"In the Morning" - wnn der Rockschütz kommt!




Ähnliche Inszenierungen:





















































































  Ihre Meinung über E-Mail hier
Das Staatstheater Darmstadt präsentiert das Musical "The Black Rider"

 

WWW - heute mal keine vordergründige Alliteration an das weltweite Internet, sondern als Initial-Tripel dreier origineller Musiker und Literaten; Robert Wilson, Tom Waits und William S. Burroughs (ja, ja...). Als nahezu unschlagbares Ensemble haben sich diese drei das Libretto des "Freischütz" vorgenommen und nach allen Regeln der Kunst aus der romantischen Ecke gezerrt, mit vielen Elementen der Beat- und Trash-Generation angereichert und schließlich mit zeitgenössischer Musik versehen. Der alternative Burroughs, ein bedeutender Vertreter der Beat-Generation, dessen Großvater ausgerechnet eine lange Zeit hoch angesehene Computerfirma gleichen Namens gegründet hatte, zeichnete für das Buch verantwortlich, Wilson übernahm Regie und Bühne, und Waits schließlich schrieb die Musik für dieses Musical, das man eher in einem Atemzug mit "The Rocky Horror Picture Show" als mit einem kommerziellen Musical der letzten zwanzig Jahre erwähnt.

Stefan Schuster (Wilhelm), Hubert Schlemmer (Stelzfuß)Stefan Schuster (Wilhelm), Hubert Schlemmer (Stelzfuß)

Die Handlung ist aufgrund der Vorlage bekannt: der Schreiber Wilhelm will Käthchen heiraten; deren Vater verlangt aber, dass sein künftiger Schwiegersohn genauso gut mit der Flinte wie mit der Feder umgehen können soll. In seiner Not schließt Wilhelm einen Pakt mit dem Teufel, dessen Kugeln dem Willen des Schützen folgen - nur die letzte hört auf den Teufel. Als Wilhelm nach erfolgreicher Jagd mit den höllischen Kugeln Verlobung feiern will, trifft die letzte Kugel anstelle der symbolischen Taube der Jungfräulichkeit seine eigene Braut. Wie schon bei Goethes "Faust" geht auch hier der Pakt mit dem Teufel nicht gut aus, und Robert Menasse, dessen Faust-Adaption "Dr. Höchst" gerade den Teufel für tot erklärt hat, würde seine Freude haben an Waits' Behauptung "Es gibt keinen Teufel, nur Gott, wenn er betrunken ist".

In Darmstadt hat Andrej Woron die Regie übernommen, und aus dem Orchestergraben kommt dazu, wie es sich für ein gutes Musical gehört, Live-Musik. Michael Erhard, der musikalische Leiter des Schauspiels, hat die Musik neu orchestriert, da es auf dem Markt keine ausgearbeiteten Partituren mit separater Stimmführung einzelner Instrumente gibt. Neben den üblichen Orchester-Instrumenten wie Klarinette, Horn, Posaune und Schlagzeug reichern Keyboard, Akkordeon, Gitarre und sogar eine "singende Säge" das reichhaltige Klangbild an. Michael Erhard steht selbst an der Stelle, von der sonst die Dirirgenten eine Oper dirigieren, um von dort aus für die richtigen Einsätze und Betonungen zu sorgen.

Doch zurück zur Handlung. Zu Beginn, nach einer richtigen kleinen "Ouvertüre" zeigt sich am Ende einer konisch zulaufenden, dem Inneren einer alten Kamera nicht unähnlichen Bühnenkonstruktion das gesamte Ensemble wie zu einem Fototermin versammelt. Am Ende werden sich alle wieder dort wie zum Abschied versammeln. Der Zuschauer schaut sozusagen durch das sich verengende Ziehharmonika-Objektiv auf die Darsteller, die anschließend zu ihren Rollen ausschwärmen. Ein einsames Schild verweist mit einem angedeuteten Finger deutlich auf "Wilhelm", der sich von seinem Schwiegervater in spe die Bedingungen diktieren lassen muss. Wilhelm versucht sich zwar mit dem Gewehr, aber leider ohne  Erfolg. Käthchens Vater führt ihm genüsslich den von ihm favorisierten Bewerber Georg vor. Tom Wild kommt dazu auf einem überdimensionalen Tisch mit dem Kadaver eines erlegten Hirsches auf die Bühne gerollt und schlürft genüsslich die Innereien des  erlegten Wilds - pardon: Hirsches.

Gerd K. Wölfle (Bertram), Diana Wolf (Käthchen), Stefan Schuster (Wilhelm), Maika Troscheit (Anne), dahinter: Hubert Schlemmer (Stelzfuß)Gerd K. Wölfle (Bertram), Diana Wolf (Käthchen), Stefan Schuster (Wilhelm), Maika Troscheit (Anne), dahinter: Hubert Schlemmer (Stelzfuß)  

Diese Szene zeigt als erste überdeutlich, wo die Reise in dieser Inszenierung hingeht: nicht in Richtung eines unterhaltsamen, netten Musiktheaters à la "My Fair Lady", sondern als deftige Trash-Komödie, die bewusst mit ungeschriebene Thetaer-Konventionen bricht und die Geschichte des unglücklichen Freischütz in eine einzige Groteske verwandelt. Jede im ursprünglichen Libretto todernst oder gar tragisch intendierte Szene wird hier absichtlich in ihr Gegenteil verkehrt und damit eines falschen Tiefsinns entkleidet. Wenn Wilhelm später den "Stelzfuß" - Teufel, Mephisto, Gottseibeiuns - um die  Glückskugeln bittet, spuckt dieser sie einzeln zusammen mit einem grünen Brei aus. Gut, dass es hier keine Geruchsproben wie beim "Dritten Sinn" gibt. Mit den richtigen Kugeln im Lauf seines schneeweißen (Holz-)Gewehres kann Wilhelm nun überall hinzielen - sogar ins Publikum -, nach jedem vom Orchester infernalisch verstärkten Schuss fällt irgendein getroffener Vogel, eine Gans oder gar ein Bär auf die Bühne. Jetzt geht es nicht mehr um die alltägliche Wahrscheinlichkeit der Handlungsstränge - die im "Freischütz" ja auch nicht gegeben ist - sondern die Grundaussage des Paktes mit einer politisch nicht korrekten Gegen- oder Unterwelt wird nun nach allen Regeln der achtziger Jahre ausgeschlachtet. Nach dem Verwehen der revolutionären Stürme der 68er reißt man allen Ideologien die Maske des verkniffenen Ernstes heruntergerissen und ersetzt sie durch das Clownsgesicht. Utopien werden zu Kakophonien der Komik und des Klamauks, dessen vordergründige Plattheit jedoch gerade auf den gefährlichen Weltverbesserungsernst der Ideologen verweist. Jede gesellschaftliche oder politische Ernsthaftigkeit ist auf einmal der gefährlichen Ideologie verdächtig - Robbespierre und die Roten Khmer lassen grüßen - und wird mit dem Geheul der Groteske bestraft. Nach diesen Regeln läuft auch die Inszenierung des "Black Rider" ab. Selbst der Teufel kommt hier nicht als das Böse "an sich" daher, sondern als ein gesellschaftlicher Außenseiter mit einem gesunden Schuss Zynismus, der wahre Jäger - Georg - ist zum rohes Fleisch fressenden Tiertöter degeneriert und der "Schreiberling" Wilhelm lässt sich in seiner Weltfremdheit bereitwillig mit dubiosen Gestalten ein, um den zukünftigen Schwiegervater zufrieden zu stellen.

Konsequenterweise erscheinen auch alle anderen Personen als Karikaturen ihrer selbst. Käthchens Vater Bertram poltert als engstirniger Proll durch die Szene, und seine Frau Anne mit unförmigem Körperbau ringt dazu nur die Hände. Wilhems Onkel erscheint als leicht vertrottelter Schwätzer, das seltsame "Löffelweib" schwebt im durchsichtigen Reifrock als sibyllinische Fee über die Bühne. Zwischendurch wirkt der Wald, in dem sich einerseits Wilhelm und der Stelzfuß alias Teufel treffen und in dem sowohl die Jagd mit falschen und richtigen Kugeln als auch die Wilderei sich abspielen, wie aus Shakespeares "Sommernachtstraum" entlehnt. Übergroße Eulenvögel und menschliche Figuren mit schnabelartigen Extremitäten verzaubern den Wald und belauschen die heimlichen Treffen der Menschen mit der Unterwelt. Hier bricht sich auf geradezu surrealistische Art und ironisch gebrochen der urromantische Zauberglaube an die Macht der reinen Natur ein letztes Mal Bahn. Die Beat-Generation spielt mit sämtlichen kulturellen und historischen Bildern und transformiert sie in die eigene, mal spielerische, mal ironische, mal nur noch groteske Form.

Diana Wolf (Käthchen), Tom Wild (Wilderer)Diana Wolf (Käthchen), Tom Wild (Wilderer)

Regisseur Woron hält diese Form des grotesken Unterlaufens aller eventuell ernst zu nehmenden Aussagen der Textvorlage  bis zum Schluss konsequent durch. Selbst wenn Käthchen am Ende durch die letzte Kugel des Teufels stirbt, frohlockt dieser nicht etwa über seinen Erfolg, sondern vergießt mehr oder minder verschämt deutliche Tränen der - falschen - Rührung. Dass der Teufel selbst Trauer über seinen Erfolg zeigt, ist wohl die ironischste Wendungen des ganzen Stückes. Nicht einmal auf das Böse kann man sich mehr verlassen - damit ist die Welt endgültig aus den Fugen. Diese Absage an alle festen Glaubensbekenntnisse kennzeichnet wohl am besten die achtziger Jahre, als sich die Revolutionen erschöpft hatten und der "real existierende" Sozialismus sich als Auslaufmodell zu erweisen begann. Woron hat diese Zeit mit seiner Inszenierung noch einmal lebendig werden lassen und findet damit auch die Anknüpfung an die heutige Situation. Zwar hat sich der Sozialismus mittlerweile tatsächlich erledigt, aber die Welt ist deshalb nicht verständlicher oder rationaler geworden. Die Groteske erweist sich immer noch als probates Mittel zur Beschreibung des allgemeinen Zustandes. Am Staatstheater Darmstadt passt dieser beginnende Ausklang der Saison nahtlos zu deren Themen - die immer wieder Verführung, Versuchung und den vermeintlich nützlichen Pakt mit fragwürdigen Kräften und Mächten in den Mittelpunkt stellten.

Den Darstellern scheint dieses Stück außerordentlich Spaß zu machen. Hubert Schlemmer ist als "Stelzfuß", Herr der Unterwelt, wieder einmal in seinem Element, vor allem, weil er auch seine gesanglichen Qualitäten zeigen kann. Diana Wolf macht aus dem Käthchen wesentlich mehr als das Mädchen, das nur auf den richtigen Freier wartet, und überzeugt mit viel Temperament und Witz. Stefan Schuster kreiselt als zunehmend von der Wucht der Ereignisse verwirrter Wilhelm über die Bühne und Tom Wild  schlüpft gleich in mehrere ähnliche, den Naturburschen karikierende Rollen. Maike Troscheit und Gerd K. Wölfle spielen die handfest-engstirnigen Eltern Käthchens mit viel Sinn für die lautstarke Biederkeit dieser festgefügten kleinen Welt, Aart Veder gibt mal den leicht dementen Onkel im Strampel, dann wieder eine vor Amtlichkeit schnarrende Herzog-Karikatur. Iris Melamed schwebt im transparenten Reifrock und als Vogel durch die Wälder und die Auen, und Klaus Ziemann schließlich muss sich mit der  mehr oder weniger sprachlosen Rolle des Kuno zufrieden geben.

Das Ganze kommt mit viel rockiger Musik und durchaus originellen Texten daher, so dass es immer wieder etwas zu lachen gibt. Michael Erhard liefert mit seiner Band aus dem Orchestergraben die Musik der 80er Jahre dazu, viel Rock und Beat, jedoch bühnenkompatibel, sodass die Verständlichkeit der Texte nicht leidet.

Am Ende der Premiere hatten sich die meisten Zuschauer sehr gut amüsiert und spendeten - von einigen verzagten Buhs abgesehen - kräftigen Beifall und auch verschiedene Bravo-Rufe. Mit diesem Musical hat das Staatstheater das Thema "Mensch und Teufel" vielleicht nicht "würdig" aber dafür durchaus komisch und mit ironischer Distanz abgeschlossen.

Weitere Vorstellungen finden am 22. Mai sowie am 12., 14. und 23. Juni statt.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller