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...,ach, Philosophie und Finanztheorie... |
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Uraufführung
von Robert Menasses Trauerspiel "Dr. Höchst - ein Faustspiel" im
Staatstheater Darmstadt |
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Goethes "Faust"
als das deutsche Drama zu
bezeichnen ist ein Allgemeinplatz.
Faszinierend ist jedoch, dass sich immer wieder die Gemüter aller
Beteiligten - Dramaturgen, Regisseure, Schauspieler und Autoren - an
diesem Stück erhitzen, und sei es nur, um ihm in einer
Inszenierung
völlig neue Aspekte zu entlocken. Auch wenn so mancher kulturelle
Revolutionär die Klassiker als verstaubt bezeichnet, am "Faust"
kommt doch niemand vorbei. Das führte vor einiger Zeit auch zu
einem Gespräch der Darmstädter Theaterleitung mit Robert
Menasse, in dem die Idee aufkam, den "Faust" einmal nicht nur neu zu
inszenieren sondern in einer zeitgenössischen Form neu zu
verfassen - natürlich ohne billiges Plagiat. Robert Menasse griff
diese Idee begeistert auf und machte sich ans Werk, das nun in
Darmstadt seine Urauffühung erlebte.
Die oben beschriebene Entstehungsgeschichte der "Neufassung", wie wir diese Abwandlung des uralten Stoffes hier einmal nennen wollen, fand dabei ihren Platz als "Vorspiel in der Theaterkantine", sogar mit dem berühmten Satz "Kennst Du den Faust?". Dieser stammt allerdings aus dem "Prolog im Himmel" und nicht aus dem "Vorspiel auf dem Theater" und meint die Person Faust. Menasse bezieht sich in seinem Vorspiel jedoch - sozusagen auf der zweiten Ebene - auf das Theaterstück. Diese scheinbar triviale Randbemerkung zeigt jedoch eine typische Eigenart von Menasses Faust-Version. Er bezieht sich immer wieder auf Goethes Werk, ohne es jedoch zu plagiieren. Er nimmt sogar einzelne Verse oder Versfragmente - Monolog, Osterspaziergan - auf, dreht sie um, aktualisiert sie oder stellt die Assoziation mit dem jeweiligen Originalvers über Kontext und Versmaß her. Für bildungsbeflissene Goethe- und "Faust"-Liebhaber öffnet sich hier eine wahre Fundgrube von Bezügen und Zitaten, die in aller Tiefe zu ergründen bereits ein eigenes Projekt wäre. Doch
bevor wir in die literarischen Details dieses Stücks gehen, einige
Worte zur Handlung. Menasse hat sich nicht damit zufrieden gegeben, die
bekannte "Faust"-Handlung nur auf die heutige Zeit zu übertragen,
sondern neue Handlungsstränge entwickelt.
Doch dabei hält er sich durchaus an bestimmte Strukturelemente der
Vorlage. So
gibt es auch bei ihm einen "Prolog im Himmel", in dem allerdings zwei
Chirurgen und eine OP-Schwester ein neues Wesen schaffen - Homunkulus
lässt grüßen -, das jedoch eine seltsame Symbiose aus
Faust und Gott darstellt. Hier spielt Menasse mit der Fanal der
Aufklärung (und des Marxismus') "Gott ist tot" und lässt eben
diesen wieder auferstehen. Darin manifestiert sich Menasses Erkenntnis,
dass
Gott heute wieder in allen möglichen Ideologien und
Fundamentalismen - Islam, Bush-Regierung - für Krieg und
imperialistisches Gehabe als Alibi herhalten muss. Und mit diesem
kriegerischen Gott lebt auch der alte Faust wieder auf, der die Tat
über das Wort stellt und für die Erkenntnis der "Wahrheit"
über Leichen zu gehen bereit ist. Der Teufel dagegen ist
arbeitslos und
überflüssig geworden, da die Menschen mühelos seine
Arbeit selbst übernommen haben. Ein Pakt mit ihm ist sinnlos, da
er nicht mehr an Erkenntnis herbeischaffen kann als der Mensch selbst.
Dr.
Höchst ist ein "global player" der modernen Wirtschaft, und
während er seinem Hobby, dem Kochen, nachgeht, sinniert er
über das Wesen dieser Welt, in der nur die Tat zählt, in der
es kein Verweilen im schönen Augenblick geben darf sondern nur
ewiges Wachstum. Die Endlichkeit der Welt ist ihm dabei ein Dorn im
Auge, und sein Streben besteht darin, diese Endlichkeit zu
überwinden. Sein Sohn ist ihm dabei keine Hilfe, hat er doch aus
Protest gegen seinen Vater das Studium der Philosophie ergriffen und
quält seinen Vater jetzt mit der wechselnden und ambivalenten
Bedeutung der Aussage "Am Anfang war das Wort" in den verschiedenen
Sprachen - für den Vater eine vollkommen fruchtlose intellektuelle
Nabelschau. Vo der geistreichen Diskussion über die
unterschiedliche Deutung des fallenden Apfels in den verschiedenen
Wissenschaften - Naturwissenschaft, Philosophie und Theologie - gelangt
Menasse in Gestalt seines Protagonisten schließlich zur Frau mit
ihrem ambivalenten Bezug zum Apfel. In einem spielerischen Exkurs
über ihre gescheiterte Ehe übernimmt Dr. Höchsts Frau
die Rolle des Gottes - nicht des Mephistopheles! -, der Höchst die
Unendlichkeit des Wachstums ermöglichen kann. Da spielt
natürlich die Verführung durch das Weib - die Bibel
lässt grüßen - eine Rolle; nur die Schlange fehlt. In
der Folge durchquert Dr. Höchst die Welt, wie wir sie kennen, um
seine unendlichen Geschäfte zu tätigen. Auf dieser Reise
kommt er nacheinander nach Auschwitz, Nagasaki und ins Chile des
Generals Pinochet - eine gefährliche Gratwanderung des Autors
entlang der Abgründe pathetischer Betroffenheit. Ein falsches
Wort, ein falscher Zungenschlag angesichts der aufeinandergeschichteten
KZ-Häftlinge in gestreifter Anstaltskleidung - und alles ist hin.
Das Gleiche gilt für den atomaren Schrecken von Nagasaki, der
schon (zu) oft für wohlfeile Betroffenheit herhalten musste, oder
- mit Abstrichen wegen der Unvergleichbarkeit mit Auschwitz und
Nagasaki - für den Militärterror in Chile. Doch Menasse
gelingen hier eindrucksvolle Szenen, die gerade von ihrer
Zurückhaltung leben. Vor allem Auschwitz weckt in vielen
Gemütern das Pathos, dessen Verwurzelung in der individuellen
Befindlichkeit und dessen affirmativer Grundtenor - Glaube, Liebe,
Hoffnung - es die außermoralische Dimension von Auschwitz in
jeder Hinsicht verfehlen lassen. Menasse jedoch wählt eher
nüchterne, beschreibende denn anklagende Worte und erreicht
dadurch eine wesentlich eindringlichere Wirkung. Dr. Höchst jedoch
stehen angesichts dieser drei Schreckensorte des 20. Jahrhunderts nur
Worthülsen des Nichtwissens und des Nichtbeteiligtseins zur
Verfügung. Persönliche Reue aus dem Bewusstsein, Teil der
menschlichen Gemeinschaft zu sein, die zu diesen Auswüchsen
fähig ist, liegt ihm fern.
Im
zweiten Teil folgen dann Exkurse zur Wirtschaftskrise. Eine
Beratertruppe zeigt bei einem Kanzlertreff ihre Unfähigkeit zur
Bewältigung der Krise und lässt den Kanzler - Schröder
lässt grüßen - am Ende nach aberwitzigen
Vorschlägen ratlos in der Reichstagskuppel zurück. Der Bezug
zu Goethes "Faust II" ist unübersehbar, berät doch auch dort
Faust den "Kanzler". Den Vater-Sohn-Konflikt, bei Goethe nie ein Thema,
spielt Menasse ebenfalls weiter aus. Bei ihm schwängert der
rebellische Sohn das hübsche Mädchen und lässt sie dann
sitzen, so dass diese anklagend vor dem Publikum nach einem Vater
suchen muss. Kerker und Tod bleiben ihr allerdings erspart - dieses
"Gretchen" wird sich als alleinerziehende Mutter durchschlagen. Nun vom Eise der
lästigen Vaterpflichten befreit, kann sich der Sohn vom Vater in
die Finanztheorie einweisen lassen. Am Bühnenrande
erklärt Dr. Höchst seinem Sprössling das
(Un-)Wesen der "faulen Papiere" auf groteske aber aufschlussreiche Art
anhand des bekannten Hütchenspiels, bei dem ein immer neueres,
größeres Hütchen die Probleme vordergründig
verschleiert. Doch am Ende ereilt auch den großen globalen
Spieler die Finanzkrise. Hilflos muss er am Telefon die
Hiobsbotschaften seiner Finanzexperten entgegennehmen und sinkt mit
jeder Schreckensmeldung mehr in sich zusammen. Von der Bühnenseite
wird eine Badewanne hereingeschoben, und aus dem Bühnenhintergrund
erscheint der Sohn, nackt, von seinen philosophischen Verkleidungen
sozusagen befreit, und steigt gemessen in einen eleganten Anzug mit
Hemd und Krawatte. Während er sich schweigend neben die Badewanne
setzt, färbt sich deren Wasser langsam rot - Assoziationen an
Barschel werden wach. Den toten Dr. Höchst in der Badewanne muss man sich jedoch
vorstellen. Selbstmord und impliziter Vatermord fallen zusammen, wenn
der Sohn dem Freitod des Vaters ungerührt zusieht. Die
Stärke von Menasses Stück liegt zweifellos in der hautnahen
Verarbeitung der aktuellen Weltwirtschaftskrise und ihrer
Hintergründe, die Schwäche einerseits in der
Überfrachtung mit zu vielen Themen - faustischer
Größenwahn, Finanzkrise, Generationenkonflikt,
"Gretchen"-Thema - und andererseits in der Textlastigkeit des
Stückes. Einige Szenen gleichen eher einer Vorlesung über
Philosophie oder Finanzwirtschaft denn einem Theaterstück. Auch
wenn diese Texte durchaus inhaltliche Schärfe aufweisen,
führt ihr detaillierter Vortrag auch bei den besten Darstellern zu
Längen. Obendrein wirkt das Stück zeitweise wie eine
intellektuelle Nummernrevue durch die Welt der Philosophie, Juristerei,
Medizin und leider auch Theologie. Weniger wäre hier
wahrscheinlich mehr gewesen. Regisseur
Hermann Schein lockert die
wortlastige Handlung durch verschiedene, den jeweiligen
Handlungskontext satirisch kommentierenden Gesangseinlagen auf, die
Menasse ursprünglich für einen antiken Chor getextet hat.
Schein wusste offensichtlich um die Wortdichte dieses Stücks und
drehte daher die ernsten Lieder ins freche Chanson-Genre. Dennoch wirkt
das Stück auf die Zuschauer wie eine dreistündige Vorlesung
über die Probleme unser heutigen Welt, in kompakten Sätzen
und oftmals bewusst an Goethes Vorlage orientiertem Spachduktus hoch
verdichtet und für den Zuschauer nur unter Aufbietung hoher
Aufmerksamkeit rezipierbar. Nach dem Schlussvorhang fühlt man sich
wie nach einer langen, schweren Examensprüfung.
Die
Darsteller haben sich diesem Stück mit hohem Engagement
verschrieben. An erster Stelle sind gleichrangig Andreas Manz als Dr.
Höchst und Tilman Meyn als sein Sohn Raphael - auch wieder eine
Assoziation im Umkreis von Gott und Teufel - zu nennen. Andreas Manz
zeigt hohe Präsenz und eindrucksvolle darstellerische Vielfalt vom
aalglatten Geschäftsmann über den engagierten Visionär
zum gebrochenen Verlierer und füllt die Rolle des Dr. Höchst
in überzeugender Weise aus. Tilman Meyn verleiht nicht nur dem
aufmüpfigen philosophischen Feuerkopf Glaubwürdigkeit,
sondern beeindruckt vor allem in seinen wohlabgewogenen, sehr genau auf
den jeweiligen Kontext abgestimmten Auftritten in den drei kritischen
Szenen von Auschwitz, Nagasaki und Chile. Dabei gelingt es ihm,
jegliche falsche weil vordergründige Betroffenheit zu vermeiden
und doch den Schrecken der jeweiligen Situation eindringlich zu
verdeutlilchen. Karin Klein tritt wie auch Uwe Zerwer gleich in
mehreren Rollen auf. Sie als OP-Schwester im Prolog, als Ehefrau des
Dr. Höchst sowie Gott-Ersatz und später noch als kokette
Krankenschwester, er als Kanzler, US-General und chilenischer Oberst.
Beide füllen ihre Rollen mit professioneller Variabilität
aus. Matthias Kleinert spielt den "Frankenstein"-Chemiker Gottlieb, der
für Dr. Höchst einen neuen Homunkulus entwickeln soll, mit
der lakonischen Kühle des skrupellosen Wissenschaftlers, sowie
einige Nebenrollen als Berater und FIFA-Funktionär - auch der
Fußball bekommt für seine Anbiederung beim
Pinochet-Regime sein Fett ab -, Harald Schneider tritt in mehreren
ähnlichen Rollen auf und schlüpft zeitweise in die Haut von
Goethes Wagner. Anne Hoffmann, die bereits im richtigen "Faust" als Gretchen brillierte, darf auch
hier wieder - Ironie ist Hermann Schein nicht fremd - die gleiche Rolle
unter anderen Vorzeichen spielen, Liljana Elges schließlich
glänzt vor allem mit ihren Chanson-Einlagen. Bleibt noch zu
hervorzuheben die Rolle des bereits über neunzigjährigen
Statisten Max Werner, der hier zum ersten Mal auf der "großen
Bühne" eine - wenn auch kleine - Sprechrolle spielt, indem er als
ironische Verkörperung von Mephisto mit einem ferngesteuerten
Hündchen auftitt, das sich als "running Gag" durch die gesamte
Inszenierung zieht und dessen Kern - es ist kein Pudel! - nie zum
Vorschein kommt. Das
Publikum wirkte am Ende erschöpft und erschlagen von soviel
Philosophie, Finanztheorie und auch ein wenig Theologie und spendete
freundlichen Beifall. Robert Menasse mag sich angesichts zu erwartender
Kritik mit dem Bändchen "Der unbegabte Goethe" trösten, das
zeitgenössische Kritiken von Goethes "Faust" wie diese wiedergibt:
"... Die
verflossenen Zeitalter haben nichts vorzuweisen, das in Rücksicht
auf anmaßende Erbärmlichkeit mit diesem Prolog zu
vergleichen wäre...Der arme Faust spricht ein ganz
unverständliches Kauderwelsch, in dem schlechtesten Gereimsel, das
je in Quinta von irgend einem Studenten versifiziert worden ist. Mein
Präzeptor hätte mir den Steiß vollgehauen, wenn ich so
schlechte Verse wie die folgenden gemacht hätte: Oh sähst Du, voller Mondenschein, Ein Kranker, der
in der Fieberhitze phantasiert, schwätzt nicht so albern als unser
oder vielmehr der Goethische Faust." Auf,
Beckmesser, ans Werk! Weitere Vorstellungen finden am 3., 9.,
16. und 19. Mai statt. Frank
Raudszus Alle Fotos © Barbara Aumüller |
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