Witz und Ironie ohne tiefere Bedeutung




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Das Staatstheater Darmstadt inszeniert Bedřich Smetanas Oper "Die verkaufte Braut"

 

Ursprünlich hatte Smetana  (1824-1884) seine Oper "Die verkaufte Braut" nur als heiteres Singspiel und ein wenig auch aus Trotz gegen die bierernst wallenden Wagner-Welten gedacht. Dass die ausgerechnet in dem für die k.u.k.-Monarchie schicksalsträchtigen Jahr 1866 entstandene Oper sich zu einem böhmisch-mährischen - heute tschechischen - Nationalepos entwickeln würden, hatten weder er noch sein Librettist Sabina geahnt, der später bedauerte, kein anspruchsvolleres Libretto geschrieben zu haben. So hat sich denn die eher simple Geschichte mit überschaubarem intellektuellen Anspruch als Selbstläufer an den internationalen Opernbühnen durchgesetzt und wegen ihrer musikalischen Qualitäten einen sicheren Platz unter den komischen Opern errungen.

Mark Adler (Hans), Allison Oakes (Marie)Mark Adler (Hans), Allison Oakes (Marie) 

Die Handlung lässt sich kurz zusammenfassen. Marie liebt den aus der fremde zugezogenen Hans und er sie. Sie soll jedoch Wenzel heiraten, den zurückgebliebenen Sohn des betuchten Micha, der dafür viel Geld zu zahlen bereit ist. Die intrigante Heiratsvermittlerin Kecal kauft Hans seine Braut für 300 Dollar ab, allerdings unter der für sie unproblematischen Auflage, dass nur Michas Sohn Marie heiraten dürfe. Micha hat jedoch aus erster Ehe einen Sohn, der wegen der bösen Stiefmutter früh das Weite gesucht hat und nie wieder aufgetaucht ist. Schon jetzt ist dem nicht ganz unbedarften Opernbesucher alles klar, doch zwecks Aufrechterhaltung einer Mindestspannung lässt sich Hans nicht über seine Herkunft aus. Als die ihrem Hans in treuer Liebe ergebene Marie von der Kecal hört, dass dieser sie für ein Bündel von Dollars verraten habe, wünscht sie ihn zum Teufel. Am Tage der nun nicht mehr aufzuhaltenden Hochzeit mit dem Tölpel Wenzel erscheint jedoch Hans in letzter Minute wie ein "deus ex machina" als Michas verschollener Sohn Hans, nimmt sein schriftllich verbrieftes Recht auf die Hochzeit mit Marie in Anspruch und kassiert von der  erbosten Kecal sogar noch die "Mitgift" von 300 Dollar. Ende gut, alles gut!

Wie kann man nun diese schlichte Verwechslungskomödie Anfang des 21. Jahrhunderts auf die Bühne bringen, ohne dem absoluten Kitsch zu verfallen und sich der Lächerlichkeit preiszugeben? Die Antwort ist einfach: man überzeichne die Charaktere ins Groteske, vermeide die Tücken einer falschen Historisierung und füge noch einen Schuss Farbe und Tempo hinzu. Regisseur Vernon Mound hat diese Regeln beherzigt und noch einen weiteren Schritt gewagt: er siedelt die ganze Geschichte in den USA der frühen sechziger Jahre in tschechischen Immigrantenkreisen an. Dabei kann er überdies noch die nostalgischen Schätze dieser heute schon wieder im vollen Retro-Schein erstrahlenden "Spießer"-Zeit vor Kennedy, Vietnam und 68 heben. Hans tritt hier als Elvis- oder James-Dean-Verschnitt - je nach Vorliebe - in Jeans, Lederjacke, weißem T-Shirt und markanter Haartolle auf. Marie ist Kellnerin in einem größeren Festsaal im unsäglichen Dekor der frühen 60er - Tapeten mit großflächigen Blumenmustern, neongelb angestrahlte Protzbar und hässliche Nierentisch-Möbel. Ihr Vater Kruschina kommt als prolliger Neu-Amerikaner mit großkariertem Jackett und vorgewölbtem Wohlstandsbauch daher, ihre Mutter Ludmilla trägt zu auftoupiertem Haar den typischen, einem Panzer nicht unähnlichen Großknopfmantel mit hoher Taille und klammert sich an ihre Handtasche. Micha und seine zweite Frau erscheinen - spät - als Musterbeispiele der grellen Extrovertiertheit im zebraartigen Partnerlook und tragen das amerikanische Selbstbewusstsein dieser Zeit vor sich her. Den Vogel schießt jedoch die Heiratsvermittlerin Kecal ab, die - vom hochgewachsenen Bass Andreas Daum gespielt - in jeder Szene ein wilderes, farbenprächtigeres Kostüm und dazu eine  aufgebauschte, blond-lila gefärbte Mähne sowie eine markante Brille trägt. Die Nummer "Mann in Frauenkleidern" zieht halt immer, und mit diesem vergleichsweise simplen Trick bringt Regisseur Vernon Mound zusätzlichen Witz auf die Bühnen und sichert sich zahlreiche Lacher. Allerdings muss man Paul Edwards zugestehen, dass er sich vor allem bei den Kostümen der Kecal bis hin zur "Apotheose" im folkloristischen Dirndl-Kleid (das mag im Tschechischen anders heißen!) viel Mühe gegeben hat. Allein die Figur dieser Madame Kecal ist schon einen Besuch wert.

Andreas Daum (Kezal), Allison Oakes (Marie), David Pichlmaier (Kruschina), Niina Keitel (Ludmila)Andreas Daum (Kecal), Allison Oakes (Marie), David Pichlmaier (Kruschina), Niina Keitel (Ludmila) 

Natürlich karikiert Mound die USA der 60er nicht nur in der Kleidung, sonern auch im Auftreten - von den Eltern war bereits die Rede. Die Kecal stellt jedoch den Archetypus der durchsetzungsstarken "Business-Frau" dar, die mit ihrer Präsenz und ihrem permanenten Redeschwall alle erschlägt. Die Filmindustrie hat solche Typen ohne die Verzerrung ins Groteske schon öfter vorgestellt, unter anderem in "American Beauty". Bisweilen erinnert diese Figur - besonders, da von einem Bass gesungen - an den Bürgermeister in Lortzings "Zar und Zimmermann" ("oh, ich bin klug und weise"), so oft und derart eindringlich streicht die Kecal ihre verkäuferischen Talente und ihren Verstand heraus. Einer weiteren Person in dem vertrackten Spiel um Geld und Liebe lässt der Regisseur ebenfalls viel Aufmerksamkeit zukommen: dem designierten und am Ende übertölpelten Bräutigam Wenzel. Er leidet unter schwerer Stotterei und ist auch ansonsten recht linkisch. Jeffrey Treganzy ist unter der hässlichen Schulbuben-Frisur - mit aufragendem Zopf! - und dicker Brille kaum noch zu erkennen und muss bereits bei seinem ersten Auftritt beim Junggesellen-Abschied Höchstleistungen vollbringen. Nicht nur muss er die physischen Kapriolen eines schnell und schwer alkoholisierten Muttersöhnchens geradezu "tanzen", sondern auch die sprachlichen Aussetzer mit dem zu singenden Text koordinieren. Immer wieder streut er die "Hicks" des Betrunkenen in seine Gesangsdarbietung oder - und das ist viel schwieriger - fällt zwischendurch in ein Kindergequake. Auch diese Szene, und spätere nicht minder, entwickeln sich zu veritablen Publikumsrennern. Nach "Mann in Frauenkleidern" ist der Betrunkene auf der Bühne die zweite sichere Nummer. Doch was will man mit diesem Libretto anderes machen, als es allerorten ins Groteske zu überzeichnen. Wenn das dann noch mit akrobatischen und seltenen stimmlichen Sonderleistungen verbunden ist - umso besser!

Lucian Krasznec (Direktor einer Wandertruppe), Margaret Rose Koenn (Esmeralda), Jeffrey Treganza (Wenzel)Lucian Krasznec (Direktor einer Wandertruppe), Margaret Rose Koenn (Esmeralda), Jeffrey Treganza (Wenzel)  

Um die Handlung weiter aufzuwerten, sorgt Edwards für üppige und farbenfrohe Kostüme für den Chor, der, von André Weiß und Anthoula Papadakis (Choreographie) gut und bewegungsfreudig eingestellt, für viel Bewegung auf der Bühne sorgt. Die tänzerischen Einlagen, bei Smetana natürlich noch mit folkloristisch-böhmischem Einschlag, verwandelt Papadakis in die typischen Formationstänze, die vor allem in den USA in den 60er Jahren so beliebt waren und noch sind. Als Zugeständnis an das Original lässt er allerdings zwei Kinder in Trachtenkleidung Volkstänze vorführen. Was tut man nicht alles, um den Affen Publikum Zucker zu geben....
Abgesehen von diesen nur mit milder Ironie gewürzten Zugeständnissen an die vermutete Erwartungshaltung des Publikums bringen Vernon Mound und seine Kompagnons für Bühne, Chor und Kostüme dadurch viel Tempo und Witz auf die Bühne, so dass sich das simple Libretto durchaus verschmerzen lässt.

Die Musik jedoch konterkariert ein wenig Mounds Bemühungen um einen konsequent grotesken Inszenierungskurs, und das nicht etwa wegen musikalischer Qualitätsmängel. Smetana hat seine Oper zwar als Singspiel konzipiert, verleiht jedoch gerade den Gesangsszenen seiner Hauptpersonen Marie und Hans einen emotionellen Ernst. Er hat zu seiner Zeit die persönlichen Probleme der Betroffenen bei einer arrangierten Hochzeit als relevant empfunden und dieses (mit-)Gefühl in entsprechenden Arien gestaltet. Wenn Marie und Hans von ihrer Liebe singen, ist das alles andere als witzig oder gar grotesk, und so muss auch die Farce für kurze Zeit eine Pause einlegen, bevor sie dann mit den jeweiligen Schwiegereltern, der Heiratsvermittlerin und dem tumben Konkurrenten wieder "in die Vollen" gehen kann. Auch sonst zeichnet sich Smetanas Musik durch Ausdrucksbreite und  thematische Vielfalt aus. Nicht umsonst ist diese Oper zu einem festen Programmpunkt in den Repertoires der Opernhäuser geworden. So glättet die Musik immer wieder - ungewollt? - die grotesken Spitzen der Bühnenhandlung, die auch schon mal in Slapstick und Klamauk ausarten. Die Eigenarten der Madame Kecal werden bis zur Neige ausgekostet, und auch Wenzels Kapriolen erinnern zum Schluss an Stan Laurel und Oliver Hardy.

in der Mitte Mark Adler (Hans), Allison Oakes (Marie), Ensemblein der Mitte Mark Adler (Hans), Allison Oakes (Marie), Ensemble 

Den Darstellern ist jedoch weitgehend hohes Lob zu zollen. Allen voran werfen sich vor allem Andreas Daum als stolze und im wahrsten Sinne des Wortes mächtige Heiratsvermittlerin Kecal und Jeffrey Treganza als buchstäblich umwerfender - oder besser "umgeworfener" - Wenzel in die Brust und legen sich ins Zeug. Die garantierten Lacher aus dem Saal spornen sie noch zusätzlich an. Bei Treganza ist vor allem die schwierige Koordination verschiedender Stimmlagen des Betrunkenen hervorzuheben, die im Rahmen des vorgegebenen Textes sicher nicht einfach zu realisieren sind. Neben diesen beiden überzeugen Allison Oakes als Marie und Mark Adler als Hans vor allem stimmlich. Denn darstellerisch müssen sie ihren eher herkömmlichen Rollenbildern des treuen und von der Gesellschaft verratenen Liebespaares folgen, die ihnen nur kleine Ausflüge in das komödiantische Genre gestatten. Dagegen können David Pichlmaier als Kruschina und Niina Keitel als dessen Frau Ludmilla mit Wonne in deren kräftig konturierte Rollen schlüpfen, genauso wie Thomas Mehnert und Elisabeth Hornung als eitel-mondäne Eltern Micha und Háta von Hans. Lukas Krasznec gibt einen exotisch-aufgeblähten Zauberer und Margaret Rose Koenn seine ausgesprochen erotische Assistentin Esmeralda, die sich zum Schluss des schwer gebeutelten Wenzels annimmt.

Das Orchester unter der Leitung von Lukas Beikircher liefert dazu eine frische und akzentuierte Musik, die sich nie hinter dem Bühnengeschehen versteckt, es aber auch nicht übertönt. Auf vordergründige musikalische Effekte oder ein zu breites Ausmalen bestimmter Szenen verzichtet man bewusst, um nicht zu sehr in eine falsche Ernsthaftigkeit zu verfallen. Zwar hätte man diese Oper durchaus auch als Fanal gegen die heute so stark diskutierten Zwangsehen in Migrantenkreise inszenieren können, aber gerade das wollten offenbar weder Regie noch Ensemble.

Das Publikum war zufrieden und bedankte sich bei allen Beteiligten mit kräftigem, lang anhaltendem Beifall. Diese Inszenierung wird sicherlich nicht unter Zuschauermangel leiden.

Weitere Vorstellungen finden am 13., 19., 22. und 31. Mai sowie am 6., 13. und 27. Juni statt.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller