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Der Abend der Bläser |
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Das 7.
Sinfoniekonzert des Staatstheaters Darmstadt brachte Werke von Richard
Strauss und Johannes Brahms |
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Das vorletzte Sinfoniekonzert
der laufenden Saison führte noch einmal ins ausgehende 19.
Jahrhundert zurück, mit einem kleinen Schlenker weit ins 20., der
aber eigentlich noch der Tradition verhaftet war. Zwei Werke von
Richard Strauss, "Till Eulenspiegels lustige Streiche" und das
Hornkonzert in Es-Dur, eröffneten das Programm, Johannes Brahms'
1. Sinfonmie in c-moll bildete den Abschluss. Berücksichtigt man
die Tatsache, dass Richard Strauss
(1864-1949) eigentlich nie den Weg in die Moderne - Schönberg,
Webern, Berg - gefunden hat und seinem spätromantischen Stil
weitgehend treu geblieben ist, so kann man das gesamte Konzert durchaus
als einen Streifzug durch die orchestrale Hochromantik verstehen, auch
wenn das Hornkonzert erst 1942 entstanden ist.
Die Sinfonische Dichtung "Till
Eulenspiegels lustige Streiche" ist durchaus als Programmmusik im
literarischen Sinne zu verstehen, vertont sie doch die Abfolge von
Szenen aus Eulenspiegels Leben bis zu seinem frühen Tod. Zwar hat
sich Richard Strauss gegen eine zu direkte Festlegung der musikalischen
Motive gewehrt, vergleicht man jedoch die einzelnen Szenen und die
musikalischen Themen, so erkennt man schon die Parallelen zwischen der
Musik und der Textvorlage. DasWort "lustig" im Titel erweckt jedoch
einen falschen Eindruck, endet doch Till Eulenspiegels Erdendasein
durchaus nicht natürlich, sondern die permanent von ihm an der
Nase herumgeführten Autoritäten machen ihm schließlich
den Prozess und verurteilen ihn zum Tode. Strauss vertont den Gang zum
Galgen eindrucksvoll und düster, ähnlich wie Hector Berlioz
in seiner "Symphonie Fantastique". Drei Trommelwirbel kündigen die
Hinrichtung an, der abschließende Paukenschlag markiert den Tod
durch den Strang. Davor jedoch charakterisiert Strauss das
aufmüpfige und unkonventionelle Wesen des Schalks, der die
Menschen beim Wort nahm und ihnen damit einen Spiegel ihrer
Schwächen vor die Augen hielt. Strauss nutzt dazu veschobene
Taktmetriken, über die der an gleichmäßige Metriken
gewohnte Hörer immer wieder stolpert. Auf- und niederfahrende
Sexten, chromatische Verschiebungen und andere unkonventionelle
Verwendungen der musikalischen Regeln dienen alle dem Zweck, das
impulsive und Widersprüche kompromisslos aufdeckende und
auslebende Wesen dieser Figur musikalisch darzustellen. Daraus ergibt
sich eine außerordentlich abwechlsungsreiche und auf unerwartete
Effekte zugespitzte Musik. Doch was Ende des 19. Jahrhunderts sowohl
harmonisch als auch motivisch ungewohnt schien, gehört heute,
zumal in einem Zeitalter der ungebremsten Populärmusik,
längst zum musikalischen Alltag. Dennoch erweisen sich die
für Richard Strauss typischen hellen Klangbilder immer wieder als
musikalischer Genuss.
Das obligatorische Solokonzert
steuerte dieses Mal ebenfalls Richard Strauss bei. Sein Hornkonzert,
1942 entstanden, hat so gar nichts von der Musik der Jahrhundertmitte,
sondern erscheint musikalisch fast wie eine Fortsetzung des
"Eulenspiegels", jetzt aber auf das klassische Solokonzert ohne
Programmatik umgemünzt. Naturgemäß müssen bei
diesem Solokonzert die anderen (Blech-)Bläser etwas
zurücktreten, um Interferenzen mit dem Solisten zu vermeiden.
Dafür kann sich der Solist, an diesem Abend Stefan Dohr vom
Deutschen Symphonie Orchester Berlin, umso besser in Szene setzen. Das
Konzert beginnt bereits mit einer kurzen Horn-Solo, bevor das
gegenüber dem "Eulenspiegel" verkleinerte Orchester einsetzt. In
der Folge entfaltet sich ein Dialog zwischen dem Horn und dem vor allem
von den Streichern dominierten Orchester, das dem warmem Hornklang
einen voluminösen Orchesterklang entgegensetzt. Die Horn-Partien
bestechen vor allem durch virtuose Figuren, die sich immer wieder vom
Orchester absetzen, um dann wieder von diesem eingeholt zu werden. Der
zweite Satz - Andante - beginnt mit einem langen Orchestervorspiel,
bevor dann das Horn wieder die Führung übernimmt. Das Andante
besticht vor allem durch den warmen Hornklang, dem man diesem
Blechinstrument gar nicht zutraut. Das Rondo des dritten Satzes kommt
dann wieder lebhaft daher und lässt die virtuosen Fähigkeiten
des Solisten noch einmal voll zur Geltung kommen. Stefan Dohr erwies
sich an diesem Abend als Meister seines Instrument und bewältigte
nicht nur die virtuosen Partien mit spielerischer Leichtigkeit, sondern
überzeugte vor allem mit dem geradezu lyrischen Klang seines
Instruments im zweiten Satz. Die tonale, weitgehend traditionelle
Anlage dieses Werks kam ihm bei dieser Wirkung natürlich zugute.
Das Publikum zeigte sich von der Leistung des Solisten derart angetan,
dass er zusammen mit dem Orchester den gesamten dritten Satz noch
einmal als Zugabe spielte, im Konzertbetrieb ein eher seltenes Ereignis. Nach der Pause rundete Johannes
Brahms' 1. Sinfonie das Programm ab. Die weiten, oft melancholischen
und bisweilen schwermütigen Themenbögen dieses Werks wecken
beim Zuhörer das Bild norddeutscher Tiefebenen unter einer dichten
Wolkendecke, obwohl die Sinfonie im Gegensatz zum "Till Eulenspiegel"
keine programmatischen Hinweise enthält. Lukas Meister
bemühte sich jedoch, das Schwere dieser Komposition nicht zu sehr
zu betonen, und entlockte den einzelnen Sätzen durch ein leicht
angezogenes Tempo und eine federnde Spielweise bisweilen sogar einen
leichten, fast tänzerischen Charakter. Wenn man weiß, dass
Brahms diese Sinfonie aus Furcht vor dem Schatten Beethovens erst im
Alter von 43 Jahren veröffentlichte, werden manche Motive
verständlich. Ein gewisser Trotz gegenüber den
Schwierigkeiten des Schaffens mit diesem Vorbild im Nacken lässt
sich in allen Sätzen erkennen. Immer wieder schwingen sich die
Themen zu einem "Jetzt erst recht!" auf und fegen die Zaghaftigkeit zur
Seite. Das heißt jedoch nicht, dass dieses Werk nur
schicksalhaften Protest vor sich herträgt. Das Andante des zweiten
Satzes und das einleitende Adagio des Finalsatzes zeigen auch einen
anderen Brahms, wie man ihn von der Kammermusik kennt: zart und nahezu
lyrisch trotz der breiten Orchestierung. Man kann diese Musik über
weite Strecken durchaus als "schwelgerisch" bezeichnen. Brahms vergisst
dann irgendwann doch seine Angst vor Beethoven und lässt seiner
Musikalität einfach freie Bahn. Lukas Meister spürte diese
Stellen mit viel Einfühlungsvermögen auf und
präsentierte einen aus der Schwermut befreiten Brahms, ohne ihn
deswegen zu verleugnen. Die richtige Balance zwischen einer Werk- und
Komponistentreue sowie der eigenen Interpretation muss jedes Mal neu
gefunden werden, und Lukas Meister gelang dies an diesem Abend auf
bestechende Weise. Das Publikum dankte Dirigent und
Orchester für diesen gelungenen Abend mit lang anhaltendem Beifall
und einigen unüberhörbaren "Bravo"-Rufen. |
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