundgrube von Bezügen und Zitaten, die in aller Tiefe zu ergründen bereits ein eigenes Projekt wäre.

Doch bevor wir in die literarischen Details dieses Stücks gehen, einige Worte zur Handlung. Menasse hat sich nicht damit zufrieden gegeben, die bekannte "Faust"-Handlung nur auf die heutige Zeit zu übertragen, sondern neue Handlungsstränge entwickelt. Doch dabei hält er sich durchaus an bestimmte Strukturelemente der Vorlage. So gibt es auch bei ihm einen "Prolog im Himmel", in dem allerdings zwei Chirurgen und eine OP-Schwester ein neues Wesen schaffen - Homunkulus lässt grüßen -, das jedoch eine seltsame Symbiose aus Faust und Gott darstellt. Hier spielt Menasse mit der Fanal der Aufklärung (und des Marxismus') "Gott ist tot" und lässt eben diesen wieder auferstehen. Darin manifestiert sich Menasses Erkenntnis, dass Gott heute wieder in allen möglichen Ideologien und Fundamentalismen - Islam, Bush-Regierung - für Krieg und imperialistisches Gehabe als Alibi herhalten muss. Und mit diesem kriegerischen Gott lebt auch der alte Faust wieder auf, der die Tat über das Wort stellt und für die Erkenntnis der "Wahrheit" über Leichen zu gehen bereit ist. Der Teufel dagegen ist arbeitslos und überflüssig geworden, da die Menschen mühelos seine Arbeit selbst übernommen haben. Ein Pakt mit ihm ist sinnlos, da er nicht mehr an Erkenntnis herbeischaffen kann als der Mensch selbst.

Karin Klein (Gräten), Tilman Meyn (Raphael), Andreas Manz (Doktor Hoechst)Karin Klein (Gräten), Tilman Meyn (Raphael), Andreas Manz (Doktor Hoechst)

Dr. Höchst ist ein "global player" der modernen Wirtschaft, und während er seinem Hobby, dem Kochen, nachgeht, sinniert er über das Wesen dieser Welt, in der nur die Tat zählt, in der es kein Verweilen im schönen Augenblick geben darf sondern nur ewiges Wachstum. Die Endlichkeit der Welt ist ihm dabei ein Dorn im Auge, und sein Streben besteht darin, diese Endlichkeit zu überwinden. Sein Sohn ist ihm dabei keine Hilfe, hat er doch aus Protest gegen seinen Vater das Studium der Philosophie ergriffen und quält seinen Vater jetzt mit der wechselnden und ambivalenten Bedeutung der Aussage "Am Anfang war das Wort" in den verschiedenen Sprachen - für den Vater eine vollkommen fruchtlose intellektuelle Nabelschau. Vo der geistreichen Diskussion über die unterschiedliche Deutung des fallenden Apfels in den verschiedenen Wissenschaften - Naturwissenschaft, Philosophie und Theologie - gelangt Menasse in Gestalt seines Protagonisten schließlich zur Frau mit ihrem ambivalenten Bezug zum Apfel. In einem spielerischen Exkurs über ihre gescheiterte Ehe übernimmt Dr. Höchsts Frau die Rolle des Gottes - nicht des Mephistopheles! -, der Höchst die Unendlichkeit des Wachstums ermöglichen kann. Da spielt natürlich die Verführung durch das Weib - die Bibel lässt grüßen - eine Rolle; nur die Schlange fehlt.

In der Folge durchquert Dr. Höchst die Welt, wie wir sie kennen, um seine unendlichen Geschäfte zu tätigen. Auf dieser Reise kommt er nacheinander nach Auschwitz, Nagasaki und ins Chile des Generals Pinochet - eine gefährliche Gratwanderung des Autors entlang der Abgründe pathetischer Betroffenheit. Ein falsches Wort, ein falscher Zungenschlag angesichts der aufeinandergeschichteten KZ-Häftlinge in gestreifter Anstaltskleidung - und alles ist hin. Das Gleiche gilt für den atomaren Schrecken von Nagasaki, der schon (zu) oft für wohlfeile Betroffenheit herhalten musste, oder - mit Abstrichen wegen der Unvergleichbarkeit mit Auschwitz und Nagasaki - für den Militärterror in Chile. Doch Menasse gelingen hier eindrucksvolle Szenen, die gerade von ihrer Zurückhaltung leben. Vor allem Auschwitz weckt in vielen Gemütern das Pathos, dessen Verwurzelung in der individuellen Befindlichkeit und dessen affirmativer Grundtenor - Glaube, Liebe, Hoffnung - es die außermoralische Dimension von Auschwitz in jeder Hinsicht verfehlen lassen. Menasse jedoch wählt eher nüchterne, beschreibende denn anklagende Worte und erreicht dadurch eine wesentlich eindringlichere Wirkung. Dr. Höchst jedoch stehen angesichts dieser drei Schreckensorte des 20. Jahrhunderts nur Worthülsen des Nichtwissens und des Nichtbeteiligtseins zur Verfügung. Persönliche Reue aus dem Bewusstsein, Teil der menschlichen Gemeinschaft zu sein, die zu diesen Auswüchsen fähig ist, liegt ihm fern.

Andreas Manz (Doktor Hoechst), Uwe Zerwer (Oberst Manriquez)Andreas Manz (Doktor Hoechst), Uwe Zerwer (Oberst Manriquez)  

Im zweiten Teil folgen dann Exkurse zur Wirtschaftskrise. Eine Beratertruppe zeigt bei einem Kanzlertreff ihre Unfähigkeit zur Bewältigung der Krise und lässt den Kanzler - Schröder lässt grüßen - am Ende nach aberwitzigen Vorschlägen ratlos in der Reichstagskuppel zurück. Der Bezug zu Goethes "Faust II" ist unübersehbar, berät doch auch dort Faust den "Kanzler". Den Vater-Sohn-Konflikt, bei Goethe nie ein Thema, spielt Menasse ebenfalls weiter aus. Bei ihm schwängert der rebellische Sohn das hübsche Mädchen und lässt sie dann sitzen, so dass diese anklagend vor dem Publikum nach einem Vater suchen muss. Kerker und Tod bleiben ihr allerdings erspart - dieses "Gretchen" wird sich als alleinerziehende Mutter durchschlagen. Nun vom Eise der lästigen Vaterpflichten befreit, kann sich der Sohn vom Vater in die Finanztheorie einweisen lassen. Am Bühnenrande erklärt  Dr. Höchst seinem Sprössling das (Un-)Wesen der "faulen Papiere" auf groteske aber aufschlussreiche Art anhand des bekannten Hütchenspiels, bei dem ein immer neueres, größeres Hütchen die Probleme vordergründig verschleiert. Doch am Ende ereilt auch den großen globalen Spieler die Finanzkrise. Hilflos muss er am Telefon die Hiobsbotschaften seiner Finanzexperten entgegennehmen und sinkt mit jeder Schreckensmeldung mehr in sich zusammen. Von der Bühnenseite wird eine Badewanne hereingeschoben, und aus dem Bühnenhintergrund erscheint der Sohn, nackt, von seinen philosophischen Verkleidungen sozusagen befreit, und steigt gemessen in einen eleganten Anzug mit Hemd und Krawatte. Während er sich schweigend neben die Badewanne setzt, färbt sich deren Wasser langsam rot - Assoziationen an Barschel werden wach. Den toten Dr. Höchst in der Badewanne muss man sich jedoch vorstellen. Selbstmord und impliziter Vatermord fallen zusammen, wenn der Sohn dem Freitod des Vaters ungerührt zusieht.

Die Stärke von Menasses Stück liegt zweifellos in der hautnahen Verarbeitung der aktuellen Weltwirtschaftskrise und ihrer Hintergründe, die Schwäche einerseits in der Überfrachtung mit zu vielen Themen - faustischer Größenwahn, Finanzkrise, Generationenkonflikt, "Gretchen"-Thema - und andererseits in der Textlastigkeit des Stückes. Einige Szenen gleichen eher einer Vorlesung über Philosophie oder Finanzwirtschaft denn einem Theaterstück. Auch wenn diese Texte durchaus inhaltliche Schärfe aufweisen, führt ihr detaillierter Vortrag auch bei den besten Darstellern zu Längen. Obendrein wirkt das Stück zeitweise wie eine intellektuelle Nummernrevue durch die Welt der Philosophie, Juristerei, Medizin und leider auch Theologie. Weniger wäre hier wahrscheinlich mehr gewesen. Regisseur Hermann Schein lockert die wortlastige Handlung durch verschiedene, den jeweiligen Handlungskontext satirisch kommentierenden Gesangseinlagen auf, die Menasse ursprünglich für einen antiken Chor getextet hat. Schein wusste offensichtlich um die Wortdichte dieses Stücks und drehte daher die ernsten Lieder ins freche Chanson-Genre. Dennoch wirkt das Stück auf die Zuschauer wie eine dreistündige Vorlesung über die Probleme unser heutigen Welt, in kompakten Sätzen und oftmals bewusst an Goethes Vorlage orientiertem Spachduktus hoch verdichtet und für den Zuschauer nur unter Aufbietung hoher Aufmerksamkeit rezipierbar. Nach dem Schlussvorhang fühlt man sich wie nach einer langen, schweren Examensprüfung.

EnsembleEnsemble

Die Darsteller haben sich diesem Stück mit hohem Engagement verschrieben. An erster Stelle sind gleichrangig Andreas Manz als Dr. Höchst und Tilman Meyn als sein Sohn Raphael - auch wieder eine Assoziation im Umkreis von Gott und Teufel - zu nennen. Andreas Manz zeigt hohe Präsenz und eindrucksvolle darstellerische Vielfalt vom aalglatten Geschäftsmann über den engagierten Visionär zum gebrochenen Verlierer und füllt die Rolle des Dr. Höchst in überzeugender Weise aus. Tilman Meyn verleiht nicht nur dem aufmüpfigen philosophischen Feuerkopf Glaubwürdigkeit, sondern beeindruckt vor allem in seinen wohlabgewogenen, sehr genau auf den jeweiligen Kontext abgestimmten Auftritten in den drei kritischen Szenen von Auschwitz, Nagasaki und Chile. Dabei gelingt es ihm, jegliche falsche weil vordergründige Betroffenheit zu vermeiden und doch den Schrecken der jeweiligen Situation  eindringlich zu verdeutlilchen. Karin Klein tritt wie auch Uwe Zerwer gleich in mehreren Rollen auf. Sie als OP-Schwester im Prolog, als Ehefrau des Dr. Höchst sowie Gott-Ersatz und später noch als kokette Krankenschwester, er als Kanzler, US-General und chilenischer Oberst. Beide füllen ihre Rollen mit professioneller Variabilität aus. Matthias Kleinert spielt den "Frankenstein"-Chemiker Gottlieb, der für Dr. Höchst einen neuen Homunkulus entwickeln soll, mit der lakonischen Kühle des skrupellosen Wissenschaftlers, sowie einige Nebenrollen als Berater und FIFA-Funktionär - auch der Fußball bekommt für seine  Anbiederung beim Pinochet-Regime sein Fett ab -, Harald Schneider tritt in mehreren ähnlichen Rollen auf und schlüpft zeitweise in die Haut von Goethes Wagner. Anne Hoffmann, die bereits im richtigen "Faust" als Gretchen brillierte, darf auch hier wieder - Ironie ist Hermann Schein nicht fremd - die gleiche Rolle unter anderen Vorzeichen spielen, Liljana Elges schließlich glänzt vor allem mit ihren Chanson-Einlagen. Bleibt noch zu hervorzuheben die Rolle des bereits über neunzigjährigen Statisten Max Werner, der hier zum ersten Mal auf der "großen Bühne" eine - wenn auch kleine - Sprechrolle spielt, indem er als ironische Verkörperung von Mephisto mit einem ferngesteuerten Hündchen auftitt, das sich als "running Gag" durch die gesamte Inszenierung zieht und dessen Kern - es ist kein Pudel! - nie zum Vorschein kommt.

Das Publikum wirkte am Ende erschöpft und erschlagen von soviel Philosophie, Finanztheorie und auch ein wenig Theologie und spendete freundlichen Beifall. Robert Menasse mag sich angesichts zu erwartender Kritik mit dem Bändchen "Der unbegabte Goethe" trösten, das zeitgenössische Kritiken von Goethes "Faust" wie diese wiedergibt:

"... Die verflossenen Zeitalter haben nichts vorzuweisen, das in Rücksicht auf anmaßende Erbärmlichkeit mit diesem Prolog zu vergleichen wäre...Der arme Faust spricht ein ganz unverständliches Kauderwelsch, in dem schlechtesten Gereimsel, das je in Quinta von irgend einem Studenten versifiziert worden ist. Mein Präzeptor hätte mir den Steiß vollgehauen, wenn ich so schlechte Verse wie die folgenden gemacht hätte:

Oh sähst Du, voller Mondenschein,
Zum letztenmal(e) auf meine Pein
Den ich so manche Mitternacht
An diesem Pult(e) herangewacht.

Ein Kranker, der in der Fieberhitze phantasiert, schwätzt nicht so albern als unser oder vielmehr der Goethische Faust."

Auf, Beckmesser, ans Werk!

Weitere Vorstellungen finden am 3., 9., 16. und 19. Mai statt.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller