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"In the Morning" - wnn der Rockschütz kommt! |
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Das
Staatstheater Darmstadt präsentiert das Musical "The Black Rider" |
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WWW - heute mal
keine vordergründige Alliteration an das weltweite Internet,
sondern als Initial-Tripel dreier origineller Musiker und Literaten;
Robert Wilson,
Tom Waits
und William
S. Burroughs (ja, ja...). Als nahezu
unschlagbares Ensemble haben sich diese drei das Libretto des
"Freischütz" vorgenommen und nach allen Regeln der Kunst aus der
romantischen Ecke gezerrt, mit vielen Elementen der Beat- und
Trash-Generation angereichert und schließlich mit
zeitgenössischer Musik versehen. Der alternative Burroughs, ein
bedeutender Vertreter der Beat-Generation, dessen Großvater
ausgerechnet eine lange Zeit hoch angesehene Computerfirma gleichen
Namens gegründet hatte, zeichnete für das Buch
verantwortlich, Wilson übernahm Regie und Bühne, und Waits
schließlich schrieb die Musik für dieses Musical, das man
eher in einem Atemzug mit "The Rocky Horror Picture Show" als mit einem
kommerziellen Musical der letzten zwanzig Jahre erwähnt.
Die
Handlung ist aufgrund der Vorlage bekannt: der Schreiber Wilhelm will
Käthchen heiraten; deren Vater verlangt aber, dass sein
künftiger Schwiegersohn genauso gut mit der Flinte wie mit der
Feder umgehen können soll. In seiner Not schließt Wilhelm
einen Pakt mit dem Teufel, dessen Kugeln dem Willen des Schützen
folgen - nur die letzte hört auf den Teufel. Als Wilhelm nach
erfolgreicher Jagd mit den höllischen Kugeln Verlobung feiern
will, trifft die letzte Kugel anstelle der symbolischen Taube der
Jungfräulichkeit seine eigene Braut. Wie schon bei Goethes "Faust" geht auch hier der Pakt mit dem
Teufel nicht gut aus, und Robert Menasse, dessen Faust-Adaption "Dr. Höchst" gerade den Teufel
für tot erklärt hat, würde seine Freude haben an Waits'
Behauptung "Es gibt keinen Teufel, nur Gott, wenn er betrunken ist". In
Darmstadt hat Andrej Woron die Regie übernommen, und aus dem
Orchestergraben kommt dazu, wie es sich für ein gutes Musical
gehört, Live-Musik. Michael Erhard, der musikalische Leiter des
Schauspiels, hat die Musik neu orchestriert, da es auf dem Markt keine
ausgearbeiteten Partituren mit separater Stimmführung einzelner
Instrumente gibt. Neben den üblichen Orchester-Instrumenten wie
Klarinette, Horn, Posaune und Schlagzeug reichern Keyboard,
Akkordeon, Gitarre und sogar eine "singende Säge" das reichhaltige
Klangbild an. Michael Erhard steht selbst an der Stelle, von der sonst
die Dirirgenten eine Oper dirigieren, um von dort aus für die
richtigen Einsätze und Betonungen zu sorgen. Doch
zurück zur Handlung. Zu Beginn, nach einer richtigen kleinen
"Ouvertüre" zeigt sich am Ende einer konisch zulaufenden, dem
Inneren einer alten Kamera nicht unähnlichen
Bühnenkonstruktion das gesamte Ensemble wie zu einem Fototermin
versammelt. Am Ende werden sich alle wieder dort wie zum Abschied
versammeln. Der Zuschauer schaut sozusagen durch das sich verengende
Ziehharmonika-Objektiv auf die Darsteller, die anschließend zu
ihren Rollen ausschwärmen. Ein einsames Schild verweist mit einem
angedeuteten Finger deutlich auf "Wilhelm", der sich von seinem
Schwiegervater in spe die Bedingungen diktieren lassen muss. Wilhelm
versucht sich zwar mit dem Gewehr, aber leider ohne Erfolg.
Käthchens Vater führt ihm genüsslich den von ihm
favorisierten Bewerber Georg vor. Tom Wild kommt dazu auf einem
überdimensionalen Tisch mit dem Kadaver eines erlegten Hirsches
auf die Bühne gerollt und schlürft genüsslich die
Innereien des erlegten Wilds - pardon: Hirsches.
Diese
Szene zeigt als erste überdeutlich, wo die Reise in dieser
Inszenierung hingeht: nicht in Richtung eines unterhaltsamen, netten
Musiktheaters à la "My Fair Lady", sondern als deftige
Trash-Komödie, die bewusst mit ungeschriebene Thetaer-Konventionen
bricht und die Geschichte des unglücklichen Freischütz in
eine einzige Groteske verwandelt. Jede im ursprünglichen Libretto
todernst oder gar tragisch intendierte Szene wird hier absichtlich in
ihr Gegenteil verkehrt und damit eines falschen Tiefsinns entkleidet.
Wenn Wilhelm später den "Stelzfuß" - Teufel, Mephisto,
Gottseibeiuns - um die Glückskugeln bittet, spuckt dieser
sie einzeln zusammen mit einem grünen Brei aus. Gut, dass es hier
keine Geruchsproben wie beim "Dritten
Sinn" gibt. Mit den richtigen Kugeln im Lauf seines
schneeweißen (Holz-)Gewehres kann Wilhelm nun überall
hinzielen - sogar ins Publikum -, nach jedem vom Orchester infernalisch
verstärkten Schuss fällt irgendein getroffener Vogel, eine
Gans oder gar ein Bär auf die Bühne. Jetzt geht es nicht mehr
um die alltägliche Wahrscheinlichkeit der Handlungsstränge -
die im "Freischütz" ja auch nicht gegeben ist - sondern die
Grundaussage des Paktes mit einer politisch nicht korrekten Gegen- oder
Unterwelt wird nun nach allen Regeln der achtziger Jahre
ausgeschlachtet. Nach dem Verwehen der revolutionären Stürme
der 68er reißt man allen Ideologien die Maske des verkniffenen
Ernstes heruntergerissen und ersetzt sie durch das
Clownsgesicht. Utopien werden zu Kakophonien der Komik und des
Klamauks, dessen vordergründige Plattheit jedoch gerade auf den
gefährlichen Weltverbesserungsernst der Ideologen verweist. Jede
gesellschaftliche oder politische Ernsthaftigkeit ist auf einmal der
gefährlichen Ideologie verdächtig - Robbespierre und die
Roten Khmer lassen grüßen - und wird mit dem Geheul der
Groteske bestraft. Nach diesen Regeln läuft auch die Inszenierung
des "Black Rider" ab. Selbst der Teufel kommt hier nicht als das
Böse "an sich" daher, sondern als ein gesellschaftlicher
Außenseiter mit einem gesunden Schuss Zynismus, der wahre
Jäger - Georg - ist zum rohes Fleisch fressenden Tiertöter
degeneriert und der "Schreiberling" Wilhelm lässt sich in seiner
Weltfremdheit bereitwillig mit dubiosen Gestalten ein, um den
zukünftigen Schwiegervater zufrieden zu stellen. Konsequenterweise
erscheinen auch alle anderen Personen als Karikaturen ihrer selbst.
Käthchens Vater Bertram poltert als engstirniger Proll durch die
Szene, und seine Frau Anne mit unförmigem Körperbau ringt
dazu nur die Hände. Wilhems Onkel erscheint als leicht
vertrottelter Schwätzer, das seltsame "Löffelweib" schwebt im
durchsichtigen Reifrock als sibyllinische Fee über die Bühne.
Zwischendurch wirkt der Wald, in dem sich einerseits Wilhelm und der
Stelzfuß alias Teufel treffen und in dem sowohl die Jagd mit
falschen und richtigen Kugeln als auch die Wilderei sich abspielen, wie
aus Shakespeares "Sommernachtstraum" entlehnt. Übergroße
Eulenvögel und menschliche Figuren mit schnabelartigen
Extremitäten verzaubern den Wald und belauschen die heimlichen
Treffen der Menschen mit der Unterwelt. Hier bricht sich auf geradezu
surrealistische Art und ironisch gebrochen der urromantische
Zauberglaube an die Macht der reinen Natur ein letztes Mal Bahn. Die
Beat-Generation spielt mit sämtlichen kulturellen und historischen
Bildern und transformiert sie in die eigene, mal spielerische, mal
ironische, mal nur noch groteske Form.
Regisseur
Woron hält diese Form des grotesken Unterlaufens aller eventuell
ernst zu nehmenden Aussagen der Textvorlage bis zum Schluss
konsequent durch. Selbst wenn Käthchen am Ende durch die letzte
Kugel des Teufels stirbt, frohlockt dieser nicht etwa über seinen
Erfolg, sondern vergießt mehr oder minder verschämt
deutliche Tränen der - falschen - Rührung. Dass der Teufel
selbst Trauer über seinen Erfolg zeigt, ist wohl die ironischste
Wendungen des ganzen Stückes. Nicht einmal auf das Böse kann
man sich mehr verlassen - damit ist die Welt endgültig aus den
Fugen. Diese Absage an alle festen Glaubensbekenntnisse kennzeichnet
wohl am besten die achtziger Jahre, als sich die Revolutionen
erschöpft hatten und der "real existierende" Sozialismus sich als
Auslaufmodell zu erweisen begann. Woron hat diese Zeit mit seiner
Inszenierung noch einmal lebendig werden lassen und findet damit auch
die Anknüpfung an die heutige Situation. Zwar hat sich der
Sozialismus mittlerweile tatsächlich erledigt, aber die Welt ist
deshalb nicht verständlicher oder rationaler geworden. Die
Groteske erweist sich immer noch als probates Mittel zur Beschreibung
des allgemeinen Zustandes. Am Staatstheater Darmstadt passt dieser
beginnende Ausklang der Saison nahtlos zu deren Themen - die immer
wieder Verführung, Versuchung und den vermeintlich nützlichen
Pakt mit fragwürdigen Kräften und Mächten in den
Mittelpunkt stellten. Den
Darstellern scheint dieses Stück außerordentlich Spaß
zu machen. Hubert Schlemmer ist als "Stelzfuß", Herr der
Unterwelt, wieder einmal in seinem Element, vor allem, weil er auch
seine gesanglichen Qualitäten zeigen kann. Diana Wolf macht aus
dem Käthchen wesentlich mehr als das Mädchen, das nur auf den
richtigen Freier wartet, und überzeugt mit viel Temperament und
Witz. Stefan Schuster kreiselt als zunehmend von der Wucht der
Ereignisse verwirrter Wilhelm über die Bühne und Tom
Wild schlüpft gleich in mehrere ähnliche, den
Naturburschen karikierende Rollen. Maike Troscheit und Gerd K.
Wölfle spielen die handfest-engstirnigen Eltern Käthchens mit
viel Sinn für die lautstarke Biederkeit dieser festgefügten
kleinen Welt, Aart Veder gibt mal den leicht dementen Onkel im
Strampel, dann wieder eine vor Amtlichkeit schnarrende
Herzog-Karikatur. Iris Melamed schwebt im transparenten Reifrock und
als Vogel durch die Wälder und die Auen, und Klaus Ziemann
schließlich muss sich mit der mehr oder weniger sprachlosen
Rolle des Kuno zufrieden geben. Das
Ganze kommt mit viel rockiger Musik und durchaus originellen Texten
daher, so dass es immer wieder etwas zu lachen gibt. Michael Erhard
liefert mit seiner Band aus dem Orchestergraben die Musik der 80er
Jahre dazu, viel Rock und Beat, jedoch bühnenkompatibel, sodass
die Verständlichkeit der Texte nicht leidet. Am
Ende der Premiere hatten sich die meisten Zuschauer sehr gut
amüsiert und spendeten - von einigen verzagten Buhs abgesehen -
kräftigen Beifall und auch verschiedene Bravo-Rufe. Mit diesem
Musical hat das Staatstheater das Thema "Mensch und Teufel" vielleicht
nicht "würdig" aber dafür durchaus komisch und mit ironischer
Distanz abgeschlossen. Weitere Vorstellungen finden am 22. Mai
sowie am 12., 14. und 23. Juni statt. Frank
Raudszus Alle Fotos © Barbara Aumüller |
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